WÄRE VINTON CERF für Artensterben, Arbeitslosenraten, Bevölkerungsstatistik oder Seuchenforschung zuständig, würde sich Jenö Groller vor seinen Statistiken fürchten. Aber Cerf ist Präsident der Internet Society, und seine Zahlen sind eine Frohbotschaft. Er geht davon aus, dass bis zum Ende des Jahrtausends 300 Millionen Menschen an das Internet angeschlossen sein werden. Weltweit mutieren jeden Monat zwei Millionen Erdenbewohner zu Netizens, wie sich die Bewohner des real existierenden Cyberspace nennen. Das würde bedeuten, dass jede Sekunde ein Newbie Installationsdisketten in den Computer schiebt und, wenn er Glück hat, die goldenen Worte vom Bildschirm liest: «Host contacted. Waiting for reply.»
Jenö Groller ist Teilnehmer einer weltumspannenden Massenbewegung, die man nicht sieht. Sie besetzt keine Strassen und Plätze, kennt keine Wimpel und keine Tracht. Weder fegt die Informationsrevolution in einem bunten Kehraus überkommene Bräuche und Sitten fort, noch kristallisiert sie im täglichen Leben neue aus. Sie ist unsichtbar, weil sie in den Köpfen stattfindet. PPP, Login, WWW, FTP, POP3, http, IP, DNS, URL, Usenet, Netiquette, Chat - mit solchen Worten beginnt das neue Leben. Es sind komplexe, mit vielerlei Bedeutung aufgeladene Vokabeln, wie sie in alten, lange ausgestorbenen Sprachen vermutet werden, als die Spezies mit Schnalz- und Klacklauten ausdrückte, was es zu sagen gab.
Netizen wird man durch Kommunikation, durch Fragen und Antworten, durch trial and error. In alten Tagen musste man mit rätselhaften Kommandos von Rechner zu Rechner springen, was einer Weltreise durch die Kanalisation gleichkam. Jenö Groller hatte es da schon leichter. Er lernte zunächst, sein E-Mail-Programm zu verstehen. Er bekam naturgemäss besonders schnell mit, dass die Postmaster des Internet Umlaute, aber auch das scharfe ß nicht zustellen. Wer vom deutschen Zeichensatz partout nicht lassen kann, beschert dem Empf¥¿nger rasch hingeworfener Texte Verstº?mmeltes. Bedenkt man, vor welchen Ausdrucksschwierigkeiten Singhalesen, Cherokees oder Japaner stehen, wenn sie einmal rasch eine E-Mail in ihrer Muttersprache um die Welt schicken wollten, ist der Tribut vergleichsweise gering.
Natürlich lässt sich alles machen. Es gibt Mime, damit kann man sogar gesungene Briefe zustellen, einen gewissen Aufwand vorausgesetzt. Die International Organisation for Standardization beschloss schon 1993 eine «Unicode» genannte Spezifikation, mit der jeder Sprache und jeder Schrift umfassende elektronische Repräsentation garantiert wird. Doch bis es Software gibt, die diese neue Errungenschaft implementiert hat, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Historisch ist das gerecht, denn die Amerikaner, deren Ascii-Code den sichersten Weg bietet, um Gedanken in eine Internet-gefällige Fasson zu bringen, haben das Netz schliesslich erfunden. 70 Prozent aller abrufbaren Dokumente liegen auf Festplatten in den USA. Die wichtigsten Werkzeuge zum Gebrauch des Internet haben englische Gebrauchsanweisungen. Aber auch wenn sie deutsch wären: Immer ist da irgendwo ein kleiner Button, auf den zu drücken man im ersten Jahr vergisst.
Just, als sich Jenö Groller tüchtig genug fühlte, die erste Mailing-List zu abonnieren, vergass er, die Option confirm reading auszuschalten. Das führte zu dem barocken Effekt, dass Tausende von Menschen in aller Welt davon in Kenntnis gesetzt wurden, wenn Herr Groller bestimmte Briefe öffnete. Die Post, die er in der Folge bekam, bereicherte seinen englischen Wortschatz um bemerkenswert scharfzüngige Varianten. Sein Programm meldete brav, dass er auch sie gelesen hatte.
