NZZ Folio 01/92 - Thema: Entsagung   Inhaltsverzeichnis

Häuser, Häuser -- Ein Solitär in der Landschaft

Von Roman Hollenstein

Ein Steinhaus, trutzig wie ein mittelalterlicher Wehrturm, steht hoch über Liguriens Küste bei Tavole inmitten einer wilden Bergwelt, den Schluchten des Prino-Flusses. Es scheint wie aus den Trockenmauern der Olivengärten herausgewachsen, so eng verbunden mit den Steinen und den Pflanzen ist es. Auf steilem Felssporn wie auf einer Aussichtskanzel wagt es das Zwiegespräch mit der burgartigen Kapelle nebenan. Wie dieser greise Bau auf hoher Schiefermauer erscheint das Haus aus Stein als Teil zeitloser Architekturtradition.

In diesem kubisch strengen Haus brachten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, zwei junge Basler Architekten von internationalem Ruf, das Mythische der alten Mauern zusammen mit der Rationalität eines abstrakt anmutenden Skeletts aus orthogonalen Betonbalken, die Schieferwände rahmen. Auf diese Art interpretierten sie die Kultur des Ortes neu aus dem Geiste unserer Zeit - viel konsequenter, als dies ihre Kollegen, der Tessiner Livio Vacchini und Francesco Venezia aus Neapel, in den Steinbauten von Vogorno und von Lauro taten.

Die Auseinandersetzung der beiden Basler mit der Architektur und mit dem Ort ist komplex und zeigt sich auf verschiedenen Ebenen, der künstlerischen und der geistigen vorab. Verstehen sie doch ihre Architektur als «Denkform», bei der es darum geht, dem inneren Bild Gestalt zu geben. Entsprechend ist für sie schon die Idee «wirkliche Architektur». So erweisen sich beim Haus in Tavole die Linien und Strukturen der bildhaften Pläne als ebenso bedeutend wie die grauen Betonbalken und farbigen Mauerflächen in der gebauten Realität.

Es ist der Dialog mit der Umgebung, der ihren Bauten und Entwürfen immer neue Formen gibt: Das Fotostudio in Weil steht wie ein Provisorium aus Holz, Blech und Dachpappe in anonymer Vorstadtlandschaft; aus Sperrholz - einem Möbel ähnlich - ist der Gartenpavillon in Bottmingen gezimmert; und mit spröden Eternitlamellen gleicht sich das Lagerhaus in Laufen dem Steinbruch an. All diese Werke sind - bei grössten äusserlichen Unterschieden - im Innersten verwandt. Sie stehen als Beweis dafür, wie es den beiden Architekten immer neu gelingt, die Einheit von Ort, Material, Konstruktion und Funktion zu finden und gleichzeitig das konzeptuelle Potential der Kunst auf die Architektur zu übertragen.

Im Gegensatz zu solchen Bauten, die die Gebrochenheit unserer Kultur thematisieren, eignet dem Haus von Tavole etwas durch die Jahrhunderte Gewachsenes - vergleichbar etwa den Olivenbäumen. Das Elementare dieses Hauses kommt zur besonderen Geltung an jenen Wintertagen, an denen nur vereinzelt Sonnenstrahlen durch tiefe Wolken auf die Landschaft fallen und Rauch aufsteigt aus den Kastanienwäldern. In diesem milden, irrealen Licht wird die rationale Klarheit der Konstruktion erst richtig deutlich. Dann kommt das «Fleisch» - der farbensatte Schiefer mit dem Kontrast von Ocker und von Blau - zwischen den hellen «Knochen» der Stützen besser zur Geltung als in der sommerlichen Sonnenglut, die das verhaltene Kolorit zu erschlagen droht.

Das künstlerische Wollen der beiden Architekten manifestiert sich in Tavole wohl mehr als in ihren andern Bauten. Die kleinen Dimensionen begünstigen nicht nur Detailarbeit voll handwerklicher Sorgfalt; sie führten auch zur Konzentration aufs Wesentliche, das hier das Skulpturale ist. So scheinen denn die rohen Betonträger um Naumans körpernahe Kunst zu wissen, und die repetitive Ordnung der Stützen und der Balken lässt die Nähe zur Minimal art erahnen. Sie nimmt die offene Struktur des Bürohausprojekts am Elsässer Tor vorweg, das das serielle Prinzip «bedeutungsfreier Stützen» im Sinne Sol LeWitts gleichsam ins Unendliche wiederholt.

