NZZ Folio 07/96 - Thema: Versichert   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Um dem Kaiser seinen Bart

Von Wolf Schneider

DEKLINATION ist ja mühsam und folglich nicht mehr modern. Hier ein n anhängen und da ein s - kann man das nicht einfach bleiben lassen? Kohl-Berater, Clinton-Katze liest man in der Zeitung allenthalben, zweimal das s durch einen Bindestrich ersetzt. Wie praktisch und wie chic! «Schumacher liess Ferrari-Kollege hinter sich», stand 1996 in der «Frankfurter Allgemeinen» - ist das nicht ein Fortschritt gegenüber dem gespreizten «seinen Ferrari-Kollegen», das die Grammatik fordert, aber wie lange noch? Wenn der Verein «Rettet dem Dativ» nicht wirksam gegensteuert, wird der Kasus sterben und vielleicht nur noch bei Wilhelm Busch zu finden sein: «Man hört nichts weiter von Paulinen als: Döppe, ich verachte Ihnen!»

Lange vor dem Dativ aber wird der Zeitgeist uns des Genitivs berauben. Im Althochdeutschen ist er verwurzelt, Reste davon haben sich in einzelnen Sprachinseln der Walser erhalten wie in Bosco-Gurin im Tessin: «Gib mr es Gläsli desch» (dessen), sagen dort noch ein paar alte Leute. Im Mittelhochdeutschen stand der Genitiv bei haben, besitzanzeigend. «Eines Rosses haben», schrieb Walther von der Vogelweide («Ich han nicht rosses, daz ich dar gerite»), und so noch bei Luther, der aus dem Korinther-Brief übersetzte: «Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht . . .»

Die Evangelische Kirche beider Deutschland hat das 1984 revidiert. Nun hätten wir die Liebe nicht - vor allem nicht mehr die zum Genitiv. In den meisten Mundarten war er ja nie populär, «dem Müller sein Kind» hiess immer die volkstümliche Ausdrucksweise. Im 18. Jahrhundert nahm der Genitiv einen letzten Anlauf, seinen Einfluss zu vergrössern: Goethe schrieb einerseits «trotz dem Wolkengraus», andererseits «trotz aller deiner Hoffnungen und Träume», obwohl das Trotzen eigentlich allen Hoffnungen hätte gelten müssen. Die Deutschlehrer haben dann bei trotz und dank den Genitiv propagiert, in Anlehnung an «kraft seines Amtes» und «seitens der Regierung», dieses Arm in Arm mit anderen bürokratischen Präpositionen wie mittels, zwecks, behufs und ausweislich.

Mit denen kann der Genitiv in der Tat keine Sympathie gewinnen; so wenig wie mit den Kaskaden der Abhängigkeit, wie Juristen und Funktionäre sie mit seiner Hilfe herzustellen lieben: «Die Aufhebung der Massnahmen der erhöhten Einsatzbereitschaft der Organe des Ministeriums für Staatssicherheit» im Osten, im Westen «Der Vergleich der Regelungen des Lastenheftes der Firma Müller und des Entwurfs von § 9 der Auftragsbedingungen für Neubauvorhaben der Firma Meier».

Auch lässt sich nicht bestreiten, dass vielen Genitiven etwas Pathetisch-Altväterliches anhaftet: sich einer gewissen Verwunderung nicht entschlagen können, wie Thomas Mann es liebte, «des Widerrates nicht gedenk» bei Stefan George, bei Robert Walser, ironisch gebrochen: « . . wessen ich meine Leser im voraus vergewissern möchte». Andrerseits kennzeichnet der Genitiv oft ein gehobenes, aber keineswegs verschrobenes Deutsch: sehenden Auges, stehenden Fusses, sich angesichts des Todes eines Besseren besinnen, kein Aufhebens machen um dessentwillen.

Schliesslich gibt es Genitive, denen auch ihre Verächter kaum entrinnen können. Weshalb und deshalb sagen sie natürlich, währenddessen oder meines Wissens. Beim Erachten freilich fallen viele in die Grube: Mehr als die Hälfte derer, die es verwenden, sagen «meines Erachtens nach», sie türmen also einen falschen Dativ auf den richtigen Genitiv, sie hören gar nicht mehr, dass mit «meines Erachtens» alles gesagt ist und sie, falls sie ihr nach unterbringen wollen, «nach meinem Erachten» sagen müssten.

In diese Mischung aus Unsicherheit und Abneigung ist eine Mode eingebrochen, die, aus Hamburg kommend, die meisten Journalisten deutscher Sprache erfasst hat, bis hin nach Graz und Appenzell - die Grammatik zu ohrfeigen und den Genitiv förmlich zu erwürgen. «Die Witwe von Komponist Mancini» liest man da und «der Schwiegersohn von Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper», oder dass der Politiker X die Probleme von Vorgänger Y übernommen habe. Von Vorgänger! Darf man hoffen, dass es da immer noch ein paar Lesern den Magen umdreht, auch wenn sie in der «Weltwoche» längst «den Überschüssen Herr werden» und die NZZ sich «den Gästen annimmt»? Und auch wenn in der Schweiz, in Anlehnung an «Ende Mai», die Floskel «Ende Jahr» gebräuchlich ist, die in Deutschland als falsch gilt?

Wehmütig erinnert man sich da der goldenen fünfziger Jahre. 1952 brachte Friedrich Dürrenmatt «Die Ehe des Herrn Mississippi» und 1955 den «Besuch der alten Dame» auf die Bühne, und 1956 hiess das Drama von Eugene O'Neill bei der deutschen Erstaufführung wirklich «Eines langen Tages Reise in die Nacht». Nicht mehr lange, nehmen wir mal an. Lange Reise von Tag in Nacht, das wär's doch. Auf eines schönen Kasus Reise in den Tod indessen trinken wir es «Gläsli desch», notfalls in Teufels Küche.




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