NZZ Folio 04/00 - Thema: Russland   Inhaltsverzeichnis

Ein Sommer in Wladimir

Als Sprachstudentin bei einer Familie in der Provinz.

Von Sabina Meier

Olga Wladimirowna, meine russische Gastmutter, strahlt übers ganze Gesicht. Stolz zeigt sie mir ein Prachtsexemplar eines dicken Steinpilzes. «Gribi! Es ist Pilzzeit!»

Der Markt in Wladimir ist überschwemmt mit Pilzen, und Olga verbringt jetzt ganze Tage im Wald. Abends bringt sie Körbe und Taschen voll verschiedenster, wahllos mitsamt dem Waldboden ausgerissener Pilze mit, die sie dann in verschiedenen Variationen zubereitet: als Suppe, gebraten, gekocht oder mariniert. Der alte, dreckige Gasherd sieht aus wie im Märchen. Auf dem ewig brennenden Herd schmort in russigen Töpfen ein Huhn, dampft das Teewasser, und darüber baumeln sorgfältig auf Bindfäden aufgezogene Pilze zum Trocknen. In der Küche verbreitet sich ein intensiver, süsslich-fettiger Geruch.

Wer jetzt nicht Pilze trocknet, der hat im Winter kein Suppengemüse. Heute gibt es zwar westliche Fertigprodukte im Supermarkt, aber die meisten Leute können sich diese nicht leisten. Trotzdem ist der Tisch für mich und meinen Gastbruder Sascha jeden Tag gedeckt mit Tomaten und Gurken, mit Sauerrahm, Kartoffeln, Fleisch, und nie darf der Tee fehlen. Doch so üppig wie jetzt wird wohl nicht immer gespeist. «Wie wir es gut haben im Sommer, mit all dem frischen Gemüse!» sagt Olga, und ich ahne - die Temperaturen sind im August bereits herbstlich -, wie lange hier der Winter ist.

Das Leben in Wladimir, einer Provinzstadt von 353 000 Einwohnern, 250 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen, ist hart. Man sieht es an den zerfurchten Gesichtern der Leute. Oder an der engen, schäbigen Zweizimmerwohnung, in der mir das Zimmer des Sohnes überlassen wird, während er mit seiner Mutter im Wohnzimmer schläft. Für eine warme Dusche muss man das Wasser auf dem Herd kochen; aus der rostigen Brause tröpfelt nur kaltes Wasser.

Für ihre zweimonatigen Sommersemesterferien haben die Jugendlichen in Wladimir keine Aussicht auf einen Job, geschweige denn Reisepläne. Sascha sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher, nur manchmal trifft er sich mit Freunden, und dann hocken sie auf der Strasse herum und rauchen. Zuerst dachte ich, es sei aus Schüchternheit, dass er nie mit mir und den anderen ausländischen Studenten in die Bars und Discos mitkommt. Aber es sind die Preise in diesen Lokalen, die er einfach unmöglich bezahlen kann.

Als er und seine Freunde dann doch eines Abends mitkommen, kaufen sie sich ein Baltika-Bier im Kiosk an der Strassenecke, dann setzen sie sich unauffällig zu den Ausländern in den Pub. Da macht es sich meine russische Freundin Irina leichter, sie lässt sich gerne von uns einladen. Als in ganz Russland die Werbung für den Kinofilm «Star Wars» anläuft, leiht sich Sascha das Video von seinen Nachbarn und ist nachher froh, kein Geld für den Kinoeintritt ausgegeben zu haben, er fand den Film kindisch. Kinos haben den Kampf gegen die scharfe Konkurrenz von Video-Raubkopien, die an jeder Strassenecke feilgeboten werden, verloren. Viele Kinos mussten geschlossen werden.

Erst der Ausflug nach Moskau lässt mich den Kontrast zwischen Provinz und Metropole mit russischen Augen sehen. Wenn man von Wladimir her anreist, hat Moskau mehr mit Manhattan als mit Russland zu tun - nicht umsonst sagen die Russen, «Moskowien» sei ein eigener Staat mit eigenen Gesetzen. Der Kinoeintritt ist viermal so teuer und nähert sich mit 150 Rubeln schweizerischen Verhältnissen an. Die fünf Metrofahrten sind für meine Freundin Irina genauso teuer wie die ganze Strecke von Wladimir nach Moskau mit der Elektrischka, dem Vorortszug. Weil in Moskau alles so teuer ist, hat sie zu Hause den ganzen Rucksack mit Proviant vollgepackt.

