NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da -- Zurück ans Lagerfeuer

© Gudrun Sachse
Das Schlafzimmer unter dem Dach: Luxus hat hier nichts verloren. Linktext
Ein Eigenbrötler, der sein Geld mit Kräutern verdient? Ein Hirte?Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Retour à la nature, zurück zum Urmenschen – hier gibt’s eigentlich kein «Draus­sen vor der Tür». Draussen ist auch drinnen. Natur und Einfachheit sind dem ­Bewohner wichtig, ostentativ will er uns sagen: Ich brauche fast nichts, keinen Strom, kein fliessend Wasser, wenn es kalt ist, nimmt man halt zwei Decken. Jeglichem Luxus wird abgeschworen, Kargheit ist Programm.

Ein Einzelgänger, ein Eigenbrötler und Aussteiger hat sich in diesem Rustico häuslich eingerichtet, sein früheres Leben hinter sich gelassen und pflegt nun bewusst einen unkonventionellen Lebensstil. Vielleicht war er ein Städter oder ein Weltenbummler, hat sich eines Tages ins Tessiner Bergtal zurückgezogen und lebt nun für sich allein. Sucht er hier die spirituelle Erfüllung, einen «neuen» Lebenssinn, oder hat er ganz einfach genug von den Menschen und der Zivilisation?

Mit Büchern und Gitarrenspielen vertreibt er sich die wenige freie Zeit – der archaische Haushaltstil mit Feuermachen und Wasserholen ist wahrscheinlich ziemlich aufwendig. Die Outdoor­küche lässt keinen kulinarischen Feinsinn vermuten, ein veganes Menu würde hier nicht überraschen. Seinen Lebensunterhalt – die obligatorische Krankenversicherung will auch hier bezahlt sein – verdient sich der Bewohner vielleicht mit Kräutern, vielleicht als Spinner auf dem Spinnrad, mit textilen Kreationen, die er auf dem Markt im Tal zu klingender Münze macht.

Das Ganze hat einen verschrobenen Touch mit Lagerfeuerromantik, so wohnt man nur freiwillig und gewollt. Hat sich unser Bewohner hier im Maiensäss einen Wunschtraum erfüllt?

Ingrid Feigl

Der Innenarchitekt

Hier wohnt ein Jäger, ein Hirte – jedenfalls ein Naturbursche. Und bestimmt lebt hier auch eine Frau. Ein Bettbezug mit einem solchen Muster kann allerdings nur von einem Mann ausgewählt worden sein. Vor zwanzig Jahren gekauft, hundert Mal gewaschen und immer noch im Dienst. Die roten Kissen und das Fixleintuch sind weniger eindeutig.

Das Bett ist kaum das Wichtigste in diesen Räumen. Aber was ist hier schon wichtig? Die Gitarre vielleicht, die Musik, die Melodien. Der Rest spielt keine Rolle. Ist ja auch nicht nötig. Mit Sound und ­einer schönen Landschaft kommt man weit. Vielleicht gibt es hin und wieder ­einen Tee mit Zucker. Entweder ist dies ein Zweitwohnsitz für warme Sommermonate. Oder dann hat sich hier ein Paar versuchsweise von der Zivilisation abgesetzt.

Aber auch Freaks müssten sich hin und wieder mal etwas kochen können. In der Bratpfanne hat schon lange kein Essen mehr gegart. Die Feuerstelle ist selbst für eine Freiluftküche etwas roh. Sie ist wohl kaum täglich in Betrieb. Auch wenn der Essensvorrat bestimmt irgendwo in gut verschlossenen Kisten lagert. Die Kochstelle gehört womöglich nicht zum Haus. Sie kam später dazu, denn in diesem Gaden hat man früher kaum Essen zubereitet, der war wohl eher eine landwirtschaftliche Lagerstätte, die vor Jahren in ein bewohnbares Haus umgebaut wurde.

Da, wo sich früher der Luftstrom durchs trocknende Heu bewegte, ist nun Glas. Hermetisch zu. Trocknen muss hier nichts mehr. Die Waschmaschine ist im Tal. Die richtige Küche auch. Aber von was lebt man hier? Die warme Luft des Sommers gibt es nur noch ausser Haus. Vielleicht ist die Liebe noch da.

Jörg Boner


Sanna Russell, Wollefrau, und Ulrico Stamani, Natur- und Kulturarbeiter

«Jetzt noch eine halbe Stunde zu Fuss durch den Wald in die Höhe, dann haben wir es geschafft. Was ich in der Kiste trage? Wolle für Sanna, die sie oben spinnt. An diesem Weg haben wir sechs Jahre gearbeitet. Wenn ich ihn gehe, lebe ich nur im Moment, er ist meine Meditation.

