NZZ Folio 05/06 - Thema: Fussball-WM   Inhaltsverzeichnis

Am Tatort

© Allianz Arena München Stadion ...
Je nach spielendem Verein kann die Aussenhaut der Allianz-Arena von innen angestrahlt werden: Bei der WM ist sie weiss. Linktext
München, Allianz-Arena. Der Rasen ist solariumgegrünt, alle sechs Minuten wird die Pissrinne gespült, und im Keller gibt es einen Knast. Vom Innenleben eines Stadions.

Von Roderick Hönig

Uwe Lienau hat einen heiklen Patienten. Der Head-Greenkeeper des modernsten Fussballstadions Deutschlands ist Herr über eine 8000 Quadratmeter grosse Intensivstation. Lienaus Stationszimmer ist eine riesige Fahrzeughalle in den Katakomben der Arena. Dort, unter der Tribüne, sind seine windschlüpfigen Minitraktoren und Rasenmäher parkiert, stehen die Linienzeichnungsgeräte, ein paar Schaufeln und Schubkarren fein säuberlich aufgereiht.

Der Gärtner im Betonbunker empfängt Besucher auch 90 Minuten vor dem Spiel mit der Gelassenheit eines Klosterbruders. «Die Allianz-Arena ist nicht für den Rasen gebaut, sondern für die Zuschauer», sagt Lienau. Es ist kein Geheimnis: Die je nach spielendem Team rot, blau oder weiss leuchtende Architektur-Ikone aus der Hand des Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron ist zwar bei Fans und Spielern beliebt, doch die fast 2800 rautenförmigen Hightech-Luftkissen (stabil, selbstreinigend, hitze- und kältebeständig), die das Stadion medienwirksam einhüllen, haben einen grossen Nachteil: Sie lassen zu wenig Sonnenlicht auf den Rasen fallen. Deshalb hängt das Grün der Marke Powerrasen am Tropf von Uwe Lienau.

Der betreut seinen Sorgenfall praktisch 24 Stunden pro Tag mit zwei Mitarbeitern, manchmal sogar von zu Hause aus: Per Internet kann er die Rasenheizung ansteuern und Wasser mit Temperaturen zwischen 35 und 50 Grad in den 27 Kilometern Rohren unter der Rasenfläche zirkulieren lassen. Morgens um zehn steht er auf dem Rasen und nimmt einen ersten Augenschein. Was lässt sich machen, bevor die Fussballerhorde die 100 000 Euro teure Wiese wieder in einen Acker verwandelt? An heissen Tagen entscheidet sich Lienau vielleicht für einen sanften Regen aus der Bewässerungsanlage. Oder er überlegt sich, wie weit und wie lange er die Akustiksegel ausfahren soll, die im Süden und Westen unter dem Luftkissendach hängen. Mit ihnen kann er – in der Hoffnung auf etwas mehr Grün als Braun – die Photosynthese ankurbeln.

Wenn die Temperaturen niedrig sind und die Sonne tief steht, greift Lienau zu seiner Geheimwaffe: Mit dem Designer-Traktor fährt er das auf eine Fläche von einer Dreizimmerwohnung ausfaltbare Rasensolarium aus den Katakomben. Doch trotz den fast unbegrenzten technischen Möglichkeiten kann auch das Mitglied des Fifa-Rasen-Kompetenzteams das Grün in der Arena nicht von seiner chronischen Erkältung heilen. «Ich bin froh, wenn wir für die WM endlich die 250 Rollen WM-Rasen – jede ist 1,2 Tonnen schwer – auslegen können», sagt Lienau lakonisch, «der sollte bis Ende Weltmeisterschaft halten.»

Den Fans ist der Zustand des Rasens jedoch egal. Sie lieben ihre Allianz-Arena und strömen bei jedem Spiel in Scharen herbei: Die 66 000 Sitzplätze waren seit der Eröffnung 2005 bei fast jedem Spiel vollständig besetzt. Das freut die beiden Clubs Bayern München und TSV 1860 München, die im Stadion zu Hause sind und die 340 Millionen Euro teure Arena je hälftig besitzen. Für die Polizei und die privaten Ordnungskräfte ist der Publikumserfolg jedoch ein Problem. Denn eine solch gewaltige Menschenmasse sicher ins Stadion rein- und wieder rauszulotsen, ist eine Generalstabsübung. «Am meisten passiert, wenn die Massen in Bewegung sind», sagt Wolfgang Wenger vom Polizeipräsidium München, «während des Spiels ist es eher ruhig.»

