ERFINDUNG ANNAS ODER WIE ALLES ANFING. Ich wusste nicht viel von ihr, aber ich dachte sie mir als eine Frau um die dreissig, die weiss, was sie will, aber nichts dagegen hat, es einmal nicht zu wissen und sich überraschen zu lassen. Der Text ihrer Anzeige in einem der vielen virtuellen Kontaktmagazine im World Wide Web war nüchtern und bestimmt und versprach nichts Genaues: Frau mit Geheimnis (Anfang dreissig) sucht intelligenten Mann für stilvolle erotische Korrespondenz, mehr gab sie vorläufig nicht preis. Ich hätte ihr selbst gerne geschrieben, wenn ich sie nicht gekannt hätte, denn leider gibt es ja nicht viele Frauen ihres Formats in diesen Internet-Bekanntschaftsmärkten, so wie es bekanntlich überhaupt viel zu wenige Frauen in diesen Internet-Bekanntschaftsmärkten gibt, die sich gerne überraschen lassen, aber das ist im wirklichen Leben ja vielleicht nicht anders.
Natürlich hatte ich anfangs Skrupel, ob man(n) das wirklich darf: mit Worten in die Rolle einer Frau schlüpfen und die Männer, die nicht wissen, dass die Frau ein Mann ist, zu irgendwelchen Bekenntnissen ermuntern oder verführen, aber dann dachte ich, dass das schon in Ordnung ist, wenn nur etwas zustande kommt zwischen ihnen und dieser Anna und das Zustandekommende allen Beteiligten gefällt oder doch nicht unangenehm ist, dann müsste es doch wohl erlaubt sein.
Na, da sind wir aber gespannt, wie das genau ist mit diesen geschriebenen Küssen und Umarmungen und Seufzern, sagten meine Freunde, die mit geschriebenen Küssen und Umarmungen und Seufzern keine Erfahrung besitzen und nur das eine oder andere gehört oder gelesen haben, und nun sollte ich doch erst mal machen, vielleicht erfuhr ich ja etwas über mich dabei, das ich über mich noch nicht gewusst hatte, und vielleicht wurde es auch ganz grässlich, mal sehen.
«Tatsächlich schien sie vorläufig zu schwanken; sie war ein Mann; sie war ein Weib. Es war höchst verwirrend und machte einen ganz wirbelig, sich in einem solchen Gemütszustand zu befinden.»
DIE WUNSCHMASCHINE ODER WAS EIN MANN IST. Als die Anzeige Ende September auf vier verschiedenen Web-Seiten in Deutschland und in der Schweiz erscheint, habe ich selbstverständlich nicht die geringste Ahnung, was mich erwarten wird, aber dann gewöhne ich mich bald daran, dass fünf bis zehn Männer täglich eine Nachricht für diese Anna hinterlassen und sich mit richtigem oder falschem Namen erkundigen nach ihrem Geheimnis und ihren Wünschen. Zweihundert versuchen es allein in den ersten vierzehn Tagen und dann noch einmal dreihundert bis kurz vor Weihnachten.
Fast immer sagen die Männer, die Anna schreiben, ihren Namen und ihr Alter (zwischen 18 und 48), aber auch die Stadt, das Land, aus dem sie kommen. Die meisten sind aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus der Türkei, aus Kanada, Dänemark, Italien, Polen, Rumänien, Russland, den Vereinigten Staaten, den Bahamas und aus Ägypten kommen welche, viele Studenten und Computerspezialisten darunter, aber auch ein Seemann, ein Journalist, ein Soldat, ein ehemaliger Zuhälter, ein oder zwei Banker, ein Jurist, ein Ingenieur aus der Automobilbranche, der betrogene Ehemann aus der ehemaligen DDR.
