|
|
NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn Bill Gates Microsoft nicht gegründet hätte
Von Stefan Betschon
Es scheint niemanden hier zu kümmern, dass heute mein letzter Arbeitstag ist. Tun alle sehr beschäftigt mit ihren Projekten und Strategien, schieben Kartonschachteln hin und her, packen Spielzeugautos aus, ein. Dabei war ich es, der die Idee mit den Spielzeugautos hatte, ich war der Visionär, der Vordenker, ich, William Henry Gates III. Man nennt mich hier allerdings bloss Bill.
Paul Allen war mein Kumpel damals, als alles begann. «Das Geld liegt auf der Strasse», sagte ich zu ihm, «bald wirst du reich sein, dir Flachbildschirme kaufen können anstelle von Gemälden, eine Bildagentur dazu, und für den Coiffeur reicht das Geld auch noch.» Ich hatte seinen zerzausten Bart nie gemocht. Am College hatten wir uns manchmal am Abend im Hauptgebäude einschliessen lassen, um dann in den Computerraum zu schleichen, wo wir die ganze Nacht «Space Invaders» spielten.
Ich war 14, als die Idee von mir Besitz ergriff, eine Firma zu gründen. Wir nannten sie Traf-O-Data und begannen, Software für Verkehrsampeln zu schreiben. Ich hatte zuerst an Computersoftware gedacht, aber Computer gab es nur wenige, Verkehrsampeln dagegen waren überall.
Wir hatten eine Technik entwickelt, mit der ziellose Zeiger wie Raumschiffe den Hauptspeicher zu erobern versuchten im Wettlauf mit einer zentralen Garbage-Collector-Routine. Ein geniales Konzept. Allerdings funktionierte es oft nicht, manchmal zeigten alle Ampeln Grün, manchmal blieben sie auf Rot, es war sehr schwierig, ein rhythmisches Wechseln der Farben hinzukriegen. Ich versuchte die Leute zu beruhigen: Keine Sorge, das ist Version 1.0, bald kommt Version 1.1, alles wird gut. Das Hupen der vielen Autos, die an unserer Kreuzung gestrandet waren, klingt mir heute noch in den Ohren. Wir stellten dann aber fest, dass die Spielzeugautos aus China, die wir als Kundengeschenk zu unseren Verkaufsgesprächen mitbrachten, sehr beliebt waren. Wir begannen, sie zu verkaufen. Ein Erfolg.
Es war eine verrückte Zeit damals. Alles schien möglich. Ich liess mir die Haare so lang wachsen, dass sie die Ohren fast verdeckten, kaufte mir eine Brille mit riesengrossen Gläsern. Ein ausgeflippter Schweizer Saxophonist – oder war er Schwede? – tauchte auf in der Stadt und wollte Paul wegen seines Barts für eine Jazzband engagieren. Philippe, so hiess der Saxophonist – ich glaube jetzt, er war Franzose –, erzählte mir auch von einer Turbosoftware, die er zusammen mit den Jazzaufnahmen unter die Leute zu bringen hoffte. Ich war hingerissen, wollte ihm das alles gleich abkaufen. 50 000 Dollar sagte ich, oder nein, noch besser: Lass uns das alles verschenken. Free Software, den Quelltext verschenken wir auch, damit alle bei sich zu Hause Software für Verkehrsampeln selber kompilieren können.
Doch statt der Ampeln kamen die Kabinen. IBM hatte begonnen, eine Art persönliches Rechenzentrum als Massenprodukt zu vermarkten. Es sah aus wie eine Telefonkabine, die sich die Leute in den Garten oder auf den Balkon stellten. IBM hatte von der schwedischen Post oder von der schweizerischen auch noch Kommunikationssoftware in Lizenz genommen, jetzt konnten die Menschen in den Kabinen bis spät in die Nacht beim Swissquiz Geld verlieren oder gegen Bezahlung Nachrichten austauschen mit schlecht rasierten Studenten, die sich auf dem Bildschirm als Sexy_eva_16 vorstellten.
Wir versuchten, unsere Ampelsoftware für die Kabinen zu adaptieren. Aber sobald uns ein kleiner Markterfolg gelang, sich Interesse für unser Produkt regte, kopierten die Schweizer oder die Schweden unsere Programmfunktionen und verbandelten sie in einer Art und Weise mit Teilen ihres Systems, dass es den Anwendern ratsam erschien, auf unsere Zusatzprogramme zu verzichten. Mehr als einmal musste ich bei meinem Freund Steve Jobs Geld leihen.
Die Städte verödeten, die Bars waren leer, die Ampeln blinkten einsam. Auf den Strassen und Plätzen der Innenstadt, entlang den Ausfallstrassen, auf den Balkonen der Mietskasernen, in den Gärten der Einfamilienhäuser: überall standen nun diese Kabinen herum, überall sah man hinter Scheiben ausdruckslose Gesichter im fahlen Licht der Bildschirme. Ende des Monats kam dann das grosse Wehklagen, wenn aus Europa die Telefonrechnungen eintrafen. Der Einzige, der sich nicht entmutigen liess, war Steve. Er zog durch die Strassen, stapfte durch die Gärten, kletterte auf Balkone. Er klopfte an die Kabinen, um den Leuten seine Insanely-Great-Captain-Crunch-Trillerpfeife zu verkaufen, die er als besonders benutzerfreundlich anpries. Aber hätte jetzt nicht ich ihm hin und wieder Geld geliehen, er wäre längst aus dem Geschäft.
Ich werde nun allerdings für mich selber schauen müssen, ich habe mich entschieden, eine neue Brille zu kaufen und noch vor der regulären Pensionierung abzuhauen. Ich kann diese Spielzeugautos aus China nicht mehr sehen, ich will von Asien nichts mehr wissen, und auch nicht von den Europäern, die die ganze Welt mit ihren Kabinen überziehen. Ich werde nach Afrika gehen, am Oberlauf eines Dschungelflusses leben, ganz zuhinterst, wo es dunkel ist. Mein Garderobeschränkchen auszuräumen, überlasse ich den Kollegen, die so tun, als hätten sie nicht bemerkt, dass ich jetzt gehe und nicht wiederkomme.
Anmerkung: William Henry Gates III. gründete zusammen mit Paul Allen 1975 als 16-Jähriger die Firma Microsoft. Die beiden hatten sich an der Lakeside School in Seattle kennengelernt, wo sie als Hacker am schuleigenen Computer aufgefallen waren. Noch vor Microsoft hatten Gates und Allen 1973 die Firma Traf-O-Data zur Messung von Verkehrsströmen gegründet. Zu den frühen Konkurrenten von Microsoft bei Anwendungssoftware und Programmierwerkzeugen zählte die von Philippe Kahn gegründete Firma Borland, die mit Turbo Pascal berühmt geworden war. Der in Frankreich geborene Kahn studierte einige Semester an der ETH Zürich und nahm Flötenunterricht.
Steve Jobs, Gründer der Firma Apple Computer, soll Microsoft in den schwierigen Anfangsjahren auch einmal finanziell über die Runden geholfen haben. In einem kritischen Moment 1997 musste Apple dann die finanzielle Hilfe von Microsoft in Anspruch nehmen. Bill Gates, bis Anfang 2000 CEO von Microsoft, danach Verwaltungsratspräsident, hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, der 27. Juni 2008 war sein letzter Arbeitstag. Jetzt möchte sich Gates zusammen mit seiner Frau als Wohltäter in Afrika engagieren.
Stefan Betschon ist Redaktor für Medien und Informatik bei der NZZ.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|