Die Münchner Polizei steht an einem WM-Abend in der Arena mit 600 Beamten in Bereitschaft. Die meisten sind uniformiert, einige beritten, weitere mischen sich in Zivil unter die Leute. Unterstützt werden sie von einem Heer privater Sicherheits- und Ordnungsleute. Polizei und Sicherheitsdienste sind ein eingespieltes Team: Bei Offizialdelikten – meist Diebstahl oder Körperverletzung – rufen die privaten Ordner ihre Kollegen vom Staat. Obwohl während der WM «die Welt zu Gast bei Freunden» ist, ist die Münchner Polizei für Freunde, die sich nur als solche ausgeben, gut gerüstet: Im Sockel des Stadions gibt es eine Polizeistation. In der sogenannten Gefangenensammelstelle werden die Hooligans vernommen und erkennungsdienstlich erfasst. Für Renitente stehen vier weiss ausgekachelte Gefängniszellen mit Ahornpritschen zur Verfügung.

Die mehrere hundert Mann starke Truppe des VP-Mayr-Veranstaltungsdienstes sind keine ruppigen Rausschmeisser, sondern nette Herren und Damen in Uniform, welche die Hausordnung durchsetzen: Sie schauen im Lift, dass keiner auf der falschen Etage aussteigt, regeln den Einlass im Zuschauer- und VIP-Bereich, weisen Plätze an und holen auch mal Transparente mit anstössigen Slogans herunter. Die WM macht den bulligen Organisationsleiter Peter Hofmeister nicht nervös: «Damit lösen Sie keine Probleme!» sagt er in seinem Minibüro zwischen zwei Telefonaten. «Aber an der WM läuft natürlich vieles anders: Das Ticketsystem ist anders, auch die Sponsoren sind andere. Das bedeutet zwar mehr Aufwand, aber wir haben Leute mit EM- und WM-Erfahrung. Eins gilt sowieso immer: Das Verhalten der Fans hängt vom Spielergebnis ab.»

Ihren Anfang nimmt eine Festnahme oder ein Stadionverweis meist in der Einsatzzentrale hoch unter dem weit auskragenden Dach. In einer 50 Quadratmeter grossen, mit Bildschirmen und Elektronik vollgestopften Aussichtskanzel, die über enge Gänge und steile Treppen erreichbar ist, starren 16 Polizisten, davon 3 Psychologen, abwechselnd auf die Tribünen und auf die Bildschirme. Obwohl in der Überwachungsloge die Bilder von 86 Kameras zusammenkommen, steht das Spiel hier nicht im Mittelpunkt. Mit dem Joystick lenken die Beamten die Kameras über die Tribünen, zappen von einem Bild zum anderen und zoomen auf verdächtige Personen. Wenn sie einen Gast erkennen, der in ihrer Hooligan-Datenbank registriert ist, geben sie über Funk den Kollegen auf den Rängen und in den Gängen einen Hinweis.

Praktisch sind die Kameras nicht nur für die Beobachtung und Kontrolle, sie machen auch gerichtsverwertbare Bilder. Bisher waren der Polizei die Hände gebunden, wenn der Hooligan abstritt, die Rauchpetarde aufs Spielfeld geworfen zu haben – das Beweisstück lag ja auf dem Rasen. In der Arena ist das anders: Beobachtet ein Beamter auf seinem Bildschirm einen Fan beim Hantieren mit einem verbotenen Gegenstand, macht er ein Foto. Mit dem Ausdruck in der Hand suchen seine Kollegen den Täter und konfrontieren ihn mit dem gestochen scharfen Bild. Mit derart schlagenden Beweisen machte sich die Münchner Polizei bei den Hooligans schnell unbeliebt. «München ist Scheisse!» schrieben diese nach der Stadioneröffnung in den einschlägigen Fanzines und Websites – sehr zur Freude der Münchner Ordnungshüter.

Die Arena ist ein gut überwachtes Stadion und eine durchorganisierte Eventmaschine – auch an Nicht-Spieltagen. «Wir führen 15 Anlässe pro Tag durch, von der Pressekonferenz über Kongresse bis hin zur Mitarbeiterfeier oder zum Galadiner», sagt Markus Preiss von Arena One, «im Jahr fast 5500 Anlässe für 10 bis 2500 Personen. Dazu kommen die 300 000 Besucher, die wir durchs Stadion führen.» Die 2004 gegründete Arena One hat 500 Angestellte und ist aus dem liberalisierten Strommarkt herausgewachsen. Das Unternehmen gehört zum deutschen Stromriesen E.on, der heute auch viele andere Dienstleistungen anbietet.

