DER ERSTE CYBORG, der mir begegnete, war eine Sie, eine T-Shirt-Turnschuh-Schönheit mit langen, blonden Haaren, einem Pentium-Prozessor, Funkmodem, Handscanner und Thermodrucker. Sie trug die Baseballmütze verkehrt herum, und um ihre Lippen schwebte ein Mikrophon, kaum grösser als ein Leberfleck. Die goldene Haut ihrer muskulösen Oberarme und durchtrainierten Schenkel und der harte mitteleuropäische Akzent, mit dem sie sprach, erinnerten an Schwarzeneggers «Terminator». Wir standen, es ist bald ein Jahr her, auf einer drückend heissen Betonfläche bei LAX, dem internationalen Flughafen von Los Angeles. Direkt über uns donnerten die Jets, hoch darüber brannte die Sommersonne Löcher durch die gelben Smogwolken. Die Seriennummer des Mietwagens, den ich zurückgeben wollte, hatte meine vollautomatisierte Kundendienstlerin bereits gescannt, nun tippte sie Meilen- und Benzinstand in ihren Gürtelcomputer ein. Das Funkmodem übermittelte die Daten dem Zentralrechner.
«Bald werden die Wagen intelligentere Bordcomputer haben, in die wir uns direkt einstöpseln können», meinte Katja, während aus dem Drucker an ihrer Hüfte die Abrechnung quoll. Das Cyborg-Mädchen stammte aus Ungarn. An den Pazifik hatte sie das Surfen gelockt, der Teilzeitjob als Mietwagen-Hostess finanzierte den sonnigen Lebensstil. «Was aber», fragte ich, «wenn die Autos so intelligent werden, dass sie selbst per Funkmodem alle Daten übermitteln können?» Technisch sei das schon heute kein Problem, meinte Katja, noch aber sei sie billiger. Der Gedanke, überflüssig zu werden, schrecke sie nicht. «Die wearables», sagte sie und strich über ihre Ausstattung, als stünde sie mit einem neuen Abendkleid vor dem Spiegel, «machen aus jedem einen Experten für alles.»
Die amerikanische Luftwaffe nennt das On-the-job-Training. Wie die Army und die Navy hat sie Wartungspersonal und Soldaten mit Körpercomputern ausgestattet. Die bestehen meist aus einer RAM-starken Pentium-CPU, die zusammen mit den Batterien am Gürtel, im Schulterhalfter oder am Bein getragen wird, sowie einem Helm samt Mikrophon, Lautsprechern, durchsichtigem Datenvisier oder einem einäugigen Active-Matrix-Display von ein bis vier Zentimetern Grösse. Dazu gehören Lesegeräte für CD-Roms oder Speicherkarten, ein Sender für den Sprechfunk sowie ein Funkmodem für die Datenverbindung. Gesteuert werden die Körpercomputer über winzige Armtastaturen oder Sprachbefehle.
Für den Wartungsdienst am wichtigsten ist die Erzeugung von augmented reality, einer aufgebesserten Realität, in der die Wirklichkeit mit dem virtuellen Reich der Daten verschmilzt. Das erlaubt den Mechanikern, Maschinen zu reparieren, die sie nie im Leben gesehen haben: indem sie sich deren Anleitungen buchstäblich vor Augen rufen, nämlich auf den Schirm ihres Datenhelms. Der Computer führt sie dann Schritt für Schritt durch den Reparaturprozess. Doch nicht nur in der Etappe kommen die ein bis drei Kilo schweren Körpercomputer zum Einsatz. In Bosnien dienen sie den US-Soldaten bei der Minenräumung: Was die GIs sagen, übersetzen ihre wearables live ins Serbokroatische und verkünden es der Landbevölkerung per akzentfreier Robotstimme aus Lautsprechern, die in die Kampfanzüge eingearbeitet sind.
Die Cyborg-Soldaten benutzen ihre Bordcomputer auch im Ernstfall. 750 Millionen Dollar hat die US-Army bereits für die Aufstellung einer High-Tech-Eingreiftruppe ausgegeben, eine weitere Milliarde wurde gerade für «Army 21» bewilligt, die Armee des 21. Jahrhunderts. Wearables sollen dabei vor allem die Kommunikation und die Aufklärung erleichtern: Cyborg-Krieger stehen nicht nur in ständigem Kontakt mit ihren Mitkämpfern und ihren fernen Kommandeuren, sie sind auch mit den Zentralcomputern der Army vernetzt und können sich alle nötigen Informationen auf die Schirme ihrer Datenhelme holen, von Spionage- und Wetterberichten über Orientierungshilfen des Global Positioning System (GPS) bis hin zu Echtzeitbildern, welche die Aufklärungshelikopter oder Satelliten von unübersichtlichem Gelände oder Feindbewegungen liefern.
