Er würde nur deshalb Musik hören, um sich der Stille zu vergewissern, sagt Z. Mahler, Beethoven, Wagner in einer grenzwertigen Lautstärke und die Stille, danach, eine ohrenbetäubende Stille. Z. kommt nach Hause, beschwert sich über den Verkehrslärm und das ungeheure Getöse der Aussenwelt, stellt die Stereoanlage an, lässt sich in den Sessel sinken und atmet aus, er ist gerettet. «Die Frage ist», schreit Z. über Bruckner hinweg, «ob Stille nichts anderes als die Abwesenheit von Lärm ist.»
Einmal bin ich mit ihm draussen auf dem Land über die Felder gegangen, ich erinnere mich daran, dass er die Stille auf diesen Feldern immer wieder kommentiert hat, er sagte mehrmals «Gottverdammt, was für eine wohltuende Stille», aus irgendwelchen Gründen hat mich das damals geradezu verrückt gemacht. Was ich vielleicht auf den Feldern zu Z. hätte sagen müssen, ist, dass man über die Stille schweigen sollte. Was mich vielleicht verrückt gemacht hat, ist dieser immanente Widerspruch – über die Stille zu reden, sie zu benennen. Und jetzt, über sie zu schreiben.
Als ich ein Kind war, bin ich in jeden Sommerferien mit meinen Eltern und Geschwistern und Freunden meiner Eltern und unseren Kinderfreunden in das Haus meiner Grossmutter an der Nordsee gefahren. Wir blieben sechs Wochen lang, verwüsteten das Haus, zertrampelten die Wiese, pflückten alle Johannisbeeren, schüttelten den Pflaumenbaum, liessen die Pflaumen liegen, gaben den Katzenjungen Namen, die wir im nächsten Sommer wieder vergessen hatten, schlugen die Haus tür zu, dass das Holz splitterte, assen die kleinen sauren Äpfel auf, wir waren glücklich.
Meine Grossmutter, die das ganze Jahr über dort oben alleine war, war auch glücklich. Wenn wir abreisen mussten, weinte ich, meine Grossmutter sagte «Du weinst ja nur bis zum Dorfausgang», da täuschte sie sich, ich weinte bis Berlin. Sie stand am Gartentor und winkte unserem Auto hinterher, bis wir nicht mehr zu sehen waren. Sie sagte «Das Schlimmste ist immer die Stille, wenn ihr weg seid. Diese plötzliche Stille nach all den Wochen Lärm und Kindergeschrei und Türengeknalle, diese Stille ist schlimm.» Ich habe mir das oft vorgestellt – wie sie ins Haus zurückging, wenn das Auto mit uns um die Ecke gebogen war, und sich an den Küchentisch setzte und hinaussah in den Garten: diese Stille.
Hier, wo ich schreibe, in einem Wohnwagen hinter dem Oderdeich, kann man in der Nacht die Schwäne über dem Wasser fliegen hören. Es gibt das Quaken der Frösche und irgendwelche Nachtvögel und in der Ferne das anscheinend durch nichts zu beruhigende Gebell der Hunde, es gibt die Mücken, zu früh in diesem Jahr, und all diese Geräusche, die die Nacht macht, aber die Schwäne, in der Dunkelheit über dem Fluss, klingen am beeindruckendsten, autark, ganz für sich, unheilverkündend, ohne dass ich sagen könnte, weshalb.
Z. sagt auch, dass es ihm immerzu in den Ohren dröhne. «Den ganzen Tag lang ein Dröhnen in den Ohren, wie soll man das aushalten.» Ich erzähle ihm, dass es in der Staatsbibliothek einen Raum geben soll aus Glas, in den sich die Examenskandidaten zum Lernen vor einer wichtigen Prüfung zurückziehen können, einen Raum der Stille, schallisoliert, aber mit Blick auf die Aussenwelt. «Was soll das», sagt Z., er sieht zu Recht etwas verständnislos und etwas beunruhigt aus. Ich sage «Da kann man dann sitzen und sich in der Stille besinnen, sich konzentrieren auf das, was man gelernt hat, was man wissen soll». Z. sagt «Ich würde den Verstand verlieren», er sieht mich an und durch mich hindurch in das albtraumhafte Szenarium einer solchen Situation.
Ich sage ihm nicht, dass ich diesen Raum der Stille in der Staatsbibliothek gar nicht kenne, dass mir nur jemand davon erzählt hat, dass er auch vermutlich nicht so aussieht, wie ich ihn mir vorstelle. Ich sage «In diesem Raum herrscht Sprechverbot, wenn du weisst, was ich meine», ich denke, das hätte ich ihm mal eher sagen sollen, ich habe das Gefühl, ich könnte Z. noch eine ganze Weile lang quälen mit solchen Beschreibungen, mit allen möglichen Variationen von Stille, die für ihn nur bedeuten, dass das Dröhnen in seinen Ohren anschwillt zu einem unerträglichen und ausweglosen Lärm. Ausser die Stille nach Bruckner natürlich. Die Stille nach der Musik, die ich mit ihm nicht teilen kann.
Z. sagt «Stille ist doch seltsamerweise immer negativ. Die angespannte Stille. Die betretene Stille. Die verdächtige Stille. Die feindliche, die bedrohliche, die Totenstille.» Ich sage «Still in sich hineinlächeln. Etwas sagen – still.» Z. sieht erleichtert aus.
Vor ein paar Wochen habe ich am Nachmittag bei S. gebadet. A. und ich hatten ihn besucht, es war März und noch kalt, ich war müde, ich hatte einen langen Abend vor mir, und ich selber habe keine Badewanne, S. hat eine. Ich ging baden – was nicht ungehörig war –, und A. und S. sassen in der Küche und tranken Bier. Als die Badewanne vollgelaufen war und ich das Wasser abstellte, konnte ich sie durch die geschlossene Badezimmertür miteinander reden hören, ein zunächst flüssiges Gespräch, dessen Inhalt ich nicht verstehen konnte, dann sagte A. etwas, über das S. in ein unbändiges Gelächter ausbrach, und dann schwiegen beide still. Lange.
