BERLIN IST IN DIE ENDPHASE eines einzigartigen Menschenversuchs eingetreten. Die Ausgangsfrage war: Ist es möglich, eine mitteleuropäische Millionenstadt in zwei annähernd gleich grosse Hälften zu zerhacken, diese auf die Dauer voneinander zu isolieren und am Ende wieder zu vereinen? Dem gern zitierten Wort Willy Brandts zufolge soll, was zusammengehört, nun wieder zusammenwachsen. Indes, die biologische Metaphorik hinkt. Zwar liest man von abgetrennten Körperteilen, die - Stunden nach dem Unfall angenäht - wieder eins werden mit ihrem Körper. Aber ein Stadtkörper, der achtundzwanzig Jahre nach einer Amputation wieder zusammenwächst, ganz so, als sei er niemals zerhackt worden, das ist höhere Biologie.
Wenn der Vollmond über dem Alfred-Döblin-Platz steht, schlägt eine späte Stunde der Einsicht. Die Mauer aus Stein ist gefallen, die Mauer aus Zeit nicht. Nackt und fremd stehen sich Häuserfronten gegenüber, die jahrzehntelang ein vertrauteres Vis-à-vis hatten - eben die hässlich-verlässliche Mauer, peinlich geweisst auf jener, bunt wie die Wand eines Kinderzimmers auf dieser Seite. Der bleiche Kreuzberger Mond bescheint die Stuckfassaden der westlichen Seite des Platzes wie ein von der notorischen Berlin-Werbung installierter Scheinwerfer: Sieh her, Tourist, das nennt man behutsame Stadterneuerung! Und gleich um die Ecke die Lichter der Stadt und das Leben. Und drüben?
Die sozialistischen Behelfsbauten der fünfziger Jahre liegen in tiefer Nacht. Kein Licht. Alles schläft im Osten, oder sind schon alle fort? Es scheint, als habe ein alter DDR-Witz die DDR überlebt. Der Letzte macht das Licht aus. Nur lange Reihen leerer Balkons heben sich ab von den dunklen Blocks. Ihnen gegenüber, spiegelverkehrt, thronen die Gründerzeitbalkons auf der Kreuzberger Seite der verschwundenen Mauer. Die einen wirken wie verlassene Beobachtungsposten, die anderen wie Logenplätze eines Schauspiels, das nicht mehr gegeben wird. Man könnte hinüberwinken, sich etwas zurufen über die trostlose Brache hinweg. Das geschieht nie, nicht bei Vollmond, und am Tage schon gar nicht. Etwas fehlt hier. Die Mauer fehlt.
Bis vor drei Jahren war Döblins Platz eine der stillen schrillen Kreuzberger Mauernischen, und die Dresdener Strasse, die ihn von West- nach Ostberlin überquert, war eine doppelte Sackgasse, so wie ganz Kreuzberg eine Sackgasse war, eine Nische in der Nische Westberlin. Die Erinnerung daran, wie brachial und schmerzhaft der Schnitt durch die Strasse im August 1961 gewesen war, hatte sich irgendwann verloren. Neue Bewohner kamen. Das Klischee sagt: Im Westen die schwäbische Jugend, die es nach Kreuzberg, im Osten die Sachsen, die es in die Hauptstadt der DDR zog. Beide Seiten der Dresdener Strasse gewöhnten sich daran, einander ungeniert den Rücken zuzuwenden und so zu tun, als sei man mit sich allein. Es sah einen ja niemand, im Rücken war ja die Wand. Dann trat ein, was niemand für möglich hielt. Die spanische Wand fiel jäh und verschwand spurlos.