Das Militär war, dank seinen riesigen Forschungsbudgets, Vorreiter des Trends zu wearables. Heute stehen Hunderttausende solcher Umschnallcomputer mit und ohne Datenhelm auch im zivilen Einsatz: in Produktion und Service, bei der Polizei und anderen Notdiensten. Arzneimittelhersteller wie Betreiber von Hühnerfarmen haben ihre Arbeiter mit Körpercomputern ausgestattet und damit den aufwendigen Prozess von Lagerhaltung, Auslieferung, Nachbestellung und Abrechnung vom Papierkrieg befreit. High-Tech-Firmen, darunter der Flugzeughersteller Boeing, produzieren die Anleitungen für Reparatur und Wartung ihrer Produkte nicht mehr auf Papier, sondern auf CD-Roms und Speicherkarten für wearables.
Die Fahrer privater Expressdienste scannen Sendungen nach Erhalt ein und funken die Daten zum Zentralcomputer, so dass die Kunden zum Beispiel von UPS und Federal Express den weiteren Weg ihrer Sendungen via Internet verfolgen können. Wachpersonal orientiert sich beim nächtlichen Rundgang oder im Alarmfall mit Hilfe der Bilder von stationären Videokameras, die direkt auf die Helmschirme umgeleitet werden. Ärzte greifen während der Visite auf die Patientendaten im Klinikcomputer zurück und können diese mittels Armtastatur oder Handschrifterkennungsprogramm gleich aktualisieren. In Pilotversuchen statten US-Grosskliniken inzwischen auch Patienten mit Armbandcomputern aus, die von den wearables der behandelnden Ärzte gelesen und ergänzt werden. Damit hat sich die Zahl von Verwechslungen, Falschmedikationen und anderen Kunstfehlern drastisch reduzieren lassen.
DAS ALLES SCHEINT auf den ersten Blick praktisch, es spart Zeit und Geld, erhöht die Sicherheit. Doch wearables sind, nicht zuletzt in den Augen ihrer Erfinder, mehr als ein beliebiges Mittel zur Steigerung von Effizienz. Sie sind ein kulturgeschichtlicher Meilenstein, ein entscheidender Entwicklungssprung hin zur Integration von Mensch und Maschine, zur Cyborg-Zivilisation.
Den Begriff selbst prägte 1960 der Luftfahrtingenieur Manfred Clynes. Mit «Cyborg» - der Kurzform von «cybernetic organism», kybernetischer Organismus - wollte er das Einswerden von Pilot und Fluggerät beschreiben; natürlich nicht in physischer, sondern in funktionaler Hinsicht. Genau so eben, wie Menschen und wearables eine Arbeitseinheit bilden. Marshall McLuhan nahm den Begriff auf und prophezeite, dass die Potenzierung der körperlichen und intellektuellen Möglichkeiten durch moderne Technologie nicht nur einzelne beeinflussen, sondern Stück für Stück die Gesellschaft cyborgisieren werde. Er hat recht bekommen.
Denn längst sind wir von unseren Computern so abhängig wie unsere bäuerlichen Vorfahren von ihren Nutz- und Haustieren. Die Cyborgisierung ist in den Augen vieler Wissenschafter das Schlüsselereignis der Epoche. «Wir sind alle Chimären, theoretisierte und fabrizierte Hybriden aus Maschinen und Organismen», schreibt Donna Haraway, Begründerin der Cyborg-Anthropologie. Und Nicholas Negroponte, Leiter des MIT-Media Lab und Autor des Kultbuchs «Being Digital», stellte 1995 lapidar fest: «Die Cyborgs sind schon hier!» Was er keineswegs metaphorisch meinte - Negroponte sprach von seinen Studenten, berühmt-berüchtigten Pionieren des wearable computer.
