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Freiheit, die ich meine
So hatte er sich das nicht vorgestellt. Erlebnisse eines modernen Vaters.
Von Till Raether
Als das Kind ein Jahr alt war, kündigte ich meinen gutbezahlten, anspruchsvollen Arbeitsplatz. Zu meinem Chef sagte ich: Ich will wieder mehr schreiben. Zu meiner Frau sagte ich: Ich kann nicht mehr. Zu anderen Frauen sagte ich: Ich will mehr Zeit mit dem Kind verbringen. Zu Freunden sagte ich: Ich brauche eine neue Herausforderung. Nichts von all dem stimmte so ganz, und gleichzeitig stimmte alles. Als ich kündigte, hatte ich eine undeutliche, aber starke Erwartung: Freiheit, Möglichkeiten, diese sprichwörtlichen Türen, die sich überall öffnen würden.
Seitdem sind fast anderthalb Jahre vergangen, und für derlei differenzierte, subtil voneinander abgegrenzte Überlegungen habe ich keine Zeit, keine Energie und keine Verwendung mehr. Dies liegt daran, dass ich ein sogenannter moderner oder neuer Vater bin, also eine dieser schlecht angezogenen, ungeduschten Gestalten mit dunklen Ringen unter den Augen, die mal mit vollem, mal mit leerem Kinderwagen durch die einschlägigen Viertel laufen.
Die einzigen Türen, die sich jeden Tag für mich öffnen und wieder schliessen, sind die Wohnungstür, denn ich arbeite zu Hause, und die grüne Holztür des Kindergartens. Ich bleibe immer einen Moment stehen an dieser Tür, denn hier kleben die handgeschriebenen Aushänge, auf denen steht, wie die neue Praktikantin heisst, dass ein Kind in der grossen Gruppe Läuse hat und wann der Laternenumzug stattfindet. Das sind die Top News in meiner Welt. An zwei Morgen in der Woche bringe ich das Kind, an drei Nachmittagen hole ich es wieder ab, gegen halb vier. Meine Frau übernimmt die andere Hälfte der Betreuung. Die Zeit bis zum Abendessen verbringen das Kind und ich auf dem Spielplatz oder im Einkaufszentrum, denn hier, in der unteren Etage, gibt es relativ viel Auslauf und immer ein paar andere Kinder und Eltern, die vor Regen und Kälte geflüchtet sind.
In den ersten Monaten versuchte ich, meine neue Freiheit auszunutzen und zu verwerten wie ein Schlachthofbetreiber das Vieh: Vom Filet bis hin zu den Schlachtabfällen, kein Fitzelchen wollte ich ungenutzt lassen. Ich wollte lange schlafen, viel arbeiten, viel Zeit mit dem Kind verbringen, in Ausstellungen und ins Kino gehen, nicht mehr planen, sondern einfach machen, und zwar am liebsten alles auf einmal, und dann natürlich schön was gekocht haben, wenn meine Frau nach Hause kommt, als Sahnehäubchen auf der Schichttorte namens «moderner Vater».
Das funktionierte aber nicht. Nichts gelang ganz, alles flog durcheinander. Und ich war gestresster als in meinen härtesten Arbeitnehmerzeiten. Ich dachte: Wer ist schuld an dieser Situation? Du bist doch frei, warum fühlst du dich nicht so? Moment: Das Kind ist schuld. Gut, es ist sehr klein, es tut es nicht mit Absicht. Aber es will abgeholt werden, wenn ich gerade erst richtig anfange zu arbeiten; es will mir was erzählen, wenn ich auf dem Spielplatz telefonieren muss; es will aus dem Einkaufswagen steigen, den ich durch die Feinkostabteilung schieben will. Dem Kind ist egal, was ich will. Umgekehrt kann es mir nicht egal sein, was das Kind will. Das Kind ist der Chef. Und ich kann nicht kündigen. Das hast du super gemacht, dachte ich, du hast die eine Unfreiheit einfach gegen eine andere getauscht, mit dem Unterschied, dass du kein festes Einkommen und immer Kleinkind-Abrieb auf der Kleidung hast.
Was die Situation rettete, war die Tatsache, dass ich das Kind liebe. Wegen dieser Liebe möchte ich es nicht Resignation nennen, wenn ich schliesslich lernte, meine Ansprüche an mich selbst und die Freiheit zurückzuschrauben und die Macht, die das Kind über mich hat, zu akzeptieren. Es ist mehr eine Einsicht, inzwischen würde ich sogar sagen: eine stille Freude an der Reduzierung.
