ES WAR an einem Mittwochmorgen, als der junge Arzt Gregor Bender ein Telegramm erhielt, er habe sich freitags um sechs am Haupttor des Prager Fernsehens einzufinden. Die nüchterne Mitteilung versetzte Gregor in einen nicht geringen Taumel. Nun also doch, dachte er erschauernd, meldet sich der Ruhm! Also hatte er nicht umsonst drei medizinische Werke veröffentlicht, die beinah echolos geblieben waren und stumm in den Regalen der Fachbibliotheken standen wie Präparate in Spiritus.
Gregor überlegte, ob er seinem Vater das Erfreuliche mitteilen sollte, aber er entschied sich dagegen, denn sein Vater hatte einen Anfall von Gelbsucht erlitten und brauchte eher Schonung denn Aufregung. Schwieriger war der Fall von Fräulein Stopfer, der trägen Praxishilfe, auf deren breitem, fast chinesischem Gesicht Gregors braune Augen seit Jahren herumwanderten wie zwei durstige Tiere.
Freitagabends rief Gregor nach einer Droschke und gelangte mit hämmerndem Herzen in das Studio, wo er von Türsteher zu Türsteher gereicht wurde, gleich einem Wassereimer, der den Brand der Neugier, welcher über der Stadt lag, löschen sollte, bis ihm ein schönes Mädchen zuzischte, man sei im Nu auf Sendung und nur noch er, Gregor, fehle.
Gregor trat unter einer rubinroten Lampe hindurch und wurde von dem Mädchen vor ein grosses Gerät geführt, das einer riesigen, in einen metallischen Kokon eingesponnenen Made glich. Ihn empfing ein geschminkter Herr in gepunktetem Anzug, dessen Stimme ihn, begleitet vom warmen Applaus eines kleinen Publikums, begrüsste, worauf Gregor sich reserviert vorstellte, Namen und Arbeitsort bekanntgab, worauf der Herr sagte, Gregor sei also der junge Doktor, der seinem Vater nach dem Leben trachte.
Während Gregor mit dem ersten Schreck kämpfte, trat, von einem zweiten Applaus begleitet, sein uralter, abgezehrter Vater ein, halbnackt, aber strahlend vor Erkenntnis. «Das ist mein Sohn Gregor», rief er, während Gregor ihn mit Entsetzen ansah, «mein eigen Fleisch und Blut, das mich vertilgen will! Er schimpft sich Arzt. Er ist aber ein Mörder und ein Feigling, mein Sohn!» «Aber Vater!» entfuhr es Gregor, «dir ist nicht gut! Was redest du dahin?»
«Hoh!» heulte sein Vater in einem Anfall von geradezu wölfischer Verrücktheit, «wenn ihr nur wüsstet, wie verhungert ich bin! Wie ich nichts gegessen habe, denn nächtlich schleicht sich mein Sohn an das Bett, zu prüfen, ob nicht Fleisch an mir wäre, so dass er mich schlachten und essen kann!» Gregor stockte der Atem, als er die phantastischen Lügen seines Vaters hörte, die dieser triumphierend in Richtung Kamera schleuderte. «Aber Vater! Jeder weiss, dass du an der Gelbsucht leidest. Dir ist einfach nicht gut!» sagte Gregor und wandte sich hilfesuchend an den Mann im gepunkteten Anzug. «Entschuldigen Sie meinen alten Vater, und lassen Sie uns doch von meinen Büchern reden!»
«Bücher?» fragte der Mann. «Aber, lieber Gregor! Wir befinden uns hier in der Sendung Familienduell.» - «Aber mein Vater lügt mit jedem Wort», wehrte sich Gregor. - «Das mag sein», lächelte der Mann, «doch kann man nicht leugnen, dass er betreffs seiner Magerkeit die Wahrheit sagt!» «Hehe», meckerte Gregors Vater, «jetzt bist du überführt, du Mörder!» Gregor sah die Flöhe auf dem Hals des Alten tanzen und musste es zugeben, dass an seinem Vater nur noch Knochen und Sehnen waren. «Hört nur», schrie der Alte, «meine Klagen! Dieser halbwilde Sohn hat sogar in seinem Tagebuch den Wunsch ausgedrückt, an den Brüsten eines Fräuleins Milch zu saugen!»
Gregor erstarrte. «Vater, lass mein Tagebuch beiseite! Sag, was du willst, aber lass Fräulein Stopfer aus dem Spiel!» «Stopfer - so heisst sie also!» höhnte der Vater, der wie beflügelt vom Aussprechen eines wirklichen Namens wieder rasend auf den breiten Torweg der Lüge umbog: «Fräulein Stopfer, wenn ich das nur höre! Und wissen Sie, was er diesem Fräulein Stopfer alles vorsetzen würde! Eigenblutwurst! Denn mein Sohn pflegt sich Blut abzuschröpfen, es mit Milch und Gewürzen aufzukochen und daraus Blutwurst zu machen! Seine Gäste macht er zu Menschenfressern, dieser Mongole!»
«Mongole», lachte Gregor schwach, «wie kannst du mich einen Mongolen nennen?» - «Ha! Da staunst du, Sohn!» lachte der Vater. «Seit Jahren glaubst du mich an der Gelbsucht erkrankt? Falsch, Herr Doktor! Nein, ich bin ein Mongole, und du, mein Früchtchen, bist tausendmal einer, und ein jämmerlicher Arzt dazu!»
In der atemlosen Pause, die auf diese Worte folgte, hörte Gregor Bender seine Schande sich zu geradezu ohrenbetäubendem Getöse erheben, während er, einen uralten mongolischen Kriegsschrei auf den Lippen, auf das Publikum losstürzte, um möglichst viele von ihnen zu erwürgen.
Gefunden von Constantin Seibt.