Es gibt fast nichts, was es nicht gibt in diesen ersten Wochen, das heisst, es gibt unter den vielen Schreibern sehr forsche und sehr schüchterne, eher förmliche und ziemlich unverschämte, Männer, die auf mehreren Seiten alle nur denkbaren Obszönitäten ausbreiten, und Männer, denen man dergleichen Obszönitäten gar nicht erst zutraut, das sind die sympathischsten. Sie nennen Annas Anzeige eine Flaschenpost oder einen Stolperstein, über den zu stolpern sie vielleicht nicht abgeneigt wären, oder sie schicken ein Gedicht von Kurt Tucholsky für den Anfang («An die Berlinerin») oder eine Bemerkung über die Wahrheit und die Lüge, denn manchmal (aber wirklich nur manchmal) zweifeln die Männer auch an Anna und ob sie wirklich eine Anna ist, und dann hinterlassen sie eine Telefonnummer oder wollen die Wahrheit erst gar nicht wissen.
«Nichts blieb am nächsten Tag übrig, und doch war die Erregung im Augenblick immer sehr heftig.»
ALS ANNA EINES TAGES IN EIN CAFÉ GING. Die Männer, die in den ersten Oktobertagen eine Antwort erhalten, heissen mit Namen Max und Paul und Peter und Stefan und Oliver und Robert und wissen zunächst nicht viel von der Anna, die ihnen per E-Mail eine erste Nachricht schickt, nur dass sie in einem Café ein Buch liest mit ihren dunklen Haaren und den grünen Augen, wissen sie, das ist der vage Anfang ihrer Geschichte mit ihr, und längst nicht jeder kann mit diesem Anfang etwas anfangen, und dass diese Anna beharrlich auf dem Sie besteht und von irgendwelchen Zweideutigkeiten nichts wissen will, aber eben auch nichts dagegen hat, wenn einer sich zu ihr setzt und sie nach ihrem Beruf fragt oder dem Buch, das sie gerade liest, das nur als Beispiel.
Die etwas anfangen können mit diesem Anfang, wissen in aller Regel einen Weg, wie sie sich zu dieser Anna an den Tisch setzen können, und tatsächlich gibt es ja verschiedene Wege, wie sich ein Mann zu einer fremden Frau an den Tisch setzen kann (vielleicht ermuntert sie ihn ja), so wie es andererseits wahrscheinlich mehr oder weniger doch nur eine Art gibt, wie ein Mann sich eine Frau erfindet, die er nicht sehen kann, und also besteht an Annas Schönheit von Anfang an kein Zweifel, zum Beispiel die Biegung ihres Halses, die Wohlgeformtheit ihrer Beine erfinden fast alle Männer im Chor.
Obwohl ich es gewesen war, der sie erfunden hatte, waren es schon bald die Männer, die sich wirklich bei ihr auskannten und alle möglichen Komplimente für sie erdachten und ihren Mund und ihre Augen und ihren Busen und ihre Füsse lobten, und obwohl wiederum ich es war, der die Lobpreisungen Annas Tag für Tag auf seinem Bildschirm zu lesen bekam, dachte ich manchmal an diese Anna wie all die anderen Männer an sie dachten, und dann sah ich sie in diesem Café sitzen und all die Fragen beantworten, die auch ich ihr womöglich gestellt hätte, wenn ich ein Mann gewesen wäre, aber vorläufig war ich ja beides. Ich war der Mann, dem die orangegoldenen Pünktchen in ihren Augen gefielen, und ich war die Frau, die von verschiedenen Männern wegen ihrer orangegoldenen Pünktchen Komplimente bekam, das alles war nicht immer leicht zu unterscheiden, aber ohne grosse Abgründe war es, am Ende waren die Männer ja immer ein bisschen wie ich selbst.
«Sie hätte tatsächlich schwören können, sie habe ihn ganz dieselben Dinge schon vor dreihundert Jahren sagen hören.»
ANTWORT EINES SCHÜCHTERNEN. «Ich suche den Blickkontakt mit Ihnen, versuche, Sie nicht in Verlegenheit zu bringen, versuche, in Ihren Augen zu lesen. Ich liebe schöne Augen, mag es, wenn sie spannend sind wie die Ihren, gesprenkelt, geheimnisvoll. Ich mag es, wenn mein Blick erwidert wird, mit einer gewissen Neugierde vielleicht, vor allem aber mit einer inneren Ruhe, nicht gehetzt. Weichen Sie meinem Blick aus, oder gewähren Sie mir Einblick in Ihr Inneres? Sind Sie dazu schon bereit? Ihr Haar glänzt sanft im Licht des Cafés. Ihre Hände sind rastlos, sie wandern von der Zeitschrift zum Aschenbecher. Manchmal fahren Sie durch Ihr Haar, und jedesmal wünsche ich mir, das auch tun zu dürfen. Wenn Sie lächeln, erhellt sich das ganze Gesicht. Ich bin gefangen von diesem Lächeln.»
