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Das erste Mal -- Urban Schuhmacher, wozu so rennen?
© EWZ/ Beat Müller, Zürich
Von Ursula von Arx
URBAN SCHUMACHER wurde 1963 im thurgauischen Arbon geboren. Er ist der Gewinner des Swisspower Gigathlon Expo 02. Die Reise rund um die Schweiz bestand aus 25 Kilometern Schwimmen, 303 Kilometern Biken, 795 Kilometern Radfahren, 173 Kilometern Inlineskaten und 181 Kilometern Laufen. Schumacher legte sie in 73 Stunden 32 Minuten und 55 Sekunden zurück und war damit fast eine Stunde früher im Ziel als der zweitplacierte finnische Triathlet Bennie Lindberg.
Urban Schumacher, wann dachten Sie das erste Mal ans Aufgeben?
Während des Gigathlons? Nie. Ich wollte diese sieben Tage, diese Strecke einfach bewältigen und mir beweisen, dass ich die Anstrengung durchstehe. Es war ja nicht mein Ziel, am Schluss als Sieger dazustehen.
Wirklich nicht? Sie wurden im Vorfeld als einer der Favoriten gehandelt.
Es hat sich allgemein gezeigt, dass ich besser funktioniere, wenn ich mich psychisch nicht unter Druck setze. Ich bin ruhiger und konzentrierter, wenn ich nicht ans Gewinnen denke.
«Wenn man mit einer gebrochenen Kinnlade, einer zermanschten Nase, einem Schädelbruch, einem entstellten Gesicht für einen Sieg zahlen muss, dann ist dieser Preis nicht zu hoch, will man der König der Boxer werden.» - Das hat Muhammed Ali gesagt.
Ja, Boxen gefällt mir gar nicht. Beim Boxen geht es darum, dem Gegner den Schädel einzuhauen, aus den Verletzungen des anderen Profit zu schlagen. Das ist ein Kräftemessen mit allen Mitteln, da sind Aggressionen im Spiel, die man vor dem Kampf wohl richtiggehend aufbauen muss. Mir entspricht es nicht. Ich könnte es nie.
Sind Sie zu weich?
An Gewalt mangelt es auf der Welt wirklich nicht. Wenn man sich sonst überall die Köpfe einschlägt, muss es im Sport nicht auch noch so sein.
Ernsthafter Sport habe nichts mit Fairplay zu tun, er sei geprägt von Hass, Eifersucht, Prahlerei und der Missachtung aller Regeln, meinte der Schriftsteller George Orwell vor mehr als einem halben Jahrhundert.
Das mag auch heute noch richtig sein. Vor allem dort, wo viel Geld im Spiel ist. Geld verdirbt den Charakter, sagt man.
Auch den Ihren?
In der Schweiz kann man nicht Geld machen mit Ausdauersport. Der Gigathlon selber hat uns etwa 15 000 Franken gekostet, das haben meine Sponsoren finanziert. Die Sponsoren haben auch den Lohnausfall für die einjährige Vorbereitungszeit ausgeglichen, das heisst für die drei zweiwöchigen Trainingslager sowie für die zeitweilige Reduktion meines Pensums als Sport- und Informatiklehrer.
Geldgier ist also kein Motiv bei Ihnen. Warum nehmen Sie all die Strapazen auf sich?
Weil es eine schöne Erfahrung ist, sich bewegen zu können.
Eine Erfahrung, die bei Ihnen nicht ohne Risiko ist. Vor rund zehn Jahren waren Sie einer der besten Triathleten der Schweiz, dann mussten Sie eine Pause einlegen. Sie litten unter Herzmuskelstörungen und dem Pfeiffer’schen Drüsenfieber.
Da war ich auch noch jung und habe Fehler gemacht. Heute kenne ich meinen Körper. Natürlich will ich immer noch meine Grenzen ausloten, aber nicht mehr um jeden Preis.
Reinhold Messner sagte, er steige auf die Berge, um nicht verrückt zu werden.
