«BEI WILHELM GENAZINO habe ich in <Das Licht brennt ein Loch in den Tag> gelesen, wie ihm immer die Tränen kamen, wenn er am Morgen aus dem Fenster des schäbigen Hotels schaute, in dem er, weil es nahe am Meer stand, ein Zimmer gemietet hatte. Immer kamen ihm da die Tränen, und er wusste gar nicht warum, der Ausblick war nicht sensationell. Ich kann auch Tränen bekommen beim Anblick von etwas Alltäglichem, das mich berührt. Ich liebe die alltäglichen Motive, sie strömen oft eine solche Zartheit aus. Darum male ich auch in den Stillleben einfache Dinge. Brioches, Löffelbisquits, wer macht das sonst schon. Für mich haben die simplen Dinge manchmal etwas Überirdisches. Wenn ich in Frankreich ins Schaufenster einer Boulangerie gucke und dort ein schönes Brot oder einen Gâteau savoyard erblicke, einen Gugelhopf mit einem Loch in der Mitte, dann überkommt mich so eine Lust, diese Dinge zu malen.
Wartsäle sind auch eines meiner Themen. Daran interessieren mich das Licht, die Wände, die Möblierung. Und die Böden. Früher waren alle Wartsaalböden, von Budapest bis Oerlikon, aus Linoleum. Oder aus Langholz wie der Boden hier in diesem Atelier. Und die Bänke. Leere oder solche mit Leuten drauf. Sitzende, wartende Leute strahlen für mich etwas Bestimmtes aus. Und wenn ich sie beobachte und sie heimlich skizziere, sitze und warte ich ja auch. Ich habe mich schon in Wartsäle einschliessen lassen, um sie zu malen. Jemand hat mich einmal die Johanna der Wartsäle genannt.
Dieser Raum war schon das Atelier meines Grossvaters, Sigismund Righini, und später das meines Vaters, Willi Fries, der Righinis Tochter geheiratet hatte. Das Haus am Fuss des Zürichbergs wurde um die Jahrhundertwende vom Urgrossvater gebaut, als er aus dem Tessin nach Zürich zog. Aufgewachsen bin am Schanzengraben, aber ich kam als Kind oft zu den Grosseltern zu Besuch. Als 1965 mein Vater starb, war es klar, dass ich das Atelier übernehmen würde.
Drei Malergenerationen in einem Raum! Und alle drei sehr fleissig! Da ist natürlich alles voll von Archivmaterial von meinem Vater und vom Grossvater. Alle Schränke, alle Schubladen sind voll. Und ich schaffe selber immer auch noch Neues dazu. Als ich nach einem Umzug die Bücher einräumte, schwor ich mir: bloss kein Buch mehr. Und gleich darauf habe ich wieder eines gekauft. Entsetzlich. Und kein Maler hält sich zurück, bloss weil er keinen Platz mehr für die Bilder hat. Sie sagen, Sie würden sich am liebsten eine Woche lang hier einschliessen lassen, um all das in Ruhe anschauen zu können?
Der Spiegel steht hier, seit ich mich erinnern kann. Er hat, wie auch der grosse Schrank, Righini gehört. Ich finde es angenehm, meine Bilder im Spiegel zu sehen. Das ermöglicht mir einen Kontrollblick. Und ich mag es, wenn sich der Raum drin bricht. Die Lampe macht mir ein starkes Licht, wenn ich nachts arbeite. Es ist eine Tageslichtlampe, die die Farben nicht verfälscht.
Ich könnte auch auf neuen Staffeleien malen, es müssten nicht die von meinem Vater und Grossvater sein, ich bin da nicht sentimental. Aber sie waren einfach schon hier und sind robust. Das weisse Stühlchen stand früher beim Fischhändler Bianchi, da haben die Kundinnen ihre Taschen abgestellt oder sich kurz hingesetzt. Das wollte ich schon immer haben, und als sie das merkten, hätten sie es fast nicht hergegeben. Es ist doch einfach wunderschön, nicht wahr?
Ich habe noch ein zweites Atelier. Das ist der reine Werkraum, dort bin ich ganz für mich, ohne Repräsentationspflichten. Das habe ich seit vielen Jahren. Es soll mein Geheimort sein. Ich muss flüchten können. Ich muss zum Arbeiten oft allein sein, einfach allein.
Ich arbeite gern an mehreren Bildern zugleich, die kann ich nicht alle an einem Ort haben. Wo ich arbeiten will, entscheide ich nach dem Stadtgang: nach der Richtung, in die ich gerade gehe. Es ist die Beschäftigung mit dem jeweiligen Motiv, die mich dahin oder dorthin treibt. Manche Bilder beginne ich am einen Ort und beende sie am andern. Ich nehme von einem Wartsaalbild vielleicht noch die Leute weg oder male überhaupt erst welche hin. Dass ich, wenn ich hier arbeiten will, keinen Arbeitsweg habe, weil ich im Haus wohne, stört mich nicht. Meine Wege gehen sowieso aussen herum. Der von meiner Wohnung hier herüber ins Atelier kann ohne weiteres durch die halbe Stadt führen.
Ich liebe es, mehrere Räume zu haben, oder besser: an mehreren Orten zu arbeiten. Denn eigentlich sind mir die Orte fast wichtiger als der Raum selber. Ich mag Hotelzimmer, die ja an immer wieder neuen Orten sind. Auch ist man unabhängig dort und nicht für die Einrichtung verantwortlich. Ich kann allerdings mit jeder Einrichtung fertig werden, wenn ich nur eine Unterlage zum Zeichnen habe. Ich habe mich immer wieder auch selbst in Hotelzimmern gezeichnet, stückweise, im Spiegel.
Als Kind schaute ich auf Spaziergängen an der Hand des Vaters immer in fremde Häuser. Das würde ich heute noch gerne tun. Aber in den Parterres wohnt heutzutage ja keiner mehr, da sind jetzt Büros und Ausstellungsräume für Autos. Wo man früher ins Intimleben einer Familie hineinschauen konnte, sind jetzt Shops und Boutiquen. Heute hängen dort Tops und Dessous.
Für einen richtigen Voyeur sind Tops und Dessous aber nichts. Der will in eine Küche hineinschauen können und dort Töpfe und Kellen und Pfannen sehen.»