DIE TAUFLIEGE wird gut einen Monat alt, ein Regenwurm 10 Jahre. Für die Erdkröte beträgt das Höchstalter 40 und für die Flussperlmuschel sogar 100 Jahre. Methusaleme finden sich unter den verschiedensten Tierarten. So soll es der Stör bis auf 150 Jahre bringen; für den Kakadu werden 100 Jahre als maximales Alter genannt. Ebenfalls bis zu 100 Jahre alt werden bei den Säugetieren der Esel und die Wale. Langlebigster Säuger ist allerdings der Mensch: 1986 verstarb der Japaner Shigechiyo Izumi im Alter von 120 Jahren. Es geht die Sage, Papageien und Schildkröten könnten mehrere hundert Jahre alt werden. Dokumentiert sind jedoch als Altersrekord nur die 156 Jahre einer Seychellen-Riesenschildkröte.
So eindrücklich solche Höchstalter sein mögen, in der freien Natur erreichen die meisten Tiere nicht annähernd ihr Maximalalter. Krankheit, Hunger und die scharfen Zähne der Feinde beenden das Tierleben in der Regel früh. Und es ist noch kein Jahrhundert her, als auch für den im Prinzip langlebigsten Säuger die durchschnittliche Lebenserwartung weniger als 50 Jahre war. Bessere Hygiene und medizinischer Fortschritt lassen jetzt Homo sapiens in den Industrieländern im Durchschnitt doch zwischen 70 und 80 Jahre alt werden. Ähnlich profitabel ist der Schutz vor Krankheit und Gefahr auch für die Haus- und Zootiere, denn sie leben in menschlicher Obhut zwei- bis dreimal länger als die Artgenossen in freier Wildbahn. Ob das inszenierte Dasein die Veteranen nun glücklicher macht, ist eine andere Frage. Denn natürliches Ziel jedes Lebens ist das Weitervererben der eigenen Gene - alles, was nach der Hochzeit kommt, ist Dreingabe. In dieser Hinsicht ihren Lebenszyklus optimiert haben die Pazifischen Lachse, die nach jahrelanger Wanderschaft im Meer nur zum heimatlichen Flussbett zurückkehren, um dort nach fulminantem Laichgeschäft zu sterben.
Bei aller Zufälligkeit der Lebensspanne des Individuums zeigen doch die Beobachtungen ein potentielles Höchstalter, das für die jeweilige Tierart spezifisch ist. Vergleicht man die Höchstalter der Säugetiere miteinander, ergeben sich erstaunliche Zusammenhänge: Je grösser die Tierart, desto älter wird sie. Mit wachsender Körpergrösse aber kleiner wird die Stoffwechselrate (der gesamte Energieumsatz geteilt durch die Körpermasse), denn das Verhältnis Körperoberfläche zu Körpervolumen (und damit der Wärmeverlust) verringert sich mit wachsender Körpergrösse. Multipliziert man nun diese Stoffwechselrate mit dem maximalen Lebensalter, ergibt sich für die meisten Säugetiere, von der Maus bis zum Elefanten, die gleiche Zahl von etwa 220 Kilokalorien pro Gramm. Es ist, wie wenn jede Tierart dasselbe Kapital an «Lebensfeuer» zur Verfügung hätte - lebt das Tier körperlich intensiver, ist das Guthaben schneller verbraucht.
Solches zeigt sich auch im unterschiedlichen Rhythmus von Puls und Herzschlag. Schlägt das Mausherz pro Minute 500mal (ohne Katze in der Nähe), tickt es bei der Kuh noch 50- und beim Wal 15mal. Und alle Säuger nehmen pro vier Herzschläge einen Atemzug. Hochgerechnet auf die maximale Lebensdauer, ergeben sich wiederum verblüffend konstante Gesamtbilanzen von 200 Millionen Atemzügen und 800 Millionen Herzschlägen, bis die Lebensuhr des Säugetiers abgelaufen ist. Wenn der Leser jetzt nachrechnet und mit Schrecken feststellt, dass er eigentlich schon lange tot sein müsste, kann ihn der Hinweis beruhigen, dass der Mensch mit seinem Maximalalter von 120 Jahren massiv aus der Reihe tanzt: Körpergrösse wie Stoffwechselrate sollten ihn im Säugervergleich höchstens 40 bis 50 Jahre alt werden lassen. Der dem Menschen genetisch (und mit kleinen Abweichungen auch physiologisch) sehr ähnliche Schimpanse wird tatsächlich kaum älter als 50. Wie es unsere Vorfahren im Laufe der letzten paar 100 000 Jahre geschafft haben, die maximale Lebensspanne derart stark zu erweitern, ist eine noch offene Frage. Sie dürfte mit dem Trend zusammenhängen, die körperliche Entwicklung zu verzögern, um länger jugendlich und somit lern- und anpassungsfähig zu bleiben.
