NZZ Folio 04/96 - Thema: Eherne Ehe   Inhaltsverzeichnis

Wenn Ehen ins Wanken geraten

Aus der Praxis von Paartherapeuten.

Von Thomas Hess

DIE HALBWERTSZEIT der Schweizer Ehen hat in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen: Von den im Jahr 1960 geschlossenen Ehen waren nach 15 Jahren 10 Prozent wieder geschieden, während vom Heiratsjahrgang 1988 dieser Prozentsatz bereits nach fünf Jahren erreicht war. Aber auch die absoluten Zahlen sind eindrücklich: Standen im Jahre 1945 den 35 640 Eheschliessungen 3726 Scheidungen (also gut 10 Prozent) gegenüber, entfielen 1994 auf 42 411 Heiraten 15 634 Scheidungen (über 35 Prozent).

Nehmen wir diese Entwicklung etwas genauer unter die Lupe, zeigt sich, dass die Scheidungszahlen nicht linear gestiegen sind und dass die Häufigkeit von Eheschliessungen immer wieder Schwankungen unterworfen war: 1945 gab es auf 1000 Einwohner 8,1 Heiraten und 0,8 Scheidungen. Während die Zahl der Scheidungen bis 1970 nur leicht auf den Wert 1,0 anstieg und 1993 den Wert von 2,2 erreichte, verläuft die Heiratskurve wellenförmig: die 8,1 Heiraten pro 1000 Einwohner von 1945 nahmen bis 1970 allmählich auf 7,6 ab und sanken bis 1976 rasant auf 5,1. Dann stiegen die Zahlen wieder an, bis 1991 ein neuer Höchststand von 7,0 erreicht war. Die Entwicklung lässt mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu: Die Naheliegendste ist wohl, dass die Achtundsechziger Generation sich anderen Lebensformen als der Ehe zuzuwenden begann, so dass weniger geheiratet und mehr geschieden wurde; dieser Trend schwächte sich dann allerdings wieder ab.

Eindeutig ist jedoch, dass die Zahl der Scheidungen erheblich zugenommen hat. Hat die Ehe ausgedient? Wird heute leichtfertiger geschieden als früher, oder werden Ehen ohne reifliche Überlegung eingegangen und deshalb ebenso rasch wieder aufgelöst? Hat die Veränderung möglicherweise gar damit zu tun, dass früher auch die Eltern der Ehewilligen Einfluss nahmen, der soziale Status der Verlobten und die Glaubenszugehörigkeit wichtiger waren als die Zuneigung?

Einige der Faktoren, die zu einer Veränderung im Scheidungsverhalten geführt haben, manifestieren sich in einem Fallbeispiel aus unserer Praxis als Paartherapeuten.

Eine 43jährige kaufmännische Angestellte meldet sich und ihren Ehemann für eine Paartherapie an. Ihr Partner, ein 48jähriger Ingenieur, kommt eher widerwillig mit. Die beiden sind seit 19 Jahren verheiratet. Ihr Sohn ist bei Beginn der Beratung 12 Jahre alt.

Die Frau leidet seit 7 Jahren unter Magenkrämpfen, Durchfall, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Mehrere spezialärztliche Untersuchungen hatten keine Befunde ergeben. Beide Partner leiden an der Situation in ihrer Ehe. Die Frau beklagt die massiven verbalen Ausfälle ihres Mannes, die sie nicht mehr länger ertrage. Wenn sie Streit hätten und er schreie, dann träten ihre Beschwerden häufiger auf, und seit einiger Zeit gehe es länger, bis sie sich davon wieder erhole. Aus der Sicht des Mannes sind die von der Frau gemachten Äusserungen übertrieben, obwohl er nicht abstreitet, zuweilen laut zu werden. Als Ziel der Beratung will die Frau, dass ihr Mann aufhöre, bei jeder Kleinigkeit lauthals zu schreien, und gibt zu verstehen, dass sie eine Trennung nicht mehr ausschliesse. Der Mann erwartet, dass die Frau seine verbalen Ausfälle nicht immer so persönlich nehme.

