WÄHREND STUNDEN hat der Redaktor vor dem Computer gesessen, in wohldurchdachter Reihenfolge die Tasten gedrückt und gibt sich nun der Hoffnung hin, dass seine Bemühungen eine für die Leser anregende Buchstabenfolge hinterlassen haben mögen. Während er sich ein gefesseltes Publikum vorzustellen beginnt, dreht sich sein Grossvater - seinerzeit ein Bauer, der immer von früh bis spät hart gearbeitet hat - im Grabe um: Ein Enkel, der stundenlang dasitzt, nur die Finger bewegt und dazu Kaffee trinkt, noch dazu jener, der als Kind vielversprechend grosse Hände hatte, dieser Nachkomme muss ihm geradezu die Ruhe rauben, denn solches Dahinsitzen verdient doch wohl kaum die Etikette «Arbeit». Freilich hat auch dieser Enkel seine Phasen des Zweifelns, in denen er das Gewirr im Kopf und die ziellose Geschäftigkeit am Pult mit dem Begriff «Arbeit» kaum in Zusammenhang zu bringen vermag. Als Rettungsanker dient ihm dann der Gedanke daran, dass ihm sein Arbeitgeber monatlich das Bankkonto um einen stattlichen Geldbetrag aufstockt. Das Motto «Ich bekomme Lohn, also ist das, wofür ich bezahlt werde, Arbeit» hat ihm schon oft über solche Minuten der Schwäche hinweggeholfen. Als praktizierender Ökonom weiss er um die ausgleichende Wirkung der Marktkräfte und kann genügend Vertrauen in deren «unsichtbare Hand» in sich versammeln, um eine solch gewagte, eindeutige Beziehung zwischen Lohn und Arbeit zu knüpfen. Damit vermag er gleich mehrere offene Fragen vom Tisch zu wischen.
Doch die Fragen sind hartnäckig, kehren zurück: Darf man so kühn vom Lohn auf Arbeit schliessen? Ist Telefonieren und Kopieren im klimatisierten Büro tatsächlich so wertvoll wie harte Arbeit in Schmutz und Regenwetter, oder sollten Schweiss und Rückenschmerzen nicht eigentlich grosszügiger entschädigt werden als das Rascheln mit Papier? Wie kann ein amerikanischer Manager jährlich regulär 5 Millionen Dollar (oder mit dem Einlösen von Optionen gar 120 Millionen) verdienen? Schafft ein solcher Wirtschaftskapitän wirklich zehn- bis hunderttausendmal mehr Wert als ein Automechaniker in Djakarta? Und ist ein erfolgloser Verhandlungsleiter der Bosniengespräche tatsächlich ein Jahreshonorar von fast einer Million Franken wert?
Oder umgekehrt: Wäre emsiges Setzen von Buchstaben auch dann wertvolle Arbeit, wenn es nicht bezahlt würde? Gibt es möglicherweise - wie es in marxistischen und benachbarten Theorien suggeriert wird - einen Wert der Arbeit an sich, der von den Märkten einfach nicht erkannt wird? Solche Ansätze, die sich vor allem an den Anstrengungen messen, kämen übrigens ziemlich nahe an die heutigen Paritätslöhne für Landwirte heran; was würde sein Grossvater zu dieser Interpretation sagen?
Solchen Fragen tritt der Redaktor mit der bewährten Werkzeugkiste des Ökonomen entgegen und zückt gleich das Universalinstrument: «Der Markt hat recht», rezitiert er und setzt zu einem kurzen Exkurs über den Arbeitsmarkt an. Menschen, so rekapituliert er, sind nämlich vernünftig, und wer seine Arbeitsleistung als «Arbeitnehmer» anbieten will, wird sich genau überlegen, wie der Tag am besten einzuteilen ist. Arbeit bedeutet oft Mühsal, eine Ausdehnung der Arbeitszeit bringt meist mehr Verdruss als Freude und erheischt den Verzicht auf Angenehmes wie Freizeit; ohne angemessene Entschädigung wird sich also niemand in fremde Dienste stellen.