Reinhold Messner will Berge und wohl auch sich selber bezwingen. Er geht auch gesundheitliche Risiken ein, er sucht Situationen, wo er sich ganz konzentrieren muss auf die Schritte und Griffe, die er macht, denn es geht um Leben oder Tod. Das ist bei mir völlig anders. Wenn ich renne, habe ich eine schöne Zeit. Ich gewinne Distanz vom Alltag, zugleich beschäftige ich mich mit ihm. Ich habe während des Trainings schon oft Klarheit gewonnen über irgendein Problem. Ich bin auch nicht wochenlang alleine wie Messner. Bei mir sind es ein paar Stunden, dann gehe ich wieder unter die Leute. Ich weiss nicht, woher es kommt, dass viele glauben, Ausdauersportler seien Verrückte. Das stimmt überhaupt nicht, wir sind ganz normal. Für mich ist der Sport keine Schinderei, sondern ein Erlebnis.
Welches persönliche Problem haben Sie während des Gigathlons gelöst?
Während eines Wettkampfs ist es schon anders, da sind die Gedanken nicht so frei. Da ist man immer damit beschäftigt zu schauen, wo man sich im Vergleich zu den anderen befindet, wer einem nahekommt. Man hat noch die Rangliste vom Vortag im Kopf, da gehen dann vielleicht Alarmzeichen los. Am sechsten Tag hatte ich zum Beispiel einen Sturz, der mich zwanzig Minuten kostete, und da merkte ich, wie mein Herausforderer Bennie Lindberg wieder Hoffnung schöpfte. Am Start flitzte er davon wie eine Rakete. Ich liess ihn gehen. Ich hatte die Route schon im Vorfeld einmal abgelaufen und kannte sie also relativ gut. Ich wusste, wann Steigungen kommen, wann es bergab geht. Ich konnte meine Kräfte einteilen. «Tschau, Bennie», sagte ich und klopfte ihm auf die Schultern, als ich ihn überholte. Und ich sah, wie es in seinem Gesicht bös zuckte.
Was hat man für ein Verhältnis zu seinem Körper, wenn man so abhängig ist von ihm?
Mindestens fünfzig Prozent ist mentale Stärke. Man muss sich immer wieder sagen: Alles wird gut. Das ist das Wichtigste. Aber man lernt schon, sehr gut auf seinen Körper zu hören. Wie viel Erholung braucht er? Kann ich hier noch steigern, oder muss ich mit der Geschwindigkeit zurückfahren? Während des ganzen Rennens habe ich den Pulsmesser konsultiert. Und man muss dem Körper auch was geben: Alle fünfzehn Minuten holte ich meine Flasche hervor und trank. Denn der Kalorien- und Flüssigkeitsverbrauch ist enorm und muss wettgemacht werden. Während des Tages nahm ich rund zehn Liter Flüssignahrung zu mir, dazu zehn Energieriegel.
Die Landschaft, die Sie durchquerten, nahmen Sie sie überhaupt wahr?
Beim Probelauf ja. Die Schweiz ist so ein schönes Land. Hätte ich je gedacht, dass man bei Basel so gut mountainbiken kann? Dann der Jura, das Engadin, die Gegend rund um den Bielersee, das sind wirklich wunderbare Gegenden. Während des Gigathlons selbst hatte ich dafür allerdings keine Augen.
Ihre beiden Wettkampfhelfer fuhren im Auto nebenher?
Ja, klar. Gesamthaft waren 3000 Autos unterwegs. Ökologisch betrachtet war der Anlass eine Katastrophe, das muss man ehrlicherweise zugeben. Es gab auch Athleten, die in den Wechselzonen, also etwa dort, wo es hiess, vom Rennvelo hinab ins Wasser zu steigen, stundenlang warten mussten, weil ihre Helfer irgendwo im Stau steckengeblieben waren.
Wie sahen Ihre Tage während des Wettkampfs aus?
Morgens um vier aufstehen, eine grosse Portion Pasta essen. Um sechs Uhr: Start, gegen sechs Uhr abends am Ziel. Sofort ein Regenerationsgetränk, um den Kohlenhydrat- und Eiweissspeicher zu füllen. Dann Massage und Eisbehandlung. Dann Pasta, um acht eine Mahlzeit mit Fleisch. Dann Besprechung mit meinen Helfern. Was war wo gut? Was kann ich besser machen? Wie sieht der nächste Tag aus? Bevor ich schlafen ging, legte ich mich zehn Minuten auf die Magnetmatte, um den Kreislauf in den Ruhezustand zu bringen. Um Mitternacht lag ich im Bett. Ich schlief fest und traumlos.
Was kann Ihr Sohn von Ihnen lernen?
Zähigkeit, Ausdauer und die Gewissheit, dass es sich nie lohnt, die Ruhe und die Zuversicht zu verlieren.
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