NZZ Folio 12/97 - Thema: Die Schöpfung   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Mit Shakespeare beim Bankschalter

Von Franz Zauner
DIESES VERFLUCHTE NICHTS. Nur Zen-Meister erleuchten, wenn sie ihm begegnen. Den Normalverbraucher umnachtet es. Durch ein kleines Loch im Gehirn dämmert eine rätselhafte Unsicherheit herauf, zum Beispiel vor dem Bancomaten. 1145, 4511 oder 4115? Nach dem dritten Versuch schluckt die Maschine die Karte, und eine philosophische Randbemerkung wird wahr: Das Nichts nichtet.

Man kann auch an einem Schlüsselbund irre werden. In der Regel genügt es aber, ihn nicht zu verlieren. Erst mit Pin-Codes und Passwords machte das menschliche Gedächtnis richtig Karriere und avancierte zum wichtigsten Partner in Sicherheitsfragen, womit der Bock zum Gärtner wurde.

Nur Gehirnakrobaten haben die Losungsworte für Telefon-Banking und Finanzsoftware, Bildschirmschoner und E-Mail, Netzwerk und Internet-Sites jederzeit parat. Man sollte ja für alles eine eigene Parole besitzen und sie so formulieren, dass niemand dahinter kommt. Ein Password, das Gross- und Kleinschreibung, Zahlen und Zeichen kombiniert, also eines wie 2aF3?Qu, gilt als gutes Password. Es ist schwer zu knacken, der menschlichen Wahrnehmung aber ungefähr so zugänglich wie Sand in der Wüste.

Das wissen auch die Experten, deshalb raten sie zum Bau von Eselsbrücken. Man kann zum Beispiel Hamlets Frage «To be or not to be» in die Form 2bon2bTIT? transponieren und das Götz-Zitat zu lMa@! verkürzen. Aber war man nun mit Shakespeare auf der Bank und mit Goethe bei Hotwired oder umgekehrt? Ein einziger wohlvertrauter Name gefällt dem Gedächtnis am besten, darauf kann sich jeder Password-Cracker verlassen. 80 Prozent aller elektronischen Verbrechen beruhen darauf, dass die Sesam-öffne-Dichs so leicht zu erraten sind. Und wenn sie schwer zu erraten sind, prangen sie garantiert auf einem kleinen Zettel gut sichtbar am Monitor.

Kein Wunder, dass alle Sicherheitstechnik danach strebt, uns so schnell wie möglich loszuwerden. Bei einem Netzhaut-Scan etwa muss der Mensch nur mehr die Augen offenhalten. Wenn ihm das nicht mehr gelingt, geht er ohnehin besser schlafen.


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