Auf dem Wege zum Nordkap trifft man in Narvik auf ein Schild, das von Entfernungen und Sehnsüchten in der Welt erzählt.
Wenn man aus Rom, Paris oder Wien kommt, aus dem alten Kulturgürtel um Europa, dann ist man weit von zu Hause weg, 4168 km von Rom, 3257 km von Paris und 3525 km von Wien, und selber bin ich fern von Dänemark, 2072 km von Kopenhagen, wo es mir in meinem Alltag leicht widerfahren kann, dass ich mich nach irgendeiner äussersten Grenze sehne, nach einem Punkt auf dem Kontinent, der in das grosse waagrechte Nichts hinauszeigt - wenn man sich nun einmal nicht dazu eignet, senkrecht aufzusteigen und an das Schwindelgefühl auf dem Mount Everest zu rühren.
Das Nordkap liegt auf 71 º 10' 21'' nördlicher Breite. In Wirklichkeit ist es nicht der nördlichste Punkt Norwegens (das ist die nicht so weit davon gelegene Skjellviksodde), aber es ist so dramatisch placiert, wie ein Vorgebirge in der Welt es nur sein kann. Ein steil stürzender Bergkoloss, dessen dunkler Gneis und Granit zuoberst eine vom Winde geschliffene Plattform ist, eine Tribüne so gross wie ein Rathausplatz, wo Menschen zwar umherspazieren können, aber nicht, ohne von der Unendlichkeit durchleuchtet zu werden, so dass, was eine Fotografie des lächelnden Touristen sein sollte, zurückbleibt als ein vorübergehender Umriss verschwindender Staubteilchen.
Diese ganze Empfindung von Überbelichtung rührt selbstverständlich auch daher, dass Sommer und Mitternachtssonne herrschen. Es ist, als könnte man die Neigung der Erde im Weltraum am eigenen Körper spüren. Hier steht man mitten an einem strahlenden Sommertag, der mehrere Monate vorher begonnen hat und noch mehrere Monate andauern wird. Und wenn man stehenbleibt, wird man zu gegebener Zeit langsam mit in die Winternacht einschwenken, wo das Dunkel Tag und Nacht das nächste halbe Jahr liegenbleiben wird.
Nicht so sonderbar, dass die ganze Finnmark wie die Landschaft der Extreme wirkt. So am Nordkap, so aber auch auf den öden Gebirgsweiten im Innern oder am Eismeer oder an der Barentssee draussen. Allenthalben dasselbe Gefühl, dass hier die Grenze unserer Menschenwelt verläuft. Ein Gefühl, das in dieser surrealistisch öden Vergangenheitslandschaft nur in dem Augenblick verstärkt wird, da man an ein paar kleinen Häusern und einer Kirche vorbeikommt oder draussen an dem letzten kleinen Postamt bei Grense Jacobselv gelandet ist, auf der Grenze zu Russland. Ganz gleich, wohin man kommt, man ist ans Ende der Welt gelangt.
Als Kind wohnte ich während der ersten fünf Jahre in der Nähe eines Waldes, wo wir oft unseren Sonntagsspaziergang machten. Das Besondere war: wenn wir diesen stillen, von Licht flimmernden Buchenwald ganz durchquerten, bis dorthin, wo er sich schliesslich wieder öffnete, kamen wir ans Ende der Welt.
Damals glaubte ich selbstverständlich, dieser geheimnisvolle Fleck sei wirklich das Ende der Welt. Das einzige, das richtige. So also sah es dort aus. Ein schwellendes Getreidefeld zum Horizont hin, und hinter dem Getreidefeld war Schluss. Die Welt hörte auf, und nichts begann. Nichts, das war wirklich etwas!
Seitdem bin ich dahintergekommen, dass es das Ende der Welt in vielen Varianten ringsum gibt. Stellen, die jenes Besondere an sich haben, das die Leute in einer Gegend dazu bringt, sie zum Ende der Welt zu ernennen und sie als ein Bild für das aufzusuchen, was ausserhalb liegt, jenseits all des Bevölkerten und Bekannten.
In der Regel sind es Örtlichkeiten am Meer, am liebsten gegen Westen, zum Sonnenuntergang hin, aber selbst tief im Landesinnern besteht offenbar ein solches Bedürfnis danach, ans Ende der Welt zu gehen, dass jede beliebige Landschaft brauchbar ist, sogar der flachste Wiesenstrich. Wenn wir nur hinauskommen und auf das reine Nichts treffen können. Nicht als Gegensatz zu etwas. Eher als etwas in sich selbst. In uns selbst.