Ich sitze also im Einkaufszentrum auf den Stufen einer albernen Bühne, auf der manchmal Verkaufsshows stattfinden. Das Kind rennt mit Begeisterung immer wieder gegen die Glasscheibe einer H & M-Filiale. Ich habe keinen Kaffee, weil er sich mit Kind und Karre nicht transportieren lässt; keine Zeitung, weil in der Nähe Rolltreppen sind, das Kind also im Auge behalten werden muss. Manchmal plaudere ich mit einer Mutter, deren Kind auch gegen die Glasscheibe rennt; einmal hat eine, der ich mit einer Windel aushalf, im Scherz gesagt: «Wir Mütter müssen zusammenhalten.» Meist sitze ich einfach nur da. Ein grosser Frieden kommt über mich.
Es hat gedauert, aber inzwischen fühle ich mich frei. Freier als je zuvor in meinem Leben. Es gibt zwei Arten von Freiheit: Freiheit zu und Freiheit von. Die erste wollte ich: frei sein zu tun, was ich will. Die zweite habe ich bekommen. Vielleicht ist es eine mönchische Freiheit, weil sie vom Verzicht lebt. Ich bin frei von allen möglichen Dingen, die ich nicht mehr brauche (neue Anzüge; einer reicht), nicht mehr will (Aufstiegschancen, Intrigen, Meetings zur Vorbereitung anderer Meetings) oder einfach nicht haben kann (Termine nach 15 Uhr 30; lange Abendveranstaltungen). Jeden Augenblick kann das Kind vor mir stehen und etwas verlangen, darum kann ich jetzt nicht in Ruhe telefonieren. Das heisst: Ich muss nicht telefonieren.
Heute ist Sonntag, meine Frau war bis eben mit dem Kind unterwegs, damit ich zwischendurch arbeiten und den Redaktionsschluss einhalten kann. Jetzt höre ich sie im Treppenhaus. Gleich wird die Tür auffliegen, und das Kind wird alles daransetzen, an den Computer zu gelangen. Das kann ich nur verhindern, indem ich ihn ausschalte. Jetzt. Frei von dem Zwang, einen philosophischen Schluss hinzufriemeln.
Till Raether ist freier Autor in Hamburg. Als das Kind ein Jahr alt war, kündigte ich meinen gutbezahlten, anspruchsvollen Arbeitsplatz. Zu meinem Chef sagte ich: Ich will wieder mehr schreiben. Zu meiner Frau sagte ich: Ich kann nicht mehr. Zu anderen Frauen sagte ich: Ich will mehr Zeit mit dem Kind verbringen. Zu Freunden sagte ich: Ich brauche eine neue Herausforderung. Nichts von all dem stimmte so ganz, und gleichzeitig stimmte alles. Als ich kündigte, hatte ich eine undeutliche, aber starke Erwartung: Freiheit, Möglichkeiten, diese sprichwörtlichen Türen, die sich überall öffnen würden. Seitdem sind fast anderthalb Jahre vergangen, und für derlei differenzierte, subtil voneinander abgegrenzte Überlegungen habe ich keine Zeit, keine Energie und keine Verwendung mehr. Dies liegt daran, dass ich ein sogenannter moderner oder neuer Vater bin, also eine dieser schlecht angezogenen, ungeduschten Gestalten mit dunklen Ringen unter den Augen, die mal mit vollem, mal mit leerem Kinderwagen durch die einschlägigen Viertel laufen.
Die einzigen Türen, die sich jeden Tag für mich öffnen und wieder schliessen, sind die Wohnungstür, denn ich arbeite zu Hause, und die grüne Holztür des Kindergartens. Ich bleibe immer einen Moment stehen an dieser Tür, denn hier kleben die handgeschriebenen Aushänge, auf denen steht, wie die neue Praktikantin heisst, dass ein Kind in der grossen Gruppe Läuse hat und wann der Laternenumzug stattfindet. Das sind die Top News in meiner Welt. An zwei Morgen in der Woche bringe ich das Kind, an drei Nachmittagen hole ich es wieder ab, gegen halb vier. Meine Frau übernimmt die andere Hälfte der Betreuung. Die Zeit bis zum Abendessen verbringen das Kind und ich auf dem Spielplatz oder im Einkaufszentrum, denn hier, in der unteren Etage, gibt es relativ viel Auslauf und immer ein paar andere Kinder und Eltern, die vor Regen und Kälte geflüchtet sind.