Dessen Geschichte beginnt Anfang der neunziger Jahre, als die elektronischen Komponenten klein, billig und leistungsfähig genug wurden. Ein Zentrum der Forschung ist bis heute die Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh, die seit 1991 mehrere Generationen des «VuMan» entwickelte, des Prototyps eines Kraftwagenwartungs-wearable, der bei Praxisversuchen die Inspektionszeit um die Hälfte verringerte. Zu den privaten Forschungsinstituten, die intensiv an «tragbarer Technologie» arbeiten, gehören das IBM Almaden Research Center und das von Microsoft-Milliardär Paul Allen mit 100 Millionen Dollar finanzierte Interval-Research- Laboratorium.
Am radikalsten und innovativsten jedoch betreibt man die Integration von Mensch und Computer am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology - nicht zuletzt mit einem Spendenetat von jährlich fünf Millionen Dollar, den Negroponte interessierten Konzernen wie Disney, Nike und Microsoft für das Forschungsprojekt «Things That Think» abgeluchst hat. Zu diesen denkenden Dingen zählt wesentlich wearable technology: Dinge, die sich wie Kleidung und Schmuck am Körper tragen lassen.
«Wie kann man Audio-Kommunikation besser empfangen als durch einen Ohrring oder wie fernmündliche Mitteilungen besser senden als durch ein Revers?» fragt Professor Negroponte. «Schmuck, der blind, taub und dumm ist, ist sein Geld nicht wert.» Geht es nach ihm, wird bald jede Brille und jede Kontaktlinse Daten empfangen können - Satelliten-TV oder E-Mail aus dem Internet. Den Strom für die anziehbaren Minicomputer, Modems und Funktelefone sollen Stoffe auf Polymerbasis liefern, die wie Solarzellen Licht in Energie umwandeln.
Und als Stauraum für die zentrale Prozessoreinheit, meint Negroponte, komme vor allem unsere Fussbekleidung in Betracht. «Schuhe haben viel ungenutzten Platz, produzieren viel Energie beim Laufen, die bisher nicht genutzt wird, und sie sind ideal, zwischen dem Körper und dem Boden eine Kommunikationsverbindung herzustellen. Wenn man nach Hause kommt, können sie, noch bevor man seinen Mantel auszieht, mit dem Teppich reden und die Lieferung personalisierter Tagesnachrichten direkt an die Brille vorbereiten.» Den ersten Prototyp der smarten Sneakers hat man am MIT in Zusammenarbeit mit dem Sponsor Nike bereits gebaut: In einer Aluminiumbox, die ungefähr 12 mal 9 Zentimeter gross und 4 Zentimeter dick ist, stecken eine CPU und zwei kleine Sender. Das flache Behältnis wird wie eine gewaltige Einlegesohle in den Schuh geschoben.
HEUTIGE PCS sind alles andere als Personal Computers, sie sind bestenfalls Portable Computers. Die meisten stehen auf Schreibtischen und verlangen, dass ihre Benutzer sich hingebungsvoll vor ihnen positionieren. Und selbst in ihrer Inkarnation als Laptops bleiben sie eher backsteinschwere Schlepptops. Um endlich von einem Arbeitsgerät zu einem ganz normalen Element des Alltags zu werden, zum universellen «Lebensmittel» jenes neuen Web-Lifestyles, von dem der wearable-Fan Bill Gates nicht müde wird zu schwärmen, müssen die digitalen Geräte immer um uns sein.
Ob Microsoft, IBM oder Compaq - alle versuchen sie gegenwärtig, Fernseher und Autos, Telefone und Pager in vernetzte Computer zu verwandeln. Vor allem der Markt tragbarer Gadgets explodiert: von High-Tech-Armbanduhren wie der Timex-Datalink-Watch mit 1-Kilobyte-Speicher, die allein im ersten Jahr 100 000mal verkauft wurde, über intelligente Pager und Winzig-Funktelefone wie Motorolas Star Tac, über Walkmen, CD-Player, Taschenübersetzer, chipbestückte Kredit- und Identifikationskarten, etwa für Garagen- und Büroeingänge, bis zu internetfähigen Kleincomputern, «Digitalen Assistenten» wie Psion, Newton oder dem Palm Pilot, der binnen 18 Monaten über eine Million Käufer fand.
Eine Vielzahl digitaler Maschinen rückt uns so immer dichter auf den Leib, und wer die Geräte liebt oder beruflich auf solche Kommunikations- und Arbeitsmittel angewiesen ist, führt heute das Dasein eines High-Tech-Packesels. «Wir sollten im Sattel sitzen, nicht unter ihm», klagt Negroponte und formuliert die Sehnsucht vieler Leidensgenossen nach der Kleidungscomputerei, die all die Elektronik mühelos tragbar macht.
