Wie überlebt man eine zwanzigjährige Gefängnisstrafe, zu der man im Alter von 65 Jahren verurteilt wird? «Nachdem ich noch während der Verhöre drei misslungene Selbstmordversuche unternommen hatte, sah ich ein, dass das kein Weg war. Ich sagte mir, dass ich als freier Mensch sterben wollte. Wenigstens war es erlaubt, im Gefängnis Bücher zu lesen. Und mit geschlossenen Augen habe ich mir oft Szenarien von Krankheitsausbrüchen und neue Wege zu ihrer Behandlung ausgedacht.»
Marcus Klingberg ist ein Wissenschafter von internationalem Rang, ein Epidemiologe, der sich im Kampf gegen Seuchen grosse Verdienste erworben hat. Er war Professor an der Universität Tel Aviv, und er war stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des israelischen Instituts für biologische Forschung. Das Institut in Ness Ziona, eine halbe Stunde von Tel Aviv entfernt, ist direkt dem israelischen Premierministerium unterstellt. Wie man aus der internationalen Presse weiss, sind wichtige Teile seiner Forschungstätigkeit militärischer Art und streng geheim: Bio- und Chemiewaffenprogramme.
Im Januar 1983 wurde Klingberg von Agenten des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Beth verhaftet. Der Vorwurf lautete: Spionage zugunsten der Sowjetunion. In einem Prozess, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, wurde Klingberg für schuldig befunden und erhielt dafür die Maximalstrafe von zwanzig Jahren – die letzten vier davon verbüsste er aus gesundheitlichen Gründen unter strengem Hausarrest. Von seiner Verhaftung und dem Prozess erfuhr man in der Öffentlichkeit allerdings erst im Juli 1993.
Von offizieller Seite war das Gerücht verbreitet worden, Klingberg habe einen Nervenzusammenbruch erlitten und befinde sich zur Erholung in einem Schweizer Sanatorium. In der Schweiz war Klingbergs Name indessen schon Jahre früher bekannt geworden. Als einer der führenden Epidemiologen seiner Zeit war er Präsident der internationalen Aufsichtskommission, die den Chemieunfall von 1976 im norditalienischen Seveso untersuchte. Offiziell blieb Klingberg bis 1984 deren Präsident, während er unter falschem Namen im Hochsicherheitsgefängnis von Aschkelon sass. «Ich wusste, dass meine Verhaftung ein schwerer Schlag für meine Familie war und dass meine Angehörigen sehr litten in all den Jahren. Meine Frau starb, als ich im Gefängnis war.»
Klingberg ist nicht bereit, über seine Spionagetätigkeit zu sprechen. Aber wem gilt grundsätzlich seine Loyalität, der Wissenschaft oder einem Staat? «Ich hatte neben der Wissenschaft immer meine politischen Ideale.» Sie wurden verkörpert von der Sowjetunion, der er sich bis heute verbunden fühlt. Er verdankt ihr sein Überleben. «Und vor allem verdankte ich ihr die Möglichkeit, gegen den Faschismus zu kämpfen.»
Wir sitzen in Marcus Klingbergs kleiner Wohnung im 5. Arrondissement in Paris. Er schaut aus wachen Augen und lässt etwas Zeit verstreichen. «1939, beim deutschen Angriff auf Polen, wollte mein Vater, dass die ganze Familie vom deutsch besetzten Gebiet Polens weg in den russisch besetzten Teil ziehen sollte. Aber meine Mutter war dagegen, sie war überzeugt, dass der Krieg schon bald vorbei sein werde. Mein Vater war jedoch sicher, dass dies das Ende bedeutete, und er beharrte darauf, dass zumindest ich wegging. Einer wenigstens sollte überleben. Und tatsächlich bin ich, zusammen mit einem Cousin, der Einzige meiner ganzen Familie, der den Holocaust überlebt hat.
