SONNTAG, 1 UHR 20. Flugs eine Pagernummer ins Telefon getippt, und schon ergreift Aufregung die Runde jüngerer Männer. Von Vorfreude durchrieselt, plappern Schnupfnovizen und Gelegenheitsnasen aufgeräumt drauflos. Nur der hart- und durchgesottene Kokainist Jules wird ungeduldig: «Vertammi, ich bruuch jetzt ä Linie.» Ruft der Dealer auch wirklich zurück?
Der 25jährige Dekorateur E. B. hörte in einer Herrengesellschaft das erstemal von Kokain. Für einen Ballsaal sei es geradezu ein Mittel par excellence, um die Strapazen einer Freinacht durchzustehen.*
Eine halbe Stunde verstreicht, ehe der Lieferant zurückruft, um sich die Adresse des Kunden, eines selbständigen Grafikers, zu notieren. Endlich schrillt die Glocke. Doch statt des erhofften Pulvers schneit ein untersetzter Biedermann herein, den man kaum eingelassen hätte, wäre da nicht die Mitgliedschaft im Klub der Schnupfer und, als unerlässliches «billet d’entrée», die wohlgefüllte Börse des angehenden Anwalts.
2 Uhr 34. Nochmals elektrisiert das Klingeln die Runde. Der Hausherr verfügt sich mit den gesammelten 450 Franken und dem Lieferanten ins Nebenzimmer, wo er als Giveaway zwei, drei Linien extra spendiert kriegen wird. Ebenso diskret, wie er gekommen ist, verschwindet der Dealer wieder. Hurtig ist ein Pult freigeräumt, aus dem Plastictütchen ein weisses Häufchen auf den Tisch gestreut. Marco, gescheiterter Germanist und enthusiastischer Nachwuchskokser, zerkleinert mit der Kreditkarte das Pulver und teilt es in drei Zentimeter lange Linien auf. Reihum geht die zum Röhrchen gerollte Zwanzigernote. Ein Ende unter die Nase gehalten, fährt man mit dem anderen wie mit einem Staubsaugerrohr der Linie entlang und zieht das Kokain in die Nasenschleimhaut. Bleibt ein Stäubchen liegen, so tupft man es mit nasser Fingerspitze auf und streicht es sich ins Zahnfleisch. Sogleich flackert die Konversation auf, man ist angeregt, hellwach und pimperlwichtig.
4 Uhr 50. Man beschliesst auszugehen und landet in einem Schuppen, wo tanzsüchtiges Jungvolk und berauschte Bettflüchtige den Morgen wegfeiern. Der Grafiker und sein Adlatus werden noch bei einer befreundeten Kokainistin herumhängen, zwei Stunden einnicken und dann ins Büro eilen, um einen Auftrag termingerecht hinzukriegen. Selbstverständlich vom «Marschpulver» angetrieben. Das sei zwar weder Quell für Inspiration noch förderlich für die Kreativität. Es hilft aber dem urbanen Grafikarbeiter, der sich in seiner Kommunikationsmine abstrampelt, genauso über die Runden wie dem kokakauenden Indio Boliviens.
In der Schweiz wurden zahlreiche Fälle von Kokainschnupfern, und vor allem Kokainschnupferinnen, in den Jahren 1915/16 festgestellt. Meist waren es Leute, die aus Paris zu uns kamen. Es bildeten sich nun rasch in unseren grösseren Städten und den damals besuchten Kurorten Zirkel, in denen Kokain geschnupft wurde.
Mitte der siebziger Jahre tauchte Kokain in Zürich auf. Die Verbreitung beschränkte sich damals auf Bewusstseinsexperimentierer, Künstler und Modekreise. Aus New York und Paris, aus Los Angeles und San Francisco reisten Koksinitiierte zurück, und mit den Achtzigern begann der Boom. Ein Pülverchen, das nicht berauscht, sondern wach und leistungsfähig hält, das aggressives Selbstbewusstsein einhaucht und hedonistischem Lebensstil zur Hand geht, das passte wunderprächtig zum fröhlichen Materialismus, zum schnellen Geld und rasanten Leben. Kokain wurde ein Statussymbol, denn bei Preisen von über 300 Franken pro Gramm war es ein soliderer Solvenzbeweis als das geleaste Automobil. Kokain war ein Differenzierungsmerkmal, das einen aus der Masse des Pöbels heraushob und als Mann oder Frau von Welt auswies.
