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Das Experiment -- Der Versuch mit dem Unabomber

Wurde der Mathematikprofessor Ted Kaczynski zum Serienmörder, weil er 1960 einen Psychotest machte?

Von Reto U. Schneider

AM 3. APRIL 1996 stürmten 150 schwer bewaffnete FBI-Beamte eine einsame Hütte in einem Wald bei Lincoln im US-Staat Montana. Ihr Bewohner war ein 54-jähriger ehemaliger Mathematikprofessor mit einem Abschluss an der Eliteuniversität Harvard und einer preisgekrönten Doktorarbeit. Später trugen ihm diese Auszeichnungen den Titel «intellektuellster Serienmörder der USA» ein.

Ted Kaczynski hatte von 1976 bis 1995 mit sechzehn selbstgebauten Bomben drei Menschen getötet und elf zum Teil schwer verletzt. Mit seinen Anschlägen wollte er gegen den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt protestieren, der nach seiner Meinung unweigerlich die Freiheit des Individuums zerstöre. Das FBI nannte ihn Unabomber, weil seine ersten Opfer an Universitäten und bei Fluggesellschaften arbeiteten (Universities and Airlines).

Nach seiner Verhaftung fragte sich die Öffentlichkeit, warum ein glänzender Mathematiker, der eine grosse Karriere vor sich gehabt hätte, in einer Hütte ohne Strom und fliessendes Wasser Bomben baut. Der Historiker Alston Chase glaubt in seinem Buch «Harvard and the Unabomber» von 2003 (W. W. Norton) eine Antwort darauf gefunden zu haben: das Murray-Experiment.

Von Anfang 1960 an nahm Kaczynski an einem dreijährigen Experiment teil, das von Henry A. Murray durchgeführt wurde. Murray war Professor am Department for Social Relations an der Harvard University, und als er Kaczynski als eine seiner Versuchspersonen kennenlernte, neigte sich seine Karriere bereits dem Ende entgegen. Er war 62 Jahre alt, hatte einen wegweisenden psychologischen Test entwickelt (TAT, Thematic Apperception Test), ein vielgelesenes Buch darüber geschrieben und beim Militär Rekruten auf ihre Eignung für geheime Einsätze geprüft.

Wie genau Kaczynski vom Versuch erfahren hatte, ist nicht klar. Vielleicht hatte er die Ausschreibung gesehen: «Wären Sie bereit, zur Lösung eines bestimmten psychologischen Problems beizutragen (Teil eines laufenden Forschungsprogramms zur Persönlichkeitsentwicklung), indem Sie während des akademischen Jahres als Versuchsperson an einer Reihe von Experimenten und Tests teilnehmen (zum aktuellen Stundenlohn der Universität)?» Vielleicht hatte Murray Kaczynski aber auch selber ausgewählt. Für den Versuch wollte er Harvard-Studenten aus dem ersten Semester, mit möglichst unterschiedlichen Persönlichkeiten: selbstsichere, angepasste, unsichere. Von den 22 jungen Männern, die er für das Experiment auswählte, war Kaczynski laut den psychologischen Tests der am meisten verunsicherte.

Um die Privatsphäre der Versuchsteilnehmer zu wahren, gab Murray jedem Studenten einen Codenamen. Kaczynski nannte er «Gesetzestreu». Das scheint ironisch, war aber nicht unpassend. Kaczynski war unauffällig, kein Rebell. Als Arbeitersohn fühlte er sich in Harvard unsicher, hatte wenige Freunde und litt unter den hohen Erwartungen seiner Eltern. Er arbeitete viel und ging wenig aus.

Das Kernstück des Experiments nannte Murray die «Dyade», ein belastendes Streitgespräch. Die Versuchsperson sass dabei in einem hellerleuchteten Raum vor einem Einwegspiegel, durch den sie beobachtet und gefilmt wurde. Messgeräte zeichneten ihren Puls und ihre Atmung auf.

Murray hatte allen gesagt, dass ein anderer junger Student mit ihnen eine Diskussion führen würde. Was er ihnen verschwiegen hatte: Der Gesprächspartner war ein redegewandter Rechtsstudent, den Murray darauf trainiert hatte, die Versuchspersonen zu ärgern; er sollte sie roh behandeln und ihre Lebensphilosophie lächerlich machen. Die Information über die Weltsicht seiner Opfer hatte er aus Tests und persönlichen Stellungnahmen gewonnen, die zum Experiment gehörten. Alle Testpersonen versuchten zuerst, ihre Haltung zu verteidigen, mussten aber vor der virtuos-zynischen Argumentation ihres Gegners kapitulieren und wurden schliesslich von machtloser Wut übermannt.

