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NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen Inhaltsverzeichnis
Schach!
© Beat Kennel und Anne Christian...
Eines Abends treten Franz, Hans und Heinz gegen die Zukunft an.
Von Brigitte Kronauer
Manchmal muss sich Herr Fritzle, Fritzle mit den Hochstammrosen nahe der Unterführung, beim Schachspielen mächtig zusammenreissen. Noch eben sass er friedlich zu einem Gläschen Genever mit den Freunden und einem Gast am Tisch, tut es immer noch, aber seine Gelassenheit ist dahin.
Fritzle hat plötzlich das Gefühl, dass jemand draussen steht und durch die Scheiben beäugt, wie sie vier sich behaglich fühlen. Der Jemand tut ihnen nichts, aber er starrt sie schändlich an. Fritzle, das ist das Unheimliche, sieht auf einmal sich, die beiden Freunde und den redlichen Gadow mit den hungrigen Augenlöchern des Beobachters draussen an und wie grausig sie drinnen entblösst sind von jedem wohligen Schmelz. Fritzle wird diesen Jemand, diesen Schädling, das steht für ihn fest, niemals einlassen, und wenn der sich die Nase am Fenster blutig drückt!
Natürlich hütet sich Fritzle, eine Silbe davon zu verraten. Er atmet nur tief auf, wenn die Musterung aus der Nacht für diesmal vorüber ist.
Vor zwei Wochen sass er wieder mit den Freunden beisammen. Ein junger Mann brachte Gerichte für die Tiefkühltruhe und schwätzte einen Augenblick mit den alten Knaben.
Als er gegangen war, sagte der eine Freund: «Netter Bursche!» Daraufhin fing der andere an zu quengeln. «Lasst mich ein bisschen misanthropisch sein. Ich habe bei ihm die typische Gönnerhaftigkeit der Jugend entdeckt, und die gefällt mir nicht. Kürzlich musste ich im Zug durch drei Waggonabteile. Alles Halbwüchsige im Hormonrausch, die Mädchen ausnahmslos mit nackten Bäuchen, ist wohl Mode trotz Winterszeit. Alle leicht entgleist vom Biertrinken, dazwischen jedes Mal intensiver Abortgeruch. Abstossend, sage ich euch, diese ihre kreischende Geschlechtlichkeit ausdünstende Jugend. Behauptet ruhig das Gegenteil, ich bleibe dabei.»
«Aber damals, als ich Kellner lernte in Paris und mich die reizende Marion verführte, Marion Smith aus Amerika und echte Millionärstochter! Zum ersten Mal in meinem Leben nahm sich ein Mädchen meiner rundum an?… April, Paris, Dachstube?… alles vorhanden.» Herr Fritzle breitete weit die Arme aus: «Soll das nichts gewesen sein? Und vorher auch nichts, als es in Heidelberg von der Hotelfachschule aus auf eine Tanzerei ging, wo es ältere Mädchen zum Abschleppen gab, solche, von denen man lernen konnte? Die Herrlichkeit war das! Damals, ach ja, damals, damals! Jetzt habe ich bloss eine hübsche Krankentherapeutin mit feuerrotem Haar, die mich streng sachlich malträtiert. Millionärsgatte oder Oberkellner wurde ich nicht, musste aber auch nie den Gästen Fleisch und Gemüse aus Analogmaterie servieren.»
«Andererseits», sagte der zweite Freund, «ist bei meinem letzten Besuch in Rom eine komische Sache passiert. Wirklich verrückt. Ich habe von weit oben auf die antiken Trümmer gesehen und mir nicht gesagt wie bisher jedes Mal: ‹Gott ja, total zerdeppert. Was für eine bröselige Vergangenheit!› Was ich, und zwar hochzufrieden, gedacht habe, ehrlich gestanden, war: ‹O mein Gott, die Zukunft der Zukunft!› Warum hochzufrieden? Was glaubt ihr? Weil ich die heutige Zukunft nicht leiden kann und die skurrilen Brocken immer noch besser sind als ein asphaltierter Planet.»
Herr Fritzle legte den Kopf schief: «Gut, da wir dabei sind, will auch ich mich beschweren: Seit einiger Zeit sprechen die Leute zu leise, schreiben die Preise zu klein, stehen so abrupt vor einem, dass man sie im ersten Moment gar nicht erkennt. Was für blöde Streiche!» Da lachten die beiden anderen schallend, schlugen, wie man’s so macht, mit der Faust auf den Tisch und mit der flachen Hand aufs Knie.