Im Verlaufe der Gespräche stellt sich heraus, dass die Mutter der Frau zeitlebens ähnliche Probleme beklagt hatte und deren Ehemann (der Vater der Klientin), ganz ähnlich wie ihr heutiger Partner, zu verbalen Entgleisungen geneigt hatte. Ihre Mutter habe sich zwar immer bei den Kindern beklagt, speziell bei der Klientin als ältestem Kind, aber zu ändern vermochte sie nichts. Eine Trennung sei gar nicht in Frage gekommen, da sie dies materiell nicht verkraftet hätte. Ausserdem fürchtete sie sich vor der Reaktion der Nachbarn. Im Alter von knapp 60 Jahren hatte man bei ihr ein Darmkarzinom diagnostiziert, das operativ entfernt werden konnte. Dennoch starb sie bald darauf.

Die Klientin betont immer wieder, sie sei nicht bereit, diese Geschichte zu wiederholen. Sie wolle deshalb jetzt eine Änderung oder sie werde sich von ihrem Mann trennen. Der Mann weiss von dieser Vorgeschichte, will aber keinen Zusammenhang zur Gegenwart erkennen. Abgesehen von den verbalen Auseinandersetzungen hätten sie eine gute Ehe und seien doch glücklich. Eine Trennung komme für ihn wegen des Kindes nicht in Frage. Die Frau fühlt sich von ihm unverstanden und nicht ernst genommen. Sie will, um sich einmal körperlich erholen zu können, eine Trennung. Den Sohn will sie mitnehmen. Darauf droht der Mann mit Selbstmord. Trotzdem entscheidet sich die Klientin für eine Trennung, worauf der Mann auf Anraten eines Kollegen mit einer Einzelpsychotherapie beginnt.

Der Fall zeigt, wie sich das Verhalten in einer schweizerischen Kleinfamilie im Laufe von einer Generation verändert hat und wie sich die Scheidung als Konfliktlösungsmöglichkeit etablieren konnte: Für die Mutter der Klientin war eine Scheidung undenkbar, da sie weder die finanzielle Sicherheit noch die nötige emotionale Unterstützung ihrer Umgebung gehabt hätte; für die Klientin selber ist heute die Trennung oder Scheidung keine leere Drohung, sondern eine mögliche Lösung.

Die Gründe für diesen Unterschied sind einerseits mit einem gesellschaftlichen Wandel zu erklären, der kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Aspekte hat, und andererseits mit Veränderungen in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die damit in Zusammenhang stehen.

In den dreissiger und vierziger Jahren konnten sich nur ganz wenige aussereheliche Liebesbeziehungen und Scheidungen leisten - finanziell wie moralisch. Heute bringen eine Trennung und eine Scheidung zwar nach wie vor viele Familien in finanzielle Schwierigkeiten, so dass sowohl Mütter wie auch Väter oft unter dem Existenzminimum leben müssen. Doch ist die berufliche Ausbildung der Frauen heute so viel besser, dass ihre wirtschaftliche Abhängigkeit weit geringer ist, als dies noch vor dreissig Jahren der Fall war. Vermehrt steht einer Familie mehr als ein Einkommen zur Verfügung. Der Schritt aufs Sozialamt ist oft noch immer demütigend, aber nicht mehr mit absoluter Selbstverachtung zu bezahlen. Und seit der Einführung der Alimentenbevorschussung als Garantieleistung des Staates müssen getrennt lebende Mütter weniger um ihre und ihrer Kinder Existenz bangen.

Neben dem wirtschaftlichen Umfeld hat sich auch der moralische Gehalt des Ehebundes geändert; die Heirat, die früher im Himmel geschlossen wurde, ist gewissermassen auf die Erde herabgestiegen. Vor zwei Generationen noch wurde ein «heiliges Bündnis fürs Leben» eingegangen. Die Entscheidungsgrundlagen waren - soweit deklariert - stark religiös gefärbt und moralisch unterlegt. Die zeitliche Dimension war «der verbleibende Lebensabschnitt».

