Der Psychologe
Beim Eintreten empfängt dich Wärme und Behaglichkeit, hier ist es ganz arvenstubelig und damit auch etwas bieder und sittsam. Das Haus hat eine lange Vorgeschichte, liegt wohl irgendwo in den Bergen und wurde bereits grösstenteils renoviert – alles Holz, immer Holz.
Das Haus war alt und bereits etwas heruntergekommen, wie wir am Küchenboden bemerken, doch die sorgfältige Renovation weist in die Zukunft. Diese wird verkörpert durch die Gegenwart der Kinder. Sie bestimmen die Atmosphäre und sollen sich in diesem Biotop der gesetzten Harmonie entfalten können. Schon früh werden sie mit Naturprodukten vertraut gemacht: kein Plasticspielzeug, bitte!
Auch Musik soll früh schon Teil ihrer Welt werden, mit einfachen Tönen und viel Raum zum Tanzen, zur Erlernung des Rhythmischen. Sind die Alten gar in diesem Beruf – als Musiktherapeuten oder Pädagogen – tätig? Dennoch ist man eigentlich erstaunt, wie ordentlich und aufgeräumt das Spielzeug herumsteht.
Kommen die Kinder vielleicht nur zu Besuch, und sind wir bei den Grosseltern? Oder bei dem einen Elternteil? Selbstgemalte Kunst und gut ausgewählte Bilder setzen, fast etwas marginal, die Spuren der Erwachsenen. An den Rand versetzt sind auch Schreibtisch und Computerecke, wo nun jäh dieser Stilbruch auf Rädern (Bürostuhl) steht. Doch das schiefe Fenster in der Wohnküche versöhnt uns wieder.
Wahrscheinlich sind auch die Bewohner etwas schräg. Sie haben sich für eine Phase ihres Lebens zu Bürgern der Bambinokratie machen lassen, waren vorher schon und werden nachher wieder ihrer kreativen Lebensweise zugewandt sein. Inzwischen wird das Holz etwas Patina ansetzen, die Kinder werden grösser und irgendwann einmal ihre Plastic-Spielkonsole erstreiten.
Berthold Rothschild
Die Innenarchitektin
Das kleine schiefe Fenster über der Küchenzeile fängt den Blick. Der Raum kommt in Bewegung, der Boden rutscht unter den Füssen weg. Der Besucher ist froh um das Pferde-Kindersitzchen, das in seiner Aufhängung den Horizont wieder geraderückt.
Die hübschen Kindermöbel folgen der Stimmung der gesamten Einrichtung. Sogar der höhenverstellbare Tripp-Trapp-Kinderstuhl, ein formal ermüdender Dauerbrenner, überzeugt in dieser Umgebung und seiner emanzipierten Nachbarschaft, den alten Holzsesselchen.
Die mit grossen Holztafeln und breiten Dielen bekleideten Oberflächen von Boden, Decke und Wänden strahlen Einheitlichkeit aus und geben den Räumen eine zufriedene Grundstimmung mit ihrer honiggelben Farbe. Alte und neu renovierte Bauteile sind dabei behutsam zu einem Ganzen verwoben. Die Homogenität des Eindrucks setzt sich auch beim Mobiliar fort. Auffallend ist die rote, samtene Récamière im Wohnzimmer, eine elegante Liege mit runden Formen. In einem anderen Kontext nicht besonders auffällig, wirkt sie hier gegenüber der Schlichtheit ihrer hölzernen Mitbewohner schon beinahe frivol.
Farbige Teppiche grenzen funktionale Bereiche ein, die Spielfläche, den Ort für Entspannung, einen anderen für Musik. Einmal mehr zeigt sich das Dilemma des Computerarbeitsplatzes mit Bürostuhl. Welches wäre in diesem Fall das ergonomisch und ästhetisch befriedigende Stück? Mit ein bisschen Ausdauer sind dezente und formschöne Modelle zu finden, die der Atmosphäre des Raumes gerecht werden.
Jasmin Grego
Auflösung
Linard Bardill und Sanna Wittwer Bardill, Musiker und Kinesiologin
«Um sieben Uhr werden die Kinder aktiv. Für das Frühstück bin immer ich zuständig, ausser an den Wochenenden, da bin ich unterwegs und konzertiere. Ich bin der Typ fahrender Vagant – mit Haus.
Es gibt Jahre, da geschieht innert kürzester Zeit all das, worauf man zuvor vergebens gewartet hat. 1988 war so ein Jahr. Ich erhielt den deutschen Kleinkunstpreis und kaufte das Haus in Scharans. Damals war es eine Ruine. Man konnte vom Estrich bis in den Keller schauen. Ein Teil des Hauses ist aus dem 16. Jahrhundert, die Wände sind bis zu sechzig Zentimeter dick. Ich übernahm die Bauleitung und packte beim Umbau mit an. Damals lebte ich noch mit meiner ersten Frau und unseren drei kleinen Kindern hier.
