WAS DER VERHALTENSFORSCHER Irenäus Eibl-Eibesfeldt im Jahre 1954 auf Galápagos beobachtete, versetzte sogar ihn als routinierten Zoologen in Erstaunen. Beim Tauchen in einem Korallenriff machte er neben einem Felsblock Pause. Ein mächtiger Zackenbarsch ruderte aus der dunklen Tiefe herauf und blieb über dem Felsen stehen. Er sperrte das Maul weit auf, als müsste er gähnen, spreizte gleichzeitig die Kiemendeckel ab und verharrte regungslos. Darauf tänzelten zwei schlanke Lippfische daher, die Körperseiten mit auffallendem Streifenmuster geschmückt. Zur Verblüffung des Forschers schwammen die Zwerge dem Raubfisch schnurstracks ins Maul. Sie knabberten am Dach der Mundhöhle herum und stocherten zwischen den spitzen Zähnen nach Speiseresten. Dann schlüpften sie in die Kiemenöffnungen, putzten dort die Wände, befreiten nachher die Aussenhaut von winzigen Krebschen und kehrten für eine Nachsäuberung in den Schlund zurück. Plötzlich schloss der Barsch das grosse Maul - der Beobachter glaubte die Putzequipe verloren. Doch die Klappe ging umgehend wieder auf, und die kleinen Helfer verliessen ungeschoren den heiklen Arbeitsort. Mit einem Kopfschütteln signalisierte der Raubfisch das Ende der Kooperation.
Kaum war der Zackenbarsch im Riff verschwunden, schwebte schon ein zweiter vor den jetzt wieder auf und ab wippenden Lippfischen. Die Reinigungsmannschaft machte sich erneut an die Arbeit.
Was Eibl-Eibesfeldt auf Galápagos sah, war die Allianz zweier höchst unterschiedlicher Partner: Die Raubfische werden von lästigen Parasiten befreit; die Lippfische finden beim Putzdienst ihre Nahrung. Mittlerweile ist diese Symbiose vielerorts in den Weltmeeren beobachtet worden, wobei jeweils ganz bestimmte Stellen in den Riffen als Beauty-Corner fungieren. Die Kundschaft umfasst vom Hai bis zu den Schmetterlingsfischen fast die gesamte Vielfalt der Riffbewohner. «Wir beobachteten, dass sich an solchen Putzerstationen die Fische gelegentlich geradezu drängten. Dicklippen, Barsche, Seebader und viele andere warteten darauf, an die Reihe zu kommen. Und so unverträglich sie an anderen Orten waren, so friedfertig verhielten sie sich hier. Die Putzerstation war gewissermassen Allgemeinbesitz und damit neutraler Grund», fasst Eibl-Eibesfeldt seine Erfahrungen zusammen.
Heute kennt man um die fünfzig Arten von kleinen Fischen, die im Korallenriff grosse Fische putzen. Besonders tüchtig zeigt sich dabei die Meerschwalbe, eine Lippfischart aus dem Indopazifik - sie fertigt innert sechs Stunden bis zu 300 Fische ab.
Damit der Räuber den kleinen Helfer nicht als Beute sieht, braucht es Kommunikation. Die Lippfische bringen den Raubfisch mit tänzelnden Bewegungen und mit ihrem Streifenmuster einerseits dazu, zahm zu sein. Das regungslose Verharren mit weit offenem Maul und gespreizten Kiemendeckeln signalisiert andrerseits dem Putzerfisch die friedliche Absicht des Riesen. Mit dem symbolischen Zuklappen des Mauls und dem Kopfschütteln markiert der Raubfisch schliesslich das Ende der temporären Zusammenarbeit.
Solch gegenseitiges Verstehen über die «Sprachgrenze» der einzelnen Tierart hinaus ist wohl das Resultat eines langen Lernprozesses im Laufe der Evolution. Die Symbiose zwischen Räuber und potentiellem Opfer konnte sich nur etablieren, weil beide Seiten den spezifischen Signalen vertrauen konnten.
Aber wie so oft in der Natur stört auch hier ein Falschspieler das traute Miteinander. Getarnt mit der blau-schwarzen «Putzertracht» der Meerschwalbe und gleich wippend schwimmend wie diese, nähert sich der Säbelzahn-Schleimfisch Aspidontus taeniatus den grossen Fischen. Während diese nun brav Maul und Kiemen für die Behandlung öffnen, stösst der Giftzwerg blitzschnell zu und reisst den Überraschten Haut- und Flossenteile vom Leib.
Subtiles Zusammenleben trotz potentiell gefährlicher Ausrüstung pflegen Fische auch mit gewissen Korallen. Die Seeanemonen sind polypenartige Korallen, die mit einer Fussscheibe am Riff festkleben. Oben am zylinderförmigen, hohlen Körper, sitzt ein Mund, umgeben von einem dichten Kranz fleischiger Tentakel. Die in der Strömung sich schlängelnden Fangarme tragen Nesselzellen. Berührt ein Fisch die Anemone, schiesst sie aus diesen Nesselzellen Tausende Giftkapseln wie Pfeile ab und lähmt das Opfer. Worauf die Tentakel die Beute packen und in den Schlund schieben. Sehr starke Fermente zerlegen die Beute im Magen. Nach kurzer Zeit spuckt der Polyp die unverdaulichen Reste wieder aus.
