AUF EINEM Rummelplatz stehen Einzelteile der abgebauten Lustbarkeiten, verworren aufgetürmt in der Morgendämmerung. Bei näherem Hinsehen sind es Teile eines Schaukelrades und einer Kegelbahn. Etwas abseits ist eine Freilichtbühne zu erkennen, auf der anderen Seite eine einzelne, schwach beleuchtete Wurfbude. Über der Theke lehnt A, der Wurfbudenmann. Er sieht B entgegen, einem eben entlassenen Schauspieler, der auf die Bude zuschlendert.
B: (betrachtet sich in einer Spiegelscherbe) Ist der Kerl noch des Spottes wert? Wahrscheinlich nicht. Ich schaue in den Spiegel und gewinne einen äusserst verwechselbaren Eindruck. Fast irgendwer. Nicht irgendein anderer. Das wäre schizophren und ganz gewöhnlich. Sondern ich selbst als irgendwer. Ich werde mir einen Bart stehen lassen, um den Gesichtsrutsch aufzuhalten. Ich lasse mich terrassieren. (lehnt sich zu A über die Theke der Bude) Ich trete zu Ihnen, grüsse Sie und blicke in den tieferen Grund Ihrer Bude, in dem ein greises Neonlicht zittert, das Sie vermutlich an Jahren bereits übertrifft.
A: Dies ist meine Erfindung, meine Anlage!
B: Ich sehe, dass die Regale, die sonst von Preisen von Gewinnartikeln überquellen, bei Ihnen gänzlich leer sind. Einzig eine Blumenwanne aus geschliffenem Kristall steht verloren dort, um gewonnen zu werden. Wie oft müssen die Dosen fallen, bis ich das Ding da gewinne?
A: Wenn ich weiss, was eine Sache kostet, so schmeckt mir kein Bissen.
B: Ich sehe, Sie sind ein Narr. Ich erkenne mich in Ihnen. Sie bieten keine Nebengewinne, Trostpreise etc. Bei Ihnen geht es stets ums Ganze.
A: (mit zärtlicher Geste gegen die Kristallvase) Einfacher, schöner und kostbarer hab' ich nichts gesehen.
B: Was liegt dort, in blaues Seidenpapier gewickelt, am Grund der Blumenwanne?
A: Es wird verheimlicht. Wahrscheinlich soll es der Braut zu Vergnügen, Lust und künftiger Sicherheit verehrt werden.
B: (seufzt) Ein glücklicher Gegenstand.
A: (legt eine Semmel auf die Theke) Mein Freund! Geniessen wir unser Frühstück in Ruhe, und dann wollen wir sehen, was wir anfangen: denn von der Gesellschaft haben wir wenig zu hoffen. (Einige Meter entfernt gehen ein Mann und eine Frau Arm in Arm vorbei. B hört abrupt auf zu kauen.)
B: Lena?! Bleib stehen! Wer sind Sie? Was machen Sie am Arm meiner Frau? Ich muss mit dir sprechen! Man hat mich fortgeschmissen wie einen zerbeulten Sektkübel. . . (der Mann und die Frau verschwinden im Nebel) Wie verhält sich ein Hauptdarsteller, dessen Frau sich mit einem Zuschauer einlässt? Davon erholt er sich nicht. (zu A) Und Sie? Sie dösen. Na ja. Es kommt eben alles zusammen. Genug. Schluss. Ich bin fertig mit der Welt. Es gibt nur noch mich und diesen Schrebergarten dort drüben hinter der Mauer. Gäbe es den nicht, ich hätte meine Existenz längst zusammengeklappt wie einen Marktstand und abtransportiert (wirft die Semmel nach der Blumenwanne und geht).
Der Titelheld des Buches, dem A entstammt, befindet sich auf einer Wanderschaft, die die damaligen Leserinnen und Leser weit weniger interessiert hat als das, was man über denselben Helden ein Vierteljahrhundert früher hatte lesen können. Den Schrebergarten hinter der Mauer gibt es, wie diese selbst, seit 1989 nicht mehr. B's Autor hat übrigens mit seinen Gedanken über die Folgen dieses Ereignisses vergangenes Jahr einen Mediencoup gelandet. Esther Ackermann
Wer und wer? A ist der lustige Junker in der Novelle «Wer ist der Verräter?» aus «Wilhelm Meisters Wanderjahre» von Goethe (1821); B ist Maximilian Steinberg aus der Komödie «Besucher» von Botho Strauss (1988).