Christoph Koellreuter, 1944 in Brugg AG geboren, wuchs in der Region Basel auf und studierte an der Universität Basel Wirtschaftswissenschaften. Nach einem Postgraduate-Studium in Kanada war er Projektleiter im Bereich Konjunkturprognosen bei der Prognos AG in Basel. 1980 gründete er die Basler Arbeitsgruppe für Konjunkturforschung BAK, die zu den drei führenden Prognoseinstituten des Landes zählt. Das private Institut erarbeitet und vertreibt kurz- und mittelfristige Wirtschaftsanalysen und Prognosen auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene. Als Konjunkturforscher beschäftigt sich Christoph Koellreuter mit allen volkswirtschaftlich relevanten Faktoren. Für die Schweiz bietet die BAK einen makroökonomischen Prognosedienst an, der sieben Regionen und mehr als zwanzig Branchen abdeckt.
Das Gespräch mit Christoph Koellreuter führten Daniel Weber und der NZZ-Wirtschaftsredaktor Angel Serna.
Bund, Kantone, Gemeinden - alle sollen sparen. Wie steht es mit Herrn und Frau Schweizer: sparen die genug?
Wenn wir den Anteil des verfügbaren Einkommens betrachten, der im durchschnittlichen Schweizer Privathaushalt beiseite gelegt wird, müssen wir feststellen: die Schweizer sparen viel. Die sogenannte Sparquote liegt bei ungefähr 12 Prozent. Ende der siebziger Jahre lag sie bei 3 Prozent, der Spitzenwert Anfang der neunziger Jahre war leicht über 13 Prozent. Dann kam die Rezession, die Einkommen stagnierten oder waren rückläufig; darum sparten die Leute weniger, und die Sparquote in der Schweiz ging leicht zurück.
3 Prozent, 13 Prozent - ist das eine zuwenig, das andere zuviel?
Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Letztlich ist es eine Frage des Standpunkts, was man als sinnvoll betrachtet. Nehmen wir die hohe Sparquote als Beispiel. Aus einer liberalen Warte könnte man argumentieren: All diese Haushalte haben sich nun halt unter den gegebenen Verhältnissen dafür entschieden, so viel zu sparen, ergo ist dies eine gute Sparquote. Aus rein konjunktureller Sicht könnte man entgegnen: Es wäre in bestimmten Phasen besser, wenn die Privathaushalte weniger sparen würden.
In welchen Phasen und warum?
Wenn alle Autobesitzer in Westeuropa, Japan und den USA beschliessen: wir fahren unsere Autos ein Jahr länger, können sie damit die ganze Weltwirtschaft in die Rezession schicken. Aber selbst wenn nur ein Teil der Leute das tun, kommt der Teufelskreis in Gang: Die Sparquote steigt, es wird weniger ausgegeben, die Automobilindustrie setzt weniger ab, sie muss die Löhne senken, Personal entlassen. Diesen Mechanismus haben wir in den Rezessionsjahren zwischen 1990 und 1993 erlebt. Hätten in dieser Phase die Konsumenten «durchgehalten», wäre dies für die konjunkturelle Entwicklung eine Erleichterung gewesen.
Aber die Schweiz zum Beispiel hat ja keine Autoindustrie.
Bei uns gibt es zwar keine Hersteller, aber Händler, Garagen, einen ganzen Wirtschaftszweig, der am Auto hängt. 1993 war für Westeuropa ein miserables Autojahr, der Absatz nahm um 15 Prozent ab, was eben nicht nur Auswirkungen hatte auf VW, Renault und Fiat. Wenn man den Gürtel enger schnallen muss, ist es naheliegend, sein Auto etwas länger zu fahren oder andere dauerhafte Konsumgüter, Haushaltgeräte, Unterhaltungselektronik, nicht zu ersetzen.
Was weiss die Ökonomie von der Psychologie des Sparens? Welches sind die wichtigsten Sparmotive?
Zuallererst spart man immer noch im Hinblick auf das Alter. In der Schweiz sind zwar mit der ersten und der zweiten Säule relativ viele Leute anständig abgedeckt. Trotzdem spielt die dritte Säule, die individuelle Ersparnis, für viele eine grosse Rolle. Und wir nehmen an, dass die Leute auch für ihre Nachkommen sparen.