Sie ist von der grossen Stadt so eingeschüchtert, dass sie mir hilflos durch die Labyrinthgänge der Metro folgt. Trotz meiner dürftigen Sprachkenntnisse bin ich es auf einmal, die sich besser zurechtfindet. Wie wir uns nach unserem Ausflug wieder Wladimir nähern, atmet Irina zusehends auf. Vergessen sind die müden Füsse in den hohen Absätzen, und sichtlich erleichtert bewegt sie sich in den vertrauten Strassen und will mit mir unbedingt noch heute abend spazierengehen.

Als ich meiner Gastmutter von der internationalen Atmosphäre in Moskau erzählen will, reagiert sie ärgerlich und will nichts davon hören. Die Verwestlichung Moskaus befremdet sie, was sie davon zu spüren bekommt, ist vor allem, dass alles furchtbar teuer geworden ist. Ausserdem hört sie täglich neue Korruptionsgeschichten aus dem Kreml. Früher sei alles besser gewesen: Die Suschkis, ein populäres Teegebäck, waren schöner geformt, das Eis hat besser geschmeckt, das Brot ist schmackhafter gewesen. Vom Warenmangel und vom mageren Angebot der Sowjetzeit ist nie die Rede.

Die leeren Versprechungen der Perestroika lassen das Bild der Vergangenheit besonders farbenprächtig leuchten. Die ehemalige Wissenschafterin erzählt begeistert von all den kostenlosen Kongressen und Reisen mit den wunderbaren Diners, den delikaten Zitronenplätzchen, die es im besten Restaurant von Petersburg gab.

Einmal wage ich mich mit Irina in den Schönheitssalon «Aphrodita». Die Kosmetikerinnen drehen sich selbst Locken und tauschen unter sich den neusten Klatsch aus. Kommt eine Kundin herein, macht man eher gelangweilt und betont langsam Platz. Dass der Kunde König ist, gilt hier nicht.

Aber es fehlt nicht nur an der Arbeitsmoral, es fehlt auch an Handtüchern, Papierservietten, Hygiene. Das Waschbecken hat keinen Abfluss und tropft in einen Eimer, das Wasser wird mit dem Teekocher warm gemacht und mir aus einem Krug über die Hände geschüttet, der übriggebliebene Nagellack wird sorgfältig in das Fläschchen zurückgegossen. Die in einen Lappen schniefende und etwas gar grob zupackende Maniküredame taut langsam auf und vertraut mir an, sie sei krank. Von den vier mir zur Auswahl gebotenen Farben wähle ich Pink - damit bin ich russifiziert. Als es ums Bezahlen geht, wird meine Kosmetikerin noch freundlicher. Wahrscheinlich haben sie mich mit dem Preis übers Ohr gehauen.

In der Schule machen mir die Lehrerinnen für meinen neuen Nagellack Komplimente. Wie alle Frauen in Russland sind auch sie immer hübsch zurechtgemacht mit Schmuck, Schminke und Strümpfen. Kein Regen schreckt sie von Stöckelschuhen ab, mit denen sie elegant und gekonnt durch Pfützen und Strassenlöcher trippeln. Aber trotz dem fremd anmutenden Rüschenstil, hat man selbst bei der aufgedonnertsten Dame nie das Gefühl, sie sei hilflos und unselbständig. Alle stehen mit beiden Beinen im Leben und meistern selbstverständlich Beruf, Kinder und Familie. Wohin man auch kommt, trifft man arbeitende, lebenstüchtige Frauen, sei es als Verkäuferinnen, Kontrolleurinnen, Köchinnen in der Mensa, Maurerinnen auf dem Bau.

Unsere Sprachschule wird samt Direktorin nur von Frauen betrieben, alle Museumsführerinnen sind Frauen, selbst das einzige Internetcafé in Wladimir wird von Frauen geleitet. In ihrer Mischung aus Mütterlichkeit und praktischer Vernunft strahlen sie Selbstsicherheit aus. Daneben verblassen die Männer zu ungepflegten, nach Wodka stinkenden Hauswarten, herumlungernden und dumpf glotzenden Arbeitern oder aufgeblasenen Türstehern. Es scheint, als ob alles, was in diesem Land noch funktioniert, von Frauen betrieben wird.

Meine Gastmutter Olga sagt: «Unsere einzige Hoffnung liegt in den russischen Wäldern und Äckern und dem, was wir davon ernten!»

Sabina Meier studiert in Zürich Germanistik und Russisch.


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