NZZ Folio 08/06 - Thema: Lügen   Inhaltsverzeichnis

Guter Rat -- Hören Sie einfach zu!

Von Christian Ankowitsch
Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, das Gedächtnis. Es gehört zu den Klassikern menschlicher Selbstanklagen, sich der Vergesslichkeit zu zeihen; sich vorzuwerfen, man erinnere sich an Dinge, die so nie stattgefunden haben. Wie dem bloss abhelfen?

Sigmund Freud weiss es. In seinen «Ratschlägen für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung» aus dem Jahr 1912 führt er aus, wie wichtig es für einen Psychoanalytiker sei, sich an jedes Detail zu erinnern – um dann die Erwartungen all jener, die Hinweise auf aussergewöhnliche Memotechniken erwarten, zu enttäuschen.

Notizen seien abzulehnen, ja Hilfsmittel ganz allgemein! Der Kniff bestehe darin, «sich nichts besonders merken zu wollen und allem, was man zu hören bekommt, die nämliche‚ gleichschwebende Aufmerksamkeit» zu widmen.

Die Arbeit des Erinnerns übernehme das «unbewusste Gedächtnis». Immer, wenn ein Detail benötigt werde, stelle es dieses dem Arzt zur Verfügung. Dem bleibe nur, «lächelnd das unverdiente Kompliment des Analysierten wegen eines ‹besonders guten Gedächtnisses›» entgegenzunehmen.

Ganz nebenbei gibt Sigmund Freud einen zweiten Hinweis, der es wert ist, beherzigt zu werden: die eigenen Weisheiten mit der Leichtigkeit einer einfachen Sentenz in die Welt zu schicken; fasst doch Freud seinen Rat so zusammen: «Man höre zu und kümmere sich nicht darum, ob man sich etwas merke.»

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