NZZ Folio 01/98 - Thema: Der Boss   Inhaltsverzeichnis

Bossa nova?

Was weibliche Führungskräfte bewegt und bewegen.

Von Ursula von Arx

DIESER ARTIKEL IST EIN SYMPTOM. Auch Bücher wie «Führungsfrauen» oder «Erfolgreich ohne Penis» sind es. Dass Führungsfrauen ein Thema sind, über das geschrieben wird, zeigt, dass sie ein Spezialfall sind. Das Buch «Karriere für Penisträger» ist nie geschrieben worden, auch nicht der Artikel «Männer als Bosse». Europaweit sind nur etwa 3 Prozent des oberen Managements weiblich; in der Schweiz liegt gemäss Handelsregister der Anteil der unterschriftsberechtigten Frauen bei 5 Prozent. Damit haben sämtliche der hier Portraitierten eines gemeinsam: Sie sind Exotinnen.

Sie arbeiten bei der Sihltal-Zürich-Üetliberg-Bahn (SZU), beim Ballonkatheterhersteller Schneider Worldwide, bei der Pinzettenfabrik Outils Rubis SA, den Zürich-Versicherungen, der Migros Bern, an der Schweizer Börse, bei der High-Tech-Firma Mécanex SA. Ihre Namen sind Weibel, Canepa, Baldesberger, Giondow, Girgis, Hunziker, Thibaudeau. Zu Bossinnen macht sie der Vorname: Christiane, Heliane, Fides, Margarete, Gisèle, Antoinette, Nicola. Sie führen als Inhaberin, Direktorin, Geschäftsführerin zwischen 35 und 6200 Mitarbeiter. «Frauen führen anders» ist der Titel eines der 1000 Managementbücher, das, wie die andern 999, eine «Revolution im Management» prophezeit. Gerade Intuition, Verständnis, «die weiblichen Schwächen», brächten, so das Buch, den grossen Erfolg.

MANAGEMENT-TALK. Führung scheint geschlechtsübergreifend eine Frage der Sprachmagie zu sein: Im Firmen-Paper eines beliebigen Unternehmens wird man die Leitwerte ähnlich formuliert finden wie im Papier der Schweizer Börse: «Mit Lust und Spass an Leistung und Erfolg erzeugen wir nachhaltig Mehrwerte» oder «Durch aktive und umfassende Information wollen wir Profil zeigen und Vertrauen schaffen». Oder: «Die Zukunftspotentiale liegen in unseren Mitarbeitern.»

«Energie» ist das Hinweisschild zu Antoinette Hunziker, der Chefin der Schweizer Börse. «Wenn der Arbeitsplatz ein Energiefresser ist, können Sie nie die Bestleistung erbringen.» Also versucht sie im Team vierteljährlich und mit Hilfe eines Energiecoachs herauszufinden, wo wie welche Energie fliesst. Sie hätten einen Mitarbeiter, der mache perfekteste interne E-Mails. Im persönlichen Kontakt jedoch setze er «eine ganz andere Energie» frei und sei viel effizienter. Ganz glücklich ist Hunziker über das Börsencafé im Erdgeschoss, wo man sich trifft, plaudert, Informationen austauscht: «So arbeite ich eigentlich auch während der Pausen. Ist das nicht wunderbar?» Sie lacht, hell wie ein Glasblumenbukett.

Hunziker will die Schweizer Börse zum zentralen Handelsplatz in Europa aufbauen. «Wir sind im Wettlauf mit der Zeit. Mobbing? Hidden Agendas? Dafür bleibt schon gar keine Zeit.» Wofür hat sie Zeit? «Für meinen kleinen Sohn, er heisst wie sein Vater, nämlich Kurt, ein kurzer Name, der so schnell gesagt wie geschrieben ist, für meine Kurts also habe ich jeden Morgen eine und jeden Abend zwei Stunden Zeit. Aber 24 Stunden Zeit ganz für mich allein, das wünsche ich mir schon lange.»

