NZZ Folio 10/00 - Thema: Museum   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Patricks Soussol

© Christian Känzig
Der 44jährige Keramiker Patrick Milliet in seiner Behausung an der Weinbergstrasse in Zürich, fünf Minuten von dort entfernt, wo er aufgewachsen ist. <Ich habe gern das Vertraute.> Linktext
Von Lilli Binzegger

«ALS ICH MICH nach der Schule hätte entscheiden sollen, was ich werden will, sagte ich: wie soll ich das wissen, ich kenne das Leben ja noch nicht. Ich hatte gesehen, dass viele unglücklich mit ihrer Arbeit waren, am Montag immer schon das Wochenende ersehnten. Weil Hochkonjunktur war, konnte man es sich leisten, sich nicht zu entscheiden, man fand immer Jobs.

Mit 26 begann ich eine Keramikerlehre. Ich hatte bei einer befreundeten Keramikerin hereingeschaut und war ganz perplex, als ich merkte, dass ich offenbar Talent hatte. Da wusste ich: das will ich. Und zwar nicht nebenbei, sondern ganz. Nach der Lehre suchte ich eine Werkstatt, hatte aber kein Geld und arbeitete dann als Barkeeper in einem Jazzrestaurant. Da verdiente ich zwar auch nicht viel, aber ich fand es gut, ich mag Jazz. 1990 machte ich an der Dienerstrasse meine erste Werkstatt auf, die ich vor fünf Jahren aufgeben musste, wegen Eigenbedarf des Hausbesitzers.

Dass ich die Räume hier bekam, eine ehemalige Sanitär- und Spenglereiwerkstatt, war wie Weihnachten, sie sind ideal. Drei Stockwerke, unter diesem ist die Werkstatt und ganz unten das Lager. Ein Kamin war schon da, und weil vor dem Haus gerade alle Leitungsgräben offen waren, kam ich für 4500 Franken statt für 35 000 Franken zum Gasanschluss für den Brennofen. Viel musste ich nicht ändern. Dass man hier alle Leitungen sieht, stört mich nicht, gefällt mir sogar. Die Möbel habe ich alle vom Flohmarkt oder aus dem Brockenhaus, fast alles Klassiker, Max Bill, Moser, Eames, alles für wenig Geld gefunden. Der verspiegelte Schrank stammt aus einer Konditorei, der hat dort einst die Patisserie verdoppelt.

Alle drei Geschosse sind Untergeschosse, das Haus, ein grosses Wohn- und Geschäftshaus, hat Hanglage. Vor zwei Oberlichtern hat es Parkplätze. Wenn jemand parkiert, geht für mich immer wieder einmal mitten am Tag die Sonne unter. Dass ich am selben Ort arbeiten und wohnen kann, ist für mich zentral. Klar ist das hier mein Wohnraum: wenn ich unten Feierabend mache, komme ich herauf. Es gibt aber auch Zeiten, da ich quasi in der Werkstatt lebe. Wenn ich an der Drehscheibe sitze, höre ich kein Telefon, oder es kümmert mich nicht, wenn ich es höre. Drehen ist etwas sehr Meditatives, da verreist man auch.

Es gibt zwar immer mehr Leute, denen meine Arbeiten gefallen. Aber innerhalb der Keramikszene bin ich relativ out, weil ich nicht innovativ bin. Ich bin ein grosser Gegner von blinder Innovation, ich denke, die Qualität liegt in der Reduktion, im Zugang zum Wesentlichen, und nicht darin, alles neu erfinden zu wollen. Keramik ist alt, die wesentlichen Techniken gab es schon im Neolithikum, und Formen kann man auch keine neuen erfinden, alle Kurven und Linien sind gegeben. Man kann Keramik allenfalls in einen neuen Kontext setzen. Meine Vasen sollen aber nicht mehr sein als Vasen, eine Teeschale nicht mehr als eine Schale. Im Januar mache ich hier jeweils eine Ausstellung, es ist eine Einladung zum Tee. Ich will, dass die Leute, die etwas bei mir kaufen, das bei klarem Verstand tun.

Wenn ich auf genug Adrenalin komme, arbeite ich Tag und Nacht. Ich kann drei Tage ohne Schlaf auskommen, wenn ich mit etwas fertig werden will. Mein grosser Gasofen steht im Steinbruch von Steinmaur. Wenn der voll ist mit grossen Schalen, hat er relativ wenig Zug, dann dauert ein Brand 37 Stunden, und ich bin 45 Stunden am Stück wach. Da sind nur der Ofen und ich. Alle meine Stücke stehen im offenen Feuer, da sausen die Flammen ringsherum. Ich höre auf das Fliessen des Gases. Wenn die Flamme rumpelt, ist man im oxidierenden Bereich, wenn sie ganz leise ist, ist man in der Reduktion. Im Feuer passiert ein Mysterium. Man kann versuchen, Einfluss zu nehmen, aber den letzten Stempel drückt den Gefässen das Feuer auf. Brennen ist meine grosse Leidenschaft. Der Ofen steht im Freien, es hat nur ein Dach drüber. Bis 1100 Grad gibt der Ofen überhaupt keine Wärme ab, und damit die Gasflaschen im Winter nicht vereisen, stehen sie in Plasticwannen in etwa 40grädigem Wasser. Und ich sitze dazwischen und habe kalt.

Für mich ist es nicht erschreckend, wenn ich nur noch 5 Franken im Sack und nichts auf der Bank habe. Nur Rechnungen, die sich stapeln. Bis jetzt es immer irgendwie aufgegangen. Nach dem Wahrscheinlichkeitsgesetz könnte es auch einmal anders sein. Am liebsten würde ich alles im Tauschgeschäft machen: ich bringe dem Bäcker ein schönes Gefäss, dafür kann ich bei ihm Brot holen. Mit Arzt- und Zahnarztrechnung habe ich das schon gemacht. Und eine Weberin hat mir gegen Geschirr einen wunderbaren Stoff für einen Anzug gewoben, Seide, blau und braun. Ich habe die erste Anprobe gehabt, er wird toll. Meist verrechnen wir Arbeit gegen Arbeit. Beim Stoff für den Anzug hebt sich die Arbeit etwa mit meiner für das Geschirr auf, aber das Geld, das die Seide gekostet hat, der Nählohn, den sie der Schneiderin zahlt, und meine Kosten für den Ton und das Gas fürs Brennen werden separat angeschaut.

Wenn man sich schon so lange für Gefässe interessiert, geht man die natürlich auch anschauen, und was sehe ich in den Museen? Natürlich nur das Beste. Und dann scheint einem alles so unerreichbar. Aber man kann ja auch nicht sagen, wenn einer schlechter zeichnet als Dürer, dann soll er damit aufhören. Da hätten wir eine armselige Welt. Sich am Besten zu messen, hilft ja auch, nicht stehenzubleiben, bringt einen weiter.

Auch wenn ich immer wieder von ganz grossen Zweifeln heimgesucht werde: Keramik ist das, was ich machen will, was mich am Leben erhält und glücklich macht.»


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