Abwägende Menschen werden sich täglich überlegen, ob sie in der gewohnten Weise weiterarbeiten wollen, ob sie allenfalls etwas Einkommen zugunsten von mehr Freizeit opfern oder gar umgekehrt mehr arbeiten (was noch nicht heisst, dass sie dies auch durchsetzen können). Wenn dank besseren Fernsehprogrammen, neuen Freundschaften oder zusätzlichen Bootsanlegeplätzen der Wert der Freizeit steigt, dann nimmt die Bereitschaft zum Arbeiten grundsätzlich ab. Wer dagegen dem Ehe- und Familienleben mit der Zeit immer weniger Freude abzugewinnen vermag, wird - sofern sich auch sonst nichts ändert - bei gleichem Lohnsatz entsprechend mehr zu arbeiten bereit sein. Die «Arbeitgeber» auf der anderen Marktseite sind als Nachfrager von Arbeitsleistungen ihrerseits den geleisteten Effort mit einem Lohn zu entschädigen bereit - dies aber immer nur mit Blick auf das Ergebnis aus dem jeweiligen Arbeitsprozess. Im Maximum werden sie für eine zusätzliche Arbeitsstunde gerade soviel bezahlen, wie die dadurch erzeugten Produkte auf dem Markt wert sind (wobei die Produktionszusammenhänge komplex sein können). Ohne Markterfolg also keine Arbeitsnachfrage und damit keine Lohnofferten. So mag die Arbeit in Europas Kalibergwerken, Kohlegruben und Stahlwerken noch so mühsam sein, bestimmt wird ihr tiefer Wert eben durch die unter freien Marktbedingungen kaum verkäuflichen Produkte.
Die Erkenntnis, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich im Fall eines Vertrages freiwillig auf einen Lohn einigen, der offenbar die Anforderungen beider Seiten erfüllt, gibt dem Redaktor wieder festen Boden unter die Füsse. Da ja beide Parteien zustimmen, ist die ausgehandelte Entschädigung im Prinzip der «richtige» Lohn. Und weiter zimmert er am Gedankengebäude: Da die Arbeitgeber überhöhten Phantasielöhnen kaum zustimmen werden, muss das Verhandlungsresultat zudem einem «leistungsgerechten» Lohn nahekommen. Beruhigt leitet der Schreiber daraus für sich ein weiteres Mal ab, dass er wirklich verdiene, was er verdient. Der Rückschlag folgt allerdings sogleich: Als Ökonom kann er sich im Augenblick nicht erinnern, je so etwas wie eine Entlöhnung nach Leistung beobachtet zu haben. Im Kopf hat er vor allem die zahlreichen Betriebe, in denen die Leute selbst bei höchst unterschiedlicher persönlicher Produktivität in Lohnhierarchien gezwängt werden. Zudem gibt es zwischen den einzelnen Branchen Lohnunterschiede, die in richtigen Märkten eigentlich gar nicht überleben dürften: So winken selbst für vollständig vergleichbare Berufe wie Buchhalter, Sekretärinnen oder Handwerker in der hiesigen Chemiebranche überdurchschnittlich hohe Löhne, während Bau- und Gastgewerbe mit ihren bis zu 20 000 Franken tieferen Jahressalären diese Fachkräfte nur knapp zu halten vermögen. Wer sich schliesslich vor Augen hält, dass in der Schweiz Frauen für praktisch vergleichbare Büroarbeiten gut 12 Prozent weniger verdienen als Männer, wird wohl nicht allzu laut von leistungsorientierter Abgeltung zu sprechen wagen. Ebenso schwierig dürfte zu erklären sein, warum die Spannen zwischen den tiefsten und höchsten Löhnen in den USA derart weit, in Japan und Europa dagegen vergleichsweise gering sind. Stirnrunzeln provozieren dürfte ausserdem die Beobachtung, dass in den meisten Unternehmen mit zunehmender Anstellungsdauer auch der Lohn mit einer Stetigkeit wächst, die in den höheren Altersstufen oft nur noch wenig mit der individuellen Leistung zu tun hat; ist die Entlöhnung unter der Produktivität in jüngeren Jahren und die «Überbezahlung» im Alter einfach Schicksal? Jedenfalls scheint der Lohn oft auf den Lebenszyklus insgesamt abgestimmt zu sein und nicht auf die momentane Produktivität. In gewissem Masse mag dies den allfälligen Erfahrungsschatz und die Firmentreue der Älteren honorieren, mag vielleicht auch die Jüngeren stärker in die Laufbahn einbinden, aber die hohen Saläre im Alter rufen dann eben nach dem vorausbestimmten Ende dieser Phase: nach dem «Fallbeil» der Pensionierung. Für einige Lohnkapriolen und vermeintliche Verzerrungen hat der Ökonom indessen überzeugende Erklärungen zur Hand. Das Messen und Zuordnen von persönlichen Leistungen in Unternehmen beispielsweise ist nicht immer einfach, und je komplizierter der Zusammenhang zwischen dem Arbeitseinsatz und dem Wert des Produkts ist und je mehr unbekannte Einflüsse hineinspielen, desto schwieriger ist es, einen Leistungslohn zu definieren. Während bei Montagearbeiten Zeitmessungen und Qualitätskontrollen noch mit vertretbarem Aufwand möglich sind, ist eine eindeutige Erfolgskontrolle bei Unternehmensberatern, Psychiatern oder Vermögensverwaltern kaum mehr möglich. Darüber hinaus wäre eine exakte Tarifbemessung etwa von Motivation und Ideenreichtum wohl gerade der Tod dieser begehrten Eigenschaften. Und wer bei Teamarbeiten die individuellen Leistungen auf die Kommastelle genau auseinanderzudividieren versucht, dürfte auch die Gruppe auseinanderdividieren.