Dass dergleichen Erleichterung heute möglich und als vielversprechender Zukunftsmarkt erscheint, ist wesentlich das Verdienst der wohl bekanntesten Pioniere der wearables, der MIT-Studenten Steve Mann und Thad Starner. Mann ist inzwischen zum Dozenten avanciert, aber noch immer proben beide täglich mittels ihrer selbstgebauten 3000-Dollar-Avantgarde-Ausrüstung die Etablierung symbiotischer Arbeitsbeziehungen zwischen Mensch und Maschinen. Mit ein paar Tastaturbefehlen senden sie, während sie über den Campus schlendern oder im Supermarkt einkaufen, E-Mail um die ganze Welt oder rufen die Memos von Diskussionen auf, die sie mit Gesprächspartnern vor Jahren geführt haben. Sie erkunden Adressen und Telefonnummern, informieren sich über Fahrpläne und das politische Geschehen.
Für den normalen Angestellten- oder gar Freizeitalltag sind realexistierende wearables wie diese natürlich noch viel zu klobig. Was es zur Durchsetzung auf dem Massenmarkt brauchte, ist echte Softwear, modisch-gestylte Computerkleidung, die sich gewissermassen in der Waschmaschine waschen lässt. An ihr, an washables, werkeln im «Magic Fabric Project» weitere MIT-Studenten. Was ihre Experimente mit kommerziell erhältlichen Stoffen und Materialien produzierten - leitende oder mit Sensoren bedruckte Stoffe, gewobene Tastaturen -, wurde vergangenen Herbst während des ersten Softwear-Symposiums am MIT neben den derzeit üblichen wearables in einer vielbeachteten Modeschau vorgestellt.
Sind die Denkmaschinen einmal vollständig in die Kleidung integriert, prophezeien die MIT-Pioniere, werden wir alle über uns selbst hinauswachsen. «Stell dir vor - nie mehr etwas vergessen. Kameras in der Brille, dazu ein Gesichtserkennungsprogramm, und du wirst nie wieder in die peinliche Situation geraten, von jemandem den Namen nicht zu wissen», sagt der ziegenbärtige Starner. «Oder verbinde dich mit dem globalen Positionierungssystem, und verirre dich nie wieder!» Eine ganz persönliche Note hat Steve Mann hinzugefügt: smarte underwear. Seine vernetzte Unterhose sammelt intime Daten, etwa über den Hautwiderstand oder den Herzrhythmus, und sorgt so für das physische Wohlbefinden ihres Trägers. «Wenn ich zu Hause ankomme, ist mir meist warm, schon vom Treppensteigen. Sobald ich ins Bett gehe, stellt meine Unterwäsche also die Heizung ab», sagt Steve Mann. «Aber nach ein paar Stunden Schlaf, wenn mein Metabolismus herunterschaltet, spürt meine Unterwäsche die Veränderungen in Körpertemperatur und Körperspannung und dreht die Heizung auf.»
Mancher, dem Steve offenbart, was er unter der Hose trägt, lächelt. Dabei handelt es sich beim smarten Slip um eine Idee, die unmittelbar Anklang bei denen fand, die noch immer die grössten Forschungsetats zu vergeben haben - den Militärs. Eric Lind, ein Ingenieur der US-Navy, mit der Versorgung Verwundeter befasst, erkannte: Wenn Kampftruppen vernetzte Sensorenunterwäsche tragen, kann die Einsatzleitung sofort feststellen, wer wo wie schwer verwundet wurde - was eine Art Tele-Triage ermöglichen und damit im Kriegsgebiet Leben retten würde, sowohl bei Verwundeten wie bei Sanitätern.
WENN DIE EVOLUTIONSGESCHICHTE vom PC über wearables zu echter Softwear etwas lehrt, dann das: Nichts ist so verrückt, dass nicht jemand daran arbeitete - mit teilweise verblüffendem Erfolg. Es gibt heute lasergesteuerte Displaysysteme, die ihre Bilder mit höchster Auflösung und hoher Aktualisierungsrate direkt auf die Retina des Auges projizieren. Es gibt Batterien aus papierdünnem, faltbarem Material. Es gibt vielversprechende Ansätze, Turnschuh-Computer mit einem Teil der 57 Watt Energie zu betreiben, die eine durchschnittliche Person beim Gehen erzeugt. Und es gibt die wasserdichten Wet PCs des australischen Institute of Marine Sciences, mit denen man abtauchen kann und deren graphisches Interface durch eine modifizierte Armtastatur gesteuert wird.