Angefangen hat die Gesellschaft mit der Bewirtung der 6000 Quadratmeter Gastronomiefläche der Allianz-Arena, während der WM baut Arena One aus und ist verantwortlich für Gastronomie, Anlässe und Hauswartung in sechs Stadien. Auf ein Spitzenspiel bereiten sich die Mitarbeiter fünf Tage vor. Denn anders als in den meisten Stadien wird in der Arena nicht nur aufgewärmt. In der Grossküche unter den Tribünen herrscht vor den Spielen Hochbetrieb wie in einem Fünfsternhotel: Da wird gekocht, abgewaschen, geputzt, kontrolliert und bedient. Alles läuft wie am Schnürchen. Das Arena-One-Team, das bei einem Spitzenspiel auf 1300 Mitarbeiter anwächst, versorgt bis zu 2500 Business-Gäste. Nur wer bereit ist, während der WM mindestens 1200 Euro für einen Sitzplatz auf der Business-Tribüne, Buffet und einen Parkplatz im Sockel des Stadions hinzublättern, ist als Business-Gast mit von der Partie.

Spätestens im klinischen VIP-Bereich, der sich noch einen Stock höher befindet, wird einem klar, dass Fussball hier ein hochrentables Geschäft sein muss: Im Stadion gibt es 106 VIP-Logen für etwa 1400 Gäste. Sie werden an private Firmen und Sponsoren laut Zeitungsmeldungen für bis zu 240 000 Euro pro Jahr vermietet.

So erfolgreich sich der stilvolle Business-Bereich in der Rechnung auch präsentiert, er macht das Gemeinschaftserlebnis Fussball zum Zweiklassenevent: draussen im Stadion die lautstarken Anheizer und Hardcore-Fans, drinnen in den klimatisierten Logen die Geniesser und Gourmets; Fussball ist eben immer auch noch Klassenkampf: Bratwurst gegen Lachsbrötchen, Bier gegen Prosecco. Die offensichtlichen Kaufkraftunterschiede führten zu Beginn noch zu Aggressionen gegenüber den Bessergestellten: «Ihr seid nur zum Fressen da!» hallte es den Funktionären und Geschäftsleuten von der Fankurve entgegen. Die leeren VIP-Logen und Business-Sitzreihen liessen darauf schliessen, dass die Fussballfans in Anzug und Krawatte eher am Brot als an den Spielen interessiert waren.

Arena One indessen kümmert der Klassenunterschied wenig, denn auch mit den weniger begüterten Fans lässt sich Umsatz machen: Für die 63 500 Normalsterblichen braten die Grillmeister an den 28 Riesenkiosks an einem Abend bis zu 25 000 rote und 14 000 weisse Würste. Dazu verdrücken die Fans 10 000 Brezen und spülen das Laugengebäck mit 20 000 Liter Bier hinunter. So gross der Ansturm auf die Kiosks vor dem Spiel und während der Halbzeit ist, so leer sind die weiten Betonhallen rund um die Tribünen, wenn der Ball über den Rasen flitzt. Das Stadion wirkt dann trotz den 66 000 Zuschauern gespenstisch leer.

Der Gerstensaft, der sich in der Pause seinen Weg durch die Pissrinnen wieder nach draussen sucht, wird automatisch alle sechs Minuten weggespült. Dass er nirgends gestaut, über die richtigen Kanäle entsorgt und – um das System nicht zu überlasten – nicht auf jeder Ebene gleichzeitig weggespült wird, kontrollieren Dieter Krauss und seine Kollegen von der Haustechnik-Leitzentrale aus. Krauss ist um die 40, liess sich erst vor kurzem zum Haustechniker umschulen und ist heute Herr über die komplexe Wärme-, Klima-, Lüftungs- und Sanitärtechnik der Arena. Im Sekundentakt nimmt er dem Stadion den Puls: «5000 Datenpunkte sammeln Informationen über die Technik- und Elektronikanlagen im Stadion und geben sie an eine zentrale Steuerung weiter», erklärt er und schielt auf den Bildschirm, der das Spiel im Stadion überträgt. «Die für die Arena geschriebenen Computerprogramme verwandeln die endlosen Datenreihen in eine lesbare Form.»

