NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Die Scham der Opfer

Vergewaltigte Philippinerinnen klagen an.

Von Marites Danguilan Vitug

EIN HALBES JAHRHUNDERT lang bewahrten Maria Rosa Luna Henson, heute 67jährig, und die 71jährige Anastacia Cortez ihr düsteres Geheimnis. Die zwei Philippinerinnen hatten während des Zweiten Weltkriegs Erfahrungen gemacht, die tiefe Narben hinterliessen, doch sie behielten ihre Geschichte aus Scham für sich oder erzählten sie allenfalls im engsten Familienkreis. 1992 brachen die beiden Frauen endlich ihr Schweigen und berichteten der Welt von ihrem Leidensweg, von den Vergewaltigungen durch Angehörige der japanischen Armee. Sie folgten damit dem Aufruf ostasiatischer Frauengruppen, die die Comfort Women, wie man sie nannte, aufgefordert hatten, über ihre Erlebnisse zu sprechen und von den Japanern Entschuldigung und Entschädigung zu verlangen. Maria Rosa Henson und Anastacia Cortez sind zwei von über vierzig dieser Frauen, die inzwischen mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit getreten sind.

Die Bezeichnung Comfort Women leitet sich von den Comfort Stations genannten Einrichtungen her (was sich am ehesten mit «Entspannungshäuser» übersetzen lässt), die während des Zweiten Weltkrieges in den von den Japanern besetzten Ländern meist in unmittelbarer Nähe von Kasernen errichtet wurden und in denen junge Frauen den Angehörigen der japanischen Armee zu Diensten sein mussten. Man zwang sie zur Hausarbeit, aber vor allem wurden sie dort von den Soldaten sexuell missbraucht. Aus Berichten geht hervor, dass Comfort Women bis zu vierzigmal am Tag vergewaltigt wurden. Auf den Philippinen fanden sich Comfort Stations in den Nordprovinzen Pampanga und Cagayan, in den grossen Städten Manila und Baguio und auf den Inseln Aklan, Leyte und Mindanao im Süden.

Viele Jahre lang leugnete Japan eine Beteiligung an den Schandtaten. Noch 1990 behauptete die japanische Regierung im Unterhaus, weder die Regierung noch das Militär habe etwas mit den Comfort Women zu schaffen gehabt; die Comfort Stations seien einzig und allein Sache von Privatpersonen gewesen. Konfrontiert mit Unterlagen aus den eigenen Kriegsarchiven, bekannte sich Japan 1992 dann endlich zu seiner Verantwortung. Unter dem Druck koreanischer Frauengruppen und der koreanischen Regierung wurde gemeinsam vom japanischen Aussen-, vom Verteidigungs- und vom Arbeitsministerium, von der Polizei sowie dem Wohlfahrts- und Erziehungsministerium eine Untersuchung eingeleitet. Im Juli 1992 sprach Kabinettsminister Kato eine offizielle Entschuldigung aus: «Wen auch immer es angeht, welcher Nation sie immer auch angehören, wir entschuldigen uns hiermit aus tiefstem Herzen bei all jenen, die diese unsäglichen Schmerzen und Leiden erdulden mussten.» Die japanische Regierung hatte Unterlagen entdeckt, in denen es um die Auswahl geeigneter «Nachschub-Beschaffer» für die Comfort Houses beziehungsweise die Freistellung von Truppenangehörigen für den Bau neuer oder die Erweiterung bestehender Häuser ging. Auch ein Exemplar der «Comfort House Regulations», einer Art Hausordnung, fand sich, in der unter anderem die Öffnungszeiten und Gebühren festgelegt waren.

Das Phänomen der Comfort Women ist untrennbar mit der japanischen Aggression in den dreissiger und vierziger Jahren verbunden. Schätzungsweise 200 000 asiatische Frauen und Mädchen wurden damals von Angehörigen der Armee sexuell versklavt und missbraucht. Mit dem Ziel, den Imperialismus westlicher Prägung aus dem Feld zu schlagen und - nach dem Motto «Asien den Asiaten!» - eine «gross-ostasiatische Zone gemeinsamen Wohlstands» zu schaffen, überfiel Japan seine ostasiatischen Nachbarn. 1941, auf dem Höhepunkt des Pazifischen Kriegs, stand die kaiserlich-japanische Armee mit 43 000 Mann auf den Philippinen und bereitete 80 000 philippinischen und amerikanischen Soldaten eine vernichtende Niederlage.