Ich hiess Ueli Stadelmann, heute Ulrico Stamani. Suesanna war in ihrem ersten Leben Sue, heute ist sie Sanna. Wir lernten uns vor vier Jahren kennen. Sie verliess bereits 1975 die Schweiz, um als Selbstversorgerin zu leben, anfangs auf einer irischen Insel mit ihrem damaligen Mann und den drei Kindern. Später fuhr sie Kohlenschiffe auf der Themse, war Schleusenwärterin und als Skipperin mit ihrer Familie auf den Weltmeeren daheim. Bald verschrieb sie sich der Wolle. Wir sollten Wolle schätzen lernen – sie nicht tonnenweise verbrennen. Diese Botschaft führte sie zu uns.

Anfangs nahm sie mich nicht wahr. Ich sie hingegen schon. Sie packte sofort mit an, half, die Kanalisa­tion für die Duschen und die Toiletten zu legen. Einfach zu leben bedeutet nicht, unhygienisch zu leben.

Als ich noch Primarlehrer im Kanton Zürich war, waren meine Hände gepflegter, jetzt grüble ich halt in der Erde. Still am Tisch zu sitzen, ist für uns eine Herausforderung, wir reden lieber bei der Arbeit. Ich war 50, als ich beschloss, ein anderes Leben anzugehen. Ich sehe mich nicht als Aus-, sondern als Umsteiger.

Die Genossenschaft Pianta monda gründete ich vor 17 Jahren mit weiteren acht Personen. Momentan ist grad Aufbruchstimmung. Wir haben einige Gäste und zwei junge Paare mit Babies, die schnuppern, ob sie sich so ein Leben vorstellen könnten.

Als wir begannen, war hier oben alles verwildert, wir kämpften gegen den Wald, die Ställe waren baufällig mit undichten Dächern. Nach und nach entstand unsere eigene Welt. Wir produzieren vieles selbst: Rüben, Pastinaken, Kräuter. Wir haben etwas Obst, sammeln Beeren und säckeweise Kastanien. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem wir 35 verschiedene Gemüsesorten anbauten. Wo sonst bekommt man eine so reichhaltige Gemüseernährung?

Wir fühlen uns als Glied einer Kette. Ich habe eine Hochachtung vor den Menschen, die vor hundert Jahren im Maggiatal lebten. Aus allem konnten sie etwas machen und bewahrten sich dadurch ihre Unabhängigkeit.

Mit unserer Lebensform nehmen wir deren Leben wieder auf, natürlich kombiniert mit moderner Technik – so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Wir haben Solarpanels und eine Motorsäge, ich suchte lange, bis ich eine mit Katalysator fand. Die beste Möglichkeit zu sparen ist nicht, mehr zu verdienen, sondern, weniger zu brauchen. Wir brauchen keinen Fernseher, kein Radio, wir musizieren lieber, als zu konsumieren.

Wir sind kein Therapieort, kein Kurs- oder Seminarzentrum. Wir nehmen gerne Gäste auf. Teilen ist für uns wichtig. Das Wort ‹privat› mögen wir nicht. Hier sind alle gleichwertig, alle müssen ihr Essen selbst erarbeiten, egal, aus welchem Stand sie kommen. Im Team zu funktionieren, ist eine Herausforderung für uns. Wir sprechen viel, diskutieren alles aus. Konflikte sind da, damit man sie flickt.

Früher trank ich gerne Wein, ass Schokolade. Heute geht es wunderbar ohne. Wir haben kein Genussmittelverbot, aber wir haben in unserem Leitbild den Satz: ‹Wir streben ein suchtarmes Leben an.› Es ist wichtig, sich mal die Frage zu stellen, wovon man im Alltag abhängig ist. Brauche ich wirklich Salz und Pfeffer auf dem Tisch, kann ich das Essen nicht einfach so geniessen, wie es der Koch komponiert hat?

Wir haben draussen und drinnen eine Gemeinschaftsküche. Ich bin nicht einer, der sich ums Kochen reisst. Das Menu ergibt sich aus dem, was im Garten ist. Wir pflegen die Erde, damit sie beim nächsten Unwetter nicht ins Tal saust. Es ist ein Jammer, dass die Einheimischen diese Gebiete in Scharen verlassen, dabei böte die Gegend willigen Menschen ein einfaches, aber glückliches Leben.

Wir haben naturbelassenes Essen, gute Luft, eine gesunde Müdigkeit am Abend, das ist doch Lebenssinn. In der Dämmerung sitzen wir zusammen, reden, lassen den Tag ausklingen. Wir schlafen meist acht bis neun Stunden. Beim Einschlafen hören wir den Bach rauschen und das Quieken der Siebenschläfer. Was hältst du davon, hier zu bleiben?»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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