In den ersten Monaten versuchte ich, meine neue Freiheit auszunutzen und zu verwerten wie ein Schlachthofbetreiber das Vieh: Vom Filet bis hin zu den Schlachtabfällen, kein Fitzelchen wollte ich ungenutzt lassen. Ich wollte lange schlafen, viel arbeiten, viel Zeit mit dem Kind verbringen, in Ausstellungen und ins Kino gehen, nicht mehr planen, sondern einfach machen, und zwar am liebsten alles auf einmal, und dann natürlich schön was gekocht haben, wenn meine Frau nach Hause kommt, als Sahnehäubchen auf der Schichttorte namens «moderner Vater».
Das funktionierte aber nicht. Nichts gelang ganz, alles flog durcheinander. Und ich war gestresster als in meinen härtesten Arbeitnehmerzeiten. Ich dachte: Wer ist schuld an dieser Situation? Du bist doch frei, warum fühlst du dich nicht so? Moment: Das Kind ist schuld. Gut, es ist sehr klein, es tut es nicht mit Absicht. Aber es will abgeholt werden, wenn ich gerade erst richtig anfange zu arbeiten; es will mir was erzählen, wenn ich auf dem Spielplatz telefonieren muss; es will aus dem Einkaufswagen steigen, den ich durch die Feinkostabteilung schieben will. Dem Kind ist egal, was ich will. Umgekehrt kann es mir nicht egal sein, was das Kind will. Das Kind ist der Chef. Und ich kann nicht kündigen. Das hast du super gemacht, dachte ich, du hast die eine Unfreiheit einfach gegen eine andere getauscht, mit dem Unterschied, dass du kein festes Einkommen und immer Kleinkind-Abrieb auf der Kleidung hast.
Was die Situation rettete, war die Tatsache, dass ich das Kind liebe. Wegen dieser Liebe möchte ich es nicht Resignation nennen, wenn ich schliesslich lernte, meine Ansprüche an mich selbst und die Freiheit zurückzuschrauben und die Macht, die das Kind über mich hat, zu akzeptieren. Es ist mehr eine Einsicht, inzwischen würde ich sogar sagen: eine stille Freude an der Reduzierung.
Ich sitze also im Einkaufszentrum auf den Stufen einer albernen Bühne, auf der manchmal Verkaufsshows stattfinden. Das Kind rennt mit Begeisterung immer wieder gegen die Glasscheibe einer H & M-Filiale. Ich habe keinen Kaffee, weil er sich mit Kind und Karre nicht transportieren lässt; keine Zeitung, weil in der Nähe Rolltreppen sind, das Kind also im Auge behalten werden muss. Manchmal plaudere ich mit einer Mutter, deren Kind auch gegen die Glasscheibe rennt; einmal hat eine, der ich mit einer Windel aushalf, im Scherz gesagt: «Wir Mütter müssen zusammenhalten.» Meist sitze ich einfach nur da. Ein grosser Frieden kommt über mich.
Es hat gedauert, aber inzwischen fühle ich mich frei. Freier als je zuvor in meinem Leben. Es gibt zwei Arten von Freiheit: Freiheit zu und Freiheit von. Die erste wollte ich: frei sein zu tun, was ich will. Die zweite habe ich bekommen. Vielleicht ist es eine mönchische Freiheit, weil sie vom Verzicht lebt. Ich bin frei von allen möglichen Dingen, die ich nicht mehr brauche (neue Anzüge; einer reicht), nicht mehr will (Aufstiegschancen, Intrigen, Meetings zur Vorbereitung anderer Meetings) oder einfach nicht haben kann (Termine nach 15 Uhr 30; lange Abendveranstaltungen). Jeden Augenblick kann das Kind vor mir stehen und etwas verlangen, darum kann ich jetzt nicht in Ruhe telefonieren. Das heisst: Ich muss nicht telefonieren.
Heute ist Sonntag, meine Frau war bis eben mit dem Kind unterwegs, damit ich zwischendurch arbeiten und den Redaktionsschluss einhalten kann. Jetzt höre ich sie im Treppenhaus. Gleich wird die Tür auffliegen, und das Kind wird alles daransetzen, an den Computer zu gelangen. Das kann ich nur verhindern, indem ich ihn ausschalte. Jetzt. Frei von dem Zwang, einen philosophischen Schluss hinzufriemeln.
Till Raether ist freier Autor in Hamburg.
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