ENTSPANNUNG IST TIME-MANAGEMENT. Mehr Zeit! heissen Sehnsucht und Stossseufzer der Managerinnen. A  day off! heisst der Stossseufzer für die Kader der Zürich-Versicherungen. Denn hier ist die Umgangssprache Englisch: eine Massnahme, die Small-talk reduziert und Sachlichkeit fördert, wie Margarete Giondow, Leiterin Finanzierungen der Abteilung Tresorie, feststellt. Ausserdem sind die Mitarbeiter geschult, sich gegenseitig wie Kunden zu behandeln. Noch eine Massnahme, die Efficency, Objectivity and Respect fördert. Um auf dem laufenden zu sein, studiert sie jeden Morgen von halb acht bis halb neun die Wirtschaftspresse; bevor sie am Abend ins Bett geht, schaut sie noch schnell bei CNN vorbei. Zehn- bis Zwölfstundentage sind keine Seltenheit. Sie seien personell ziemlich knapp bemessen: «Wasserkopforganisationen haben wir nicht gerne.»

Vernünftig geplante Entspannung ist wichtig: Das Ich-habe-drei-Tage-durchgearbeitet-Humphrey-BogartKnautsch-Gesicht wirkt bei Frauen wenig repräsentabel. Margarete Giondow, sie lebt mit einem Wirtschaftsprofessor zusammen, hat ruhige Hobbys. Beide sind «Ausgangsmuffel», sie lieben es, sich vor dem Fernseher zu entspannen, die Füsse hochzulagern. Eine perfekte Balance. Ihr einziges Problem ist die Vorschrift, pro Jahr zwei Wochen Ferien am Stück zu nehmen: «Man muss am Ball bleiben. Da sind zwei Wochen lang.»

Giondow, im roten Kostüm mit Foulard, ist ein statistisch sehr seltenes Exemplar: In Versicherungen und Banken sind Kaderfrauen ungleich rarer als in Kultur, Sozialem und Kommunikation. Je grösser die volkswirtschaftliche Bedeutung einer Branche, desto weniger Frauen fänden sich an ihrer Spitze, stellt eine Studie fest. Wo Gelder statt Worte fliessen, sind kaum Foulards, nur Krawatten zu finden. Was also ist ihr Geheimnis? «Keines, ich habe nichts geplant, nur immer etwas gesucht, das mich motiviert», sagt Giondow, die Wirtschaft studierte, um schnell finanziell unabhängig zu sein, und als Immobilien- und Wertschriften-Portfolio-Verwalterin über Atag Ernst & Young und Intershop Holding zur Zürich kam. Nicht ganz zufällig. Denn was ist für sie das Wichtigste im Leben? «Sicherheit.»

WER AUF DER KARRIERELEITER WARTET. Gisèle Girgis, Geschäftsleiterin der Migros Bern, Herrin über 6000 Mitarbeiter, mit einem Hauch welschen Akzents: «Ein Problem bei Frauenkarrieren sind die Vorgesetzten. Befördern sie eine Frau, begehen sie Verrat an der Männergesellschaft. Sie müssen sich rechtfertigen.» Gibt es noch mehr Hindernisse? Fasst man die Aussagen aller hier Portraitierten zusammen, folgende: 1. Niemand teilt gern Macht. 2. Es gibt immer genügend männliche Anwärter. 3. Bereiche werden abgewertet, sobald Frauen in ihnen tätig sind. 4. Ist für den Vorgesetzten eine Frau okay, heisst das noch lange nicht, dass es für den Mitarbeiter auch so ist: Was ein rechter Mann ist, steht über der Frau. 5. Es gibt immer noch keine zwingenden Gründe, Frauen einzustellen. 6. Die Anstellung einer Frau fällt auf. Die Akzeptanz bei den Kunden ist nicht gesichert. 7. Die kritische Masse, bei der Frauen im Kader normal wären, läge bei etwa 20 Prozent - und die ist noch nicht erreicht. 8. Eine Frau als Chef heisst noch lange nicht, dass sie Frauen fördert.

