IN ARGENTINIEN gilt seit 1991: 1 Peso = 1 US-Dollar. Ist deshalb das südamerikanische Land mit den Vereinigten Staaten vergleichbar? Sind die beiden Volkswirtschaften deswegen gleich stark? Keineswegs. Nicht einmal die Verfechter des argentinischen Währungsmodells, das auf einer Parität des Pesos mit dem Dollar und einer Deckung des Pesoumlaufs durch Dollarreserven der argentinischen Zentralbank beruht, würden dies behaupten. Der Wechselkurs hat zwar auch mit Preisen beim Austausch von Gütern und Dienstleistungen zu tun. Im Falle Argentiniens ist er jedoch in erster Linie Ausdruck eines psychologischen Phänomens.
Die Festsetzung der Parität von 1:1 war ein allgemeinverständliches Versprechen der Regierung, dass die grassierende Hyperinflation und die seit Jahrzehnten übliche wirtschaftspolitische Verantwortungslosigkeit überwunden werden sollten. Selbstdisziplin war dabei das zentrale Stichwort.
Aber die Parität des Pesos mit dem Dollar war nur ein Aspekt der neuen Politik: Begleitende Massnahmen wie die Öffnung des zuvor stark abgeschotteten argentinischen Marktes und damit das Zulassen von Konkurrenz aus dem Ausland, eine weitgehende Privatisierung meist ineffizienter Staatsbetriebe sowie das Verbot der Finanzierung staatlicher Defizite durch die Notenpresse waren weitere Eckpfeiler des Sanierungsprogramms, mit dem die Regierung unter Präsident Menem das Vertrauen der eigenen Bevölkerung sowie der Auslandinvestoren zurückgewinnen sollte. Selbstdisziplin der einen und das Vertrauen der andern waren die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufschwung.
Das Hauptziel der neuen Wirtschaftspolitik, nämlich die Beseitigung der Hyperinflation, ist mit diesem Vorgehen in beeindruckendem Mass erreicht worden. Heute sind die Argentinier wieder eher bereit zu sparen, auch im eigenen Land und nicht nur auf einem Dollarkonto in Uruguay oder in der Schweiz. Und der Unternehmer will seine Investition nicht bereits in 18 Monaten zurückbezahlt haben, weil er einen neuen Inflationsschub befürchten muss. Die Zahlen sprechen für sich: Die Teuerung ist von mehreren tausend Prozent in den Jahren 1989 und 1990 auf lediglich 0,6 Prozent im vergangenen Jahr gesunken.
Der gesetzlich festgeschriebene Verzicht auf Verschiebungen des Wechselkurses und das Verbot, nach eigenem Gutdünken Geld zu schöpfen, war letztlich eine Misstrauenskundgebung gegenüber den Politikern. Hätte man ihnen diese Instrumente belassen, so wäre einer verantwortungslosen Politik weiterhin Tür und Tor geöffnet gewesen. Denn der Versuchung, mehr zu verteilen, als vorhanden ist, kann auf die Dauer kaum eine Regierung widerstehen, obwohl die Konsequenzen immer dieselben sind: fiebrige Inflationsschübe oder hohe Aussenhandelsbilanzdefizite - oder beides zusammen. Meist früher als später muss dann mit Einfuhrrestriktionen, Abwertungen oder Einschränkungen bei den Staatsausgaben die Notbremse gezogen werden, weil niemand längere Zeit über seine Verhältnisse leben kann. Das gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für ganze Länder.
Diese Erkenntnis hat sich allmählich nicht nur in Argentinien, sondern auch in vielen andern Ländern Lateinamerikas durchgesetzt. Vielen erschien der argentinische Weg als Musterbeispiel dafür, wie die Inflationsmentalität gebrochen werden kann. Die konkrete Umsetzung jedoch erfolgte unterschiedlich und mit ebenso unterschiedlichem Erfolg, wie ein Blick auf ein paar Länder Lateinamerikas zeigt.
Chile: Nach einer massiven Krise zu Beginn der achtziger Jahre hatte das Andenland seine ganze Wirtschaftspolitik auf eine liberale Basis gestellt. Öffnung der Märkte, frühzeitige Privatisierung wichtiger Bereiche, flexible Arbeitsmarktregelungen, ein konservatives Fiskalgebahren mit Haushaltsüberschüssen und schliesslich eine heute von vielen lateinamerikanischen Staaten kopierte Rentenreform waren die wichtigsten Zutaten eines Sanierungsprogramms, das dem Land während über zehn Jahren hohe Wachstumsraten bescherte. Bei dieser Aufzählung mag man das Stichwort Inflationsbekämpfung vermissen. Tatsächlich genoss dieses keine absolute Priorität. Das allgemein vernünftige Verhalten in den anderen Bereichen genügte für eine stabile Entwicklung. Chiles Erfolgsrezept war die Stetigkeit einer Politik, die das Sparen und Investieren begünstigte. Eine starre Bindung an den Dollar war gar nicht nötig.
