Ein hoher, heller, luftiger Lesesaal, Licht flutet durch die Fenster, der Blick hinaus endet am Blau des Himmels. Die Designerfauteuils sind wie in einer Hotelhalle gruppiert. Da und dort sitzt ein Mensch, in ein Buch oder eine Zeitung versunken. Stille. Keine Musik. Keine Musik! Seit Tagen der erste Augenblick mit keiner Musik. Durch das Fenster fällt der Blick auf Palmen und auf Telefonmasten, die Strom- und die Telefonleitungen verlaufen hier noch überall über der Erde, was die Landschaft zu einer Hopper'schen und die Stromversorgung anfällig macht: Alle paar Jahre sind wir, sagt man mir, nach einem Sturm ohne Strom.
Wahrscheinlich hat sich noch nicht mancher hierher an den Stadtrand in die städtische Bibliothek verlaufen, die unter einem Dach mit dem Kunstmuseum ist, einem spektakulären Bau, der in jeder anderen Stadt ein Anziehungspunkt ersten Ranges wäre und nicht einfach «One Among 20 Cool Places to Visit». Schon in den Ausstellungsräumen war es still und kühl, und es wäre noch viel stiller gewesen, hätte ich den Mund gehalten, als sie an der Kasse fragten, woher ich sei. Es gibt nämlich auf der ganzen Welt niemanden, der nicht schon einmal in Genf oder fast auf dem Jungfraujoch war und sich nicht freut, wenn er jemanden trifft, der das zu würdigen weiss. Die Kunde verbreitete sich unter den Volunteers im Museum, so dass ich beim Betrachten der zeitgenössischen asiatischen Kunst, einer ungeheuer erfrischenden Abwechslung zu den ewigen Giacometti und Picassi in den Museen, nie allein war und ein paar Freundinnen fürs Leben gewann.
Und auch im Museumsshop findet sich nicht das übliche Museumsshop-Sortiment: Monets Seerosen als Seidenfoulard, Buchzeichen in mattem Aluminium, Kandinsky als Mouse Pad, sondern Originalkunst, Kategorie einheimisches Schaffen, darunter ein kleines hochglanzgefirnisstes Bild von der Wüste (Desert I) für 175 Dollar abzüglich Schweizerrabatt.
Mount Charleston!, sagen alle, die hören, dass ich aus der Schweiz bin. Auf den Mount Charleston müssen Sie unbedingt, dort ist es wie in der Schweiz. Ein guter Grund.
Eine Stunde Fahrt, erst auf dem Highway 95 North und dann links ab in die Berge. Dort ist bald nichts mehr als Kakteen, diese in die Höhe strebenden verzweigten Kakteen, in der Ferne rote Felsabbrüche: die Szenerie aller Wildwestfilme, die Landschaft, durch die, sie in roten Staub hüllend, Kater Carlo auf seinem wilden Hengst immer prescht. Die Strassensignale wechseln auf: Achtung, kreuzender Reiter: Achtung, kreuzendes Wildpferd; Achtung, kreuzende Bergziege oder so was in der Art.
Ich überfahre eine überfahrene Schlange. Ab und zu taucht am Strassenrand eine Reihe blecherner Briefkästen auf Pfosten auf. Offenbar gibt es hinter diesen Kakteen noch Leben. Die Strasse ist lang und gerade, das Auto, das bestimmt einen Kilometer oder mehr vor mir fährt, spiegelt sich in der flirrenden Hitze wie in einem dunklen See.
Erst hatte ich es auch für eine optische Täuschung gehalten, als zuvor Autos die vierspurige Autobahn kreuzten: von links und von rechts kamen sie gefahren. Dass später dann auch noch ein Fussgängerstreifen über die 95 North führen sollte, nahm ich schon gelassener hin. Was sollten sie in dieser Wildnis denn gross Autobahnein- und -ausfahrten bauen oder Fussgängerüberführungen, wo nur ein paar Soldaten herumlungern und ein Gefängnis steht, das zwar gross ist, aber zu. Für alle Fälle aber ein Strassenschild: Prison Area. No Hitchhiking.
In der Mount Charleston Lodge, wie gesagt keine Stunde vom glühenden Las Vegas entfernt, ist es tatsächlich kühl. Unten in der Stadt hatte man sich bei 42 Grad extrem trockener Hitze und einer Windstärke, die einen besser rückwärts als vorwärts gehen liess, gerade noch wie ein Poulet im Umluftbackofen gefühlt, und hier oben verzehrt man auf der Terrasse des Ausflugsrestaurants fröstelnd sein Sandwich.