Gott sei Dank war es 1995 nahezu unmöglich, keine Informationen über das Internet zu bekommen. «Year of the Internet», titelte «Newsweek». Man konnte auf gut Glück am Kiosk eine Zeitschrift hervorholen, irgendein Artikel über das Internet fand sich immer. Jenö Groller kaufte alle. Nachdem er fünfzig Vokabeln erlernt hatte, galt er als uneinholbar kompetent. «Verdammt, ich habe mir die proxis immer noch nicht eingetragen.» - «Wenn die nicht bald ihre URLs ordentlich posten, werden sie geflamt.» - «Archie liebt Veronica.» Mit Sätzen wie diesen verzückt er heute seine Umgebung.
Stellen wir uns Jenö Groller als Normalverbraucher der Informationsrevolution vor, als den freundlichen Sansculotten von nebenan. Er wäre dann, neuesten demoskopischen Erkenntnissen zufolge, nicht älter als dreissig Jahre, gut ausgebildet, politisch korrekt und verfügte über ein solides Bankkonto. Er könnte in den achtziger Jahren zu jenen Jugendlichen gehört haben, die der kanadische Science-fiction-Autor William Gibson bei einem Spaziergang versunken vor Spielkonsolen sitzen sah. Sie schienen ihm von der Vorstellung beseelt, dass sich hinter ihren Bildschirmen ein wirklicher Raum auftut. Gibson nannte ihn «Cyberspace». Seit sich das in Computerspeichern, Telefonleitungen, Bildschirmen und Netzknoten geisternde Bitgewirr als Raum mit Höhen und Tiefen denken lässt, gibt es auf der Erde einen sechsten Kontinent, der besucht, erobert und besiedelt sein will. Er ist potentiell unendlich, ein Oniversum, das im Gegensatz zum Universum der klassischen Physik befahren werden kann. Die weltweiten Netze - Internet, Compuserve, America Online, Europe Online und andere - gleichen mehr oder weniger kostenpflichtigen Galaxien, die sich nach einem kürzlich erfolgten Urknall plötzlich aus dem Nichts formten.
Die Philosophie, die in diesen Räumen gilt, ist herrlich kindisch: Jedem alles jederzeit, immer und überall. Der Cyberspace kennt weder Öffnungszeiten noch Ladenschluss. Er ist schlaf- und rastlos. Wenn Jenö Groller seinen Neffen hütet, dämmert ihm, wohin das führt. Wenn der Knirps «Maus» sagt, meint er das dreitastige Schaltgerät für die Computereingabe, nicht das kleine graue Tier. Er weiss, was cool sites sind, obwohl er kaum vier Jahre als ist. Am liebsten klickt er sich durch die Lego-Homepage.
Interaktivität, besorgte Eltern wissen es, entfaltet einen Sog, den Radio und Fernsehen nicht zustande bringen. Die Kraft, Strassen leerzufegen und ganze Familien vor den Bildschirm zu zwingen, hat die Flimmerkiste ohnehin längst verloren. Wenn Jenö Groller und sein Neffe befinden, dass es Zeit für ein neues Spiel ist, holen sie sich einfach ein Stück Vergnügen aus dem Netz. Das ist ihr Beitrag zum Ende des Verpackungszeitalters. Und auch die Copyright-Experten sind schlaf- und rastlos geworden.
Eine Nebenwirkung des Lebens in Echtzeit ist, dass Jenö Grollers Füsse ausgedient haben. Bis vor kurzem waren sie noch unentbehrliche, gleichwohl unterschätzte Hilfsmittel bei der Datenbeschaffung. Jetzt haben die Hände ihre tragende Funktion übernommen. Sie laufen über die Tastatur wie Spinnen über ein Netz. Der Mensch wird zum Handgänger in einem simulierten Schlaraffenland permanenter Verfügbarkeit. Es passt auch, dass der Teil des Auges, in dem die Bilder Kopf stehen, bevor sie im Gehirn wieder umgedreht werden, «Netzhaut» heisst. Die Natur hat uns gut auf das Internet vorbereitet.
Trotz gelegentlich durch Fernsehen und Zeitungen irrlichternden Cybernazis, Päderasten, Bombenbauern und Technopathen belebt das Oniversum Jenö Grollers Möglichkeitssinn, der in der realen Welt zuletzt schon etwas unterbeschäftigt war. Kommunikationstheoretiker wie Vilém Flusser haben dafür Erklärungen parat. Sie sehen ein «intersubjektives Netz» heraufdämmern, «worin sich Kerben und Ausbuchtungen befinden, innerhalb welcher einander Nahestehende sich miteinander verwirklichen». Kein Wunder, dass die Newbies dem Netz zulaufen wie die frisch geschlüpften Schildkröten dem Meer. Sie flüchten vor den Gefahren des trockenen Landes, werden aber auch von der Erwartung des Kommenden getrieben: dem grossen, weiten Datenozean, der keinen Anfang kennt und kein Ende, wo es kein Oben und kein Unten gibt, keine Schwerkraft, nur ein leichtes Schweben zwischen Informationsplankton und Datenkorallen. Eines der Grundgefühle von being wired ist ozeanischer Natur.