«Es gehört zu der fatalen Natur dieser Krankheit, ein Phantom an die Stelle der Wirklichkeit zu setzen.»
VON DEN ORTEN DER LIEBE. Nun können ein Mann und eine Frau ja nicht ewig in einem Café sitzen und plaudern und sich Komplimente machen, und also gibt es bei diesen erfundenen Begegnungen im Internet wie im wirklichen Leben immer einen Moment der Entscheidung, der zugleich ein Moment des Zögerns ist und als wollte keiner der Beteiligten wahrhaben, wie vorhersehbar doch alles ist, wenn man erst einmal dieses Café verlässt, und wie unvorhersehbar zugleich.
Es gibt Männer, die dann erst mal einen Spaziergang vorschlagen und anschliessend einen Besuch in einem besonders feinen Restaurant, und es gibt Männer, die möchten gerne bei sich zu Hause etwas kochen für die Anna ihres Herzens - nur irgend etwas Ess- und Trinkbares muss auf jeden Fall vorkommen und ein bestimmter Ort, ein Ziel, ein Dach, muss dasein, denn ohne schützenden Raum kann man sich Küsse und Umarmungen nun einmal nicht denken.
Bis auf einen Besuch im Hotel lässt sich Anna vorläufig auch auf alles ein, und also geht sie durch spätherbstliche Parks und verschiedene europäische Städte, trinkt Wein in kleinen Weinstuben, isst italienisch und japanisch im Restaurant und beim klugen Max zu Hause eine Seetangsuppe mit Garnelen, gefolgt von Hühnchen in Erdnusssauce, und als krönenden Abschluss eine Walnusscrème, und während er alles vorbereitet, blättert sie ein bisschen in seinen Büchern, die Franzosen vor allem mag er und Nietzsche, Kafka, Freud und Robert Walser, den Feinen, Klugen, der war mir der Liebste.
Noch sind alle ganz vorsichtig mit Anna, mit ihren Worten, ihren Taten, es ist nicht schwer, eine Frau zu sein (fürs erste), noch ist alles ganz harmlos. Eine Hand wird geküsst oder berührt, ein Fuss, ein Mantel, und das Ziel ist bekannt, aber nicht unbedingt erreichbar. Man kann auch abstürzen auf diesen sanften Pfaden des Anfangs, man kann sich verfehlen oder kränken oder langweilen, und manchmal kommt es vor, dass einer sich an früher erinnert (das erste Mädchen), und weil er noch lange nicht fertig ist mit diesem Früher, nimmt man lieber schnell Abschied und geht seiner Wege, bevor es kompliziert wird und das Spiel aus den Fugen gerät und kein Spiel mehr ist oder ein allzu ernstes.
«Es ist wahr, dass jeder dieser Besuche mit einer Liebeserklärung begann und endete, aber dazwischen war viel Platz für Schweigen.»
ANTWORT EINES SANFTEN. «Also treffen wir uns in diesem japanischen Restaurant. Sie sind etwas zeitiger gekommen, und so kann ich Sie schon von weitem vor dem Eingang warten sehen. Ob Sie wohl auch so ein leichtes Kribbeln im Bauch spüren? Ich nehme Ihnen den Mantel ab und dürfte jetzt eigentlich nicht weiterschreiben. Der Kimono legt sich sanft um Ihren Körper, wie kasumi, ein geheimnisvoller Nebel, der die Landschaft bedeckt. In meinem geistigen Durcheinander führe ich Sie zu unserem Tisch. Als ich mich etwas gefangen habe, entdecke ich einen kleinen Kirschblütenzweig auf unserem Tisch. Ich entferne eine der Blüten vom Zweig, beuge mich zu Ihnen und flechte Ihnen die lose Blüte ins Haar. Der Duft ihrer Haut, Madame, lässt mich den Ort vergessen. In tiefer Verbundenheit. B.»