Börsenhändler bewältigten spielend die 24-Stunden-Zuckungen international verknüpfter Märkte, Reklamearbeiter feilten die Nächte hindurch an Kampagnen oder präsentierten entflammt die Geniestreiche der Kreation. Produktionspersonal hielt sich selbst und grosse Filmsets in Gang, während Filmtechniker locker Nachtarbeit wegsteckten. Fotografen und Models pulverten sich für Shootings und Modeschauen in die richtige Stimmung. Und da Kokain den Hunger unterdrückt, hielt man, wie sich ein Fotograf ausdrückte, öfter schon über Mittag «Diät». Gays, Schickimickis und Glücksritter schlugen sich die Nächte um die Ohren, zogen vom «Flamingo» ins «Panthera» oder ins «Zodiac» und legten um fünf Uhr früh - noch immer ohne Anzeichen von Müdigkeit - in der «Hafenbar» an.
1983 erreichte die Reichendroge auch die Reste der geschlagenen Achtzigerbewegung, die sich vornehmlich aufs Musizieren und aufs Kunsthandwerkliche verlegt hatten. «Eine Linie vor dem Gig», so ein Szenerockgitarrist, «damit du cool drauf bist. Dann kann dir keiner das Wasser reichen, dann bist du der Grösste, auch wenn du im Scheiss rumfiedelst.» Manch einer berichtet von Parties, an denen eine endlose, dekorativ auf einen Spiegel drapierte Linie zum besseren Ton gehörte. Ein stadtbekannter, etwas windiger Immobilienspekulant lud jeweilen aus Discos und Klubs n’importe qui in seine Villa am Zürichberg. Und wurde geradezu legendär wegen der stets wohlgefüllten Schale Kokain. Wer Kokain hat, hat auch Freunde.
«Die Gier ist wie bei Pommes Chips», beschreibt es ein Habitué, «hat man einen Sack geöffnet, dann muss man ihn sofort leerfressen.» Und weil die Gier so gross ist, empfiehlt sich Kokain als Aufrisshilfe. Seit je steht es im Ruch, ein erstklassiges, enthemmendes Sexstimulans zu sein. Die Meinungen darüber gehen auseinander. Mario, Geschäftsführer und Gelegenheitskokser, wird wegen seiner wohlgefälligen Erscheinung öfters an Privatparties eingeladen. Unlängst von drei Herren mittleren Alters in eine Zürichbergvilla mit Marmor-Jacuzzi, Hallenbad und allen Schikanen. Nach etlichem Schnupfen gelüstete es die Herren, einen Callboy zu ordern. Auf Marios Coming-out als Hetero bestellte man zu den beiden bulligen Lustknaben noch eine Frau. Ein paar Pornos flimmerten über die hauseigene Leinwand, und dann ging’s zur Sache. «Es macht dich wild und enthemmt. Ich kann tierisch bumsen damit, das hört gar nicht mehr auf. Auf <Coci> finde ich mich geil. Kokain und Sex gehören einfach zusammen.» Für andere gehören Kokain und Impotenz zusammen. Geschlechtsverkehr sei zuweilen stundenlange, harte Arbeit, berichten zwei Schnupfveteranen. Beklagt wird auch die seelenlose Kälte, die einen ergreife und erfüllenden Sex verhindere: «Du bist völlig auf dich selbst fixiert, egal, wer bei dir liegt.» Ähnlich Kontroverses verlautet aus der Damenwelt. Von erheblich gesteigerter Appetenz ist ebenso die Rede wie von kompletter Unlust.
R. C., Bureauangestellter, schnupft seit 1919 Kokain. Er schildert, dass nach dem Kokainschnupfen bei ihm eine sehr starke sexuelle Begierde auftrete, aber nur in homosexueller Beziehung. Er behauptet, dass die Frauen sexuell erregter werden, wenn sie Kokain genommen haben, als die Männer. Bei den Männern kombiniert sich mit sofort gesteigerter psychischer Sexualität eine völlige körperliche Unfähigkeit. Daneben hat das Kokain nach ihm die Wirkung, zu Perversität zu treiben. In den Klubs der Kokainisten werden erotische Orgien oft in grösserer Gesellschaft gefeiert. Bei der Aufnahme in die Klinik hatte der Mann eine Menge von tiefen Bisswunden auf der Brust; diese waren ihm von einer jeweils erotisch sehr aufgeregten Kokainistin beigebracht worden.