Ich fühle mich in diesem Haus wie auf einem Feldherrenhügel, von dem ich aufs Land hinabblicken kann, auf das florierende Thusis, das sich wie ein Geschwür ausbreitet, auf die Autobahn der Nord-Süd-Achse, auf der die Autos wie wahnsinnig dahinrasen und mir bewusstmachen, dass ich in keiner heilen Welt lebe. Aus den kleinen Fenstern sehe ich unendlich viele Dinge. Das schönste ist der Beverin mit seinen immensen Kristallvorkommen. Aus den kleinen Fenstern schaut man viel bewusster als aus grossen. Vor unseren Fenstern hat es Fensterbänke, auf die man raufklettern muss, um hinaussehen zu können.
Alle meine CD entstanden in meinem 16-m2-Büro. Hier haben die Kinder keinen Zutritt, um Gottes willen. Natürlich schliesse ich die Tür, schliesslich muss ich für den Unterhalt der Familie sorgen. Idealerweise verschwinde ich täglich nach dem Frühstück bis zum Mittag im Büro. Den Bürostuhl hat mir vor 15 Jahren ein guter Freund geschenkt. Es ist ein Original aus der Bundesverwaltung in Bern. Der Stuhl ist sehr bequem, ich würde es nie übers Herz bringen, ihn aus ästhetischen Gründen zu entsorgen.
Ob ich ohne Berge leben könnte? Sicher. Berlin oder Hamburg würden mir gefallen. Meine Familie würde aber nie mitmachen. Als Familie sind wir da, wo wir jetzt wohnen, glücklich gelandet. Ich bin schon 25 Mal umgezogen. Im Niederdorf in Zürich habe ich nach meinem Theologiestudium zwei Jahre in einem Bordell gewohnt: Ich in meiner Mansarde und ringsherum das horizontale Gewerbe. Theologie schien mir ideal, um kein Fachidiot zu werden.
Nach dem Studium, mit 26 Jahren, hatte ich eine echte Krise. Die kollektiven Antworten auf die Fragen des Lebens haben plötzlich nicht mehr ausgereicht. Ich bin auf die Strasse gegangen und habe rätoromanische Lieder gesungen, zudem Gedichte geschrieben und verkauft. Gitarre spielte ich schon lange.
Von Strassenmusik zu leben, ist hart, besonders in Zürich. Ein Jahr lang ernährte ich mich von Spaghetti, Butter und Galakäse. Ich hatte aber Glück und bin sehr schnell von der Strasse auf die Bühne geholt worden.
Wenn ich heute koche, dann währschafte Bündner Spezialitäten wie Capuns oder Maluns. Aber da man mit 50 Jahren auch schlauer wird und nicht mehr nur irgendetwas einwirft, sondern darauf achtet, was man isst, esse ich auch sehr gerne Salate und frisches Gemüse. Meine Frau ist eine ausgezeichnete Köchin und hat mir das Kochen etwas ausgetrieben. Eigentlich bin ich nur noch für das Fleisch zuständig. Viertel vor zwölf ruft sie: ‹Fleisch!›, und dann komme ich zum Einsatz.
Die Kinder leben mit uns, sie werden nicht in ein Spielzimmer gesperrt. Es gibt einen absolut ernst gemeinten Rahmen und darin die grösstmögliche Freiheit. Dieser Rahmen wird grösser, je älter das Kind wird. Zuerst gibt es nur ein Zimmer: die Stube. Dann kommt ein weiteres hinzu, in dem steht jetzt das Holzpferdchen. Später kommt im Sommer der Hügel hinzu, irgendwann das Dorf Scharans und sehr viel später dann Thusis für den Ausgang.
Ab 19 Uhr ist Ruhe. Wie ich das schaffe? Bevor die Kinder das Pyjama anziehen müssen, singe ich das erste Lied, da macht’s bei ihnen Klick, der Pawlowsche Reflex, und sie wissen: Ah, jetzt geht’s zum Schlafen. Wenn man das drei Wochen lang durchzieht, klappt das.
Unser rotes Sofa im Wohnzimmer stammt aus einem Räumungsverkauf im Hotel Hof Ragaz in Bad Ragaz. Das Sofa hat etwas sehr Sinnliches und steht damit gegen den Eindruck der Bambinokratie – obwohl, irgendwann macht man die Kinder ja auch.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.