«Er mochte die Sprache plündern, wie er wollte, Worte fehlten ihm.»
MACHT UND OHNMACHT DER SPRACHE. Fünf oder sechs Männern gleichzeitig schreibt Anna im Verlauf des Oktobers, allein von Max treffen bald zweimal täglich Nachrichten ein, und obwohl man süchtig werden könnte nach diesen Nachrichten und dem Zeichen am Morgen, am Mittag, am Abend, gibt es bald Momente der Erschöpfung und des Überdrusses an den immer neuen und immer alten Worten. Nur Anna scheint sich zunehmend wohl zu fühlen in ihrer Lage, die ja immer eine verschiedene ist, sie wächst mir manchmal regelrecht über den Kopf, denn für Anna ist es ja nicht weiter schwierig, bei Max oder bei Robert oder bei Paul zu Hause den Dingen ihren Lauf zu lassen oder eben nicht.
Ich glaube, sie liess sich einfach treiben und genoss die Reisen und Erkundungen der Männer und ihre ungestümen und sanften Erklärungen der Liebe, die aus den von jeher bekannten und vertrauten Worten bestanden und manchen uneingestandenen Gefühlen. Aber für mich ist es manchmal schwer gewesen, der ich Anna erfunden hatte und mich oft schämte für ihre Neugier und ihre Unbefangenheit, die ich erfand und für möglich erklärte, weil das Spiel es so verlangte, oder weil ich etwas wissen wollte über das Annahafte in mir und wie es sich mit diesem Annahaften in mir (und hatte nicht jeder Mann etwas davon in sich?) im einzelnen verhielt.
Die Männer, denen sich Anna am Ende anvertraute, waren nicht viele und alle sehr verschieden in ihrer Art und alle sehr ähnlich, das heisst, sie waren sehr sanft und vorsichtig und dankbar, wie Männer es nur sein können, und dafür und für ihre Künste beim Reden über den so oft und gründlich beschriebenen weiblichen Körper mochte ich sie und fand mich ihnen ähnlich. Wie die meisten Männer hatten sie keine rechte Sprache für ihren eigenen Körper und für ihre kleinen Freunde, die sie kleine Freunde nannten oder behelfsmässig mit irgendwelchen Namen riefen, und wenn Anna der Name gefiel, waren sie's zufrieden und schickten Gedichte von René Char und Ulla Meinecke und Bertolt Brecht oder ein Prosastück von Robert Walser, in dem sich einer sehnt und weiss, die Sehnsucht bleibt vergeblich, aber gerade darum geniesst er sie in vollen Zügen.
«Alles ist gepaart, nur ich nicht.»
ANTWORT EINES ÜBERMÜTIGEN. «Sie sind mir aber eine, liebe Anna, mir schlägt das Herz bis zum Hals, so freue ich mich, Sie noch eher als erwartet wiederzusehen. Wie ich Sie vermisst habe! Aber kommen Sie schnell herein, ich mache Ihnen einen Espresso, setzen Sie sich, Sie sehen lustig aus, so sind Sie gerannt! Und wissen Sie, jetzt mache ich Ihnen schnell das Bad, das ich Ihnen versprochen hatte, ich habe Ihnen extra diesen duftigen Schaum hier besorgt. Und wenn es soweit ist, dann schäle ich Sie unter tausend Küssen aus Ihren hübschen Kleidern und (so stark bin ich für Sie) trage Sie hinüber. Ganz langsam setze ich Sie ins Wasser. Es ist Ihnen doch nicht zu heiss? Ja, das ist schön. Erzählen Sie mir, was Ihnen durch den Kopf geht, wenn Sie mich so anschauen - sofern ich Sie mit meinen Küssen nicht allzusehr dabei störe, Sie Stürmische. Ihr M.»
«Das Licht der Wahrheit fällt ohne Schatten auf uns, und das Licht der Wahrheit ist uns beiden höchst unbekömmlich.»