Brasilien: 1994 hatte das grösste Land Lateinamerikas mit dem Plano Real einen ähnlichen Weg eingeschlagen wie Argentinien, mit bisher ähnlich guten Ergebnissen bei der Inflationsbekämpfung. Brasilien gab sich eine neue Währung, den Real, dessen Aussenwert zunächst ebenfalls dem amerikanischen Dollar gleichgestellt wurde. Allerdings ging man nicht soweit, eine Parität von 1:1 zu fixieren.
Der Vertrauensschub, den der neue Plan auslöste, bewirkte in einer ersten Phase einen starken Kapitalzufluss aus dem Ausland. Die Nachfrage nach der brasilianischen Währung war so gross, dass der Real zeitweise sogar stärker notierte als der Dollar - was allerdings nichts mehr mit der Leistungsfähigkeit der brasilianischen Wirtschaft zu tun hatte, sondern mit der Erwartungshaltung in- und ausländischer Investoren.
Neuerdings ist das Vertrauen in die brasilianische Währung jedoch etwas angeschlagen. Gewisse Elemente in Brasiliens Wirtschaftspolitik werden als prekär angesehen: die Staatsdefizite sind zu hoch, die Rentenfinanzierung höchst unsicher, und auch im Aussenhandel sind steigende Fehlbeträge zu verzeichnen. Das Parlament scheint nicht bereit zu sein, dies mit dringend notwendigen Reformen zu korrigieren. Das Vertrauen der Investoren ist deshalb im Schwinden begriffen.
Ecuador: Ein solches Vertrauen war in Ecuador gar nie erst gegeben. Und es stellte sich auch nicht ein, als Präsident Bucaram im Dezember 1996 ein Wirtschaftsprogramm ankündigte, das unter anderem eine Anbindung der ecuadorianischen Währung an den Dollar vorsah. Die Ankündigung verpuffte ohne Wirkung, da die vorgesehene Dollarbindung nicht mit klaren Vorgaben in anderen Bereichen gekoppelt war. Zu viel blieb offen, und man traute weder dem exzentrischen Präsidenten noch dem Parlament zu, dass die nötigen Begleitmassnahmen zur Dollarbindung ebenfalls ergriffen würden.
Tatsächlich ist der damalige Plan inzwischen zur Makulatur geworden und Präsident Bucaram nach Panama ins Exil entschwunden. Obwohl seine Absetzung nur bedingt mit seinem Wirtschaftsplan zu tun hatte, zeigt das Beispiel Ecuadors, dass für eine dauerhafte Fixierung eines Wechselkurses nicht nur Selbstdisziplin von Regierung und Parlament erforderlich ist, sondern auch ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass man nicht ewig über seine Verhältnisse leben kann. Überdies wird eine wirtschaftspolitische Rosskur wohl nur dann akzeptiert, wenn die Lage absolut unhaltbar geworden ist - so wie 1991 in Argentinien. Beides war in Ecuador nicht der Fall.
Venezuela: In den Jahren 1994 und 1995 unternahm auch Venezuela den Versuch, mit der Einfrierung des Wechselkurses des Bolivar zum Dollar Wirtschaftspolitik zu machen. Das Vorgehen scheiterte kläglich. Weil in den meisten anderen Bereichen, vorab im überdimensionierten Staatssektor, keine Spur der bitter nötigen Korrekturen zu sehen war, kam es zu einer weitverbreiteten Kapitalflucht und schliesslich zu einer massiven Abwertung.
Einmal mehr zeigte sich, dass der Wechselkurs keine Grösse ist, die per Dekret festgesetzt werden kann, gleichgültig, ob man sich nun an den Dollar oder an eine andere Währung bindet. Der Wechselkurs widerspiegelt zuallererst die Leistung einer Volkswirtschaft. Dabei kann es sich vorübergehend sehr wohl auch um eine erwartete Leistung handeln, denn sonst hätte das 1:1 in Argentinien kaum Bestand haben können.
Es soll allerdings nicht verschwiegen werden, dass das seit 1991 in Argentinien funktionierende Modell nicht nur positive Resultate gezeitigt hat. Die neue Wirtschaftspolitik verursachte eine hohe Arbeitslosigkeit und eine zunehmend ungleichere Einkommensverteilung. Einige Beobachter sind der Meinung, dass dies vor allem dem überbewerteten Peso anzulasten sei: Importe seien wegen der Parität zum Dollar zu billig und Ausfuhren auf den Auslandmärkten nicht konkurrenzfähig. Entsprechend werde im Inland zuwenig produziert und zuviel eingeführt, mit verheerenden Auswirkungen auf die Beschäftigungslage. Diese Kritiker fordern daher eine Abwertung des Pesos.
Niemand möchte jedoch den Ausstieg aus der starren Dollarbindung bereits heute herbeiwünschen oder einen Abwertungssatz quantifizieren. Noch will man der neuen Selbstdisziplin in Argentinien nicht recht trauen, und man fürchtet, dass Änderungen am symbolträchtigen Wechselkurs bald einmal zu einem Rückfall in die alte Wirtschaftspolitik führen könnten. Anders und allgemeingültiger formuliert: Die Bindung an den Dollar ist oft Ausdruck einer Selbstverpflichtung zu vernünftigem Handeln. Erst wenn letzteres lange genug durchgehalten worden ist, kann auf das Disziplinierungsinstrument Dollar verzichtet werden.