Nach dieser Konfrontation folgte eine Kaskade weiterer Tests und Gespräche. Unter anderem mussten sich die Versuchspersonen die Aufnahme ihres Streitgesprächs anschauen und ihren Zorn kommentieren. Im Ganzen wendete jede von ihnen etwa zweihundert Stunden für das Experiment auf.

Was Murray mit dem Experiment genau hatte herausfinden wollen, ist bis heute unklar. Seine Ziele blieben diffus. Er wolle «eine Theorie der dyadischen Systeme entwickeln» und mit den Daten die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen unterstützen, sagte er. Doch selbst seine Assistenten wussten nicht, worauf die Sache hinauslief. Sein Biograph schrieb, Murray habe bloss schauen wollen, was geschehe, wenn eine Person eine andere angreife.

Der Autor von «Harvard and the Unabomber», Alston Chase, vermutet, dass Murrays Experiment einen ganz anderen Ursprung hatte. Murray hatte mit 23 Jahren geheiratet, sieben Jahre später lernte er die ebenfalls verheiratete Christiana Morgan kennen, mit der er eine turbulente lebenslange Affäre begann. Einige seiner früheren Assistenten glauben, dass seine Experimente bloss ein Abbild dieser Beziehung waren. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1988 bestätigte Murray diesen Verdacht indirekt. «Ich bin gefragt worden, warum Christiana und ich eine eigene Dyade begonnen haben», schrieb er und nannte unter mehreren Gründen auch die zwei folgenden: «Ich hatte den Wunsch, meine Theorie zu entwickeln, in der zwei Leute (nicht nur eine Persönlichkeit) in einem System vereinigt sind, einem dyadischen System»; und «wir wollten auch mit verschiedenen Arten von Kombinationen bei der Arbeit und in der Freizeit experimentieren». Murray schien seine Affäre als Experiment betrachtet zu haben. Chase glaubt, die Konfrontationen im Murray-Experiment standen für seine Beziehung zu Morgan.

Kaczynski bezeichnete die Dyade später als eine «sehr unangenehme Erfahrung». Ob sie der Wendepunkt in seinem Leben war? Nicht allein, sagt Chase, hinzu kamen die ethische Orientierungslosigkeit jener Zeit und Kaczynskis zerbrechliche Persönlichkeit.

Es war in seinem letzten Jahr in Harvard, als Kaczynski seine technikfeindliche Sicht der Welt entwickelte. Er war überzeugt, dass Technik und Wissenschaft die Freiheit der Menschen bedrohten und ihre Gedanken zunehmend kontrolliert würden.

Nachdem Ted Kaczynski Harvard verlassen hatte, schrieb er an der University of Michigan eine brillante Doktorarbeit und nahm 1967 eine Stelle als Assistenzprofessor an der University of California in Berkeley an. 1969 verliess er Berkeley und baute die Hütte bei Lincoln, in der er die Attentate plante.

Zum Verhängnis wurde dem Unabomber schliesslich der Text, den er am 24. Juni 1995 der «New York Times», der «Washington Post» sowie dem Magazin «Penthouse» schickte: ein Traktat mit dem Titel «Industrial Society and its Future», das als «Unabomber-Manifest» bekannt wurde. Er stellte in Aussicht, mit seinen Anschlägen aufzuhören, wenn der Aufsatz publiziert würde.

Am 19. September 1995 druckte die «Washington Post» den Text auf 56 Zeitungsseiten ab. Kurz danach meldete sich David Kaczynski beim FBI. Er vermutete, sein Bruder Ted könnte der Unabomber sein. Einige Stellen im Manifest hatte er wortwörtlich in alten Briefen von ihm wiedergefunden.

Ted Kaczynski wurde am 4. Mai 1998 zu lebenslanger Haft ohne Möglichkeit auf Begnadigung verurteilt. Nachdem Alston Chase in der Zeitschrift «The Atlantic Monthly» vom Juni 2000 angedeutet hatte, das Murray-Experiment könnte etwas mit Kaczynskis Werdegang zum Bombenleger zu tun haben, widersprach man im Murray Research Center, dem nach dem Forscher benannten Institut an der Harvard University. Andere Studenten, die am Experiment teilnahmen, hätten das Streitgespräch nicht als Belastung empfunden, zudem habe Chase die Arbeit Murrays missverstanden.

Nachdem Ted Kaczynskis Codename «Gesetzestreu» in der Öffentlichkeit bekannt geworden war, sperrte das Murray Research Center den Zugang zu den Rohdaten des Experiments auf unbestimmte Zeit.




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