VON DER KUNST DES ABSCHIEDNEHMENS. Ungefähr vier Wochen ging das alles so, und während fast täglich noch immer ein halbes Dutzend Männer an Anna schrieben und an eine Antwort nicht mehr recht glaubten, entdeckten Annas Liebhaber, dass ihre Briefe und die Antworten, die es auf diese Briefe gegeben hatte, nicht ohne Folgen geblieben waren und eine unbezwingliche Sehnsucht nach der wirklichen Anna in ihnen geweckt hatten, denn das war ja das Paradoxe an all diesen geschriebenen Küssen, dass man sich mit jedem Wort zugleich einander näherte und voneinander entfernte, weil die Worte (oder die Tatsache oder vielmehr Illusion, dass es nur Worte waren, die man austauschte, wenn man geschriebene Küsse austauschte) alle Beteiligten zu Gefangenen dieser Worte machten, und hinter diesen Worten gab es nur eine unermessliche Leere oder eine Person, von der man auch nach tausend Umarmungen nichts wirklich wüsste.
Das haben wir wohl bemerkt, dass wir längst in der Falle sitzen, schrieben die Klugen dann an Anna und konnten es bei aller Klugheit doch nicht immer lassen, ihr davon zu reden, wie das wohl wäre: ihre wirkliche Stimme am Telefon oder ein paar Zeilen von ihrer Hand im Briefkasten, und dass es bei ihnen Tage gibt, da gehen sie durch die Strassen und suchen in den Gesichtern der Passanten nach Annas vertrautem unbekanntem Gesicht und finden es nicht oder nur fast. Es wird Zeit, dass ich mich von euch verabschiede, schrieb Anna dann, und dass sie sich und Max und Paul und Robert die Wiederholungen lieber ersparen möchte und dass dieser Verkehr unter Gespenstern ja schon darum ein Ende haben muss, damit sich nicht alles in leere Obszönität verwandelt, ob sie verstehen, was sie meine? Ja, das begreifen wir, antworteten ihr die klugen Männer, aber wie schade, schade, und dann fassten sie noch einmal alles zusammen für sich und Anna und dass Anna selbstverständlich jederzeit auf sie zurückkommen dürfe, zum Beispiel wenn sie einmal einen Rat braucht oder einen Dienst unter Freunden, denn das sind wir doch wohl geworden nach alledem, wir vermissen dich schon, ja, ich euch auch.
«Wenn das Liebe ist, dann hat sie etwas Lächerliches.»
MARIE UND DER BETROGENE BETRÜGER. An diesem Punkt hätte die Geschichte eigentlich zu Ende sein können, aber dann war da ja noch diese Sache mit Marie. Ihre Anzeige klang ein bisschen wie die von Anna, zweiunddreissig Jahre jung, gebunden, alles, was nicht auf den Geist geht, wird beantwortet, das waren ihre Worte, und weil ich doch unbedingt wissen wollte, wie das ist, wenn man als Mann auf die Anzeige einer Frau antwortet und etwas anfängt und das sich zur Geschichte auswächst und doch gar nicht wirklich vorhanden ist, hatte ich zu keinem Zeitpunkt den geringsten Verdacht.
Ähnlich wie Anna war auch Marie ein bisschen romantisch in ihrer ganzen Art, und um es gleich vorweg zu sagen (herrje!), es dauerte nicht allzu lange, da verliebte ich mich in sie oder vielmehr die Worte, mit denen sie irgend jemand für mich erfand, oder ich bildete es mir zumindest ein, ein bisschen in sie verliebt zu sein, die sie ganz unbeschwert durch meine Tage hüpfte mit ihren kurzen Haaren und dem frechen Mund und um eine Antwort nie verlegen war, wenn ich wieder einmal nicht weiterwusste oder mich schämte, dass wir uns in irgendwelchen erfundenen Zimmern irgendwelcher erfundener Freunde trafen oder bei ihr zu Hause oder was sie mir zuliebe so nannte. (Ich Narr hatte wirklich nicht den geringsten Verdacht.)