«Mit der Besetzung der Philippinen», heisst es in einer von Anwälten der Comfort Women bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen eingereichten Petition, «ging die sexuelle Unterwerfung philippinischer Frauen einher. Unter dem Vorwand, die Moral der Truppe zu heben und den Soldaten Erholung zu verschaffen, begann eine Entführungs- und Vergewaltigungswelle, die während der ganzen Besetzungszeit fortdauerte. Zwischen 1941 und 1945 entführten japanische Soldaten unzählige philippinische Frauen - meist junge Mädchen unter zwanzig - und machten sie sexuell zu Sklaven.» MARIA ROSA LUNA HENSON wurde erstmals mit vierzehn von japanischen Soldaten vergewaltigt. An einem Vormittag im März 1942 war sie dabei, Brennholz zu sammeln, als zwei japanische Soldaten sie packten und sich an ihr vergingen. «Es tat sehr weh», sagt sie, «ich blutete und konnte nicht mehr stehen.»

Nach Stunden fand sie Hilfe auf einem Bauernhof in der Nähe. Als sie wieder gehen konnte, lief sie zu ihrer Mutter und erzählte ihr weinend, was geschehen war. «Sie versuchte, mich zu beruhigen, und sagte, ich hätte Glück gehabt, dass die Soldaten mich nicht umgebracht hatten. Sie riet mir, niemandem etwas zu sagen und den Vorfall zu verschweigen. Ich dachte, es würde nicht wieder passieren.»

Doch hier irrte sich Maria Rosa Henson, denn nur Wochen später wurde sie erneut von einem Soldaten vergewaltigt.

Daraufhin verliessen Maria Rosa und ihre Mutter die Gegend und zogen in die Provinz Pampanga, in die Heimat der Eltern. Dort schloss sich Maria Rosa der Guerillabewegung an («wahrscheinlich aus Hass und Wut auf meine Vergewaltiger»). Ihre Aufgabe war es, für die Guerilleros Lebensmittel, Medikamente und Kleidung zu beschaffen.

1943 erhielt Maria Rosa den Auftrag, zusammen mit zwei Kameraden Munition zu einem Dorf in der Provinz Pampanga zu bringen. Sie reisten in einem Karren, der von einem Wasserbüffel gezogen wurde; die Gewehre und Granaten waren in Säcken mit getrocknetem Mais versteckt. Unterwegs kamen sie an einen japanischen Kontrollposten. Die Männer durften passieren, Maria Rosa aber wurde in ein ehemaliges Krankenhaus gebracht, das sich als Comfort Station herausstellen sollte. Drei Monate hielt man sie dort fest und zwang sie zum Geschlechtsverkehr mit japanischen Soldaten. Sie berichtet: «Manchmal vergingen sich hintereinander bis zu zwölf Soldaten an mir, fast jede Minute einer . . .» Nach Maria Rosas Erinnerung befanden sich dort ausser ihr noch sechs Frauen.

Nach drei Monaten verlegte man die Frauen an einen neuen Ort, wo sie die gleichen bitteren Erfahrungen machten. Einmal hatte Maria Rosa hohes Fieber, was die japanischen Soldaten aber an nichts hinderte. «Sie schlugen mit einem Bajonett auf mich ein, weil sie glaubten, dass ich mich nur verstelle.» Sie blutete, und schliesslich holte man einen Arzt. Sie hörte den Arzt sagen, dass sie eine Fehlgeburt gehabt habe. Maria Rosa hatte ein Kind verloren.

Schliesslich wurde sie von den Guerilleros befreit. Nach dem Krieg versuchte sie, ein normales Leben zu führen. Sie fand Arbeit in einer Fabrik. Doch die Vergangenheit liess sie nicht los: «Ich konnte nicht vergessen, was mir die japanischen Soldaten angetan haben. Immer wieder habe ich davon geträumt, immer wieder habe ich meine Erlebnisse aufgeschrieben, das beschriebene Papier aber weggeworfen.»