Es gelang mir, nach Minsk zu kommen, wo ich mein Medizinstudium beenden konnte. Was mich vor allem beeindruckte, war das Leben in der Sowjetunion. Leute aus ärmsten Verhältnissen konnten studieren. Tagsüber wurde gebüffelt, am Abend Literatur verschlungen. Alle hatten ein Anrecht auf Bildung und unentgeltliche medizinische Versorgung. Ich wurde sehr schnell aufgenommen. Nach dem Studienabschluss wollte ich mich in innerer Medizin spezialisieren, doch die Auswahlkommission des Gesundheitsministeriums beschied mir, dass ich Epidemiologe würde.
Als die Deutschen am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angriffen, meldete ich mich noch am selben Tag als Freiwilliger für die Rote Armee und diente als Feldarzt. Nach einer leichten Verwundung wurde ich von der Front nach Perm in den Ural verlegt, und dort begannen die spannendsten Jahre meiner gesamten beruflichen Tätigkeit. Mit einer kleinen Gruppe mir unterstellter Leute waren wir die meiste Zeit auf dem Land unterwegs und bekämpften die in der Bevölkerung grassierenden ansteckenden Krankheiten, allen voran den epidemischen Typhus. Wir gingen hinaus in die Dörfer und schauten, was los war. Nicht alles, was wie Typhus aussah, war es auch. Man musste sehr genau hinsehen, mit den Leuten sprechen, sich über die Verhältnisse und Vorfälle erkundigen. Für mich war dieser Kampf gegen den Typhus Teil des Kampfs gegen den Faschismus.
Als ich Ende 1943 Chefepidemiologe der Weissrussischen Republik wurde, ging dieser Kampf weiter. Wir versuchten, die in der Bevölkerung verbreiteten Seuchen einzudämmen und zugleich zu verhindern, dass sie auf die Rote Armee übergriffen. Und ich darf sagen, dass wir in beide Richtungen erfolgreich waren.» Wie traute sich Klingberg als 25-Jähriger eine solche Aufgabe zu, wie verschaffte er sich den dazu nötigen Respekt? «Das ist schwer zu sagen: in meinem Elternhaus gab es jedenfalls keine Vorbilder dafür. Ich stamme aus einer Rabbinerfamilie, alle meine Vorfahren waren Rabbiner, seit 350 Jahren. Aber später im Gefängnis in Israel war es dasselbe: Vom ersten Tag an beschloss ich, bei mir selbst zu sein, und das gab ich den andern zu verstehen. Die sahen, dass ich ein Kämpfer bin.»
Nach der Befreiung Polens 1945 standen Klingberg dort alle Türen für eine wissenschaftliche Karriere offen. Bei der Rückkehr nach Warschau lernte er auch seine Frau, die Virologin Wanda Jasinska, kennen, die den Holocaust im Ghetto überlebt hatte. Auf ihren Wunsch verliess das Paar Polen schon bald nach dem Krieg und zog zunächst nach Schweden.
1948, nach der Proklamation des Staates Israel, meldete sich Klingberg erneut als Freiwilliger und kämpfte im Unabhängigkeitskrieg als Chefepidemiologe in der israelischen Armee. Wie schon in Weissrussland und Polen stand er in direktem Kontakt zu hochrangigen Militärs. 1950 wurde er Chef der Abteilung für Präventivmedizin der israelischen Armee, 1957 wurde er zum stellvertretenden wissenschaftlichen Direktor des Instituts für biologische Forschung ernannt.
Aber wie konnte er diese Aufgabe mit seinen politischen Idealen und mit seiner Ausbildung als Arzt vereinbaren? Er musste doch wissen, welchen Zielen letztlich die Forschung in Ness Ziona diente. War es kein Problem für ihn, dass hier medizinisches Wissen in einer Weise genutzt wurde, die sich verheerend auswirken musste, wenn es zum Einsatz kam?
