JAHRHUNDERTELANG haben Tüftler und Bastler, Spinner und Scharlatane den Traum vom Perpetuum mobile wahr zu machen versucht. Als der Dichter Paul Scheerbart im Januar 1908 daranging, zu erfinden, was niemandem hatte glücken wollen, war die Unmöglichkeit des Perpetuum mobile theoretisch bewiesen: 1849 hatte Robert Mayer das Gesetz von der Erhaltung der Energie formuliert, wonach Energie weder erzeugt noch vernichtet werden kann - eine «ewig laufende» Maschine, die ohne Energiezufuhr Arbeit leistet, gibt es nicht.
Paul Scheerbart scherte das nicht. Zweieinhalb Jahre verwandte der Poet der Berliner Bohème auf den Versuch, ein System von Rädern, Hebeln und Lasten zu entwerfen, das sich ohne Zutun fortbewegen und den verhassten «Herren Physikern» an den Karren fahren würde. Je fruchtloser die Anstrengungen, desto blühender die Phantasie. War das «Perpeh», wie Scheerbart es nannte, einmal in Gang, würde die Welt sich nicht wiedererkennen. Die Nacht wollte er in Tag verwandeln und die Meere durchleuchten, «dass die Fische gar nicht aus dem Staunen rauskommen könnten»; Berge wollte er versetzen, den Flüssen neue Läufe zuweisen, die Wüste urbar machen - und die Menschheit von der Arbeit erlösen.
Zu befürchten war dies vorerst nicht. Die Blechräder, die Scheerbart sich vom Klempner herstellen liess und zusammenlötete, wollten sich nicht drehen, was ihm bald wieder ein Vorteil schien, begann ihn doch der Gedanke zu quälen, die Literatur, sein eigentliches Geschäft, werde «durch das Nichtgehen des Rades mehr gefördert als durch das Gehen des Rades»: das Paradies bedarf der Poesie nicht.
Literarische Luftschlösser hatte Scheerbart zum Zeitpunkt, da er zum Ingenieur wurde, schon etliche gebaut; Romanphantasien, die in einer Zeit des erdverbundenen Naturalismus in den Kosmos eskapierten und in einer Welt voller Farben, Licht und Bewegung die rauschhafte Verbindung mit dem All feierten. Getreu diesem Programm sollte die Verwandlung der Erde in ein Kunstwerk nun mit der Allzweckmaschine realiter vonstatten gehen; einer Maschine, die sich noch dann nicht vom Fleck rühren mochte, nachdem er am 15. Mai 1908 dem Patentamt sein Projekt eingereicht hatte. Scheerbarts Begeisterung hat indes seinen jungen Verleger Ernst Rowohlt so sehr entzückt, dass er den Autor mit der Veröffentlichung der Ideen beauftragte: 1910 erschien «Das Perpetuum mobile. Die Geschichte einer Erfindung» in Leipzig, samt eingeheftetem grossformatigem Faltbogen mit 26 selbstgefertigten Konstruktionszeichnungen.
Weniger enthusiasmiert von den Experimenten ihres Lebensgefährten war Anna Sommer, die Berufsköchin, der Scheerbart die «Führung von Zentralküchen» anzuvertrauen gedachte, wenn er erst einmal zum «Ober-Millionenonkel» geworden war: auf vierzehnhundert Millionen Mark schätzte er das Kapital, das er aus seiner Erfindung schlagen würde. Sie mochte, zumal er die Waschküche in ein Laboratorium verwandelt und die hausfraulichen Tätigkeiten etwas behindert hatte, der Sache je länger, je weniger trauen: «Du, ich kann das Wort Rad nicht mehr hören», soll sie des öfteren gestöhnt haben, «mir wird schlimm, wenn du das Wort aussprichst.»
Wie der Dichter an der Misere leiden musste, die ihn erst zum Dichter machte, so litt der Erfinder am Elend, dem die Erfindung doch hätte ein Ende setzen sollen. Das Patentamt liess nichts von sich hören. Er nutzte die Zeit, um «sehr viele astrale Geschichten» zu schreiben, «die sich alle auf andren Sternen und in ganz unirdischen Verhältnissen entwickelten», wo «ja die <Schwerkraft> nicht so schwer ist wie auf der Erde». Dann aber nahm er wieder sein Modell in die Hand und fügte ihm ein paar Räder und Achsen hinzu, worauf es sich «perpetuierlich bewegte» - so lange jedenfalls, bis er sich eingestehen musste, dass er beim Hinunterdrücken der Gewichte, das er eines Konstruktionsmangels wegen vorläufig von Hand besorgte, das Ding gleichzeitig ein wenig vorwärts schob.
Was Wunder, dass Scheerbart seiner Enttäuschung Luft verschaffte, indem er neue Verwendungszwecke der Maschine ersann - wie etwa die Hinrichtungsmethode: Verbrecher sollten ans «Perpeh» gebunden und - statt zur Hölle - auf ewige Fahrt ins Blaue geschickt werden. So dass einmal, «stürbe eines Tages die ganze Menschheit aus, unzählige Perpetua ruhig sich weiter drehen» würden.
An solch göttlicher Vollkommenheit hatten sich schon Scheerbarts Vorgänger delektiert. Um 1235 hatte erstmals in der Geschichte der abendländischen Technik der Architekt und Ingenieur Villard de Honnecourt den Plan zum Bau eines Perpetuum mobile publiziert: ein Rad mit einer ungeraden Anzahl beweglicher Hämmer. Seither hat das Streben der Menschen, auf der Erde ein Abbild der immerwährenden Kreisbewegung der himmlischen Sphären zu schaffen, nicht nachgelassen; der aristotelische Gedanke der allein dem Himmel vorbehaltenen Ewigkeit wollte profaniert werden. Leonardo da Vinci, wiewohl noch nicht mit dem theoretischen Rüstzeug ausgestattet, dem Unsinn ein Ende zu setzen, blieb einer der seltenen Skeptiker: «O ihr Erforscher der immerwährenden Bewegung, wie viele eitle Entwürfe in solcherlei Unterfangen habt ihr geschaffen! Gesellt euch doch den Goldmachern zu!»
Paul Scheerbart blieb bei der Alchimie. Er sah alle Fragen der Menschheit gelöst, wartete man nur erst die Antwort ab, die er, wie er in seinem Buch festhielt, am 12. Juli 1910 schliesslich auch fand: sein Perpetuum mobile funktioniere - wie, das mochte er allerdings niemandem verraten.