«Ausserdem», so Girgis, die nach der Handelsschule den lic. oec. machte und während der Siebziger («eine sehr interessante Zeit: Rezession, Ölschock, Währungskrise») für eine Bank Wirtschaftsprognosen erstellte, «wenden Männer sehr interessante Tricks an. So macht man zum Beispiel mit einem Kollegen ab, je 30 Minuten zu referieren. Und er redet 55 Minuten, als erster, und du hast dann noch 5. Und deine Papiere fehlen in der Dokumentation. Das tut weh.» Und jetzt, da sie es geschafft hat? «Ich arbeite zu viel - ich übertreibe. Ich interessiere mich für Ökologie, aber mit meinen eigenen Ressourcen - nun, ein Schuhmacher hat auch nicht die besten Schuhe an. Nein, in dieser Beziehung bin ich kein Vorbild für meine Mitarbeiter.» Ah, eine Workaholikerin. Sind Frauen noch härter als ihre Kollegen? Sie lacht ihr ruhiges Lachen: «Nein. Von ihrer Sozialisation her sind Frauen nicht unbedingt die besseren Männer.»

ERBSCHAFTEN. Ein hoffnungsloser Fall oder eine Erbschaft ist auch ein Weg, Chefin zu werden. Oder warum nicht beides? Fides Baldesberger, gross, schlank, langes, blassgoldenes Haar, wirkt auf den ersten Blick so, als ob noch etwas Kühleres als Blut in ihren Adern flösse. Da sind aber die dunkelbraunen Augen und das helle Lachen, das grosse Zähne freigibt. Baldesberger ist in Zürich aufgewachsen, in Genf studierte sie Kunstgeschichte («Ich wollte weg von zu Hause; dass ich dringend mein Französisch verbessern musste, leuchtete den Eltern ein»), in Amerika Gemmologie («ein kurzes, praxisorientiertes Studium»), dann reiste sie zwei Jahre lang von Diamantenbörse zu Diamantenbörse. Ihr Vater besass in Stabio eine Pinzettenfabrik, die etwas serbelte. Als er starb, entschloss sich Baldesberger, die Firma zu übernehmen: «Der damalige Geschäftsführer war über 70. Ich war noch keine 30, aber ich wusste: So gut wie er kann ich es auch.» Die Tatsache, dass sie so jung gewesen sei, dazu noch eine Frau, habe ihr einen grossen Freiraum gegeben: «Als Sohn wäre ich wohl von Anfang an auf diese Aufgabe hin erzogen worden. Hätte ich es nicht geschafft, wäre ich als Versager dagestanden. Von mir erwartete man nichts. Ich konnte nur gewinnen.»

Nach einem Jahr war die alte Geschäftsleitung entlassen, seit 1984 führt Fides Baldesberger die Firma allein. Heute arbeiten bei Rubis 35 Leute, die Firma hat expandiert, automatisiert, vor kurzem ist sie umgezogen in neue, moderne Gebäude. Die Produktepalette wurde erweitert: Früher war vor allem die Industrie Kunde, heute sollen auch Konsumenten angesprochen werden.

Für Baldesberger gibt es zwei Gründe, ein Unternehmen zu führen: «Entweder man verdient Geld damit, oder es macht Spass.» Sie hat noch nie ans Aufhören gedacht. Wenn allerdings ein besseres Angebot auf sie zukäme, sie würde sich frei fühlen zu gehen, Verpflichtungen gegenüber einem Ehemann oder Kindern hat sie keine. «Früher wäre ich wohl als Hexe verbrannt worden. Ich mache, was mir gefällt. Ich lebe nur einmal.»

FUN. «Du bist in einer Männerwelt. Du darfst nicht mimosenhaft sein. Keiner ist nett zu dir, nur weil du ein nettes Fraueli bist. Ohne Disziplin geht nichts. Du hast keinen Acht-Stunden-Tag. Du hast wenig Privatleben. Du musst dich auf ein Ziel konzentrieren und alles andere vergessen.» Heliane Canepa, Chefin von Schneider Worldwide, verantwortlich für 2200 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von rund 600 Millionen Franken, lacht ein kringelndes Lachen, schüttelt die rötlichen, kringelnden Haare, ein leichter Schleier von Parfum hängt in der Luft. «Es gibt diesen Song von Cindy Lauper, -Girls just wanna have fun?. Jawohl, sie hat recht. Ich will Spass. Ich freue mich auf jeden Morgen. Ich kann gewinnen und etwas bewegen. Ich bin ungeheuer privilegiert.» Sie zündet sich eine Zigarette an. «Wir stellen Ballonkatheter und Stents her, etwas Wunderbares. Damit werden verstopfte Arterien erweitert, und das Blut kann wieder frisch und frei pulsieren.»