Auf all diese Fragen gibt Klingberg keine Antwort. Kein Wort kommt über seine Lippen, und auch die Gründe für sein Schweigen nennt er nicht. Man kann darüber nur spekulieren. Yossi Melman, Geheimdienstexperte bei der israelischen Tageszeitung «Haaretz», hat es versucht. Im Buch «Die Spione: Israels Spionageabwehrkriege», das er zusammen mit Eitan Haber, ehemaligem Berater von Premierminister Itzhak Rabin, 2002 veröffentlicht hat (in Hebräisch), ist ein Kapitel Klingberg gewidmet. Es stützt sich auf Interviews mit Leuten aus Klingbergs Umfeld und mit offiziellen Stellen. (Das Buch konnte erst nach einem dreijährigen Seilziehen mit der israelischen Zensurbehörde veröffentlicht werden.) Melman und Haber kommen zum Schluss, dass Klingberg aus ideologischen Motiven gehandelt habe, weil er der Meinung gewesen sei, er stehe in der Schuld der Sowjetunion. Er habe an die Doktrin des «Gleichgewichts des Schreckens» geglaubt; daran, dass dem Weltfrieden am besten gedient sei, wenn Ost und West über die gleichen Waffen verfügten.
Auf meine Frage, wem gegenüber er sich denn am meisten verpflichtet fühlte, sagt Klingberg: «Als Mensch wie als Wissenschafter ist man doch nicht irgendwelchen staatlichen Autoritäten gegenüber verantwortlich, sondern letztlich einzig seinem Gewissen. Darauf kommt es an, auf die Werte, an die man glaubt.»
Nach seiner Freilassung ist Klingberg nach Paris gezogen, weil seine Tochter und sein Enkel dort leben. Französisch spricht er kaum. Er sieht regelmässig englische, deutsche, russische und polnische Fernsehprogramme, liest täglich die Online-Ausgabe von «Haaretz» und hält sich wissenschaftlich auf dem Laufenden. Besonders aufmerksam verfolgt er zurzeit die Nachrichten über die Vogelgrippe. «1978 veröffentlichte ich mit meinen Mitarbeitern einen Artikel über die Verbreitung von Schweinegrippe-Antikörpern unter jemenitischen Juden, die vor 1949 von Jemen nach Israel eingewandert waren. Man muss bedenken, dass es zu der Zeit in Jemen kein öffentliches Gesundheitswesen und damit auch keine Zahlen über Sterblichkeitsraten gab. Alle diese jemenitischen Juden waren über 50. Unsere Untersuchungen liessen darauf schliessen, dass auch sie von 1918 bis in die späten 1920er Jahre dem Hsw1-Virus ausgesetzt gewesen waren – im fast komplett isolierten Jemen! Heute vermute ich, dass das Virus über Zugvögel dorthin gelangte …»
Klingberg geniesst es zu erzählen. Und während ich zuhöre, was er sagt, und dem nachsinne, was er alles nicht sagt, geht mir eine andere Geschichte durch den Sinn, die Sigmund Freud in einer seiner Schriften über das Unbewusste wiedergegeben hat. Sie stammt aus der Gegend, aus der auch Klingbergs Vorfahren kommen. Und sie bringt mit Witz eine Lebensweisheit auf den Punkt: Wer wissen möchte, was an dem ist, was ihm jemand sagt, sollte nicht vergessen, dass er es mit Gesagtem zu tun hat – nicht mit dem, was ist oder gewesen sein wird. Bei Freud geht die Geschichte so: «Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen einer galizischen Station. ‹Wohin fahrst du?› fragt der eine. ‹Nach Krakau›, ist die Antwort. ‹Sieh her, was du für Lügner bist›, braust der andere auf. ‹Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch, dass ich glauben soll, du fahrst nach Lemberg. Nun weiss ich aber, dass du wirklich fahrst nach Krakau. Also warum lügst du?›» Klingberg nickt. Diese Geschichte kennt er.
Marcus A. Klingberg wurde 1918 in Warschau geboren. 1939 flüchtete er in die Sowjetunion und beendete sein Medizinstudium in Minsk. 1941 diente er als Feldarzt in der Roten Armee. Am Ende des Krieges kehrte er zurück nach Polen, zog aber bald nach Schweden. 1948 nahm er am israelischen Unabhängigkeitskrieg teil, 1957 wurde er stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des israelischen Instituts für biologische Forschung (IIBR). 1983 verhaftete man ihn als Spion der Sowjetunion; er kam für zwanzig Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Freilassung zog er 2003 nach Paris .
Johannes Fehr ist Leiter des Ludwik-Fleck-Zentrums am Collegium Helveticum der ETH und der Universität Zürich (www.ludwikfleck.ethz.ch).