«Schön war es schon, als man noch oft in den Süden fuhr! Grelles Licht, altmodische Samstagnachmittagshitze. Dazu Kaffeegeruch, Benzingeruch, träges Sitzen im teuren Schatten. Dann, gegen Abend, das teuflische Klappern der Pfennigabsätze. O Mann, war das gut! Ist alles nicht mehr.» Wer hatte das gesagt?
«Wie auch immer», rief der erste Freund dazwischen, «einen grossen Vorzug haben wir drei durch unsere Namen, Namen wie Steine. Franz, Hans, Heinz. Namen der Beständigkeit! Die lassen wir uns nicht nehmen, auch nicht vom Muskelspiel der neuen und nächsten und so erschreckend anderen Zeit.»
«Überblicke jeden Bereich deines Lebens. Dieser beeindruckende und intuitive Organizer koordiniert deine To-do-Listen mit deinem Kalender und hilft dir, schnell Prioritäten zu sehen: Schon eingetroffen und weiter im Kommen sind Gier, Überwachung, Hygienewahn!» schrie der zweite Freund.
«Da beginnt unsereins zu fremdeln. Statt warmer Pfusch kalter Fake. Das Zeitalter von Fälschung und Attrappe im Globalstil bricht an. Die kolumbianische Armee tötet junge Strassenbettler und gibt sie als Rebellen aus, um die Kampfstatistiken hochzujubeln. Das nur als Beispiel im kleinen. Banken verführen Kunden zum Risiko und spekulieren auf Verlust. Konzerne regieren mit Lobbyisten und Kanzleien unter der Maske der Demokratie. Im Gesundheitswesen werden Betrugsskandale zum Gewohnheitsrecht. Alles infernalische Signale des Epochenwechsels. Und was ist der Clou? Die, die uns davon auf dem Bildschirm berichten! Die lächelnden Directricen der Weltkatastrophen. Die sind die eisige Pointe. Die geben den Vorgeschmack kommender Lustigkeit in menschenleeren Unendlichkeitsräumen als Vorwegnahme elitärer Scheinzukunft für alle. An kahlen Nachrichtentheken beschenken sie uns mit sortierten Schreckensbotschaften aus den Bezirken der Überbevölkerung. Nee, nix da, wir nicht mehr. Adieu und ab zu den Hochstammrosen.»
Franz Fritzle war vor Eifer aufgesprungen.
Sie warteten noch auf den Gast dieses Abends. Es würde der Sohn von Frau Fendel aus der Irenenstrasse sein. Dieser Sohn wohnte in München, und die Männer wussten, dass er den Unfalltod seines Zwillingsbruders noch immer nicht verkraftete und seine bildschöne Freundin ihm vor kurzem den Laufpass gegeben hatte. Nur wegen dieses zweiten Unglücks besuchte er nach sehr langer Zeit seine Mutter, die Fritzle informiert und um die Einladung zum Aufmuntern ihres Sohnes, eines tüchtigen Turnierspielers, gebeten hatte. Ob der Bursche wohl einen von ihnen, Hans, Franz oder Heinz, durch seine noch frische, geschmeidigere Intelligenz besiegen würde? Remis? Fast spürten die drei Freunde einen Hauch von jugendlichem Lampenfieber.
Als sie Fendel dann leibhaftig sahen, waren sie sofort sicher, einem Verlierer gegenüberzustehen. Im Grunde hatte man es an der Art seines bleichen Klingelns gehört. «Fendel», sagte er flüsternd, eigentlich röchelnd. «Ich danke für die Freundlichkeit und weiss im übrigen Bescheid. Meine Mutter ist ausgezeichnet. Sie hat vermutlich von ‹Stimmungsschwankungen› gesprochen? Ich selbst nenne das Kind lieber beim richtigen Namen. Der lautet leider ‹Depression›. Verzeihen Sie die Offenheit, meine Herren. Aber mit der Indiskretion wurde ja schon der Anfang gemacht.»
