NZZ Folio 06/04 - Thema: Soundcheck   Inhaltsverzeichnis

CD ade

© Thileeban Thanapalan
«The winner takes it all / The loser standing small / Beside the victory / That’s her destiny.» (Abba)
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Warum die CD ein Auslaufmodell ist, wie man Songs aus dem Internet holt und was den iPod zum neuen Walkman macht.

Von Daniel Weber

Songs aus dem Internet herunterladen? Auf einen CD-Rohling brennen? Oder auf den MP3-Player kopieren? Die meisten Musikliebhaber über 30 tun nichts davon, die darunter praktizieren es leidenschaftlich. Und schaufeln damit der Musikindustrie das Grab. Das behaupten zumindest die Plattenfirmen, deren Geschäft kriselt. In der Schweiz wurden 2003 16,7 Millionen CD-Alben verkauft, 2,5 Millionen oder 13 Prozent weniger als im Vorjahr. Damit ist man wieder auf dem Stand von 1994.

Ähnliche Rückgänge an der Verkaufsfront für Tonträger melden andere europäische Länder und die USA. Und es wird nicht wieder aufwärtsgehen, darin sind sich die Branchenkenner einig. Tim Renner, bis vor kurzem Deutschlandchef der internationalen Plattenfirma Universal Music, schrieb in der «Süddeutschen Zeitung» lapidar: «Der physische Träger CD taugt als Haupteinnahmequelle nicht mehr.» Vor vierzig Jahren wurde Schelllack vom Vinyl verdrängt, vor zwanzig Jah ren Vinyl von der CD, und bald räumt die CD der Festplatte das Feld. Musik ist eine Datei wie jede andere, man kann sie per E-Mail oder per Handy verschicken, auf verschiedene Träger speichern und mit verschiedenen Geräten abspielen. Im digitalen Reich können wir mit Musik fast alles machen, was wir wollen.

Wir können zum Beispiel unsere CD-Sammlung «rippen»: Dazu schiebt man eine Musik-CD ins Laufwerk des Computers und speichert die Stücke auf die Festplatte. Das geht mit Programmen, die es gratis im Internet gibt, etwa mit dem kinderleicht zu bedienenden iTunes von Apple. Hat man ein paar CD gerippt, kann man sich ein Album mit Lieblingssongs zusammenstellen und es auf CD brennen. Dazu legt man einen CD-Rohling ins Laufwerk – der CD-Brenner ist bei neueren Computern integriert –, klickt «Burn», und fertig.

Dieser Umgang mit Musik ist allen vertraut, die das Aufkommen der Musikkassetten erlebt haben: Wer hat damals nicht aus seinen Vinyl-LP-Beständen liebevoll assortierte Tonbändchen für sich selbst, die Liebste oder den Liebsten bespielt? Der Unterschied ist, dass es viel schneller geht, eine CD zu brennen, weil die Kopiergeschwindigkeit nur einen Bruchteil der Abspielgeschwindigkeit beträgt. Und dass digitalisierte Musik beliebig oft ohne Qualitätsverlust kopiert werden kann.

Aber was liegt näher, als die Musik ohne Umweg über die CD direkt aus dem Internet zu holen, wenn wir am Computer sitzen und auf der Stelle, sagen wir: «Azzurro» von Adriano Celentano hören wollen, weil es uns ständig durch den Kopf geht. Wir wollen nicht gegen das Urheberrecht verstossen und den Song einfach gratis aus dem Netz herunterladen, darum versuchen wir unser Glück zunächst bei Directmedia, dem einzigen legalen (das heisst: kostenpflichtigen) Anbieter für Musikdownloads in der Schweiz. Aber im schmalen Angebot findet sich von «Azzurro» keine Spur. Wir suchen also, wo alle suchen, bei Google. Die Anfrage ergibt 7860 Treffer, vor allem Links auf Songtexte, Klingeltöne und Artikel über Celentano. Immerhin stossen wir auf einen russischen Down load-Anbieter, der seinen Mitgliedern den Song zum Spottpreis von 6,8 amerikanischen Cents schmackhaft machen will. Will man da nicht bloss unsere Kreditkarteninformationen abschöpfen? Das Risiko gehen wir nicht ein.

