NZZ Folio 01/09 - Thema: Die Finanzkrise   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Die Wissenschaft vom Schwanzwedeln

2006 hat der italienische Neurologe Giorgio Vallortigara auf 18 000 Bildern die Position des ­Schwanzes bestimmt. Dann war klar: Hunde wedeln asymmetrisch.

Von Reto U. Schneider

Giorgio Vallortigara hat aus seinem Experiment zwei ganz persönliche Lehren gezogen. Erstens: Was Journalisten angeht, hatte er bisher mit der falschen Tierart gearbeitet. Und zweitens: Sich tagelang Videoaufnahmen von Hundeschwänzen anzuschauen, ist langweilig.

Vallortigara ist Hirnforscher an der Universität Triest in Italien. Den grössten Teil seiner wissenschaftlichen Karriere verbrachte er damit, Hirnasymmetrien bei Tieren zu untersuchen, wie zum Beispiel die Spezialisierung der beiden Hirnhälften. Auf diese Asymmetrie ist es etwa zurückzuführen, dass Menschen und andere Primaten bevorzugt die rechte Hand gebrauchen.

Weil die rechte Gehirnhälfte die linke Körperseite steuert und die linke Gehirnhälfte die rechte Körperseite, hatten Forscher bisher immer bei paarweise vorhandenen Körperfunktionen nach dem Effekt der Asymmetrie gesucht. Bei Händen eben, aber auch bei Augen, Ohren, Beinen. Vallortigara fragte sich nun, wie sich die Asymmetrie bei Körperteilen auswirken würde, die es nicht als Paar gab. Und als erstes solches Organ fiel ihm der Hundeschwanz ein.

Der Hundeschwanz eignete sich ganz besonders für das Experiment, weil der Hund mit ihm sein emotionales Befinden anzeigt, und man wusste, dass auch die verschiedenen Gehirnhälften für unterschiedliche Emotionen zuständig sind: Die linke Gehirnhälfte ist generell für Annäherung und Vertrauen zuständig. Die rechte Gehirnhälfte hingegen ist spezialisiert auf Flucht, Misstrauen, Angst.

Da beim Hund die linke Gehirnhälfte die Muskeln steuert, die den Schwanz gegen rechts bewegen, und umgekehrt, vermutete Vallortigara, dass Hunde je nach Gemütszustand asymmetrisch wedeln müssten.

Um das zu überprüfen, arbeitete er mit zwei Tierärzten, die 30 Hunde für Versuche rekrutierten. Sie bauten eine zwei mal zwei mal vier Meter grosse Kiste, in der die Hunde einer nach dem ­anderen durch das einzige Fenster abwechslungsweise eine Katze, einen dominanten Hund, eine unbekannte ­Person oder ihren Besitzer zu sehen bekamen. Eine Videokamera zeichnete von oben auf, wie ihr Schwanz wedelte.

In tagelanger, mühseliger Kleinarbeit bestimmte einer von Vallortigaras Mitarbeitern auf 18?000 Einzelbildern die exakte Position des Schwanzes. Die Statistik brachte es dann an den Tag: Wenn die Hunde ihre Besitzer sahen, wedelten sie mit einem Rechtsdrall. Ebenfalls eine Tendenz gegen rechts hatten sie bei der unbekannten Person und bei der Katze, der Schwanz bewegte sich allerdings deutlich weniger stark als beim Anblick des Herrchens. Hatten sie dagegen den dominanten Hund vor sich, schlug der Schwanz stärker gegen links aus.

Alle Reize, von denen sich die Hunde angezogen fühlten – einschliesslich einer Katze –, führten zu rechtsseitigem Wedeln. Wenn der Hund sich auf Flucht einstellte, wedelte er gegen links.

Warum ist das Gehirn asymmetrisch?

Vallortigara ist der erste, der zugibt, dass dieses Resultat im Grunde nicht überrascht, umso erstaunter war er von der Reaktion der Medien. Von Moskau bis Tokio vermeldeten die Zeitungen seine Erkenntnis zum Wedeln der Hunde, und als auch noch die «New York Times» darüber berichtete, war es endgültig vorbei mit der Ruhe. «Wie Andy Warhol es vorausgesagt hatte, bekam ich meine 15 Minuten Ruhm», sagt der Forscher. Mehr noch als über die Spezialisierung der Hirnhälften sagte das Medienecho etwas über die spezielle Beziehung zwischen Mensch und Hund aus: «Meine früheren Versuche mit Fischen und Vögeln haben nicht annähernd so viel Aufsehen erregt.»

Bleibt die Frage, warum das Gehirn überhaupt asymmetrisch gebaut ist. Lange glaubte man, dass es die Spezialisierung der Hirnhälften nur beim Menschen gebe. Eine Erklärung war schnell gefunden: die Sprache. Die beiden Gehirnhälften kommunizieren nämlich nur durch ein relativ schmales Nervenbündel, den sogenannten Balken. Sprache erfordert aber eine derart schnelle Datenverarbeitung im Gehirn, dass dieser Balken zum Flaschenhals würde, wenn die Sprach­fähigkeiten über beide Hirnhälften verteilt wären. Also entwickelte sich das Sprachzentrum nur in einer Hirnhälfte (bei den meisten Menschen in der linken). Andere Funktionen rutschten in die rechte.

Die Sprache kann allerdings nicht die ganze Erklärung sein, denn es zeigte sich, dass auch das Gehirn von Bienen, Hühnern, Hunden und anderen Tieren asymmetrisch gebaut ist. Wissenschafter vermuten heute, dass die Spezialisierung der Hirnhälften sich entwickelt habe, weil sie einen Überlebensvorteil biete. Sie erlaubt es, zwei Dinge gleichzeitig zu tun: zum Beispiel zu fressen und nach Feinden Ausschau zu halten. Zudem könnte auch die asymmetrische Anordnung der inneren Organe und ihre Verbindung zum Gehirn zur Asymmetrie der Hirnhälften beitragen.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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