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NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...? Inhaltsverzeichnis
Rotstift -- Die Erzielung der Verscheusslichung
Von Wolf Schneider
«Sein Gepäck brachte er zum Bahnhof und sein Erstaunen zum Ausdruck». Die zweite der beiden Aussagen ist ein typisches Stück Nominalstil (nach lat. nomen: Name, Substantiv) – zu Recht in Verruf als Amtsdeutsch, Kanzleistil oder Behördenjargon, aber leider nicht auf die Bürokratie beschränkt.
Könnte der Bahnhofsgänger sein Erstaunen nicht einfach geäussert haben, oder hätte er gar nur gesagt, dieses oder jenes wundere ihn?
Gut, das Beispiel ist erfunden. Aber Jelmoli meint es ernst, wenn es, seinem «Leitbild Ökologie» gemäss, «eine effiziente und umweltverträgliche Leistungserbringung ermöglichen» will; auch die Spital Thurgau AG, wenn sie «Erzielung von Synergien durch Bildung von Schwerpunkten und Kompetenzzentren» verspricht; und die SVP zählt «zum Aufgabenkreis der Delegiertenversammlung die Genehmigung der Statuten, die Parolenfassung zu den eidgenössischen Abstimmungsvorlagen sowie die Beschlussfassung über die Durchführung besonderer Aktionen wie etwa die Lancierung eidgenössischer Volksinitiativen».
Lancierung, Erzielung, Erbringung: Kein Kind, kein Bauer, kein Dichter hat jemals so gesprochen, kein Priester so gepredigt; jeder unverbildete Freund der Sprache ergreift vor allen Parolenfassungen die Flucht, und die Deutschlehrer sind sich mit sämtlichen Stillehrern einig: Dies ist ein Missbrauch, ein Unfug, ein Ärgernis. «Lebende Leichname» nannte Jean Paul vor zweihundert Jahren solche Wortgebilde, und verwest sind sie noch immer nicht.
Selbst die Duden-Grammatik, obwohl seit 1968 auf den Anschein des Nichts-mehr-vorschreiben-Wollens bedacht, warnt vor nominalen Blähungen: «Soweit es geht», schreibt sie (und natürlich geht es immer), «sollte man, auch im geschäftlichen Verkehr, eine Häufung von Substantivbildungen vermeiden.»
Woher also die Begeisterung gerade für die Nichtvermeidung solcher Verscheusslichungen durch erkünstelte Substantivierung?
Zum einen hat die Lust daran vermutlich mit dem Versuch zu tun, die Sprache als Mittel der Einschüchterung zu verwenden: Majestäten und Beamte drücken sich so aus; einst besonders gern der Staatssicherheitsdienst der DDR: Katarina Witt, die Eisprinzessin, wurde von der Stasi «mit der Zielstellung der Verhinderung von Verratshandlungen sowie der ungesetzlichen Verbindungsaufnahme» operativ bearbeitet.
Was aber hat die –ung-Seuche dann mit Jelmoli zu tun? War da vielleicht jenes Quantum Verunklarung willkommen, das der zweite Vorzug der Substantivierung ist? Sollte «das Ermöglichen einer Leistungserbringung» weniger als eine erbrachte Leistung sein – hätte also nur irgendein verschwommenes Bekenntnis zur Umwelt seine listige Verkündung erfahren?
Die letzten beiden letzten Wörter sind vom Vorlesungsverzeichnis der Universität Zürich inspiriert, das uns mit dem kostbaren Satz verwöhnt: «Eine Rehabilitierung erfahren angesichts einer befürchteten gesellschaftlichen Desintegration durch die Einwanderung von Fremden auch Konzepte wie Assimilation und Integration.» Da werden also Konzepte rehabilitiert, aber das will herausgelesen sein aus einer Wortfolge, die den stilistischen Grenzfall der Ausdrucksstellung («Die Augen auskratzen könnte ich ihm») einem akademischen Gebilde von 19 ziemlich ausdrucksschwachen Wörtern aufnötigt.
Vielleicht wird damit ein dritter Grund für die Affenliebe zu solcher Sprachverkrampfung angeleuchtet: Wir schreiben, also setzen wir uns zunächst in Positur; unsere eigne Alltagssprache umfahren wir weiträumig; und da könnte ja jeder kommen und schlichte, gar kristallene Sätze von uns erwarten, wie Luther oder Heine oder Brecht oder Johann Peter Hebel sie geschrieben haben!
Wo kämen wir hin, wenn wir so sprächen, dass jeder uns mühelos verstünde oder uns gar mit seiner Sympathie behelligte! Sicher würde dann mancher argwöhnen, wir wären so wie er, wie dieser da, der Bürger, der normale Mensch. Solcher Verdachtsschöpfung vorzubeugen, ist die grösste Vorteilsgewinnung, die man von der Sprache haben kann.
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