Klicken wir uns also eben doch in die Illegalität der Gratis-Tauschbörsen, die sich zuhauf im Netz tummeln (eine Liste mit kurzen Charakterisierungen findet man bei www.smartsite.de). Sie alle sind Abkömmlinge von Napster, der ersten Musiktauschbörse, die der 19-jährige Student Shawn Fanning 1999 ins Netz stellte. Das Programm beruhte auf der Peer-to-Peer-Technik (P2P), die es Nutzern erlaubt, auf die Festplatte anderer Nutzer, die gleichzeitig online sind, zuzugreifen und so Dateien zu tauschen. Napster war ein Riesenerfolg, innert Monaten zählte man über 60 Millionen Nutzer. Die Börse wurde sofort von der US-Musikindustrie wegen Verstössen gegen das Urheberrecht verklagt und musste 2001 den Betrieb einstellen. Aber Napster löste einen Tauschbörsenboom aus, der zu einem riesigen Angebot von Gratismusik im Netz geführt hat.

Zu den bekanntesten Tauschbörsen gehören Kazaa, eMule, eDonkey, WinMx, Limewire, Morpheus und Grokster. Alle bieten kostenlose Programme an, mit denen man mit anderen Teilnehmern anonym in Kontakt treten und in der Regel nicht nur Musikdateien, sondern auch Filme, Bilder und Software austauschen kann. Manche Dienste erlauben es auch, mit dem unbekannten Tauschpartner über gemeinsame Vorlieben zu chatten und Tipps auszutauschen.

Limewire liefert elf Treffer für «Azzurro». Wir klicken drei gleichzeitig an, bei der besten Verbindung ist der Download nach acht Minuten beendet. Und tatsächlich: Nach dem unverwechselbaren Instrumentalauftakt mit Gitarre, Posaune und Synthesizer-Geige röhrt «Cerco l’estate tutto l’anno» aus dem Lautsprecher. Nicht immer hat man Glück, in den Tauschbörsen kursieren viele defekte Songs – eingeschleust unter anderem von der Musikindustrie, die hofft, mit korrupten Titeln den Tauschbörsianern den Spass am Downloaden zu verderben.

Keine Hochburg für Italo-Hits ist die grösste Tauschbörse, Kazaa, wo wir mit 2 406 824 anderen Benutzern online sind. «Azzurro» gibt es zweimal in der Version von Celentano, dreimal in der Originalversion von Paolo Conte. Der erste Treffer liefert den Song in weniger als einer Minute auf die Festplatte. Bei der eher auf ein europäisches Repertoire ausgerichteten Tauschbörse WinMx gibt es den Celentano-Song mehr als ein Dutzend Mal, oft in sehr hoher Qualität. Aber auch hier herrscht Grossandrang, 113 Leute wollen Celentano downloaden.

Jetzt machen wir die Probe aufs Exempel und suchen nicht nur den eigenen, sondern auch die 42 Lieblingssongs, die die Mitarbeiter dieser Folio-Ausgabe angegeben haben (S. 3). Am schlechtesten schneidet der Online-Shop Direct media ab, der nur 18 davon im Sortiment hat, am besten Limewire mit 41, Kazaa kommt auf 31. Aber bei den andern Börsen haben wir auch die fehlenden gefunden: die Kompilation ist komplett.

Juristisch lässt sich gegen die Internetpiraterie kaum etwas ausrichten, obwohl die Musikindustrie das natürlich versucht. Angesichts der Hunderte von Millionen Songs, die jährlich heruntergeladen werden, sind die 2500 Klagen, die in den USA wegen Urheberrechtsverletzung gegen Tauschbörsennutzer erhoben wurden, ein Klacks. Auch die 68 Strafanzeigen, die kürzlich in Deutschland erstattet wurden, stellen kaum eine wirksame Abschreckung dar.

In der Schweiz ist man mit Anzeigen noch zurückhaltender, in den letzten fünf Jahren gab es weniger als ein Dutzend. Obwohl Peter Vosseler, Geschäftsführer des Schweizer Ablegers des internationalen Verbands der Tonträger- und Tonbildträgerhersteller (IFPI), jeden Morgen eine Liste mit 3000 bis 4000 registrierten Downloads aus der Schweiz auf seinen Schreibtisch bekommt. Statt auf Strafverfahren zu setzen – bei solchen gerieten in den USA auch schon Grossmütter und 12-Jährige in die Mühlen der Justiz –, schickt Vosseler den Downloadern via ihren Provider Mahnbriefe und sucht einen aussergerichtlichen Vergleich. Seit Ende 1999 sind über hundert zustande gekommen. Für 50 heruntergeladene Songs beträgt der Tarif 800 Franken. Vosseler schätzt, dass in den letzten zwei Jahren die illegalen Downloads um 10 bis 20 Prozent zurückgegangen sind.

