NZZ Folio 08/06 - Thema: Lügen   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Wir Lügner

© Günter Zint, Fahrendorf, www.p...
Günter Wallraff bittet um Vergebung für seine Lügen.
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Von Gudrun Sachse
Lügner haben einen schlechten Ruf. Lügner missbrauchen das Vertrauen ihrer Mitmenschen, sie düngen den Boden der von Unsicherheit geplagten Welt, in der man nie weiss, wer wen wann belügt. In Franz Grillparzers «Weh dem, der lügt» sind Lügner gar der leibhaftige Teufel: «Ein Teufel bist du, der allein ist Lügner / und du ein Teufel, insofern du lügst.»

Es gibt Menschen, die behaupten, nie zu lügen – was eine der häufigeren Lügen ist –, andere lügen sich chronisch ein besseres Leben zurecht. Es gibt Lügen, die erfolgen routiniert, dienen dem sozialen Überleben, andere dienen der eigenen Sicherheit, wieder andere der bewussten Schädigung. Der Durchschnittsschweizer lügt laut Studien mindestens zweimal täglich.

Wir glauben nicht an die uneingeschränkte Wahrheit. Wir schätzen sie zwar als hohes Gut, wissen aber, dass wir nicht mit ihr rechnen können. Zu oft gerät sie mit Werten wie Anstand und Rücksicht in Konflikt. In den Schriften des heiligen Augustinus über die Lüge gibt es die Pflicht zur unbedingten Wahrhaftigkeit: Unabhängig von den besonderen Umständen werde ein Lügner dadurch schuldig, dass er bewusst etwas Unwahres sage, um andere zu täuschen. Gestützt wurde sein Plädoyer vom Lügenverbot später von Immanuel Kant, der die unbedingte Pflicht zur Wahrhaftigkeit postulierte.
Dass wir dereinst in einer Welt leben werden, in der wir einander nichts als die Wahrheit sagen, droht allerdings nicht. Allein schon, weil uns die Lüge seit je zu sehr fasziniert. «Die Menschen leben nicht nur von Wahrheiten, sie brauchen auch Lügen: die Lügen, die sie frei erfinden, nicht die Lügen, die man ihnen aufzwingt», sagte der Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Vielleicht macht das den Unterschied aus zwischen Mensch und Teufel.


Die NZZ-Folio-Bilderlügen

Christoph Altermatt und Martin A. Meier von  Raumgleiter, Zürich, und der Fotograf Günter Zint, Fahrendorf, haben die Bilder in diesem Heft manipuliert.








Leserbriefe:

Zu Editorial -- Wir Lügner - NZZ-Folio Lügen (08/06)

Das Folio "Lügen" habe ich mit Vergnügen gelesen. Peinlich aufgefallen ist mir allerdings das Beichstuhlbild. Völlig unabhängig davon, ob dieses Foto nun "echt" oder manipuliert ist, halte ich es für unangebracht, einen bekennenden Agnostiker mit gefalteten Händen in einem Beichstuhl posieren zu lassen. Man kann ja zum Beichtsakrament und zur katholischen Kirche stehen wie man will - eine so plumpe Darstellung ist meiner Auffassung nach der NZZ unwürdig. Von ihr bin ein anderes Niveau gewohnt.
Bertold Flierl @web.de



Zu Editorial -- Wir Lügner - NZZ-Folio Lügen (08/06)

Herzlichsten Dank und Glückwunsch zu diesem faszinierenden Heft, einem der besten Folios! Es war so packend, dass ich nach der Lektüre zu hinterfragen begann, ob das, was ich darin für wahr hielt, nicht auch noch gelogen sein könnte.
Milan Lusser, Worb



Zu Editorial -- Wir Lügner - NZZ-Folio Lügen (08/06)

Es gibt eben Lügen und Lügen, ethisch und religiös verwerfliche, verzeihliche Notlügen und dann jene menschlich einfühlsamen, rücksichtsvollen, ohne die unser Zusammenleben brutal wäre. Zum Thema "Lügen" gehört meines Erachtens unbedingt auch Molières "Le misanthrope", seine unvergleichliche "Komödie", in der Alceste, ganz im Geist Augustins, des unerbittlichen Drangs nach Beharren auf "seiner" Wahrheit wegen der liebenswerten Célimène verlustig geht. Auch dem wackeren Kant wäre es vielleicht dabei nicht besser ergangen. Wie sympathisch grossartig waren doch in ihren Glanzrollen als Alceste und Célimène seinerzeit Jean Louis Barrault und Madeleine Renaud: A propos Lügen literarisch auf allerhöchstem Niveau!
Gustav A. Lang, Brissago



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