Heute stehen mitunter irdische Motive im Vordergrund. Oft sind es versicherungstechnische Überlegungen. Wie kann sich die Frau, die für eine bestimmte Zeit für Kind und Haushalt sorgt und auf Erwerbseinkommen verzichtet, für den möglichen Todesfall ihres Lebenspartners absichern? Wie kann der Partner und Vater eines nichtehelichen Kindes erreichen, dass er beim vorzeitigen Ableben der Kindsmutter das Kind nicht an die Familie seiner Frau «abtreten» muss, weil er juristisch nur als «Alimentenlieferant» existiert? Zwar gibt es Modell-Konkubinatsverträge, doch dürfen diese einen väterlichen Anspruch auf das Kind nicht in Widerspruch zu bestehendem Recht festlegen. Folglich wird geheiratet, wenn ein Kind unterwegs ist. Und zwar nicht mehr eiligst und schamhaft errötend die vorzeitige Schwangerschaft eingestehend, sondern man tritt sichtbar schwanger vor den Standesbeamten. Dieser Wandel kann zahlenmässig belegt werden: 1975 wurden in der Schweiz von rund 80 000 Kindern 2777 oder 3,5 Prozent in den ersten drei Monaten, weitere 91 936 oder 11,7 Prozent 4 bis 11 Monate nach der Eheschliessung geboren; heute sind es 4280 oder 5,2 Prozent in den ersten drei Monaten beziehungsweise 7545 oder 9,1 Prozent nach 4 bis 11 Monaten nach der Hochzeit. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Paare sich Zeit lassen und oft erst kurz vor der Niederkunft heiraten.

Die Hochzeit als Ritual, das ehedem das Eintreten in einen neuen Lebensabschnitt bedeutete, hat an Feierlichkeit und Gewichtigkeit eingebüsst. Während die einen das Hochzeitsfest wie einst mit Vermählungsanzeigen, Kutsche und Brautschleier inszenieren, gehen die andern in Jeans und nach kurzfristiger Ankündigung im Familien- und Freundeskreis aufs Standesamt. Ein Vertragsabschluss wie jeder andere? So weit ist es noch nicht. Die Streubreite von den Paaren, die noch immer einen Bund fürs Leben einzugehen gedenken, bis zu jenen, die eine Heirat mit einem ausländischen Partner zwecks rascher Niederlassung tätigen - mit oder ohne Honorarzahlung -, ist enorm.

Entsprechend gross ist auch die Streubreite bezüglich der Art und Weise, wie getrennt oder geschieden wird. Während sich die einen Paare innerhalb weniger Wochen wieder voneinander lösen, ist ein grosser Teil der Trennungen noch immer mit tiefem Schmerz, mit Wut, Enttäuschung und verzweifeltem Hilfesuchen an allen möglichen und unmöglichen Stellen verbunden. Oft ist auch der Zeitaufwand beträchtlich: Von der ersten Äusserung der Trennungsabsicht bis zum Zeitpunkt, zu dem alle im Juristendeutsch so hässlich genannten «Scheidungs-Nebenfolgen» geregelt sind, verstreichen oft mehrere Monate. Und bis schliesslich auch die Schulbücher des ausziehenden Partners oder das letzte Feriensouvenir den Haushalt gewechselt haben, dauert es oft Jahre. Dies beweist, dass es nicht immer um eine Vertragskündigung geht, die schnell vor dem Frühstück erledigt wird.

Wie Dagmar Zimmer Höfler, Dozentin am Institut für Ehe und Familie in Zürich, aufzeigte, hat der Wandel der Ehe auch in der Theorie der persönlichen Bindungen zu Differenzierungen geführt. Während die klassische Lehrmeinung davon ausging, dass frühkindliche Beziehungsmuster später zwangsläufig wiederholt würden, ist man heute vorsichtiger geworden. Neuere Bindungstheorien schieben nicht mehr unbesehen alle Schuld an den (Beziehungs-)Leiden den Müttern in die Schuhe. Wie stark der Einfluss der kindlichen Bindungsform auch immer ist, er bestand vor 80 wie vor 50 Jahren, und er besteht auch heute noch. Es soll deshalb ein kurzer Blick auf die frühere Kleinfamilie geworfen werden und auf die Werthaltung, die sie prägte. Genauer, wir müssen 30 bis 40 Jahre zurückblicken, um die heutigen Erwachsenenbeziehungen zu erklären, beziehungsweise um 70 bis 90 Jahre, um die Situation der vor 50 Jahren in einer Partnerschaft lebenden Menschen zu erhellen.