Wir haben uns daran gewöhnt, die Zeit als ein absolutes Mass zu nehmen. Die unterschiedliche Lebensspanne der Tierarten lässt aber an verschieden schnelle biologische Uhren denken. Betrachtet man die einzelnen Abschnitte im Leben der Tiere, sind sie entsprechend der maximalen Lebensdauer proportioniert. So durchläuft der Zebrafink seine embryonale Phase in neun Tagen, während der Königsalbatros dafür 90 Tage braucht. Man kann spekulieren, dass der Maus ihr hurtiges Erdendasein gleich lang vorkommt wie dem Flusspferd seine gedehnte Behäbigkeit. Die sensationelle Entdeckung, dass Buckelwale Lieder singen mit einer Gesamtlänge von über einer halben Stunde, jedoch ein Vogellied weniger als eine Minute dauert, könnte Ausdruck eines entsprechend unterschiedlich schnellen Lebens und Erlebens sein.
Es besteht kein Zweifel, dass die unterschiedlich lange maximale Lebenszeit der Tierarten genetisch programmiert ist. Wie der Körper nun aber sein Altern steuert, ist noch weitgehend ein Rätsel. Die Molekularbiologen haben sich grosse Mühe gegeben, einzelne Gene zu finden, die den Tod des Individuums programmieren. Die Suche war bisher wenig erfolgreich. Zwar gelang es etwa beim Fadenwurm Caenorhabditis elegans, durch künstliche Mutation eines einzigen Gens die durchschnittliche Lebenszeit um 70 Prozent zu erhöhen; die weiteren Untersuchungen wiesen aber eher auf eine indirekte Lebensverlängerung durch Verminderung von Stoffwechselschäden hin.
Heute wird von der Wissenschaft die Hypothese favorisiert, dass die Lebensspanne vor allem durch eine kumulierte Schädigung der Organe definiert wird. Sensibelster Ort scheinen die Mitochondrien zu sein, Mikroteilchen im Zellinnern, die durch Oxidation der Nährstoffe Energie für die biologischen Prozesse liefern. Bei solcher Energieproduktion entstehen als Nebenprodukte freie Sauerstoffradikale wie Superoxid und Wasserstoffperoxid - aggressive Chemikalien, welche die Erbsubstanz der Mitochondrien und weitere Zellteile angreifen. Man vermutet, dass auch beim Menschen Altersbeschwerden wie Parkinson und Alzheimer auf das Konto solcher Mitochondrienschäden gehen.
Natürlich hat der Körper gegen die schädlichen Radikale als Abwehr spezielle Enzyme, sogenannte Antioxidantien, entwickelt. Mit fortschreitendem Alter wird aber die Produktion der schützenden Enzyme geringer. Da die mittlerweile schadhaft gewordenen Mitochondrien ausserdem zusätzliche Mengen freier Radikale liefern, kumulieren die Zellschäden, bis der Organismus schliesslich kapituliert. Untersuchungen an besonders langlebigen Zuchtfliegen haben gezeigt, dass diese über eine ungewöhnlich aktive Version des antioxidativen Enzyms Superoxid-Dismutase verfügen.
Liesse sich nun nicht Leben verlängern, indem man die Aktivität der Mitochondrien und somit die Produktion der zerstörerischen freien Radikale drosselt? Bereits vor sechzig Jahren setzten Forscher einen Tierorganismus auf Sparflamme, indem sie Ratten mit einer stark kalorienreduzierten Diät fütterten: Die Tiere erreichten ein um ein Drittel höheres Maximalalter. Mittlerweile haben Versuche an so verschiedenen Spezies wie Einzellern, Wasserflöhen, Spinnen und Fischen gezeigt, dass kalorienarme Ernährung das maximale Lebensalter um bis zu 90 Prozent verlängern kann, wobei allerdings die für einen gesunden Stoffwechsel nötigen Nährstoffe, Vitamine und Mineralien vorhanden sein müssen. Wie die Versuche an Mäusen und Ratten zeigten, bewirkt ausgewogene Schmalkost nicht nur eine markante Lebensverlängerung, sondern auch einen wesentlich verzögerten Verlauf der altersbedingten Veränderungen von Parametern wie Blutzuckerspiegel, Fortpflanzungskapazität, Lernfähigkeit, Immunfunktion sowie der Produktion freier Radikale in den Mitochondrien. Entsprechend verzögert treten Alterskrankheiten wie Krebs, grauer Star, Diabetes und Nierenversagen auf.
In Amerika werden seit 1987 versuchsweise Affen mit etwa 30 Prozent weniger Kalorien als üblich gefüttert. Die bisherigen Resultate deuten auf eine ähnlich vorteilhafte körperliche Entwicklung hin wie bei den Nagern. Es lässt sich vermuten, dass auch der menschliche Organismus von solchem metabolischen Spargang profitieren könnte. Einen Hinweis liefern die Bewohner der japanischen Insel Okinawa. Dort leben die Leute mit einer recht kärglichen, aber relativ ausgewogenen Nahrung: Der Anteil der Hundertjährigen ist bis zu 40mal höher als auf den andern japanischen Inseln.