Heute ist Canepa bald 50 und viel zufriedener als mit 30: «Da war ich ein nutzloses Ding. Heute kann man mich brauchen.» Aufgewachsen ist sie zusammen mit vier Geschwistern im vorarlbergischen Götzis. Nach der Handelsschule hat sie verschiedenste Jobs angenommen: «Wenn ich keine Herausforderung mehr sah, ging ich.» Mit 32 kam sie zu Schneider. «Da war eine Garage, in der fünf Leute produzierten, eine alte Zwei-Zimmer-Wohnung mit einem grauenhaften Teppich und einem uralten Telex. In meiner Umgebung schüttelten alle den Kopf. Aber mein Chef war nett, er war häufig weg und vertraute mir.» Bald hatte sie die Einzelprokura. Das Unternehmen wuchs rasch. «Maitli», sagte da der Chef, «wir werden langsam zu gross.» 1984 übernahm der amerikanische Konzern Pfizer die Firma, die inzwischen 36 Mitarbeiter beschäftigte und einen Umsatz von 18 Millionen Franken erwirtschaftete. 1996 wurden Schneider (Europe) und Schneider USA sowie die akquirierten Firmen Namic und Corvita zu Schneider Worldwide zusammengefasst. Hauptsitz Bülach, Schweiz. Und der Kopf des Hauptsitzes? Hat rötliche, kringelnde Haare, ein kringelndes Lachen, schaut einen aus klugen, flinken, katzengrünen Augen an und kann mit der Zigarette zwischen den Lippen reden.

FAMILIE. «Mein Baby ist die Firma», sagt Heliane Canepa. Die Börsianerin Antoinette Hunziker macht sich wegen der Morgen- und Abendstundenagenda für ihren Sohn manchmal ein Gewissen, für die verheiratete Migros-Chefin Gisèle Girgis stand von Anfang an fest: keine Kinder. Die Frage «Wie hältst du's mit Familie und Management?» ist die typische Frage für Gretchens. Für die Heinrichs dieser Welt ist die Sache klar: Familie und Kinder fördern die Stabilität - und damit die Karriere. Bei Frauen ist das Gegenteil der Fall: Modelle gibt es keine, nur Improvisationen, Omas oder die - sogar für Spitzengehälter teure - umfassende Nanny-Lösung. Nicht alle handeln so extrem wie die Chefin von Pepsi-Cola, die ihren Top-Job für die drei Kinder hinschmiss. Trotzdem: Solange das Modell der vollgepfropften Agenda für Führungskräfte in Kraft ist und Hausmänner ein Phänomen von Illustriertenartikeln und nicht der Wirklichkeit sind, ist die Mutterschaft eine der effizientesten Karrierekillerinnen.

Eine, die es vor kurzem gewagt hat und für die Leben und Karriere wie die Luft zum Atmen sind, ist Nicola Thibaudeau, Hobbypilotin und Fallschirmspringerin. Sie ist Chefin von Mécanex SA, Nyon, Europas einzigem Lieferanten von Schleifringsystemen für Fernmelde- und Beobachtungssatelliten. Mécanex produziert High-Tech-Systeme auch für Armee und Industrie, beschäftigt 40 Mitarbeiter und macht einen Umsatz von 8 Millionen Franken. Im Herbst 1997 gewann Thibaudeau den «Prix Veuve Cliquot für die Unternehmerin des Jahres».