Der Westberliner, der seinen Hund ausführt, bleibt an einer imaginären Linie stehen. Da, wo die Mauer stand, wo jetzt die Brache beginnt, das Buschland, da steht er und schaut zur anderen Seite hinüber. Was sieht er dort? Der erste Schock oder, je nachdem, die erste Euphorie ist verflogen. Die Anwohner sehen sich an, und sie sehen sich nackt, entblösst von ihrer Mauer. Ein unabweisbares Schamgefühl hindert sie, das zu tun, was Anwohner gewöhnlich tun über die Strasse zu gehen. Die im Schatten der Mauer lebten, stehen nach ihrem Abriss an einer Schamgrenze. Über die Strasse gehen heisst, das andere Ufer der Zeit zu betreten, die so viele träge Jahre an einem vorüberfloss.
Wo es praktische Gründe gibt, hinüberzugehen, sind Trampelpfade entstanden, die sich aus einiger Entfernung ausnehmen wie Ameisenstrassen. Der Anblick erinnert an Fernsehbilder der sechziger Jahre: das erste Passierscheinabkommen nach dem Bau der Mauer. Tütentragende Westberlinerinnen passieren beklommen, eine nach der anderen, die Kontrollstelle. Jetzt ist es umgekehrt. Auf dem Trampelpfad zwischen Neukölln und Treptow tragen Menschen des Ostens in einem langen Gänsemarsch schweigend, auf schnellstem Wege und ohne nach links und rechts zu schauen, Waren des Westens durch den Begegnungsraum Niemandsland ans vertraute eigene Ufer.
Was tun mit dem Mauerstreifen, der Westberlin ganz umgibt und mitunter breiter als eine achtspurige Autobahn ist? Asphaltieren? Das gibt Demonstrationen. Bebauen? So eine Bebauungsplanung kann furchtbar lange dauern. Lieber begrünen. Das ist gesund, da macht man nichts falsch. Die Idee eines Mauerparks geht um. Das Plakat einer Bürgerinitiative ruft zu einem Mauerparkfest auf unter dem anheimelnden Motto «Begegnungsraum Niemandsland». Daneben hat das Gartenbauamt ein Schild in deutscher und türkischer Sprache aufgestellt: «Radfahren verboten! Ballspielen verboten! Betreten bei Schnee und Eis auf eigene Gefahr.» Man kann den Eindruck gewinnen, die Mauerparkidee sei ein wenig auch die Fortsetzung der Mauer mit botanischen Mitteln.
In der inneren Stadt sind inzwischen so gut wie alle Strassen, die die Mauer verbarrikadierte, wieder offen. Theoretisch könnte man kreuz und quer von überall her auch hin fahren, radfahren oder laufen. Tatsächlich quetschen sich die motorisierten Berliner im Stau auf wenigen Schneisen von Ost nach West retour. Es liegt wohl daran, dass der Stadtplan im Kopf langsamer zusammenwächst als der Asphalt, und auch daran, dass der hochzivilisierte Automobilist nirgendwohin fährt, wohin ihn nicht ein Verkehrszeichen führt. Eine tiefsitzende widerständige Trägheit hat es jedoch verhindert, dass im Jahre vier nach der Mauer der deutsche Schilderwald an ihr entlang aufgeforstet wurde. So kommt es, dass viele wiederhergestellte alte Berliner Strassen von Osten wie von Westen aus immer noch wie Sackgassen wirken, obgleich sie es nicht mehr sind.
Fremdheit und Ignoranz herrschen nicht nur im unmittelbaren Gravitationsfeld der Mauer, vielmehr verstärken sie sich mit dem Abstand zu ihr. Anders wäre der groteske Streit um die Mauergrundstücke nicht zu begreifen. Um privates, oftmals bebaut gewesenes Land geht es. Die DDR nahm es den Besitzern - egal, ob Ost- oder Westdeutschen - zum Zwecke des Mauerbaus weg. Oft kam ein Räumkommando im Morgengrauen und selten eine Entschädigung.