In den ersten zwanzig Jahren dieses Jahrhunderts wurde das Buch «Geschlecht und Charakter» von Otto Weininger, einem Wiener Philosophen, in 20 Auflagen verkauft und öffentlich diskutiert. Eine zentrale Aussage darin ist: «Der tiefststehende Mann steht (. . .) noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe.» Der Autor geht davon aus, dass die Frauen weder einen Eigenwert noch ein Ich, noch eine Seele hätten. Die einzige Triebfeder ihrer Existenz sei die Kuppelei - die eigene Sexualität und Reproduktion inbegriffen. Obwohl das damals vielbeachtete Buch eine Extremposition jener Zeit markieren dürfte, entsprach es wohl einem «Mainstream» in bezug auf die Geschlechterfrage. Es zeigt, wie stark die Frau im ersten Viertel dieses Jahrhunderts auf den Bereich des Hauses begrenzt und ihre Aufgabe auf die eines dem «Herrn der Schöpfung» dienenden und Kinder gebärenden Wesens eingeschränkt wurde. Der weibliche Selbstwert gründete damals weitgehend auf der Rolle als Mutter und sich anpassenden Ehefrau. Emanzipation und Eigenständigkeit als Werte entwickelten sich erst - und wie man weiss, sehr zögernd - im Laufe der folgenden fünf Jahrzehnte.

In den Mutter-Kind-Beziehungen um die Zeit des Ersten Weltkrieges stand vor allem das Gemeinsame von Mutter und Kind im Vordergrund, und dies oft in einem Gegensatz zum gestrengen Vater. Das wichtigste Erziehungsziel war, dem Kind beizubringen, sich einzuordnen und anzupassen. Die aus solchen Familien hervorgehenden Beziehungsmuster waren also stark von der Gemeinsamkeit zwischen Mutter und Kind geprägt - bis hin zu symbiotischem Zusammengehörigkeitsgefühl. Bei älteren und alten Paaren trifft man deshalb - eine Prägung des kindlichen Bindungsmusters - viel häufiger als bei jüngeren Paaren eine stark polarisierte Aufteilung von wichtigen Lebensbereichen bis zu gegenseitiger psychischer Abhängigkeit an. Auch werden bei älteren Ehepaaren Fragen, die an den einen Partner gerichtet werden, sehr oft in der Wir-Form beantwortet, was bei jüngeren Paaren kaum mehr der Fall ist. Dieselbe Tendenz wird auch aus der frühen Literatur zur Eheberatung deutlich: Der Berater hatte die Eheleute als Ganzes im Auge, sein Ziel war die Rettung der Ehe, und er operierte stark mit moralischen Belehrungen, die die Partner in Richtung Anpassung drängten.

Gestärkt von der Frauenbewegung, begannen sich in den fünfziger Jahren die Frauen als eigene Persönlichkeiten zu definieren, die sich nicht den Ehepartnern unterzuordnen hatten. Individualität wurde ein neuer Wert. Psychoanalytisches Erfahrungsgut verbreitete sich mehr und mehr. Auch kleinen Kindern sprach man das Recht auf Individualität zu. Analog wurde in Ehetherapien zunehmend die Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Partner gewichtet und der Erhaltung der Beziehung übergeordnet.

Die Umorientierung auf mehr individuelle Ziele in der Partnerschaft wie in der Beratungsarbeit hat auch mit einem Wertewandel zu tun, der Entwicklung stärker gewichtet als Stetigkeit. Die Ehe wird nicht mehr als Lebensform verstanden, die ewig hält, sondern als eine Vereinbarung, die täglich neue Anpassungs- und Veränderungsleistungen verlangt. Mit der Möglichkeit der Aufkündigung des Vertrages wird grosszügiger umgegangen. Es wird eher damit gerechnet, dass an die Stelle eines dauernden (mehr oder weniger) gegenseitigen Anpassungsprozesses eine persönliche Entwicklung tritt, die vom Partner wegführen könnte.