Aber stop, das Persönliche sei doch nicht interessant, sagt sie. Na gut, sie sei in Kanada geboren, ja, sie habe zehn Geschwister gehabt. Ihre Mutter hat, nachdem die Kinder grösser waren, noch Soziologie studiert. Ihr Vater war Jurist, mit 50 hat er angefangen, professionell Drachen zu bauen. Jetzt macht er Kunst am Bau und unterrichtet. Ja, sie sei sehr frei aufgewachsen. Nach dem Ingenieurstudium war sie bei IBM Kanada, dort kam sie in Kontakt mit der Firma Cicorel SA, La-Chaux-de-Fonds, wo sie 1990 Technische Direktorin wurde. 1994 stand Mécanex zum Kauf. Thibaudeau und ihr Geschäftspartner Volker Gass übernahmen in einem Management Buyout die Aktienmehrheit. Voilà. Thibaudeau spricht sehr schnell, alles ist ja selbstverständlich, gar nicht der Rede wert. Mehr gebe es zu ihrer Person nicht zu sagen - aber die Schleifringsysteme, die Mechanismen für Solargeneratoren und Satelliten, die Geräte für Untersuchungen in der Schwerelosigkeit . . . Wenn ihr Sohn sieben ist, im Jahr 2004, wird 1 400 000 000 km von der Erde entfernt die Sonde Huygens auf dem Mond Titan landen. In der Sonde befindet sich ein anderes Kind von Nicola Thibaudeau: ein Filtermechanismus von Mécanex.

QUOTEN. «Möchten Sie vielleicht eine Quotenfrau sein?» sagt Canepa. Girgis sagt: «Ich bin gegen Quoten.» - «Aber Sie haben doch ausgeführt, dass sich heute ein Vorgesetzter bei Beförderung einer Frau rechtfertigen muss?» - «Allerdings.» - «Mit Quoten wäre das nicht so.» - «Ja. Aber trotzdem.» Auch Baldesberger und Giondow sind dafür, den Qualifizierteren einzustellen, selbst wenn er ein Y-Chromosom trägt.

Wie Thibaudeau argumentiert Christiane Weibel, Direktorin der Sihltal-Zürich-Üetliberg-Bahn: «In einer Übergangsphase können Quoten nützlich sein. Kaderfrauen müssen selbstverständlich werden. Am Anfang wird es für eine Quotenfrau hart sein, weil sie mit Vorurteilen rechnen muss, aber das gibt sich. Gleichberechtigung ist eine Frage des Bewusstseins. Gleichberechtigung fängt dort an, wo mir niemand mehr in den Mantel hilft. Denn es sind diese kleinen Gesten im Alltag, die die Rollenklischees aufrechterhalten und mich als Frau klein und hilfsbedürftig erscheinen lassen.»

Bevor lic. oec. HSG Christiane Weibel Direktorin der SZU wurde, war sie Vizedirektorin für Produktionsoptimierung/Tarife bei der Swissair. Als sie sich mit 52 auf ein Inserat bewarb, wunderten sich ihre Kollegen: ein Stellenwechsel in deinem Alter? Wohl Kopfschuss? «Ich finde den heutigen Jugendfetischismus blöd», sagt Christiane Weibel in ihrem Büro hoch über den Geleisen, in einem Pullover von kräftigem Blau, das schön mit den grauen, kurzgeschnittenen Haaren kontrastiert. «Und ich bedaure alle, die glauben, die ganze Karriere bis 40 in sich hineinstopfen zu müssen.» Es sei faszinierend, einen Betrieb im öffentlichen Verkehr nach marktwirtschaftlichen Prinzipien zu führen - auch wenn Streckenoptimierungen eine Menge Mittagessen mit Politikern und Kollegen kosten. Dass die Bahnpartner untereinander in ein Konkurrenzverhältnis träten, sei nicht a priori schlecht, sondern eine Veränderung hin zu Verhandlungen wie in der Privatwirtschaft. «Ich setze auf Veränderung», sagt sie. «Deshalb habe ich das Budget für Weiterbildung gehalten. Wir werden bald sehen, was meine Mitarbeiter alles gelernt haben.»

SOWEIT SIEBEN CHEFINNEN, die wie fast alle Chefs sind: kompetent, gut ausgebildet, leicht bis schwer workaholisch, ihren Unternehmen emotional verbunden, mit einem seltsamen Glauben an mehr oder weniger seltsame Unternehmensphilosophien, mit einer Neigung zu Optimismus und Positive Thinking und vollgestopften Terminkalendern, privat nett, aber selten verfügbar, und - wie alle hervorheben - mit Freude an der Arbeit in der obersten Büroetage.

Und trotzdem sind sie das, was Männer schon immer über Frauen dachten: nicht normal.


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