Wem gehört eigentlich die Mauer beziehungsweise das Land, auf dem sie stand, heute? Jahrzehntelang wurden westdeutsche Schulklassen und ausländische Staatsgäste zum berühmtesten Bauwerk Berlins geführt, und auf den Aussichtsplattformen wurde ihnen erklärt: Die Mauer ist unrecht und muss verschwinden. Als das geschah, fielen Mauer und Mauerland dem Bundesvermögen anheim, und bei Immobilien hört bekanntlich die Freundschaft auf, selbst unter Brüdern und Schwestern. Was man hat, hat man. Der Staat als Hehler: Heute erklären die Bundesminister für Justiz und für Finanzen den vom SED-Staat beraubten Eigentümern der Mauergrundstücke, der deutsch-deutsche Einigungsvertrag habe DDR-Recht übernommen, und weil Recht Recht bleiben müsse, bleibe der an ihnen begangene Landraub rechtskräftig.
Ostberlin war der Versuch, die «westlichen Vororte» (Walter Ulbricht) einfach zu ignorieren und möglichst durch Hochhauszeilen den Blick auf sie zu verstellen. Auf östlichen Stadtplänen war Westberlin ein gelber Fleck ohne Strassen, ohne Namen. Hic sunt leones. Viel wurde getan, um das Bild des alten Berlin zu zerstören: Abriss des Stadtschlosses, Bau des Palastes der Republik, der Stalinallee, eines Ringes gleichförmiger Satellitenstädte, und jede dieser Aktionen fand ihre Parallele im Westteil. Paradoxerweise hat die kommunistische Isolation Ostberlins mehr Berliner Charakter konserviert als die Weststadt. Der Dialekt im Osten ist derber als das abgeschliffene Westberliner Idiom. In Klärchens Ballhaus im früher jüdischen Scheunenviertel tanzen Arbeiter und Handwerker mit ihren Fräuleins wie auf alten Fotografien; Ostberlin ist auch, für die einströmende Westjugend, der es in Kreuzberg zu teuer wird und zu normal, eine neue Dimension der Nostalgie.
Draussen in Sanssouci bauten die Romantiker früherer Jahrhunderte künstliche Ruinen in die Parklandschaft, um sie vom Portal des Königsschlosses aus zu betrachten. So etwas wäre in unserem Jahrhundert ganz unnötig. An Ruinen herrscht kein Mangel. Westberlin war ein einziger verwilderter, nur durch drei lange Transittunnel und aus der Luft exklusiv zugänglicher Garten voll pittoresker Ruinen mit Einschusslöchern und Efeu, umgeben von einer hohen Mauer. Die Stadt war ein unvergleichlicher Abenteuerspielplatz, und der spendable Weststaat überliess sein Berliner Erbteil mangels besserer Verwendung seiner rebellisch-nostalgischen Jugend. Letzteres ist kein Widerspruch. Keine deutsche Stadt hat so viele Trödelläden hervorgebracht und so viele Utopien verschlissen wie Westberlin, diese Tag und Nacht geöffnete Spelunke für autochthone Rentner, junge Wahlberliner und Wochenendschwärmer. Wer es zu etwas hatte bringen wollen im Leben, war längst fort. Unternehmer, Politiker und alle anderen ernsthaften Menschen. Zurück liessen sie ein funkendes, sendendes, neonleuchtendes Ufo in der Märkischen Heide mit seiner närrischen und zunehmend autistischen Besatzung. Dass dessen Umland, das verzweifelt versuchte, ein richtiges Land und ein ernstzunehmender Staat zu sein, der Ausstrahlung des schillernden Ufos Westberlin einmal erliegen könnte, hielt dessen Besatzung am Ende für einem Witz. Seitdem der Witz Wirklichkeit geworden ist, leiden viele Besatzungsmitglieder unter Depressionen.