Nur zwei Menschen wussten von ihrem Leid: ihre Mutter und später ihr Mann. Beide haben stets zu ihr gehalten und ihr Kraft gegeben. Den Kindern erzählte sie ihre Geschichte erst, als sie sich 1992 entschloss, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. «Ich tat es, um die unmenschliche Behandlung durch die japanischen Soldaten anzuprangern. Wir brauchen uns nicht zu schämen. Was uns geschah, ist nicht unsere Schuld. Es darf nie wieder geschehen.» Seit sie sich über ihre Vergangenheit hat aussprechen können, geht es ihr besser. ANASTACIA CORTES hatte ein ähnliches Schicksal. Eines Nachts im Jahre 1943 - Anastacia war achtzehn und mit einem Soldaten der philippinischen Armee verheiratet - stürmten japanische Truppen ihr Haus und nahmen sie und ihren Mann gefangen. Während ihr Mann gefesselt wurde, hieb sie mit einem Bleirohr auf einen der Japaner ein. Der Japaner trat nach ihr und schlug ihrem Mann das Bajonett über den Kopf. Man brachte das Ehepaar in eine japanische Garnison, wo Anastacia die Folterung ihres Mannes mitansehen musste. Man zog ihn nackt aus, hängte ihn an den Füssen auf und schabte ihm mit einer Rasierklinge Haar und Kopfhaut ab. Blut rann ihm übers Gesicht. Man presste seine Hände in Stahlzwingen, schraubte so fest zu, dass die Knochen brachen, und riss ihm die Fingernägel einzeln aus. All das geschah vor Anastacias Augen. Sie und ihr Mann wurden dann in getrennten Zellen untergebracht. Später erfuhr sie, dass die Japaner ihren Mann und andere Gefangene ermordet hatten.

Dann begann ihr eigener Leidensweg. Während ihrer Gefangenschaft wurde sie stets von neuem von japanischen Soldaten vergewaltigt, immer wieder. Fünf Monate lang. Schliesslich erwirkte ein Priester ihre Freilassung. Nach der Freilassung stellte Anastacia fest, dass sie schwanger war; wer der Vater des Kindes war, wusste sie nicht. Aus Scham kehrte sie nicht ins Haus ihrer Schwiegermutter zurück und suchte sich Arbeit in einem Restaurant. Eines Tages betrat ein japanischer Soldat das Lokal, den sie als einen ihrer Schänder wiedererkannte. Sie lief voller Angst auf die Strasse und bat einen Polizisten um Hilfe; dieser Polizist wurde ihr zweiter Mann. Die beiden haben - einschliesslich jenes, das Anastacia in japanischer Gefangenschaft empfangen hatte - zusammen sechs Kinder grossgezogen.

«Ich hatte Angst davor, über meine Vergangenheit zu reden. Ich schämte mich. Ich dachte, die anderen Menschen könnten vielleicht nicht nachempfinden, was ich durchgemacht habe. Ich habe meine Erlebnisse in einem Schreibheft festgehalten und wollte sie eigentlich einem Rundfunksender anbieten. Doch dann hatte ich Angst vor Anfeindungen», sagt sie.

Anastacia nahm ihre Erinnerungen Nacht für Nacht mit in den Schlaf.

Nachdem Maria Rosa als erste der Comfort Women sich an die Öffentlichkeit gewagt hatte und im Fernsehen aufgetreten war, fasste auch Anastacia Mut und erzählte ihre Geschichte. Am Vorabend hatte sie sich mit ihren Kindern zusammengesetzt, ihnen ihr Geheimnis enthüllt und Verständnis bei ihnen gefunden. Sie hatte zuvor schon ein paarmal Andeutungen gemacht, die aber ihre Kinder nicht recht ernst nehmen wollten. Sie dachten, die Mutter erzähle Märchen.

Anastacia schämt sich nicht mehr, dass andere um ihre Vergangenheit wissen. «Ich bin alt. Warum soll ich nicht die Wahrheit sagen?» NACHDEM DIE COMFORT WOMEN sich zusammengetan hatten und an die Öffentlichkeit getreten waren, bemühten sich philippinische Frauengruppen und Anwälte gemeinsam, ihnen zu helfen. Im September 1993 erhoben 44 philippinische Comfort Women Klage beim Bezirksgericht von Tokio und forderten die japanische Regierung auf, die im Zweiten Weltkrieg an ihnen begangenen Verbrechen zuzugeben, sich zu entschuldigen und Entschädigungszahlungen zu leisten. Grundlage für diese Forderung war die Haager Konvention, die Kriegsverbrechen unter Strafe stellt.