Die hierarchische Massengesellschaft, in der Sender und Empfänger fein säuberlich gestuft und geschieden sind, käme zu ihrem Ende. «Telematik wäre die Technik, dank welcher räumlich und zeitlich voneinander entfernte Menschen existentiell zusammenrücken können, um einander gegenseitig zu realisieren», sagt Vilém Flusser. «Realisieren» steht dabei für Leben, Lieben und Lachen, also etwa für das, was dem Aufklärer Jean- Jacques Rousseau seinerzeit an den edlen Wilden so gefiel. In einem «Time»-Essay über Evolutionspsychologie bezeichnete Robert Wright das Internet als Medium, das wieder jenes ursprüngliche Sozialverhalten ermöglichen könnte, für das uns die Natur vor einer Million Jahren genetisch eingerichtet habe. Blättert man in den postings des Usenet, erscheint ein menschliches Grundbedürfnis nach Stammesbildung mit Regeln, Riten und unentwegtem Dauerkontakt keinesfalls abwegig. Dass es schadet, lässt sich jedenfalls nicht feststellen. Selbst die Kannibalen von alt.tasteless sind nicht frei von einem gewissen Charme: «Ich bin verstört», gab einer in einem Richtungsstreit zu Protokoll. «Kann mir jemand erklären, wie man auf intelligente, reife Weise geschmacklos ist?»
Im Usenet ist Sprache heilig. Selbst Debatten über die letzte Folge von «Raumschiff Enterprise» werden mit höchster Genauigkeit geführt. Wenn jemand eine Meinung anficht, zitiert er sie zunächst. Dann erst äussert er sich dazu. Der Alltag wird sozusagen mit wissenschaftlicher Präzision bestritten. Auf der anderen Seite darf natürlich auch GEBRÜLLT werden - man tut es mit Grossbuchstaben. Emoticons, die berühmten Smileys, gestatten zusätzliche Nuancen im Gefühlsausdruck: ;?). Jeder Sender ein Empfänger, jeder Empfänger ein Sender. Fachdiskussionen können binnen Minuten durch Zuträger aus aller Welt zu unübertrefflichen Informationskompendien werden.
Analoge Medien, wie die Netizens die guten alten Zeitschriften nennen, scheinen damit entbehrlich, gleichwohl sie im Internet unübersehbar Wurzeln schlagen. Nach den Prognosen mancher Theoretiker stehen sie zur Abschaffung an. «Document done», sagt der Netscape-Browser. Auf Grollers Bildschirm erscheint ein apokalyptisches Zitat: «Die Zeitung wird verschwinden, sobald Video- und Audiobänder und -platten der elektromagnetischen Sender massenhaft und billig (vielleicht <umsonst>) in alle Häuser dringen, um dort in Video- und Audiotheken gelagert zu werden.»
Doch einstweilen ist davon nichts zu merken. Osmotisch erfühlen Redaktoren den Bedarf, der sich aus der Widerwilligkeit ergibt, online komplexe Leseübungen zu veranstalten. Buchstaben, in ein Buch verpackt, sind buchstäblich erhaben. Zeichen auf einem Monitor sind flüchtig wie das Licht, aus dem sie gemacht sind. Wenn Jenö Groller länger vor der Lichtpeitsche seines Bildschirms sitzt, hat er nicht den Eindruck, zu lesen. Er fühlt sich vielmehr, als habe er sich im Medium geirrt und wohne einer Literaturverfilmung bei, deren Regisseur sich damit begnügt, das Buch in Grossaufnahme abzulichten. Displays, deren Auflösung Druckqualität erreicht, stehen derzeit noch aus. Neben Grollers Computer wuchert ein beachtliches Papierhabitat.