Über die verfallene, russschwarze Oberbaumbrücke, diesen dräuend gezackten Schattenriss zwischen Ost- und Westufer der Spree, ging nach 1961 niemand mehr, ausser ausgetauschten Agenten. Nun ist um die alte Brücke ein Kampf entbrannt, sie wird restauriert und soll das Biotop Kreuzberg wieder mit dem östlichen Ufer verbinden. «Keine Autobahn für den Hauptstadtwahn» steht an ihren mächtigen Pfeilern. Es hat Anschläge auf Baufirmen und Baufahrzeuge gegeben. In der Nische Kreuzberg herrscht Katzenjammer. Sie sieht sich zu ihrem Entsetzen mit dem Fall der Mauer ins Zentrum der Stadt gerückt. Die Grundstückspreise explodieren. Die Bohème fröstelt. Ihre Parolen sprechen vom Verlust der Kreuzberger Nestwärme. Mehr noch als gegen den befürchteten Durchgangsverkehr geht es gegen «Yuppisierung» und «Vereinzelung». Und der Feind bricht über die Oberbaumbrücke ein. Die fotogene Brücke ist besetzt und wieder geräumt worden. Auch Haus- und Brückenbesetzer teilen die romantische Vorliebe für Ruinen.
Das Berliner Niemandsland wird verschwinden, zuerst im Zentrum. Am Potsdamer Platz, der eine baumlose Steppe ist, werden Mercedes und Sony bauen. Bis dahin haben die Zwischenlagerer von Müll aller Art und die modernen Nomaden die Steppe für sich: Ein Wanderzirkus hat sein Zelt auf dem ehemals verkehrsreichsten Platz Europas aufgeschlagen. Beim Reichstag hat eine wandernde Schrottkunsttruppe ihre aus Raupen, Panzern und Kampfjets bizarr zusammengeschweissten Gefährte zurückgelassen. Gelegentlich trifft der Wanderer in der Mauersteppe auf Wagenburgen, zusammengeschoben aus Hunderten von Bauwagen, Lastwagen, Planwagen, Leiterwagen, Bussen. Dort kampieren die verschiedenen Stämme der «Rollheimer» - Verächter fester Häuser und Wohnsitze. In der kalten Jahreszeit verlassen viele die Wagenburgen, um zu ihren Winterweiden an südlichen Stränden zu ziehen.
Auch die Vorboten neuer Völkerwanderungen zieht es in die Mauersteppe - Tausende polnischer Kleinsthändler. An jedem Wochenende stehen die Parias des Ost-West-Handels um das Areal von Mercedes und Sony Spalier, ein paar Blechlöffel feilbietend, eine Handvoll Würste, drei Baumwollschlüpfer. Mancher hat einen noch weiteren Weg. Ein unentwegt lächelndes Ehepaar aus Taiwan verkauft Fertigsuppen aus Thailand. Hinter dem kilometerlangen Zaun, an dem entlang sie alle stehen, floriert derweil der offizielle, der Trödlermarkt erster und zweiter Klasse. Dorthin zu gehen, fiele keinem der Pendler-Händler ein. Die Standgebühr frässe ihre paar Mark Gewinn wieder auf.
Nachts belebt sich der Untergrund am Potsdamer Platz. Die Betreiber ambulanter Discotheken schleppen Bierkästen und Verstärkeranlagen hinab in tote S-Bahnhöfe oder in die übriggebliebenen Keller von Häusern, die seit den Zeiten von Bomber-Harris nicht mehr existieren.
Die Faszination der Leere, der Wüste inmitten der Stadt ist ungeheuer stark. Mitten im Berlin des ausgehenden 20. Jahrhunderts gelangt die archaische Scheidung von Städtebauern und Nomaden noch einmal zur Aufführung. Den Architekten fasziniert der leere Raum als Bauplatz, als Ort, der ihm ungewöhnliche Freiheiten gibt, ihn mit Baumasse zu füllen. Der Grossstadtnomade sucht umgekehrt im Niemandsland die Leere, die ihm die Stadt versagt. Eines haben die verfeindeten Brüder gemeinsam. Beide sind heimliche Freunde des Flächenbombardements.
Manchmal treffen sie sich in der Berliner Steppe. Der Architekt mit Mobiltelefon, künftige Fluchtlinien und Traufhöhen im Blick, und sein verlotterter Bruder Abel mit seinen Mischlingshunden und seiner apokalyptischen Furcht vor der Zukunft, die dem Architekten gehört.
Wolfgang Büscher ist Journalist in Berlin.