«Ach was, Sex. Kokain bläst dein Ego auf, das ist die Hauptsache!» stellt Jungunternehmer Maurice apodiktisch fest. «Das Geschäft, das ich aufgebaut habe, gäbe es nicht ohne <Coci>. Der Stoff hat mir den nötigen Grössenwahn eingehaucht, ein Business mit soviel Risiko zu starten. In den durchgemachten Nächten habe ich meinen Spass gehabt und die Kontakte geknüpft, ohne die mein Geschäft nicht lebensfähig wäre. Ich liebe einfach das Ziehen im Unterkiefer, wenn das Kokain die Zähne betäubt. Oder noch schnell eine Linie, bevor ich unter die Dusche stehe. Kaputt wie New York! Wer ein gesundes Selbstbewusstsein hat, hält das aus. Die anderen stürzen ab.» Das sind viele. Bei ihnen potenzieren sich die Schwierigkeiten: Probleme im Job, Zwist mit Lebenspartnern und Bekannten, finanzielle Engpässe, Lügen, Mischeln. Und der Schnupf, um der Misere zu entfliehen.
Seines Images als Oberschichts- und Bohème-Droge ist Kokain verlustig gegangen. Man hat über die Jahre so manchen abstürzen sehen, finanziell ruiniert oder gänzlich verabschiedet aus der sauberen Welt erfolgreicher Christenmenschen. Beispielsweise, wenn Heroin wegen seiner beruhigenden Wirkung den Kokainkonsum komplettiert. «Irgendwann», so ein leidgeprüfter Kokainist, «ist Koksen nur noch ein schlechter Job.» Ein übriges tat die Rezession. «Die <Glorious Times>, wo sich viele eine goldene, koksgefüllte Nase verdienten, sind längst vorbei», seufzt der Werber und Gelegenheitsschnupfer Erich wehmütig. «Die Branche ist seriöser geworden. Ein Kokser wird heute scheel und etwas mitleidig angesehen.» Mit dem Verschwinden eines guten Teils der fixen Wunderkinder und Kapitalismusgewinnler der Achtziger ging eine Marktneupositionierung des Pulvers einher. Das vergrösserte Angebot und tiefere Preise haben Kokain zur Allerweltsdroge gemacht. Zeitgenossen, die über einschlägige Erfahrungen berichten können, finden sich allerorten. Auf dem Bau ebenso wie in der Boutique, in Gärtnereien wie in Galerien, in Versicherungen wie im Kraftstudio.
Seinen Wert als schickes Accessoire hat Kokain damit verloren. Einen Kitzel hat es sich durch seine Illegalität bewahrt. In Klubs und Szenen verbindet ein unsichtbares Band die Kokainisten. «Zusammen schnupfen ist wie Bruderschaft trinken», schwärmt ein Habitué. Wer nicht mittut, merkt oft gar nicht, was gespielt wird. Um so mehr liebt mancher Kokser den pfadfinderhaften Abenteuerappeal, wenn man sich gemeinsam auf einem Klo einschliesst. «Wirklich cool aber», verrät eine Instanz in subkulturellen Stilfragen, sei es, «in aller Öffentlichkeit diskret eine Portion aus der Tüte zu klauben und direkt vom Finger weg zu schnupfen.»
Zürich 1917. S. B., Gymnasiast, 19 Jahre alt. Er gewöhnte sich an, neben dem Kokain noch einige Pfeifen Opium am Tag zu rauchen. Er trat einem Kokainclub bei, an dessen Zusammenkünften angeblich jeweils gegen 100 Personen teilnahmen. Beim Einnehmen des Kokains seien besondere Zeremonien vorgenommen worden, über deren Einzelheiten aber Stillschweigen Ehrenpflicht sei.
Heute schnupfen Krethi und Plethi. Die Verbreitung geht so weit, dass Kokain gesellschaftlich nur noch schwer zu lokalisieren ist. Einen festen Platz hat das Pulver aber nach wie vor im Nachtleben. Seit vielen Jahren gibt es Klubs oder Discos, die von Kokainisten bevorzugt werden. So steht das «Roxy» im Ruch, ein Hort für Schnupfer zu sein, und schon bei der Eröffnung gab es im «Kaufleuten» eine Kokainszene. Rivalisierende Dealerbanden suchten den «Kaufleuten»-Kokainmarkt zu monopolisieren, wobei es gelegentlich zu brenzligen Situationen gekommen sein soll. Mit einem spezialisierten Sicherheitsdienst, den der «Kaufleuten»-Betreiber Freddi Müller engagiert hat, ist es gelungen, Handel und Konsum einzudämmen.