Der Schweizvergleich war gar nicht so daneben. Tannen- und Föhrenwald breitet sich aus, dazwischen liegen grüne Matten. Nur dass hier die Vegetation von unten nach oben zunimmt, etwas höher dann allerdings auch mit einer Baumgrenze endet, hinter der sich der Mount Charleston Peak erhebt, auf dem doch tatsächlich Schnee liegt, man würde es ihm nicht geben, aber er ist 3000 Meter hoch. Und wie bei uns kreisen krächzende schwarze Vögel hoch in der Luft. Aber ein winziger zirpender Vogel sieht auf den ersten Blick wie ein Kolibri aus und ist auf den zweiten Blick auch einer.
Wie alles auf der Welt hat auch der Strip zwei Seiten. Auf die Rückseite des Desert Inn, eines der riesigen Casinohotels, dringt kein Geräusch aus der Flitterwelt. Tschilpende Spatzen, das Zwitschern der Wassersprinkler, gelegentlich das charakteristische Scharren von eisenbeschlagenen Golfschuhen auf Kies. Dann und wann das leise Surren eines Golfcarts, zu Fuss macht sich in der Hitze keiner an die 18 Löcher. Der Kellner des Clubcafés döst hinter der Theke, es ist nicht viel Betrieb. Selbst der Propeller am Dach der Veranda, auf der ich mitdöse, das Buch längst upside down auf den Knien, dreht sich nur träge.
Ich hatte nach dem Gedröhne des Verkehrs und dem Sirenengesang der Slot Machines die Stille eigentlich in der Guardian Angel Cathedral gesucht, die sich zwischen die Casinos an den Strip gestellt hat, die wirkliche Ruhe, die einschläfernde, dann aber hier gefunden. Die Mittagsmesse war lebhaft gewesen, die grosse Kirche sicher zu drei Vierteln besetzt, die Gottesdienste dieser katholischen Kirche, von der man annähme, sie hätte so direkt neben den Lockungen der Casinos kein Brot, werden jede Woche von 8000 Leuten besucht.
Ein schöner Raum, kühl, aber nicht so teuflisch heruntergekühlt wie die Casinos und Restaurants und Hotelhallen. Das sehr helle Licht, das durch die farbigen Glasfenster dringt, macht den hohen Kirchenraum festlich. In den Singsang der Gebete dringt ab und zu von draussen die elektronische Sirene eines Polizeiautos. Die Feierlichkeit kommt ohne Weihrauchduft aus. Der verschwindet vorne ohne Umweg im allgegenwärtigen Orkus der Klimaanlage.
Wer wie ich durch das trockene Gehölz einer protestantischen Religionserziehung musste und ohne Spur einer Gläubigkeit herauskam, wird sich von der Feierlichkeit eines katholischen Gottesdienstes immer etwas wehmütig anrühren lassen. Wenn das Gefühl der Zugehörigkeit so stark ist wie das Gefühl, nicht dazuzugehören, dann muss man sich hier, gehört man dazu, sehr gut aufgehoben fühlen.
Las Vegas ist topographisch wie eine flache Schale. Das Tal, der Strip, der es durchzieht, das erweiterte Zentrum der Stadt der Schüsselboden, darum herum die höherliegenden Ränder, dahinter die Berge, die natürliche Begrenzung der Stadt, dahinter die Wüste, im Osten der türkisfarbene Lake Mead, ein gewaltiger Stausee, der die Stadt mit Wasser und Strom versorgt. Von hier aus sei es nur noch 20 Minuten dorthin, sagt mir der Taxichauffeur, der mich zum Mormonentempel am Stadtrand gefahren hat.
Ich hätte den aufregenden weissen Bau mit den vier zum Himmel ragenden Zacken von innen ansehen wollen, aber man liess mich nicht. Ich strandete im Vorraum. Eine freundliche junge Frau, die wie ein Weihnachtsengel aussah, Ruth, deutschstämmig, bedauert. Nein, auch keinen Blick in den Tempelraum. Nein, auch kein Foto davon. Ich kehre mit einer Bibel und Gottes Segen, im Übrigen aber unverrichteter Dinge zum Taxi zurück. Der Chauffeur kann es nicht glauben. Die liessen Sie nicht hinein?! Jim fasst es nicht.
Da zahlt eine 30 Dollar, um hier herauf zu fahren, und dann lassen die sie nicht rein!
Die Aussicht ist gewaltig, die Church of Jesus Christ of the Latter-Day Saints hat die ganze Stadt zu Füssen und Arnold Schwarzenegger zum Nachbarn. Jim war ganz aufgeregt, hier oben war er noch nie, so nah an Sworzeneger. Er fährt sonst nur den Strip auf und ab. Solche Häuser sah er noch nie. Solche Häuser gibt es sonst in ganz Las Vegas nicht, das, von den Casinos abgesehen, praktisch aus einstöckigen Häuschen besteht. Zwei-, ja dreistöckig! Mit Türmen und Erkern, mit umfriedeten Gärten. Und schauen Sie nur: Wachhunde! Jim fasst es nicht. Solche Häuser gibt es sicher auf der ganzen Welt nicht noch mal. So nah an Arnolds Haus, das muss er den Kollegen erzählen. Und mich liessen sie nicht in den Tempel, er fasst es nicht.