Oft übersieht man zudem vor lauter Geldbeträgen jene Teile des Lohnes, die nicht monetär abgegolten werden: all die günstigen Dienstwohnungen, billigen Versicherungen, Dienstwagen, regierungseigenen Ferienchalets, Spesen, hübschen Büros oder die oft beträchtlichen Nebeneinkünfte aus Verwaltungsratsmandaten. Auch die rege Nachfrage nach Rangordnungen verzerrt die Geldlöhne: Weil nämlich die Leute ihre relative Position meist sehr wichtig nehmen, sind die Lohngefüge innerhalb der Unternehmen eher stärker zusammengestaucht, als die Produktivitätsunterschiede dies nahelegen würden. Ebenso wie die Nummer 1 der Tennis-Weltrangliste nichts wäre ohne die Nummern 2 bis 1000, könnte ein Chef ohne Untergebene nicht Chef sein; viele sind daher bereit, solches Prestige mit Zugeständnissen an den Lohn zu erkaufen. Die unteren Hierarchiestufen erhalten im Gegenzug für ihre Nebenfunktion als Kontrastmittel «zu hohe» Löhne. Überhaupt scheint Prestige am Arbeitsplatz oft ein Zugeständnis an den Lohn wert zu sein, wobei eine renommierte Zeitung als Arbeitgeber dies wohl nicht ganz so weitgehend ausnützen kann wie Tom Sawyer, der es bekanntlich fertigbrachte, dass seine Kollegen Schlange standen und Geschenke anboten, um unentgeltlich ein Stück des Gartenzaunes streichen zu dürfen.
Auch der Redaktor sieht aber schliesslich ein, dass offenbar einige kraftvolle Koalitionen gegen die reinen Märkte und gegen die Etablierung individueller Leistungslöhne am Werk sein müssen. So erleichtern einheitliche Löhne beispielsweise jenen Abteilungsleitern das Leben, die sich gerne vor der unangenehmen Bewertung von Personen drücken. Da viele Chefs ein konfliktarmes Leben hoch einschätzen, tendieren sie selbst unter Leistungslohnregimes zu uniformen Lohnsteigerungen. Und was unternähmen Gewerkschaften ohne einheitliche Branchenansätze? Eine Entlöhnung nach individueller Leistung würde ihnen ja das zentrale Thema und damit das politische Gewicht entziehen. Entsprechend stark sind die Allianzen gegen die Offenlegung von Leistung und Entgeltung - nicht nur in jenen altväterischen Unternehmen, in denen Löhne noch als vertraulich gelten. Auch Beamte, Lehrer, Ärzte, Anwälte und Manager der oberen Stufen füllen Ermessensspielräume gerne dadurch auf, dass sie ihre Leistungen und Entlöhnungen gleich selber definieren, weil sich die Früchte ihrer Arbeit oft nicht auf Märkten bewerten lassen. Wenn das Geld von anonymen Steuerzahlern und über verwickelte Kanäle zu den Empfängern fliesst, scheint dies den Prozess eher zu schmieren. So ist es doch bemerkenswert, dass etwa Diplomaten im Zeitalter von Telekommunikation, Flugzeugen und multinationalen Firmen weiterhin ihre hochbezahlte, rituelle Geschäftigkeit pflegen dürfen.
Obwohl sich damit der Anker des «richtigen Lohnes» etwas losgerissen hat, bewahrt der Redaktor Ruhe: Märkte können eben nur dort recht haben, wo sie herrschen. So wird Hausfrauen vielleicht eher familiäre Zuneigung zuteil denn ein Lohn in Franken und Rappen, während ganz ähnliche Arbeiten von Hausangestellten offensichtlich ihr Geld wert sind. Gartenarbeit ist Freizeitbeschäftigung für die einen, bezahlte Pflicht für die anderen, während die Bauern - dies wäre nun als letztes dem Grossvater beizubringen - Geld auch dafür erhalten, dass sie sich der Landbebauung enthalten. Hier lässt der Vorfahre erstmals ein Wort fallen: Auch Autoren liessen sich vielleicht dafür entschädigen, dass sie die Leser nicht stets mit Texten behelligen. Angesichts der monetären Abgeltung wäre diese Zurückhaltung dann eigentlich als Arbeit einzustufen.
Beat Gygi ist Wirtschaftsredaktor der NZZ.