NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Phänomene -- Sprechröhren

Von Wolfgang Bürger

UM NACHRICHTEN störungsfrei und schnell (mit Schallgeschwindigkeit) weiter zu übertragen, als die menschliche Stimme reicht, benutzte man schon im Altertum Sprechrohre. Rohrtelefone dienten in den Häusern vornehmer Römer dazu, die Ankunft eines Besuchers von der Pforte ins Haus zu melden. Sie haben das Mittelalter überdauert und waren bis zur Erfindung des - wegen seiner nahezu unbegrenzten Reichweite überlegenen - elektrischen Telefons auch bei uns weit verbreitet. Im Brockhaus von 1898 kann man noch lesen, dass «Kommunikationsrohre in ausgedehnten Geschäften dem mündlichen Verkehr zwischen getrennt liegenden Zimmern dienen».

Bis heute ist zumindest auf kleineren Schiffen die Kommandobrücke mit dem Maschinenraum durch ein Schlauchtelefon verbunden, wenn es wohl auch nur für den Notfall gedacht ist, in dem der Strom ausfällt. Es gab (oder gibt noch) Hörschläuche zum Radioempfang in Krankenhäusern, und wer als Fluggast in der Touristenklasse reist, bekommt zum Radiohören als Kopfhörer vielleicht noch die alten Plasticschläuche mit Kopfbügel und Ohrsteckern, die nichts anderes als kleine Schlauchtelefone sind. Schlauchkopfhörer waren wegen der überhandnehmenden Souvenirdiebstähle in den Flugzeugen lange Zeit die billigste Lösung für den Hörfunkanschluss der Passagiere, sagen die Fluggesellschaften.

Über die Technik antiker Sprechrohre habe ich wenig in Erfahrung bringen können. «Die Röhre muss aus Ton, besser noch aus Blei oder irgendeinem andern Stoff hergestellt und gut verschlossen sein, damit nicht die Stimme auf weite Entfernung zu schwach werde», schrieb 1589 der italienische Gelehrte Giambattista della Porta. «Was man dann auch ins eine Ende hineinspricht, die Stimme wird unverfälscht und klar, wie sie aus dem Munde des Sprechenden kommt, zu den Ohren des anderen dringen. Es scheint unzweifelhaft, dass dies auf mehrere tausend Schritte möglich sein muss.» Mehrere Kilometer sind gewiss eine zu grosszügige Schätzung. Ich kann aus eigener Erfahrung nur sagen, dass mein Schlauchtelefon aus gewebeverstärktem Gartenschlauch von drei Zentimeter Innendurchmesser mit zwei gewöhnlichen Haushaltstrichtern als Sprech- und Hörmuscheln Sprache über 25 Meter ausgezeichnet leitet.

Wer ein Schlauchtelefon benutzt, befindet sich in guter Gesellschaft. Auf dem um 1425 entstandenen Relief der Verkündigung Mariä an der Marienkapelle zu Würzburg bedient sich kein Geringerer als Gottvater eines Schlauchtelefons, um Maria mitzuteilen: «Ich sende Dir ein Kind.» Gott spricht in den oberen Trichter des vom Himmel herabhängenden Schlauches, und Maria empfängt die Botschaft aus dem Horchtrichter am unteren Ende. Und wo bleibt das Jesuskind? Es rutscht - wie praktisch! - am Schlauch zu Maria herab.


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