Der Rückgang hängt auch damit zusammen, dass es inzwischen legale Download-Angebote der Musikindustrie gibt, die erkannt hat, dass sie ihr Heil besser in der Online-Offensive sucht als in der Schikanierung (mit CD-Kopierschutz) und Kriminalisierung ihrer potentiellen Kunden. Der Bertelsmann-Konzern ist beim Versuch, Napster zu übernehmen und in eine kostenpflichtige Download-Plattform umzubauen, vor zwei Jahren kläglich gescheitert. Aber seither werkeln alle grossen Musikkonzerne an Download-Shops herum.

Den überzeugendsten hat der Computerhersteller Apple im April 2003 eröffnet. Der iTunes Music Store, den man bisher nur in den USA nutzen kann, hat im ersten Jahr über 70 Millionen Songs verkauft. Das Angebot umfasst inzwischen 700 000 Titel zum Einheits tarif von 99 Cents pro Song, die Nutzungsbedingungen sind vernünftig. Die Shops der Musikindustrie dagegen vergraulen die Käufer oft mit rigidem Digital Rights Management (DRM), das die Kopier- und Abspielmöglichkeiten eines Songs sehr einschränkt. Die Branchenriesen müssen sich etwas einfallen lassen, wollen sie Apple die Marktführerschaft im Online-Musikverkauf streitig machen: Sony ging vor einem Monat an den Start, Microsoft will im Sommer nachziehen.

«Azzurro» ist leider auch im iTunes Music Store nicht zu finden. Aber vielleicht ändert sich das, wenn iTunes in Europa mit einem lokal angepassten Angebot auftreten wird. Dass dies wie geplant noch dieses Jahr geschieht, scheint aber unwahrscheinlich. Denn Europa ist nicht zuletzt darum eine Download-Ödnis, weil es an einheitlichen Rahmenbedingungen fehlt. Die Lizenzen müssen mit den Plattenfirmen und den Urheberrechtsgesellschaften in jedem einzelnen Land ausgehandelt werden. Die EU-Kommission hat Anfang Mai 2004 eine Untersuchung gegen die nationalen Verwertungsgesellschaften eingeleitet, denen sie vorwirft, die Entwicklung von Download-Angeboten zu behindern.

Aber das grosse Geschäft macht Apple sowieso mit etwas anderem: dem kleinen Speicher- und Abspielgerät iPod. Auf dem Computer lassen sich zwar Musikdateien bestens speichern und verwalten, aber die Musik will von der Festplatte befreit werden. Dafür gibt es seit 1998 portable MP3-Player, die digitalen Nachkommen des Walkmans. Diesen Markt gilt es zu erobern – die Haushaltdurchdringung mit Playern liegt in der Schweiz derzeit bei drei Prozent –, und viele Hersteller bieten MP3-Player an. Doch keiner ist annähernd so erfolgreich wie der iPod.

Apple hat das Gerät, das man benützt wie einen Walkman, aber auch im Auto oder an die Musikanlage anschliessen kann, im Herbst 2001 lanciert. Die 40-Gigabyte-Festplatte des teuersten Modells (779 Franken) speichert etwa 10 000 Songs – eine sehr stattliche CD-Sammlung. Das coole Kästchen mit den weissen Ohrstöpseln ist ein Kultobjekt geworden und für Apple ein Riesengeschäft. Über zwei Millionen iPods hat Apple weltweit verkauft, allein im ersten Quartal dieses Jahres 807 000 – mehr als Computer. Vor allem der iPod mini stellt als Lifestyle-Spielzeug alle vergleichbaren Geräte in den Schatten. Seine Lancierung in Europa musste auf kommenden Juli verschoben werden, weil die Nachfrage in den USA so gross ist.

Auf der Internetsite «ipodlounge» zeigen 2500 Fotos, wie Fans rund um die Welt ihren heissgeliebten iPod als Ikone ins Bild rücken, ob in den Alpen oder in der Antarktis. Die Botschaft ist klar: Musik ist überall und jederzeit verfügbar. Und zwar nicht irgendeine Musik, sondern die eigene. Den Soundtrack zu unserem Leben mixen wir uns selbst. Und gespielt wird er von der PJ, der Personal Jukebox, die wir überall mit uns herumtragen. Celentanos Zug der Sehnsucht, «il treno dei desideri», fährt fortan los, wann immer wir wollen.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ-Folio.

Mitarbeit: Claude Settele, Informatikredaktor der NZZ.




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