ER SCHRIEB Gedichte, und nach einem Regiedébut an der Oper von Nowosibirsk wurde er auch von anderen Theatern eingeladen. Doch irgendwann sagten ihm das Leben in den Kreisen der Moskauer Künstlerbohème, der Wodka, die Drogen, die Frauen nicht mehr zu. «Ich begriff, dass es meine Seele vergiftet hatte», sagt Vater Alexander Wolochow. «Dass ich alles tun musste, um mich zu reinigen.»
Die Religion spielt in seinem Leben schon lange eine wichtige Rolle. Der Vater diente zwar in der sowjetischen Kriegsmarine, aber die Mutter versteckte ihren Glauben nicht. Sie liess ihren Sohn in der Zeit der Perestroika taufen und begann, sich mit dem Nähen von Priestergewändern etwas hinzuzuverdienen. Und so kam es, dass Alexander in seinem Elternhaus Vater Wassili begegnete, der später sein geistiger Vater werden sollte.
Was ihn an Vater Wassili am meisten begeisterte, war dessen Weisheit. Als er und seine Frau Natalia ihm ihre Eheprobleme schilderten, gab Vater Wassili beiden recht. Sie müssten schon selbst die richtige Lösung finden. Und doch fühlten sie sich nach jedem Kontakt mit ihm bereichert. Dank Vater Wassili glaubt Alexander zu wissen, dass er nicht die geringste Chance versäumen darf, um in den Augen des Allerhöchsten Richters Gnade zu finden. Als er seiner Frau Natalia, Schriftstellerin und Theaterautorin, erklärte, er wolle sich selbst zum Priester weihen lassen, war sie einverstanden. «Ich wäre weggelaufen», sagt sie heute lachend, «wenn er beschlossen hätte, Terrorist zu werden, aber gegen Priester kann man ja eigentlich nichts einwenden.»
Heute wohnt Alexander in Glebowo, einem Dörfchen etwa 200 Kilometer nördlich von Moskau. Vor den traditionellen Holzhäusern stehen verrostete Landwirtschaftsmaschinen, auf der Strasse sieht man vor allem alte Frauen in wattierten Jacken und Filzstiefeln. In der Wintersonne sticht das Weiss der schneebedeckten Felder in die Augen, der Frost bildet Dampf vor dem Mund. Vater Alexander wohnt in einer Baracke am Dorfrand. An den Wänden des einzigen Zimmers hängen Ikonen und Heiligenbilder, sonst nichts. Vater Alexander sagt von sich, dass er irdischen Reichtum verachte.
Vater Alexander ist ein wuchtiger Mann mit schwarzem Bart und blitzenden Augen. Wie er breitbeinig dasitzt und sein Wodkaglas zum Mund führt, hat er nicht viel Vergeistigtes. Vater Alexander mag die Diskussion, den intellektuellen Streit. Gern trägt er anderen seine Ansichten vor, die er in den langen Jahren entwickelt hat. Geistige Entwicklung ist für ihn ein Prozess, auch die Entscheidung für das Priesteramt ist eine Wegmarke einer langen Entwicklung und hat nichts mit einem wunderbaren Erleuchtungserlebnis zu tun.
Vater Alexander hatte keinen Einfluss darauf, welche Gemeinde man ihm anvertraute. Zehn Jahre ist er nun in Glebowo. Am Anfang hat es ihm da gar nicht gefallen, und auch er gefiel den Leuten im Dorf nicht. Die örtliche Behörde war verärgert, weil er sich nach der Ankunft nicht umgehend bei ihr meldete. Die Sowjetunion ging schon ihrem Untergang entgegen, und Alexander hielt eine Anmeldung unter diesen Umständen nicht mehr für nötig. Ein paar Jahre früher hätte ihm ein solches Verhalten die Verbannung oder das Lager eingetragen.
Anfangs mangelte es der Kirche von Vater Alexander nicht an Gläubigen. Zu sowjetischen Zeiten gab es im ganzen Bezirk nur zwei Kirchen, und jeden Sonntag kamen die Leute in Glebowo zusammen. Vater Alexander verdiente damals soviel wie ein Minister. Er sprühte vor Energie, fuhr überall hin, um geistliche Dienste zu leisten. Das alles endete, als in Taldom, dem 15 Kilometer entfernten Bezirkszentrum, die Kirche wiederaufgebaut wurde. Vater Alexander und seine Frau Natalia, die gerade ihr zweites Kind erwartete, traf das hart. Plötzlich mussten sie von elenden 60 Rubeln im Monat leben.
Vater Alexander ist konservativ. Die Kirche bedarf seiner Meinung nach keiner Reform. «Sie ist, wie schon die Bezeichnung -orthodox? verrät, in der Tradition und im uralten Ritus verwurzelt», sagt er. Gar nicht gefallen hat ihm auch, als jüngst im Fernsehen gezeigt wurde, wie der Patriarch Offizieren für ihre Taten im Tschetschenienkrieg kirchliche Orden verlieh. «Für die orthodoxe Religion zählt vor allem das persönliche Verhältnis des Menschen zu Gott. Das macht ihre Vollkommenheit aus.»
Die jetzige Zeit, meint Vater Alexander, sei für die Kirche nicht die schlechteste. Und doch kämen die Einheimischen - viele aus der aufgelösten Kolchose entlassen und ohne Arbeit, dem Alkohol ergeben - eher selten in den Gottesdienst. Aber alle kennen ihn, mögen ihn, helfen. «Wir haben hier nahezu familiäre Beziehungen. Man muss vor allem Verständnis aufbringen. Keiner wird zu etwas gezwungen. Es braucht einer nur zu uns zu kommen, und schon ist er uns nah.»
Zweimal wöchentlich hält er Gottesdienst. An den übrigen Tagen kann er machen, was er will. «Das Grossartige ist, dass mich hier niemand kontrolliert.» Im stillen denkt er aber doch daran, sein Leben nach zehn Jahren Glebowo wieder ein wenig zu ändern. Es dürfte ihm zwar nicht leichtfallen, von hier wegzugehen, eine städtische Gemeinde würde ihm nicht gefallen. Am liebsten würde er die Aufgabe des Beichtvaters im nahen Nonnenkloster übernehmen.