Fast alles war und geschah, wie ich es kannte von Anna her, nur dass nun ich derjenige war, der sich sehnte und dehnte und streckte nach ihrem Namen und mit wachsender Ungeduld auf Nachrichten wartete und wie im Flug meine kleinen Geständnisse an sie verfasste, denn das ist ja das Schöne und zugleich Verwirrende an diesen E-Mail-Liebeleien, dass alles so rasend schnell geht und keiner der Beteiligten je so recht zur Besinnung kommt und ohne rechte Besinnung die unglaublichsten und zugleich zartesten Geständnisse verfasst und anschliessend darauf wartet, dass in der rechten Ecke des Bildschirms das gelbe Ausrufezeichen aufleuchtet, so närrisch begann man sich nach einer Weile tatsächlich zu betragen.
Gut einen Monat ging das so, und dann kam auch bei mir der Moment, wo ich in der berühmten Falle sass und ihr schrieb, dass es so nicht weitergeht, es sei denn, wir treffen uns und lachen gemeinsam über alles, was gewesen ist, aber wie schon Anna wollte sie nichts wissen davon und fand, es sei gegen die vereinbarten Regeln, auch würde sie sich bestimmt schämen als wirkliche Marie, und natürlich hatte sie völlig recht.
«Alles war Phantom. Alles war still.»
MÄNNER UNTER SICH UND SCHLUSS. Auch hier nun hätte die Geschichte endlich zu Ende sein können, aber dann kam an einem Montag morgen eine sehr lange Nachricht mit dem vertrauten Absender, in der von einer erfundenen Frau namens Marie die Rede war und wie ein Mann sich an einem Mann rächt, der vorgibt, eine Frau namens Anna zu sein - er heisse übrigens Robert, komme aus Köln und hoffe, dass ich über die folgende Geschichte lachen könne, denn die war unglaublich und ging so: Er, Robert, habe vor kurzem per E-Mail eine Frau namens Anna kennengelernt, und weil sie ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen sei, habe er wissen wollen, wer diese Anna ist, und ihr eine Falle gestellt. Wie zuvor ich unter dem Namen Anna habe er unter dem Namen Marie eine Anzeige aufgegeben, und dies einzig zu dem Zweck, dieser Anna eines Tages den Vorschlag zu machen, man solle sich unter Frauen doch einmal austauschen über die Erfahrungen mit Anzeigen im Internet und was für Männer das sind, die auf solche Anzeigen antworten und auf welche Weise.
Leider kommt es aber erst gar nicht zu diesem Vorschlag, denn kaum ist die Anzeige erschienen, meldet sich doch tatsächlich ein Mann bei Marie, der exakt dieselbe E-Mail-Adresse wie Anna hat (so leichtsinnig hätte ich nicht sein dürfen), und also habe er beschlossen, sich an diesem Mann zu rächen, und wie aus diesen Rachegedanken eine ganz neue Erfahrung geworden sei, das brauche er mir ja nicht zu erzählen, als Mann in der Rolle einer Frau sehe die Welt nun einmal anders aus.
Ich glaube, wir beide waren am Ende ziemlich erleichtert über diesen Schluss, bei dem sich sozusagen alles in Luft auflöste und doch alles so bleiben durfte, wie es gewesen war, ich meine, Betrüger und Betrogene waren wir nun ja beide. Es ging dann noch eine Weile hin und her zwischen uns, bis auch die letzte Kleinigkeit unserer seltsamen Geschichte aufgeklärt war, und dann beglückwünschten wir uns noch einmal zu unseren Kühnheiten und waren quitt und klüger und auch ein bisschen ernüchtert. Vielleicht treffen wir uns demnächst einmal - zwei Männer, die sich als Frauen versuchten, müssten sich ja etwas zu erzählen haben und wie das nun alles ganz genau gewesen ist mit dieser Anna, dieser Marie, diesen geträumten, wer weiss, was in der Zwischenzeit aus ihnen geworden ist.
Alle Zwischentexte aus: Virginia Woolf, Orlando. Eine Biographie (1928), Frankfurt am Main 1986. Alle Namen von beteiligten Personen wurden verändert.
Michael Kumpfmüller ist Journalist und lebt in Berlin.