Ein Paar kommt in die Therapie, weil eine Aussenbeziehung des Mannes die zwanzigjährige Ehe ziemlich durcheinandergebracht hat. Der Mann ist knapp 50 Jahre alt, ein sensibler Kunsthistoriker, der hobbymässig Kammermusik macht. Die Frau ist eine tatkräftige, entschlossene Persönlichkeit und will ihren Mann zurückhaben. Er seinerseits spürt, dass seine Geliebte in ihm neue Seiten geweckt hat, die er nicht einfach aufgeben möchte. Er hat begonnen zu malen, Jazz zu spielen, und er erzählt, dass er in der Beziehung mit seiner Freundin viel gefühlvoller und offener sein könne, als ihm dies in der ehelichen Partnerschaft möglich sei. Diese beschreibt er als Gefängnis, was seine Frau verletzt, die beharrlich um ihn kämpft und ihm das Messer an den Hals setzt: «Sie oder ich.»

Die weitere therapeutische Begleitung des Paares (Paarsitzungen, aber auch Gespräche mit jedem einzelnen) führt dazu, dass der Mann sich von seiner Geliebten zurückzieht und eine Einzelpsychotherapie beginnt. Die Frau steht der Entwicklung ihres Partners jedoch immer noch skeptisch gegenüber und verharrt auf dem Standpunkt, dass er wieder so werden müsse wie vor seinem Seitensprung. Sie denkt nicht daran, ihre Rolle als Hausfrau und Mutter (von zwei bald volljährigen Söhnen) aufzugeben und sich nach einer neuen Aufgabe umzusehen. Erst als der Mann Trennungsabsichten äussert, beginnt sich auch bei ihr eine Entwicklung anzubahnen. Nach der unumgänglichen Phase von Wut und Empörung sucht sie bei einer Atemtherapeutin Hilfe und macht eine rasche Entwicklung in Richtung einer eigenständigeren neuen Identität. Das Paar trennt sich dann trotzdem. Sie behalten aber einen guten, freundschaftlichen Kontakt zueinander und feiern auch noch zwei Jahre nach der Trennung mit ihren Söhnen gemeinsame Familienfeste.

Solche Entwicklungen sehen wir in unseren Therapien häufig. Der Drang zur Selbstverwirklichung labilisiert die Partnerschaft oft so stark, dass es zur Trennung kommt. Meist ist allerdings die Rollenverteilung umgekehrt, ist es die Frau, die zur Veränderung drängt und Alarm schlägt, etwa mit den Worten: «Seit zehn Jahren teile ich Dir mit, dass ich unter der Situation in der Beziehung leide. Jetzt ist es genug.» Der Mann indessen entgegnet: «Wir waren doch glücklich bis heute, was ist bloss in Dich gefahren?»

Oft bringt eine Trennung dann auch beim vorher am Alten festhaltenden Partner einen Prozess in Gang - aber nicht immer: Viele Männer suchen sich baldmöglichst eine neue Frau, um die alte Rollenteilung und die gleichen Beziehungsmuster nochmals zu etablieren. Auch der umgekehrte Fall kommt vor, jedoch deutlich seltener.

Die konventionelle Rollenteilung - die Frau als Hüterin der Gefühle und Bewahrerin der Beziehungen, der Mann als Kämpfer ausserhalb des Hauses, der Karriere macht und an Macht und Prestige gewinnt - scheint zunehmend an Attraktivität zu verlieren. Immer mehr Frauen sind nicht länger bereit, die Folgen männlichen Tuns still und selbstverständlich mitzutragen. Sie wollen ihr eigenes Geld, ihre eigene Karriere, ihr eigenes Leben. Gleichzeitig fordern sie in der Partnerschaft ein Gegenüber, das nicht nur physisch anwesend, sondern auch emotional ansprechbar ist. Weil die eheliche Verbindung nicht mehr als Schicksalsgemeinschaft erlebt wird, werden vor allem seitens der Frauen höhere Ansprüche angemeldet.

