NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Corriger la fortune

Vor und nach einer Schönheitsoperation.

Von Vreni Berlinger

Vorher. An meinem 40. Geburtstag fand ich mich zum erstenmal in meinem Leben schön. Damals dachte ich: «Bei Spätzünderinnen dauert eben auch das Schönwerden etwas länger.» Heute weiss ich, dass ich Schönsein mit Selbstbewusstsein verwechselt hatte. Ich war nämlich nicht auf einmal schön, sondern endlich selbstbewusst genug, mich schön zu finden.

An meinem 44. Geburtstag ertappte ich mich dabei, wie ich mir vor dem Spiegel meine Daumen auf die Mundfalten legte und diese sanft nach hinten zog. Es wurde zur Manie. Ohne meine Gesichtshaut schnell nach hinten zu ziehen, kam ich an keinem Spiegel mehr vorbei. Es war so schön zu sehen, wie es denn wäre, wenn . . . Ich wurde immer unzufriedener, denn mittlerweile hatte ich auch Hamstertaschen an meinem Kinn und tiefe Gräben in meinen Wangen entdeckt.

Dann kam die Nacht X. Da ich das Glück habe, mit John Lennon und Janis Joplin aufgewachsen zu sein, tanze ich heute noch für mein Leben gern. Das bedeutet aber, dass ich in meinem «hohen Alter» gezwungen bin, Discos zu besuchen. James Brown sang gerade «Sex Machine», und ich tanzte mit geschlossenen Augen. Plötzlich stand ein junger Mann vor mir und begrüsste mich mit den Worten: «Schau mal an, macht das Altersheim heute seinen Jahresausflug?» Ich schluckte leer, bevor ich ihm antwortete: «Erstens bin ich immer noch jünger als der Sänger, und zweitens werfe ich Dir Deine fehlenden Jahre ja auch nicht vor.» Er drehte sich um und verschwand. Kurze Zeit später stand er wieder da und meinte: «Es tut mir leid, aber von dieser Seite aus habe ich das noch nie betrachtet, Du hast vollkommen recht.» Ich lächelte, spürte aber gleichzeitig, wie tief dieser Stachel sass. Zu Hause realisierte ich plötzlich, unter was ich in Wirklichkeit litt. Da gab es diese grosse Diskrepanz zwischen meiner faltenlosen Einstellung, meinem Denken ohne Krähenfüsse und meiner faltigen Verpackung. Ich wusste zwar, dass in unserer oberflächlichen Gesellschaft alle Menschen manipuliert werden, um auf schöne Verpackungen hereinzufallen. O. K., es war mir klar, dass auch ein faltiger Apfel süss schmecken kann. Das konnte mich aber nicht trösten, denn gleichzeitig war mir klar, dass nicht einmal ein toleranter Mensch wie ich beim Obsthändler dieses Experiment wagen würde. Von diesem Moment an begann ich zu leiden.

Damals arbeitete ich mit Kurt Aeschbacher in der Sendung «Grell Pastell». Fernsehen: eine Welt, in der man sich die Beteiligten zuerst einmal anschaut, ehe man ihnen zuhört. Denn anders kann ich mir nicht erklären, dass es immer noch Menschen gibt, die nach einer Tagesschau voller schrecklicher Nachrichten anrufen, um sich über die Krawatte des Sprechers zu beschweren. Ich befand mich mit meinem Problem ausgerechnet in der Höhle des Löwen. Da ich mich Kurt anvertraute, kannte er meine Achillesferse. Eines Tages beschloss die Redaktion, die nächste Sendung stehe unter dem Motto «Schönheit». Plötzlich hielt ich sie in der Hand, die Adresse eines Schönheitschirurgen. Ich fasste den Entschluss, mich liften zu lassen, und dies in Anwesenheit von Kameramännern, die die Operation aufnehmen sollten. Warum soll eine Frau nicht zu «corriger la fortune» stehen? Dies war vor meiner Reise nach Düsseldorf, und ich freute mich darauf wie eine Schneekönigin.

Nachher. Da lag ich nun mit eingebundenem, geschwollenem Kopf und einer grossen Vorfreude. Sie war so gross, dass ich praktisch keine Schmerzen spürte. Ein Engel namens Anna mit warmem Herzen und wunderbar kühlen Händen betreute mich. Sie sass da, wenn ich Mozart ab Kassette hörte, und wir schauten uns zusammen lustige Fernsehsendungen an, wir waren ja in Deutschland. Sie hatte es gut, denn sie durfte beim Lachen ihren Mund verziehen. Am vierten Tag wagte ich es, einen Spiegel zu verlangen. Ich sah ein geschwollenes Gesicht in den Farben Blau, Grün und Gelb. Mangelnde Phantasie war noch nie mein Problem, deshalb konnte ich ohne Schwierigkeiten mein «neues Gesicht» erahnen. Meine Vorfreude wuchs von Tag zu Tag. Jeden Morgen beim Erwachen dachte ich, mir geht es so gut wie noch nie.

Nach zehn Tagen - ich wär so gern in Düsseldorf geblieben - musste ich nach Hause reisen, um mich rechtzeitig in «Grell Pastell» vorführen zu lassen. Der Arzt brachte mich zum Bahnhof. Er bat mich, mich nicht gleich wieder in ein Raucherabteil zu setzen, denn Nikotin sei der grösste Feind eines klaren Teints. Ich gehorchte ihm - bis Basel. Mein Gesicht war immer noch geschwollen, und ich hatte mir, um meine noch nicht verheilten Narben zu bedecken, einen Turban um den Kopf geschlungen. Normalerweise hätte ich mich in diesem Zustand nie in die Öffentlichkeit gewagt, aber das gute Gefühl, frisch renoviert zu sein, gab mir eine bisher unbekannte Kraft. Plötzlich lächelten mich alle Leute an. Das glaubte ich, bis ich realisierte, dass sie nur zurücklächelten. Nach der Sendung in Zürich fuhr ich nach München an eine Fernsehdiskussion, und anschliessend stand ich in Salzburg auf der Bühne. Dies alles mit geschwollenem Gesicht und Turban, aber für mich war dies mein neues Gesicht, und ich fühlte mich wunderbar.

Da ich die Öffentlichkeit mit meinem Lifting konfrontierte, kenne ich heute alle Gegenargumente. Das Argument, man solle nicht aussen ändern, wenn eigentlich innen etwas geändert werden müsste, leuchtete mir ein. Aber für mich war diese Reihenfolge goldrichtig. Heute stehe ich lächelnd vor dem Spiegel, ohne an meiner Gesichtshaut herumzuziehen.

Natürlich stimmt es, dass die Welt seither nicht besser geworden ist; dafür fällt sie mir heute leichter.

Mal sehen, bei was ich mich in diesem Jahr an meinem 50. Geburtstag ertappen werde.


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