Er fasst es immer noch nicht, wie wir nicht nach 20 Minuten, sondern nach fast einer Stunde flotter Fahrt auf dem Hoover Dam, der Staumauer des Lake Mead, stehen, die er nun aber aus dem Effeff kennt; so und so hoch, so und so alt, so etwas gibt es sonst auf der ganzen Welt nicht noch mal.
Den Hoover Dam hat Jim, stelle ich fest, selber gebaut.
Der Garten des Regent Las Vegas ist gross und üppig wie das Hotel selbst. Das Regent wirbt mit etwas für Las Vegas Exotischem: mit Stille. Es ist neu, es liegt draussen in Summerlin, hat 541 Zimmer, ist von Golfplätzen umgeben. Vom Zimmer sieht man in der Ferne den neonbunten Strip, den sieht man aus der Ferne allerdings von fast überall. Das Regent hat ein grosses Casino, ein sehr schönes, das schönste. 40 Spieltische und 1200 Spielautomaten, zu denen alle Wege hinführen. Nicht dass mich der Lockgesang der Slot Machines unberührt liesse (ich habe an einer 5-Cent-Maschine 50 Dollar in 5-Cent-Stücken gewonnen, der Segen wollte nicht enden!), aber wirklich hingezogen hat es mich zu den plätschernden Wasserspielen, unter die wispernden Palmen.
Da liegt man also unter den Palmen und weiss wieder einmal, warum es ein Menschheitstraum ist, unter Palmen zu liegen: Man ist da immer so nett beduselt von der Piña Colada oder vom Daiquiri, der zwingend dazu gehört. Sonst wäre es gar nicht so viel anders, als unter einem Apfelbaum zu liegen. Die Palmen wispern nämlich auch nicht wirklich, vielmehr machen sie in diesem heissen Wind einen ziemlichen Lärm, und ihre Kronen sehen aus wie der Bubikopf einer Frau im offenen Cabriolet bei 120 Kilometern pro Stunde. Dieses Palmenrauschen hat aber schon seinen Nutzen: zum Beispiel sieht man die Kleinkinder am Pool nur weinen.
Nie im Leben wäre er gekommen, sagt er, hätte er gewusst, dass er mich nach Summerlin fahren soll. Die Dame am Telefon habe gesagt, ich wolle an den Strip. Zurück an den Strip wäre das einzige gewesen, was ihn überhaupt vom Strip weggebracht hätte. Noch lieber sind ihm Fahrten auf dem Strip selbst, von einem Ende zum andern oder vom andern zum einen.
Die Dame am Telefon hatte das vermutlich gewusst. Die Dame war die freundliche Kellnerin eines italienischen Restaurants an der Ausfallstrasse, an der das Kunstmuseum liegt, wie in Las Vegas fast alles an Ausfallstrassen liegt, was nicht elektronisch fiept. Ich hatte eigentlich zu Fuss gehen wollen, stellte dann aber wieder einmal fest, wie schnurgerade Strassen in ihrer Länge täuschen, erst recht bei 42 Grad im Schatten (Schatten gibt es da draussen aber keinen), die sich in der Klapperbüchse von Taxi, dessen Klimaanlage aus dem letzten Loch pfeift, allerdings augenblicklich verdoppeln.
Der Taxichauffeur hasst Summerlin, weil hier jede Kreuzung aussieht wie die andere und weil am Stadtrand kein Stadtplan länger als für ein paar Wochen hält. Er hasst die Rondelle hier draussen, die ihn an jeder Kreuzung von einer falschen Strasse in die nächste falsche führen. Er weiss auch nie, wer da Vortritt hat. I hate them!, zischt er noch, wie wir schon lange nicht nur das letzte Rondell (Gott sei Dank), sondern auch das letzte Haus hinter uns haben. Nur noch rote Wüste um uns herum. Das Taxameter (die Leute, die ich treffen sollte, sagten mir, sie wohnten eigentlich gleich um ein paar Ecken) steht auf 45 Dollar.
Dem Taxichauffeur ist unterdessen egal, ob wir diese Leute finden oder nicht, er jammert, er finde nie mehr zum Strip zurück. Das glaube ich mittlerweile auch. Seine Nackenfarbe wechselt von rot auf blau. Sicher ein alter Kämpfer, ein Vietnam-Veteran oder so, der im Leben schon manches mitgemacht hat, aber so etwas denn doch noch nie. Er hat jetzt Funkkontakt zur Taxizentrale aufgenommen, die ihn lotsen soll und ihn geradeaus führt. Ich wage die Frage, ob wir nicht eventuell in die falsche Richtung fahren, weil wir schon so lange kein Haus und keine Menschenseele mehr gesehen haben.
Shut up! schreit er. Und jetzt merke ich, dass er weint.