In seiner Geschichte «Die Glocke» erzählt Hans Christian Andersen, warum und wieso es derart um uns steht. «Abends, in den engen Strassen in der grossen Stadt, wenn die Sonne unterging und die Wolken wie Gold oben zwischen den Schornsteinen schienen, hörte bald der eine, bald der andere ein merkwürdiges Geräusch, wie den Klang einer Kirchenglocke; aber nur einen Augenblick war es zu hören, denn es war ein solches Gerumpel mit Wagen und ein solches Gerufe, und das stört.»
Im Laufe der Zeit begeben sich dennoch viele aus der Stadt hinaus, um die Glocke zu finden, aber was sie finden, sind alle möglichen guten Entschuldigungen, wieder nach Hause zu gehen, und eigentlich sind die meisten überzeugt davon, dass die Glocke gar nicht vorhanden ist, sie ist nur etwas, das die Leute sich einbilden.
Nur zwei geben nicht auf. Der reiche Königssohn und der arme Knabe. «Die Glocke will und muss ich finden, und wenn ich bis ans Ende der Welt gehen müsste!» sagt der Königssohn. Jeder für sich geht immer tiefer in den Wald hinein, aber bei Sonnenuntergang treffen sie auf einem Felsen zum Meer hin zusammen, wie zwei Seiten desselben Wesens. Der Reiche, der alles hat und deshalb nur dieses eine gewinnen kann. Der Arme, der nichts hat und deshalb nur dieses eine verlieren kann:
«Das Meer, das herrliche grosse Meer, das seine langen Wogen gegen die Küste wälzte, dehnte sich vor ihm aus, und die Sonne stand draussen wie ein grosser schimmernder Altar, dort, wo Meer und Himmel aufeinandertrafen, alles verschmolz in glühenden Farben, der Wald sang, und das Meer sang, und sein Herz sang mit; die ganze Natur war eine heilige grosse Kirche . . .»
Die Natur als eine heilige Kirche. Das klingt allzu romantisch und feierlich. So kann man sich bestimmt nicht ausdrücken, heute, da noch mehr Gerumpel mit Wagen ist und Gerufe, das stört. Aber warum nicht? Das Gefühl, das ja selbst ein Teil der Natur ist, hört ja wohl nicht zu existieren auf, bloss weil wir es nicht ausdrücken. Und noch immer gibt es ja Menschen, die bereit sind, ans Ende der Welt zu gehen, auch jetzt, da es sich ausserhalb des globalen Dorfes befindet. In welche Richtung aber sollen sie gehen? Kann man überhaupt aus einem Dorf hinauskommen, das global ist?
Die Welt ist klein geworden, sagen wir. Aber das ist sie ja eigentlich nur deshalb, weil wir sie dazu abgegrenzt haben, die Welt von Menschen zu sein. Die Welt ausserhalb, hier auf der Erde wie auch zwischen den Sternen draussen, ist ja grösser und mannigfaltiger geworden, als wir jemals vorher haben sehen können und zu glauben gewagt haben.
Klein geworden ist unsere eigene exclusive Menschenwelt. Weil sie sich mit ihrem Dorfbewusstsein auf Kosten dessen ausgebreitet hat, was ausserhalb liegt. Hier sitzen wir alle zu Millionen in der ewiggleichen Wohnstube des CNN und lauschen ausgewählten Bewohnern, vorzugsweise Politikern und anderen Experten, die unermüdlich erklären, wie es mit den Formen menschlichen Zusammenseins ringsum steht. Nur wenn eine Pause entsteht, vielleicht ein Fehler in der Verbindung zwischen dem Redefluss und den Ereignissen, werden Bilder dessen gezeigt, was ausserhalb liegt, kurze Ansichten von Sonnenuntergängen, Schwanenflug, Sonnenblumen und ähnliches, vielleicht eine Maus, die so lebt, wie sie immer gelebt hat.
Selbstverständlich können wir das Programm aus dem globalen Dorf abschalten. Bloss hört es deshalb nicht zu existieren auf.
Deshalb möchte ich vorschlagen, dass das üppige Strassenschild in Narvik nachgeahmt und in den jeweiligen europäischen Hauptstädten aufgestellt wird, mit Beschriftungen wie: 4840 km zum Nordkap, 4031 bis Karaschok und 4576 km bis Boris Gleb, oder wie weit es nun ist. Denn dort, in Rom und Paris, in Wien und Kopenhagen, und vielleicht besonders in Brüssel und dem CNN-Dorf, dort tut uns zu wissen not, wie weit es bis ans Ende der Welt ist.