In der Haager Friedenskonferenz von 1907 waren Regeln zum Schutz der Zivilbevölkerung in besetzten Gebieten aufgestellt worden, und Japan hatte die Konvention im Jahre 1912 ratifiziert. Artikel 48 der Konvention legt fest, dass der Ruf und die Rechte der Familie zu schützen und die Grundrechte des Menschen unantastbar seien. Ferner heisst es, dass «eine kriegführende Nation, die gegen diese Festlegungen verstösst, eine Entschädigung zu zahlen hat. Sie trägt die Verantwortung für alle von den Angehörigen ihrer Streitkräfte begangenen Handlungen.» Dieser Abschnitt der Haager Konvention wird von den Anwälten der Comfort Women auf den Philippinen so ausgelegt, dass Japan den Vergewaltigungsopfern der kaiserlich-japanischen Armee in den besetzten Gebieten Entschädigung zahlen muss.

Die Anwälte zitieren auch die Genfer Konvention von 1949 über den Schutz der Zivilbevölkerung und namentlich die Verpflichtung, Frauen vor einer Beeinträchtigung ihres Rufes, besonders durch Vergewaltigung, erzwungene Prostitution und Obszönitäten aller Art, zu bewahren. «Der Prozess soll alle Nationen daran erinnern, dass die sexuelle Gewalt an Frauen rechtlich geahndet wird», sagt man im Arbeitskreis für philippinische Comfort Women, zu dem sich eine Reihe von Frauengruppen zusammengeschlossen haben.

Zusätzlich zu dem von ihnen angestrengten Prozess erhoben die philippinischen Comfort Women bei der UN-Kommission für Menschenrechte im Oktober 1993 Klage gegen die japanische Regierung. Dieses Gremium hat keine Befugnis, einen Staat zur Zahlung finanzieller Entschädigungen zu zwingen. Es kann aber, so sieht es Romeo Capulong vom Public Interest Law Center auf den Philippinen, einer der Anwälte der Comfort Women, Druck auf die japanische Regierung ausüben und sie zu Gesprächen und Verhandlungen mit den Opfern bewegen. Man will erreichen, dass die UN-Kommission für Menschenrechte die Fälle untersucht.

Der damalige japanische Premierminister Miyazawa entschuldigte sich offiziell bei den philippinischen Comfort Women. Nach Ansicht der japanischen Regierung war die Entschädigungsfrage aber schon mit dem Abkommen von San Franciso aus dem Jahre 1952 geregelt worden. Entschädigungen wurden vom japanischen Staat bisher grundsätzlich nicht gezahlt. «Die Frage ist für uns aber nicht ein für allemal abgetan», sagt Hasato Takaoka, Leiter der politischen Sektion der japanischen Botschaft in Manila. «Wir wollen aber den Ausgang des Prozesses abwarten.»

Im August 1994 stellte der japanische Premierminister Tomiichi Murayama ein mit zehn Milliarden Dollar finanziertes Zehnjahresprogramm zur Aufarbeitung von Problemen aus der Kriegszeit in Aussicht. Unter der Bezeichnung «Initiative für Frieden, Freundschaft und Austausch» sind namentlich die Untersuchung der japanischen Kriegsgeschichte vorgesehen sowie die Förderung des Studentenaustausches im ostasiatischen Raum. Ziel des Studien- und Austauschprogramms ist es laut Takaoka, «die Kontakte zwischen Japan und den vom Krieg betroffenen Ländern zu fördern, sich die eigene Geschichte bewusst zu machen, sie aufzuarbeiten - und aus dieser Geschichte zu lernen».

Im Rahmen dieses Programms ist auch die Errichtung eines Fonds vorgesehen, aus dem Opfern wie den Comfort Women Schmerzensgeld gezahlt werden könnte. Der Fonds geht auf eine private Initiative zurück und wird von den politischen Parteien gestützt. Die Mittel für dieses Projekt sollen ab April fliessen. Im Unterhaus, wo das Budget vorberaten wurde, hat es die nötige Unterstützung gefunden.

Marites Danguilan Vitug ist Korrespondentin von «Newsweek»; sie lebt in Rizal, Philippinen.


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