Ein Ausweg sind Hypertexte. Sie unterteilen längere Schriften in appetitliche Happen, garnieren sie mit Bildern und Musik. Durch Computerlinks werden sie assoziativ verknüpft. Die Übersichtlichkeit wird dadurch aber nicht zwangsläufig gesteigert. Unser Hirn sieht gerne alles auf einmal. Die australischen Aborigines haben dieses Vermögen zur Meisterschaft getrieben, deshalb stellt man sie gerne als Viehhüter ein. Ein Blick genügt ihnen, um zu erfassen, ob in einer tausendköpfigen Herde ein Tier fehlt. Auch ein gedruckter Fliesstext kann so lang gar nicht sein, dass ein Leser in ihm die Übersicht verliert. Lost in Cyberspace fühlt sich Jenö Groller hingegen öfter. Nachdem er ein wenig durch Shakespeares gesammelte Werke gescrollt hatte, schaffte er sich einen neuen Drucker an. Eric McLuhan verdanken wir übrigens den Hinweis, dass noch nie ein Medium aus der Geschichte verschwunden ist. Malerei, Theater, Fotografie - alles noch da. Dem Sohn des berühmten Marshall McLuhan glückte auch die Beobachtung, dass Menschen am Telefon die Definitionskriterien erfüllen, die im Mittelalter für Engel galten: körperliche Absenz bei stimmlicher Anwesenheit. Das trifft erst recht für das Internet zu: Chats, bei denen man sich über Tausende von Kilometern hinweg in Echtzeit Mitteilungen zutippt, vermitteln eine Vorstellung von den Vorzügen astraler Existenz. Weder Warzen noch Übergewicht trüben die eigene Erscheinung - man ist gewissermassen Geist.
An guten Tagen erscheint Jenö Groller diese Definition des Cyberspace absolut stimmig: Ein virtueller, potentiell unendlicher Raum, der von Engeln bevölkert wird, die eine ideale Kommunikationsgemeinschaft bilden. Selbst der Kapitalismus zeigt sich von seiner schönsten Seite - noch. Er beruht auf dem Wettstreit der besseren Ideen, folgt einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, kommt ohne Postwurfsendung und Direct Mailing aus, überredet durch den zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Trotzdem zögert Jenö Groller mit der Preisgabe seiner Kreditkartennummer. Es gibt auch gefallene Engel.
Bleiben wir noch ein wenig beim Telefon. In gewisser Weise ist es heuer auch schon wieder 120 Jahre her, dass Graham Bell den Cyberspace entdeckte. Am 14. Februar 1876 meldete er die Erfindung Nummer 174465 beim Patentamt an. Die Post brachte sie ohne grössere Schwierigkeiten nach und nach in jeden Haushalt der sogenannt zivilisierten Welt. Rasch wurde ein weltumspannendes Volksmedium daraus, das nur in Superlativen zu beschreiben ist: Es handelt sich um die wichtigste Kommunikationsprothese der Menschheit, um eine einzigartige Apparatur zur Überbrückung von Distanzen, die grösste Maschinerie des Planeten. Gleichzeitig ist es die meistunterschätzte Erfindung überhaupt, die wir nur mehr dann registrieren, wenn sie ausnahmsweise einmal nicht in Griffweite steht.
Das Telefon ist aber der Affe, von dem alles abstammt. Sogar die Hacker, wenn man bereit ist, in jenen Boys, die im letzten Jahrhundert Verbindungsstecker absichtlich durcheinanderbrachten, ihre Vorläufer zu sehen. Wieso hatte Jenö Groller nie Probleme, räumlich Fernstehenden nah zu sein, sich mit ihnen zu «verwirklichen»? Weil er schon in frühester Jugend für hohe Telefonrechnungen sorgte. Das Telefon veränderte Bräuche und Sitten so leise, dass es schon eines gewissen Kraftaufwandes bedarf, sich überhaupt eine Wirkung vorzustellen. Aber der Umstand, dass heute Verwandte nicht mehr plötzlich und einfach so unter der Tür stehen wie noch vor dreissig Jahren, ist eine der unauffälligen Folgen dieser Technik. Ein Gerät, das Nähe herstellt, vermag auch Distanz zu schaffen: Ohne Telefon kein Internet. Das wird spätestens dann klar, wenn Grollers Modem jene Kreissägentöne, die von einem geglückten Verbindungsaufbau künden, verweigert.
Die Hoffnungen, das Internet könne der Freiheit weltweit zum Durchbruch verhelfen, sind von vorneherein eingeschränkt: Es gibt mehr Telefone in Manhattan als in ganz Nordafrika. Die Hälfte der Menschheit hat noch nie ein Telefongespräch geführt - und wird vermutlich auch nie eines führen. Das wirklich weltumspannende Kommunikationsnetz bleibt vorderhand ein Traum junger, gutausgebildeter, wohlhabender Menschen.
Franz Zauner ist stv. Chefredaktor der «Wiener Zeitung»; er lebt in Wien.