NZZ Folio 06/10 - Thema: Die Ärzte   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Verführung auf italienisch

© Fabienne Boldt
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Zwei italienische Parfumeure überraschen positiv. Ihre Düfte sind so, wie sie die Franzosen einst zu komponieren pflegten.

Von Luca Turin

Neulich in Mailand, ich schlenderte ziellos vom Dom aus gegen Westen, vorbei an Peck, dem Inbegriff aller Delikatessenläden, durch stille Gassen mit klingenden Namen von Schwert- und Waffenschmieden, vorbei an einer kleinen Parfumerie, die zur daneben liegenden Apotheke in der Via Spadari 13 gehört. Da ich dem Anblick mir unbekannter Parfumflaschen noch immer nicht widerstehen kann, machte ich kehrt und trat ein.

Der Laden wird von einer eleganten, galanten Dame in den Fünfzigern geführt, die sich ohne Nachnamen einfach als Jelly vorstellt. Mein Blickfang war ein Aufgebot kubischer Flaschen, das sich als Parfumlinie eines ihrer Kunden entpuppte, eines venezianischen Geschäftsmanns und Duftliebhabers namens Scipione Zanella. Eines schönen Tages vor zwei Jahren kam er zum Schluss, dass der Zustand der bestehenden Parfumerie sehr zu wünschen übriglasse. Er war in Signora Jellys Laden getreten, hatte seine Absicht kundgetan, künftig Parfums zu komponieren, und sie gefragt, wonach sein erster Duft riechen solle.

Sie schlug ihm Lindenblüten vor, weil sie fand, der einzige Duft dieser Art, Tilleuil von Orsay, könne Gesellschaft vertragen. Zu ihrer Überraschung erschien Zanella wenige Wochen später mit einem Lindenblütenduft mit dem poetischen Namen F-051. Im Verlauf des folgenden Jahres entwickelte seine Firma Onediffusion neun weitere Düfte, die alle wie Industrieprototypen numeriert sind.

Ich schnupperte an einigen Duftstreifen und war schwer beeindruckt, umso mehr, als Zanella sie offenbar selbst komponiert hat: Es sind souveräne, kraftvolle, reife, lang anhaftende Düfte klassischer Art, eine ausgewogene Mischung aus natürlichen und synthetischen Essenzen, die ansprechend verpackt in der Konzentration eines Eau de parfum verkauft werden. Mein Lieblingsduft ist F-055, eine Kreuzung zwischen Lauders Beautiful und Piguets Fracas, eine buttrige Kamille vor einem fluoreszierenden Hintergrund aus Holz und Rosen.

Durch Zufall fand ich bei meiner Rückkehr in die USA ein Päckchen mit Werken eines weiteren italienischen Parfumeurs, Maria Candida Gentile, vor. Bei diesen Düften, die gnädigerweise Namen statt Nummern tragen, handelt es sich um reiche, warme, bunte, fröhliche Kompositionen, die einen vor Freude lächeln lassen. Signora Gentile scheint sich durch Annäherung Schritt für Schritt von einem Duft zum nächsten vorzuarbeiten, und ihre Düfte weisen eine starke Familienähnlichkeit auf. Im Unterschied zu vielen Firmen strebt sie nicht ein kanonisches Spektrum an, um jedem Kundentyp zu gefallen. Wem die Palette von Histoires de parfums zusagt, sollte ihre Düfte probieren.

Die Tatsache, dass es sich bei beiden um italienische Firmen handelt, ist ein Novum. Die italienische Parfumerie war bisher im Grunde auf vier Genres beschränkt: abgeleitete, gefällige würzig-blumige Düfte in der Nachfolge von Krizias Teatro alla Scala; fett verpackte, überteuerte Pseudoapothekenprodukte wie Villoresi und Santa Maria Novella; verrückte, nebulöse Hippie-Machwerke wie Nasomatto; sowie jede Menge ökologisch unbedenkliche, aber blutlose Mixturen mit handgeschriebenen Etiketten.

Onediffusion und MCG sind weder provinziell noch touristisch, sie machen weder Pferde scheu noch retten sie den Planeten: Es sind ordentlich gemachte Düfte, wie sie die Franzosen zu komponieren pflegten, als ihnen noch etwas daran lag.

Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.



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