Auch das Personal von Vergnügungsstätten ist permanent der Versuchung ausgesetzt. Schnupfen erleichtert die hektische Arbeit im infernalischen Lärm eines Klubs, und wer nach einer Schicht morgens um zwei Uhr Feierabend hat, der will auch noch ein wenig fidel sein. «In der Disco, die ich geführt habe», berichtet Max, «gab es immer Koks. Die Schweizer mit ihrem Arbeitsethos und ihrer Verkrampftheit sind für diese Droge prädestiniert. Wenn alle drauf sind, herrscht eine Stimmung, die du nur aushältst, wenn du auch drauf bist. Das Geschwätz machst du sonst nicht mit. Pro Monat liess ich etwa 5000 Franken durch. Weil <Coci> körperlich nicht abhängig macht, gestehst du dir die Sucht lange nicht ein. Fern von Zürich und ohne Stoff schlief ich jeweilen zwei, drei Tage durch und war launisch. Sonst hatte ich keinerlei Entzugserscheinungen. Kaum zurück, war das Problem aber wieder da.»
Selbsttherapeutisch motiviert, hat sich manch fixer Barmann für eine Saison in einen Wintersportort verdingt. Aber auch das garantiert keine Abstinenz mehr. Denn neben langjährigen Koksdestinationen wie Davos oder St. Moritz ist die Droge inzwischen in vielen Skiorten ebenso verbreitet wie im Unterland. Allein für die Davoser Snowboard-WM will ein Gewährsmann von mindestens zwei Transporten à 150 Gramm wissen.
Trotzdem können sich viele, die mit Kokain auf die Nase gefallen sind, selber wieder aufrappeln. Der Werber Erich, früher ein feuriger Apologet wilden Lebens, verspürt nur noch selten das Reissen und hat hinterher Skrupel: «Nach verkoksten und durchzechten Nächten fühle ich mich wie ein Arschloch und bin deprimiert. Als ich kürzlich am Sonntag morgen mit meinem Sohn spielte, bin ich mitten im Legohaufen eingeschlafen.»
Der Geschäftsmann Mike, der trotz seinen 18 Jahren als Kokainist ein Vermögen gemacht hat, schnupft gelegentlich Mengen, die zum Kokainrausch führen. Die Droge kippe dann vom Stimulierenden ins Halluzinogene, wobei sich das Bewusstsein erweitere. Bei Mike lappt es inzwischen ins Spirituelle. Solipsistisch argumentiert der Unternehmer, dass den Halluzinationen ebensoviel Wahrheit zukomme wie der im Normalzustand empfundenen Realität. Kokain sei ein Gegner, mit dem man ständig - bis an die Belastungsgrenze - ringe. Ob es ihm körperlich geschadet habe, kann Mike nicht beantworten. Durch Auswaschen von Mund und Nase lassen sich jedenfalls die berüchtigten Schädigungen der Nasenscheidewand vermeiden.
Wem es an den Revenuen eines Mike gebricht, der rettet sich oftmals in den Kleindeal. Eine gierige «Cocischlampe» sei er früher gewesen, bekennt Roger. Dann landete er im Gefängnis. «Nach dem Knast bekam ich keine Stelle. Weil ich viele Leute kenne, habe ich vom Auto bis zum Kühlschrank mit allem gehandelt.» Inzwischen ist das Sortiment gestrafft, Roger liefert auf Anruf Kokain. Er arbeitet mit ein paar Freunden und der Firmenphilosophie: «Bist du fair zu den Leuten, sind sie fair zu dir. Was ich verkaufe, konsumiere ich selber. Alles reine Ware.» Ausserdem vertritt Roger, der dem Bild vom gewissenlosen Dealer so schlecht entspricht, eine mit seinem Gewissen vereinbarte Verkaufsstrategie. «Keine Geschäfte mit Teenies und Einsteigern. Aber wer über zwanzig ist, dem muss man nicht sagen, was er machen soll.» Ganz Kleinunternehmer, klagt Roger, dass das Geschäft nur mässig Gewinn einbringe. «Es ist kein lustiger Job, es ist stressig, und du stehst permanent unter Druck.»