Ich lag in der Badewanne und hörte sie schweigen. Aus dem Hahn tropfte das Wasser, regelmässig, im Abstand von ungefähr fünf Sekunden. Ich lauschte auf das Tropfen und auf das Schweigen. Ich fragte mich, ob A. und S. in der Küche dieses Tropfen auch hören konnten, so wie ich ihr Schweigen hörte, ich fragte mich, ob es nicht vielleicht doch ungehörig war, zu baden in ihrer Anwesenheit. Schwiegen sie vielleicht, weil ich da war? A. brach plötzlich das Schweigen, S. erwiderte etwas, ich stieg aus der Badewanne, trocknete mich ab, zog mich an und ging zurück in die Küche. Nichts war wie vorher.
Vermutlich ist das die Stille, die mich am meisten berührt: die Stille, die entsteht, wenn man miteinander schweigt. Ein Gespräch beendet oder abbricht und dann schweigt, es ist still, ein Stillschweigen – und dass das heissen kann, wir verstehen uns wortlos, und auch, wir verstehen uns gar nicht. Die Bedeutung, mit der jedes andere Geräusch aufgeladen wird in dieser Stille. Ein Räuspern. Das Knarren eines Stuhls. Das Öffnen einer neuen Flasche Wein, selbst das Schlucken, das Atmen. Dieser Ausdruck – das Schweigen brechen, die Stille brechen. Und ob das meint, dass man es immer und immer wieder versucht – miteinander zu sprechen wider besseres Wissen.
Hier, an der Oder, in dem Wohnwagen, rauscht mein Computer. Ich weiss, dass er rauscht, aber ich höre es eigentlich nicht mehr. In der Ferne eine Kreissäge, ein Traktor, ein Hubschrauber, wenn die Kreissäge verstummt, sehr deutlich die Vögel, ihr unbeteiligtes Gezwitscher. Es gibt keine absolute Stille, auch nicht im schallisolierten Raum in der Staatsbibliothek, der gar nicht existiert und in dem Z. trotzdem den Verstand verlieren würde, würde ich ihn dort einsperren.
Was wir miteinander geredet haben in all den Jahren», sagt Z. majestätisch und triumphierend. Und ich denke erstaunt «Wir haben doch gar nicht geredet. Wir haben doch immerzu miteinander geschwiegen, und es hat nicht bedeutet, dass wir uns wortlos miteinander verständigen konnten, sondern das Gegenteil – wir hatten uns einfach nichts zu sagen», aber das denke ich heute, und was ich in all den Jahren gedacht habe, das habe ich vergessen.
Die Stille, die meine Grossmutter vor zwanzig Jahren schlimm gefunden hat und die ich mir als Kind nur vorstellen konnte, erfahre ich heute selber. Meine Grossmutter lebt nicht mehr, meine Eltern machen andere Reisen, mein Kind ist dreieinhalb Jahre alt, und im Sommer fahren wir an die Nordsee. Wir sind eine Weile alleine, dann kommen Freunde aus Berlin mit ihren Kindern, sie bleiben sechs Wochen lang, verwüsten das Haus und den Garten, die Johannisbeersträucher gibt es nicht mehr, die Katzen sind auf und davon, die Pflaumen werden jetzt eingeweckt, die Äpfel kann man immer noch essen, die Türen werden zugeknallt wie damals, ich bin glücklich.
Wenn alle wieder abreisen, bleibe ich zurück und winke am Gartentor, bis ich sie nicht mehr sehen kann. Ich gehe in die Küche und setze mich an den Küchentisch und sehe hinaus in den Garten, da ist mein Kind, leise und für sich, eingeschüchtert von der plötzlichen Veränderung und dem schon möglichen Begreifen eines Abschiedes.
Es ist nicht so still, wie es für meine Grossmutter gewesen ist, aber es ist still – diese Stille. Ich versuche, sie so lange wie möglich auszuhalten, sie zu dehnen und auch zu begreifen. Ich versuche, mich in sie einzufügen, weil ich denke, dass sie mir vielleicht etwas mitteilen soll. Die Stille ist nicht angespannt und nicht bedrohlich, sie ist nicht wohltuend und nicht gnädig, ich finde kein Wort für sie, und trotzdem gehört sie mir. Sie gehört meiner Grossmutter und mir, uns beiden zusammen, obwohl wir sie nicht mehr miteinander teilen können. Ich halte sie nicht lange aus. Ich stehe wieder auf und schiebe den Stuhl zurück und breche die Stille und rufe mein Kind in die Küche, wir räumen auf, wir packen, wir reisen ab.
Ich erzähle A. von dieser Stille, er hört zu, ohne etwas zu sagen, ich habe gehofft, dass er nichts sagen würde, er wird nichts sagen. Z. steht auf, wie immer, wenn ich mit ihm über mich sprechen will, und stellt die Stereoanlage an, sagt aber «Vielleicht lädst du dir die ganzen Leute nur ein, um danach genau diese Stille herstellen zu können. Du produzierst sie geradezu, kann das sein?» Es ist zu laut, um ihm eine Antwort zu geben. Z. ist alleine in seiner Stille nach Bruckner, und er vergewissert sich in diesem Alleinesein seiner selbst, so wie ich mich, alleine, in der Stille im Haus meiner Grossmutter meiner selbst vergewissere.
Judith Hermann ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zuletzt von ihr erschienen sind die Erzählungen «Nichts als Gespenster» (Fischer 2003).