Welche Spargründe haben Sie persönlich?
Ich lege neben der zweiten Säule zusätzlich etwas zur Seite, um im Alter etwas zu haben. Aber einiges fliesst auch in dieses Institut, an dem ich beteiligt bin. Das bringt zwischenzeitlichen Einkommensverzicht mit sich, aber es ist ein Investitions-Sparentscheid im Interesse des Gedeihens des Unternehmens.
Nun gehören ja die meisten Schweizer nicht zu den Unternehmern. Wie spart der Durchschnittsbürger am sinnvollsten?
Das lässt sich nicht generell beantworten. Sicher sparen viele für ein eigenes Haus oder für Stockwerkeigentum; für Wohneigentum, das in der Schweiz bekanntlich weniger verbreitet ist als in anderen Ländern. Diese Art des Sparens könnte man auch gesellschaftspolitisch als wünschbar erachten, insofern, als Wohneigentümer ein Interesse an einer stabilen und berechenbaren Entwicklung haben.
Wer spart nach den Statistiken am meisten?
In der Regel spart man in jungen Jahren noch nicht. Da ist das Einkommen niedriger, man gründet einen Haushalt, eine Familie; diese Investitionen lassen wenig Sparmöglichkeiten - und schliesslich hat man das Alter ja auch noch nicht vor Augen. Später, wenn die Kinder aus dem Haus sind, das Einkommen gestiegen ist, spart man mehr. Und im Alter dann wieder weniger. Das entspricht dem Lebenszyklus-Modell der Ökonomie. Aber man weiss, dass in der Schweiz auch die Rentner noch ziemlich viel sparen.
Sparen Reiche relativ mehr als Arme?
Grundsätzlich gilt: Je höher das Einkommen, desto höher die Sparquote.
Sparen denn diese Leute viel, weil sie reich sind, oder sind sie reich, weil sie viel sparen?
Dass ein Kleinsparer reich würde, indem er sein Geld auf die Bank trägt, ist eher unwahrscheinlich. Da braucht es zusätzliche Faktoren: zum Beispiel eine überdurchschnittliche Ausbildung, die einem eine Karriere ermöglicht, geschicktes Anlegen, unternehmerische Fähigkeiten.
Und das Gegenteil des Sparens, das Schuldenmachen: lässt sich das empfehlen?
Wenn man etwas aufbaut - wie ich dieses Institut hier -, kommt es notwendigerweise zur Verschuldung. Man hat eine Idee, verschuldet sich - und hofft darauf, später diese Schulden abbauen zu können. Leute, die solche Risiken eingehen, sind nötig.
Ist Schuldenmachen nicht auch sinnvoll, weil man damit von der Inflation profitiert?
Die haben wir zurzeit kaum mehr. In den siebziger Jahren, als wir auch bei uns zweistellige Inflationsraten hatten, war das anders. Die Leute wollten sich gegen die steigende Inflation schützen, verschuldeten sich und investierten in «Betongold». Ein beispielloser Wohnungsbau-Boom war die Folge - aber der Kater blieb bekanntlich nicht aus. Die Einführung der flexiblen Wechselkurse erlaubte dann immer mehr Ländern, eine eigenständige Geldpolitik zu betreiben und das System zu stabilisieren. Die Finanzmärkte reagieren heute sehr sensibel, wenn auch nur der leiseste Verdacht besteht, dass die Inflationsrate steigen könnte. Dadurch haben wir in der jetzigen Phase des Zyklus bereits wieder relativ hohe Zinsen.
Die Schweizer sparen viel, haben wir gehört, die Amerikaner wenig - wäre bei uns nicht weniger auch genug?