André hat sich als Konsument in ein finanzielles Desaster geschnupft und dealt an Parties mit kleinen Mengen, das Gramm à 150 Franken. Im Einkauf bezahlt er 1000 Franken für 10 Gramm und streckt den Stoff dann noch ein bisschen. In der Regel verschneidet jede Stufe im Handel die Ware noch einmal, und Kokainisten klagen, dass der Stoff meist schlecht sei. Richtiges Kokain bekomme man nur über gute Connections, oft enthalte das Pulver kaum Kokain, sondern Amphetamine, die ebenfalls anregen, aber physisch süchtig machen und den Körper schärfer hernehmen.
Die Qualität von Kokain stellt sich heraus, wenn man es mit Ammoniak aufkocht, um es rauchen beziehungsweise freebasen zu können. Beliebt ist diese Variante im Milieu der Prostitution, wo Kokainkonsum verbreitet ist. Prostituierte schnupfen oder basen, um die Freier zu ertragen, um einem öden Leben ein Schnippchen zu schlagen. Oder weil sie süchtig sind. Laut Detektiv Thomas Schürmann haben viele Salons ihre Hauslieferanten. Es sei aber schwierig, in diese abgeschottete Welt einzubrechen. «In jedem zweiten Nachtklub mit Animierdamen erhält man Kokain», weiss auch der Reklamemann Erich. «Wenn du die Mädchen kennst, kriegst du Pulver.»
O. K., 25, Kokainschnupferin, arbeitet nicht mehr richtig und kam auch sittlich herunter. Sie führt ein Wanderleben als Dirne, wurde als solche mehrmals in Zürich polizeilich sistiert. Seit 1921 war die Patientin der Polizei als gefährliche Kokainhändlerin bekannt, die gleichzeitig selbst viel schnupfte.
Erobert hat die ehemalige Hautevolee-Droge auch die Gasse und die Heroinsüchtigen. Die Marktoffensiven der Kokaindealer und der Preiszerfall haben Heroinfixer zu Kokainkonsumenten gemacht. Populär geworden ist der «Cocktail», gemixt aus Kokain und Heroin, der erst aufputscht und dann dämpft. Auch Fixer, die von der Gasse in Methadonprogramme getrieben werden, ergänzen die Wirkung des Methadons häufig mit Kokain-Kicks. Noch während der Zeit der offenen Drogenszene auf dem Platzspitz begann Kokain die Gasse zu verändern. Der weinerliche Heroinjunkie wurde vom geladenen Kokser oder Politoxikomanen abgelöst. Ein Platzspitz-Betreuer erinnert sich: «Jedesmal, wenn es heavy wurde, wenn einer aggressiv oder komisch war, hiess es: Dä isch halt uf Coci.»
Ecke Langstrasse/Hohlstrasse, 23 Uhr 17. Durch die Langstrasse patroulliert ein blauer Polizeiwagen. Weit ausschreitend marschiert ein Schwarzafrikaner von dannen. Ein Zischlaut macht ihn aufmerksam. «Two Balls?» Der Mann nickt, schnappt sich im Gehen den Hunderter, klaubt mit der anderen Hand behende zwei Kügelchen aus dem Mund und steckt sie dem Kunden zu. Keine zehn Sekunden hat die Transaktion gedauert. Die vorwiegend aus Westafrika stammenden Dealer, die in der oberen Langstrasse handeln, lagern 1/2- bis 1/4-Gramm-Portionen, die mit mehreren Plastic-Hüllen zu Kügelchen verschweisst sind, im Mund. Geraten sie in eine Polizeikontrolle, schlucken sie die Kügelchen einfach herunter.
Neben diesem Gassenhandel gibt es für den schnellen Bedarf der Freebaser Wohnungen, in denen die Utensilien zum Rauchen bereitliegen. «Freebasen haut dich für kurze Zeit aus den Socken. Das hebt dir die Schädeldecke ab. Und ebenso schnell landest Du wieder unten. Und das erste, was du willst, ist mehr», sagt Maria, Transvestit und Sexgewerblerin. «Basen macht schwer süchtig, und es macht aggressiv.» Das sagen auch Polizei und Gassenarbeiter.
Im Umgang mit Kokainsüchtigen steht man erst am Anfang und kennt hierzulande kaum Kokaintherapien. Die Prognose sei gewagt, dass Kokain ein wachsendes drogenpolitisches Problem ist, an dem die Gesellschaft ebenso nachhaltig kauen wird wie der Indio an seinem Kokablatt.
* Die kursiven Passagen stammen aus dem Buch «Der Kokainismus» (1926) des späteren Burghölzlidirektors Hans W. Maier.
Thomas Haemmerli ist Fernsehjournalist bei der Nachrichtensendung «10 vor 10»; er lebt in Zürich.