Viele Männer haben Mühe, diesen Erwartungen ihrer selbstsicherer auftretenden Partnerinnen gerecht zu werden. Die daraus resultierende Labilisierung der Beziehung führt oft zu einer Trennung oder Scheidung. Die Folge ist nicht selten eine neu empfundene Vaterrolle. Eine Kollegin brachte dies provokativ auf den Punkt: «Geschiedene Männer sind die besseren Väter!» und wies damit auf eine sich abzeichnende Tendenz hin, wonach sich Väter durch den Trennungs- oder Scheidungsprozess oft erstmals mit anderen Rollenteilungen und einer aktiveren Vaterrolle auseinandersetzen. Sie realisieren, leider oft zu spät, was sie alles verpasst haben in bezug auf ihre Kinder. Sie versuchen dies zu kompensieren und nehmen auch Risiken in ihrer Karriere in Kauf.

Diese Veränderungen als Wertezerfall oder negative Folgen der Frauenemanzipation zu bezeichnen wäre kurzsichtig. Auf Grund unserer - allerdings nicht repräsentativen - Erfahrung wird heute eine Scheidung nicht mehr generell als Scheitern empfunden. Vielmehr wird sie von den Paaren, die sich in eine Therapie begeben, als Abschluss eines Veränderungs- und Wandlungsprozesses sowie als Beginn eines neuen Lebensabschnittes in eine andere Richtung erlebt.

Die Familie als Keimzelle des Staates und das eheliche Leistungsprinzip, ausgedrückt in Jubiläen wie silberne, goldene und diamantene Hochzeit, haben an Bedeutung verloren. Neue Lebensformen treten in unseren Alltag und konkurrenzieren die Ehe als einzige vom Staat akzeptierte Familienform. Die Drohung mit einer Trennung oder Scheidung wird häufiger und ernstzunehmender ausgesprochen.

Dies geht auch aus den Anmeldungen der Ratsuchenden am Institut für Ehe und Familie hervor. Wurde vor 15 Jahren meist das Wohl der Kinder oder die Rettung der Partnerschaft als Ziel der Beratung formuliert, stehen heute auf jedem dritten Anmeldungsformular «Trennung» oder «Scheidung» als möglicher Ausgang der therapeutischen Arbeit. Die Arbeit von Ehe- und Familientherapeuten wurde früher als «Ehe-Reparaturwerkstätte» verstanden. Heute definieren wir uns als Begleiter von Prozessen, die einzelne zusammen mit ihren Partnern durchmachen. Die Entscheidung, ob die Partnerschaft weitergehen soll oder nicht, liegt voll und ganz bei den Klienten.

Viele auseinandergehende Eltern realisieren heute, dass Mann und Frau zwar scheiden können, die Elternschaft aber lebenslänglich bestehen bleibt. Diese Erkenntnis ermöglicht vielen scheidungswilligen Eltern neue Lösungen für das Aufrechterhalten der Beziehung beider Eltern zu ihren Kindern. Das gemeinsame Sorgerecht existiert in der Schweiz juristisch zwar noch nicht, es wird jedoch faktisch schon oft praktiziert. Die Anpassungen im Scheidungsrecht werden diesen Trend berücksichtigen müssen.

Gewiss, ein Zerfall der Gesellschaft ist wegen der wachsenden Zahl von Scheidungen nicht zu befürchten. Es ist vielmehr zu begrüssen, dass das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie zunehmend durch andere Beziehungsformen konkurrenziert wird. Es werden aber auch in Zukunft Paare ein Leben lang zusammen bleiben. Diese Form von Lebensentwurf muss gewürdigt werden. Es ist kaum Zufall, sondern ein Zeichen für Reife und Anpassungsfähigkeit, wenn zwei Menschen sich fünfzig oder mehr Jahre die Treue halten und dabei zufrieden bleiben. Auch die Leistung von Partnern und Partnerinnen, die lebenslänglich an der Seite eines kranken oder behinderten Menschen bleiben und auf vieles verzichten, muss als grosses Verdienst betrachtet werden, da heute nicht religiöser oder gesellschaftlicher Zwang das Motiv sind, sondern ein freier Entschluss dahintersteht.

Thomas Hess, Psychiater, ist Leiter des Institutes für Ehe und Familie in Zürich. Antonio Nadalet, Sozialarbeiter und Sozialpädagoge, ist gleichenorts Leiter der Ausbildung in Systemtherapie.


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