Überhaupt die Phantastik der Eingabemöglichkeiten: Neben Stimmerkennungsverfahren, deren Exaktheit vor zwei oder drei Jahren kaum einer für möglich gehalten hätte, funktioniert die Steuerung via «finger tracking», bei dem Fingerzeichen die Maus ersetzen. Texte lassen sich mit «digital ink» eingeben, einer Art intelligentem Füller, entwickelt an der Carnegie-Mellon-Universität. Er speichert zum Heraufladen auf den PC, was einer auf Papier schreibt. Die Bilder dazu werden von digitalen Chip-Kameras eingespielt, nicht grösser als ein menschliches Auge. Und dank Programmen wie jenem, das Mark Lucente von IBM bei der letzten Comdex in Las Vegas vorstellte, sind sie auch zur Bedienung eines PCs zu benutzen: Der Computer verfolgt und interpretiert bestimmte Handbewegungen.
Am magischsten sind wohl zweierlei Innovationen. Zum einen das Verfahren, das Neil Gershenfield vom MIT erforscht. Es steuert Computer mittels der Kraftfelder des menschlichen Körpers. Und zum zweiten das PAN, das Personal Area Network, das Thomas G. Zimmermann im Almaden Research Center von IBM entwickelt. Es macht sich die körpereigene Spannung, kein Milliardstel Ampere, zunutze. «PAN-Geräte», sagt Zimmermann, «benutzen unseren salzigen, blutgefüllten Körper als feuchten Verbindungsdraht.» Das PAN soll die Peripheriegeräte der Körpercomputer verbinden, den Funktelefon-Ohrring etwa mit der Adresskartei im Turnschuh-Speicher. Schon heute lassen sich so per Händedruck digitale Visitenkarten von wearable zu wearable austauschen.
Wohin die entwickelte Softwear, digitale Vernetzung, die nicht mehr von uns weicht, die Menschheit führen wird, darüber streiten sich die Experten und noch mehr jene, die gar nichts davon verstehen. Die humanste Version hörte ich letzten Sommer ausgerechnet von einem Transhumanisten - von Max More, dem Häuptling der Extropianer, Kaliforniens radikalster High-Tech-Fraktion, deren Anhänger lieber heute als morgen vom Homo sapiens zum High-Tech-Übermenschen mutieren möchten.
In San Jose, dem heissen Herzen von Silicon Valley, traf man sich zum jährlichen Palaver. Das Thema: die Selbstevolutionierung der Menschheit. Zu den Referenten gehörte die Elite der digitalen Intelligenz, darunter Marvin Minksy vom MIT, der Vater der künstlichen Intelligenz, und Ralph Merkle, Miterfinder der Public-Key-Kryptographie und Nanologe am legendären Xerox Parc in Palo Alto. Max More, promovierter Philosoph und Propagandist einer neuen, digitalen Aufklärung, sprach über «The Augmented Animal», das verbesserte Tier. Seine Vision: ein persönlicher digitaler Assistent, der seinen Namen verdient, weil er sich um unsere Persönlichkeit verdient macht - ein softwear mood agent, der unsere Stimmungen misst und Korrekturen vorschlägt. «So ein unauffälliger elektronischer Begleiter könnte zum Beispiel durch Biosensoren feststellen, wenn wir unter Stress stehen oder im Begriff sind, die Nerven zu verlieren. Und uns dann davor warnen.»
Gemessen an den Phantasien der Ingenieurselite hat diese Vision etwas rührend Menschliches. Die Vorstellungen des MIT-Projektleiters Neil Gershenfield gehen viel weiter. In zehn Jahren, prophezeit er, werden wir alle Softwear tragen. Und in zwanzig Jahren werden wir uns die kleinen Helfer in den Körper einbauen lassen. Warum er so lange warten will, ist nicht klar. Andrew Singer von Interval Research liess bereits vergangenen Sommer eine programmierbare Tätowierung patentieren, einen implantierten Mini-Computer, dessen Schirm durch die schützende Haut hindurch zu lesen ist.
Gundolf S. Freyermuth lebt in den White Mountains, USA. Sein Buch «Cyberland» (Berlin 1996) erscheint im März bei Rowohlt als Taschenbuchausgabe.