Schade, meinte da Franz Fritzle zu sich selbst, der gemütliche Teil des Abends liegt hinter uns. Fendel starrte die Figuren auf den beiden Brettern an. Ein Gläschen Genever lehnte er ab, wobei er erklärend seine Hand auf den Magen presste. «Bitte um Nachsicht wegen der Verspätung», stiess er mühsam hervor. «Mich quält das viele Licht im Frühjahr, besonders das am Ende der immer längeren Tage. Normalerweise lebe ich zur Anpassung von März bis Mai bei runtergezogenen Jalousien.» Fritzle hätte nun gern gerufen: «Fangen wir an! Und Sie, gebrechlicher junger Dachs, heben Sie sich Ihre schwachen Kräfte für ein anständiges Spiel auf!»
Davon konnte keine Rede sein. Der junge Mann stand vor den Schachfiguren und fuhr fort: «Nun beginnt wieder alles von vorn, die ewige alte Leier fängt an und hat nichts dazugelernt, mit Glück ein paar unerhebliche Paraphrasen allenfalls.»
«Wie belieben?» fragte Heinz gereizt.
«Den sogenannten schönen Lenz meine ich», antwortete der Gast ohne Zögern. «Das Elend mit der zunehmenden Helligkeit, die das Kreuz der Wiederholungen so höllisch beleuchtet. Alles geht wie für immer auswendig gelernt von vorn los. Zum Heulen und Zähneknirschen. Ein paar Variationen der Wetterlage können nicht täuschen. ‹Nichts Neues unter der Sonne›, wie man sagt.» Er stützte sich mit beiden Händen auf die Stuhllehne und studierte nebenbei die Situation auf dem linken Brett. «‹Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.› Tortur der Repetition.»
«Was hat uns deine Frau Fendel nur für ein Früchtchen geschickt?» murmelte Hans, gar nicht besonders verstohlen, zu Fritzle hin.
«Und Sie? Sagen Sie bloss, Sie hofften noch auf Überraschungen, erst recht nach so massenhafter Erfahrung mit Jahreszeiten und Co. und deren abgedroschener Melodie, mit dieser Drehorgel und Mechanik bei Klein und Gross, Reich und Gering.»
Wegen seiner aktuellen Vorgeschichte wagten die drei nicht, nicht mal aus Bosheit, Fendel nach dem Köder des Lebens, nach den Frauen, zu fragen. Nicht ohne Mühe versöhnlich, erkundigte sich Heinz: «Ich dachte, wenigstens der Homo sapiens sei unendlich variabel. Ist er es nicht?»
«Immer das gleiche Grüssen und Grinsen», keuchte Frau Fendels Früchtchen und Sohn. «Immer dieselbe Zerstörungslust, immer derselbe Trieb, optimistisch zu sein. Wie ertragen Sie frohgemut, was doch jedes Mal quälend erwartbar ist? Wie halten Sie die tautologische Fortsetzung aus? Ich spreche nicht vom Stress des Auf und Ab an sich. Ich rede vom Stress seiner Schematik, von der Einfallslosigkeit der Abläufe. Perpetuierung in Permanenz. Statistisch gesehen werde ich länger leben als Sie, aber nichts wirklich Überraschendes wird mir passieren, ob Sie das hoffen oder fürchten. Die Abweichungen sind Firlefanz zur Augentäuschung, Bagatellen.»
Beim vorletzten Wort identifizierte Fritzle den Eindringling, der sich trotz seelischer Hinfälligkeit mit jedem Atemzug fürstlicher gebärdete, erkannte ihn am Sog der tödlich schwarzen Pupillen. Doch da war es schon zu spät: Er hatte keinem anderen als dem nächtlichen Unhold an den Scheiben die Tür geöffnet.
«Oben im Weltraum nichts anderes, nichts als da capo und Refrain. Ewige Öde von Sternentod und Sternengeburt. Man schminkt uns die Teleskop-Rohdaten barmherzig bunt, damit wir ein bisschen zum Staunen haben. Gehen Sie mir bloss ab mit dem Universum. Grossartigkeit? Da lachen ja die Hühner! Leider dauert es noch vier Milliarden Jahre bis zum Wärmetod.»
Fendel schlug die Freunde dann rasch nacheinander, eins, zwei, drei. Mit nicht nachlassender Konzentration setzte er sie ruckzuck matt, Franz, Heinz, Hans. Fritzle aber dämmerte, dass sie von dem leichenblassen Spielverderber schon besiegt waren, bevor der die erste Figur in die Hand genommen hatte. Sein entscheidender Schachzug? Die Introduktion.
Als sie Fendel leibhaftig sahen, waren sie sicher, einem Verlierer gegenüberzustehen.
Zur Biographie von Brigitte Kronauer
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