Die Sparquote liegt in den USA derzeit etwa bei 4 Prozent, in Europa im Schnitt bei 12 Prozent, wie in der Schweiz. Aber eine Volkswirtschaft muss ihre Ersparnisse natürlich nicht nur aus den privaten Haushalten zusammenkriegen. Ebenso wichtig ist, was in den Unternehmen geleistet wird, und dann stehen die Länder ja nicht allein, sondern sind wirtschaftlich untereinander vernetzt. Wir haben einen weltweiten Kapitalmarkt, und wenn die einen weniger sparen als die andern, kann es durchaus so sein, dass die andern den einen via Kapitalmarkt das nötige Geld zur Verfügung stellen. Vor allem, wenn die Renditemöglichkeiten im einen Land höher sind als im andern.
Wir sollen sparen und in Amerika investieren?
Oder in Schwellenländern, das heisst in Ländern, die im Begriff sind, sich zum Industriestaat zu entwickeln. Weltwirtschaftlich gesehen ist das ein sehr wichtiger Prozess: dass Kapital aus älteren Volkswirtschaften mit wenig Wachstumspotential in Regionen fliesst, die sich von einem tiefen Niveau aus rasch entwickeln. Tatsächlich wird in der Schweiz mehr gespart, als im eigenen Land investiert wird; das heisst, wir exportieren Kapital.
Die AHV und das Pensionskassen-Obligatorium zwingen die Schweizer ja zur Vorsorge. Warum sparen sie eigentlich noch zusätzlich aufs Alter hin?
Dass die Sparquote trotzdem noch so hoch ist, ist auch Ausdruck der Tatsache, dass die Schweiz immer reicher geworden ist. Was für den Einzelnen gilt - je höher das Einkommen, desto höher die Sparquote -, trifft auch für ganze Volkswirtschaften zu. Aus demographischen Gründen wird die Sparquote allerdings in etwa zehn Jahren zurückgehen: Das Durchschnittsalter steigt weiter, und die Rentnergeneration wird grösser.
Halten Sie das institutionalisierte Zwangssparen, anstelle des individuellen Sparens, für eine gute Lösung?
Unsere zweite Säule gehört zu den am besten ausgebauten Altersvorsorgen. Eigentlich ist sie ein Zwitter: einerseits obligatorisch, was nach Staat riecht; andererseits dann doch privaten Kassen überantwortet, die nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren - wenn auch unter Leitlinien, die der Staat festgelegt hat. Dieses System entspricht ganz dem allgemeinen Sicherheitsbestreben. Aber es steht nicht fest, dass es in dieser Form überleben wird. Wir sind heute einem starken Strukturwandel und einem scharfen Standortwettbewerb ausgesetzt, der sich auf die Arbeitsplätze auswirkt. Gerade weniger qualifizierte Arbeitskräfte in reichen Ländern haben aus den aufstrebenden Ländern, wohin ein Teil der Produktion verlagert wird, harte Konkurrenz bekommen. Es ist absehbar, dass sich manches, was in den guten Jahren initiiert worden ist, nicht mehr so leicht finanzieren lassen wird. Der Anteil Selbständiger nimmt zu, es gibt mehr kleine und mittlere Unternehmen - und die können sich luxuriöse Pensionskassen schlicht nicht leisten, machen kaum mehr als das vorgeschriebene Minimum. Wie zum Beispiel wir an unserem Institut.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Ich nehme an, dass wir länger arbeiten werden. Aber die Löhne werden nicht mehr wachsen wie früher, vielleicht sogar stagnieren - so wie in den letzten zehn Jahren in den USA. Wenn dort das Familieneinkommen trotzdem zugenommen hat, dann darum, weil mehr Frauen arbeiten. Das werden wir auch in der Schweiz mehr und mehr erleben, dass Frauen in den Erwerbsprozess eintreten. Nicht aus Vergnügen, sondern unter ökonomischem Druck.
Wie lautet Ihre Prognose für 1995?
In der Schweiz haben wir letztes Jahr die Talsohle erreicht, seither beobachten wir einen Erholungsprozess, der aber insgesamt verhalten abläuft. Wir rechnen für 1995 mit einem Zuwachs des Bruttosozialprodukts von etwas über 2 Prozent - das ist kein rassiger Aufschwung. Die Erholung ist da, aber bis man in gewissen Märkten das frühere Niveau erreicht, falls überhaupt, wird es noch einige Zeit dauern.