Krauss musste ein Jahr lang lernen, die Haustechnik zu bedienen. Heute interpretiert er mühelos alle Tabellen, die über seine Bildschirme flimmern. In Sekundenschnelle kann er die Rasenwurzeltemperatur (12 Grad) überprüfen, die Helligkeit auf dem Spielfeld (1500 Lux für die TV-Übertragung, 225 fürs Training), die Funktionstüchtigkeit der 6200 Lautsprecher, der Brandschutzanlagen (4600 Brandmelder, 15 000 Sprinklerköpfe), der 110 Lüftungsanlagen (Umwälzung 1,7 Millionen Kubikmeter Luft pro Stunde) oder der Fassadenbeleuchtung (25 000 Leuchtstoffröhren). Zwei Stromnetze versorgen die Arena. Bei einem Spitzenspiel verbrauchen die Anlagen 5 Megawatt pro Stunde, so viel wie eine Kleinstadt an einem durchschnittlichen Fernsehabend. Die installierte Leistung beträgt 12 Megawatt pro Stunde, mehr als das Doppelte des Spitzenverbrauchs – auch bei Ausfall eines der beiden Umspannwerke würden die Fernsehzuschauer nichts davon merken: Das Spielfeld würde ohne Flackern weiterhin in 1500 Lux leuchten.

Leider lässt sich nicht alles in der Hightech-Arena via Bildschirm kontrollieren und regeln. Thomas Lindner bereut das manchmal. Er ist Objektleiter der Arena und auch beim Stromriesen E.on angestellt. Der Facility-Manager ist Hausmeister und damit Herr über 1900 Türen. Zu keiner gibt es einen Schlüssel, sie können nur mit sogenannten Transpondern geöffnet werden. In die blauen, fünf Euro grossen Objekte ist ein Chip eingebaut, der entsprechend den Zutrittsrechten des Besitzers programmiert wird. «So können wir kontrollieren, wer wann wo Zugang hat.» Komplizierter wird es, wenn ein solcher elektronischer Schlüssel verloren geht. «Weil dann mein speziell für die Schliessanlage angestellter Kollege alle Türen einzeln deaktivieren muss, die der verlorene Schlüssel öffnen konnte», sagt Lindner. «Beim Transponder des Küchenjungen ist das kein besonderer Aufwand, bei jenem der Putzkolonne schon.» Was passiert, wenn die Batterien zu Ende gehen, die in jede Türe und in jeden Transponder eingebaut sind, will sich Lindner lieber noch nicht ausmalen.

Nicht nur die Mitarbeiter, auch die Besucher mussten den Umgang mit der Hightech-Arena lernen. Eine Hürde war etwa das bargeldlose Bezahlsystem: innerhalb des Stadions kann nur mit der Arena-Card bezahlt werden. So fällt das lästige Geldzählen weg, die Anstehzeiten vor der Grillstation verkürzen sich. Bei der Planung beschloss man, die Karte auch zum Bezahlen der Parkgebühr einzusetzen. Keine abwegige Idee, denn die Hälfte der Fans reist mit dem Privatauto an und benützt einen der 10 000 hauseigenen Parkplätze. Doch schon nach dem ersten Spiel stellte sich heraus, dass die Autofahrer die an der Grillstation eingesparte Zeit und viele weitere Stunden ins Parkhaus investieren mussten: Viele tranken nach dem Spiel den Restkredit ihrer Karte leer – und trafen sich dann vor der 800 Meter vom Eingang entfernten bargeldlos funktionierenden Parkhauskasse wieder. Die stundenlangen Staus und der Frust, die so entstanden, sind nun aber Vergangenheit: Die Stadiongesellschaft hat die Parkautomaten umgerüstet, sie können nun auch mit Euros gefüttert werden.

Mehr Zeit müssen die Autofahrer unter den Fans aber immer noch einrechnen, denn dank vielen und grosszügigen Fluchtwegen leert sich das Stadion nach dem Abpfiff in nur 15 Minuten. Das ist gut für die Sicherheit der Fans, die sich in grossen Strömen auf die offene Esplanade vor dem Stadion ergiessen. Es bedeutet aber auch, dass alle 10 000 Autos, die unter der Esplanade parkiert sind, fast gleichzeitig wegfahren wollen. Kurz: Wenn die Welt zu Gast bei Freunden ist, stösst auch das grösste Parkhaus Europas an seine Kapazitätsgrenzen.

Roderick Hönig ist Redaktor der Zeitschrift «Hochparterre»; er lebt in Zürich.


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