Ebenfalls im Korallenriff leben die Anemonenfische, kleine Vertreter der Familie der Riffbarsche. Das bunte Kleid mit weissen Querbinden und ihr lebhaftes Gehabe haben ihnen die Bezeichnung «Clownfische» eingetragen. Sie pflegen enge Körpergemeinschaft mit den Seeanemonen, ja sie kuscheln sich geradezu in deren giftige Fangarme. Die Fischchen halten sich immer in der Nähe der gleichen Seeanemone auf. Bei Gefahr ziehen sie sich sofort in den Schutz des Nesselwaldes zurück. Sie schlafen auch dort. Als Gegenleistung säubern sie die Anemone von totem Gewebe, Nahrungsresten und Sand und bringen ihr gelegentlich einen Futterbrocken nach Hause.
Die Anemonenfische verteidigen ihre Schutzgenossin ausserdem gegen jene Fische, denen das Nesselgift nicht viel auszumachen scheint. Es gibt Arten von Schmetterlingsfischen, die unbekümmert Seeanemonen verspeisen. Gerät ein Anemonenfresser aber an ein Exemplar mit Untermieter, wird er von diesem sofort attackiert und in die Flucht geschlagen.
Die Anemonenfische sind auf Gedeih und Verderb mit ihrer Seeanemone liiert. Männchen und Weibchen bleiben jahrelang als monogames Paar auf der Anemone zusammen; die Eier werden am Fuss der Koralle gelegt. Stirbt die Anemone, fallen die schutzlosen Gäste innert Kürze den Raubfischen zum Opfer.
Auf die Frage, warum sich der Anemonenfisch unbeschadet im Nesselwald aufhalten kann, während andere Fische vergleichbarer Grösse durch das Gift umkommen, wussten die Biologen lange keine Antwort. Schliesslich entdeckten sie, dass die Anemone aus Hautdrüsen einen Schleim absondert, der die Nesselzellen am Schiessen hindert und somit das Tier vor Selbstzerstörung schützt, wenn sich die Tentakel gegenseitig berühren. Junge Anemonenfische scheinen das Schutzsekret direkt von der Anemone zu übernehmen, indem sie durch sachte Flossenbewegung ein paar wenige Tentakel ganz sanft touchieren. Der Fisch frischt die Schutzschicht durch den engen Kontakt mit der Anemone laufend auf.
Die Seeanemone als persönlichen Schutzschild nutzen noch andere Bewohner des Korallenriffs. Einsiedlerkrebse schieben ihren weichen Hinterleib in die Öffnung verlassener Schneckenhäuser und ziehen mit diesem mobilen Unterstand durch die Unterwasserwelt. Droht Gefahr, verkriechen sie sich ganz im Schneckenhaus und schützen den Eingang mit ihren Scheren, wie sich Boxer mit dicken Handschuhen den Gegner vom Leibe halten. Trotzdem fallen Einsiedlerkrebse gefrässigen Fischen zum Opfer; Tintenfischen schmecken die Krebse besonders gut. Nicht aber die Anemoneneinsiedler. Sie tragen nämlich auf dem Schneckenhaus zusätzlich eine Mantelaktinie, eine Seeanemonenart. Wo immer dieser Einsiedlerkrebs mit seinem wehrhaften Federbusch auftaucht, verdrücken sich allfällige Räuber.
Die Initiative für die Zweckgemeinschaft scheint hier von der Anemone auszugehen. Sie tastet sich als noch junges Tier mit der Fussscheibe an ein Schneckenhaus heran, das von einem ebenfalls jungen Krebs bewohnt wird. Dann heftet sie sich mit klebrigen Absonderungen an die kalkige Unterlage und bleibt fortan mit ihrem ungleichen Partner zusammen. Ihre Fussscheibe vergrössert sich im Laufe der Zeit und packt das ganze Schneckenhaus ein. Aber auch der Krebs wächst. Dabei wird der Kalk des Schneckenhauses aufgelöst - die Krebswohnung besteht schliesslich nur noch aus der verhornten Fussscheibe der Anemone, die sich wie ein Mantel um den Krebskörper legt. Der Krebs kann sich jetzt nicht mehr vollständig in das Gehäuse zurückziehen; die Mantelaktinie mit ihrem wogenden Tentakelkranz bietet jedoch besten Schutz. So verzichten selbst Kraken nach kurzem Rencontre mit der Giftspritze auf den Leckerbissen in der Röhre. Und was hat die Anemone von ihrem Krebs? Sie hält die Mundöffnung dicht neben den Mund des Geschäftspartners. Und wann immer dieser frisst, fällt auch für sie etwas Futter ab.
Eine Krabbe im Indischen Ozean setzt noch viel direkter auf die Wehrhaftigkeit der Anemonen. Sie trägt auf jeder Schere eine und stösst einem Angreifer die Giftwaffe gleich ins Gesicht. Die Krabbe hat sich so sehr an diesen Schutz gewöhnt, dass ihre Scheren die sonst übliche Kraft verloren haben: Sie kann Beutetiere nur noch unter Zuhilfenahme der Beine zerlegen.