In Tavole kommt aber den Stützen und den Balken des Betonfachwerks dann doch Bedeutung zu durch die Wandfüllung aus lokalem Schiefer. Abstrakt und naturbezogen zugleich, erinnert diese Bauweise, die man ökologisch nennen möchte, an die mit Steinen und mit Spolien gefüllten Kästen von Kounellis, aber auch an die mythischen Bauwerke von Mario Merz. Das Interesse an «armen» Materialien vom Bruchstein bis zur Dachpappe teilen Herzog und de Meuron aber auch mit Beuys, von dessen Denken sie geprägt sind. Dieses verdichtet sich in der kubischen Gestalt des Hauses zur skulpturalen Form und findet seinen Ausdruck in der sorgsamen Betonung der «poetischen Qualität des Materials».

Das Steinhaus ist ein Solitär im Euvre dieser Architekten, als solcher wirkt es zudem in der Landschaft, so dass man leicht geneigt ist, dieses Haus mit der spirituellen Rigorosität eines Ad Reinhardt zu verbinden. Doch sind hier noch ganz andere Bilder von Bedeutung: etwa die Rasterarchitektur der Nachkriegszeit, das Fensterband und die Plastizität des béton brut. Sie klingen an in diesem Haus, zumal in seinem kraftvollen Dachabschluss, dem weithin sichtbaren Zeichen der wirklich tragenden Struktur. Denn die fragilen Aussenwände aus Trockenmauerwerk sind nur anspielungsreiches Füllwerk des tragenden Skeletts und Wetterschutz für die dahinter verborgenen Innenwände.

Die Innenmauern und die Böden erzeugen im bildhaft konzipierten Schnitt Kreuzformen, verwandt denjenigen der Aussenwände. Sie erinnern an Helmut Federles gemalte Kompositionen; und ähnlich reduziert wie in dessen Bildern erscheint die Farbigkeit des Hauses, die auf subtile Weise das Kolorit der Materialien zum Klingen bringt: Ins Aubergine gebrochenes Anthrazit der Fensterläden antwortet den bläulichen Bruchstellen des ockerfarbenen Schiefers.

So künstlerisch das Haus sich gibt, es bleibt ein Haus mit Räumen für die Menschen, die darin leben. Ein Münchner Ehepaar liess es sich fern von der Grossstadt als Refugium bauen. Von der durch Betonrahmen definierten sommerlichen Wohnterrasse mit Sicht auf Berg und Meer gelangt man durch die Küchen- oder Salontüre in den «Bauch» des Hauses, das erste Wohngeschoss, unter dem sich der Kellerraum mit Autoeinstellplatz findet. Der Wohnbereich wird durch ein Mauerkreuz - das immer wiederkehrende Grundmotiv des Hauses - in vier Räume geteilt, wobei sich die vorderen zu den hinteren gemäss der einfachen geometrischen Harmonie von 2:1 verhalten.

Schaut der helle, schön proportionierte Salon, dem Rattanmöbel Leichtigkeit verleihen, durchs silberne Olivenlaub aufs Felsennest Vallaria, so öffnen sich der Schlafraum und das Bad zum Eichenwäldchen hin. Fokus des Hauses jedoch bildet die nüchtern weisse Küche: mit Feuerstelle und dem alten Holztisch ein Ort mediterraner Gastlichkeit. Von hier steigt man hinauf ins grosse lichterfüllte Studio im oberen Stock. Als «Kopf» des Hauses öffnet es sich mit einem zinnenartigen Fensterband nach drei Seiten zum Landschaftspanorama, das sich von Tavole und Villa Talla über die langgestreckten Berge bis zum Meer hin weitet, vor dessen fernem Dunst die Kuppeln von Imperia glänzen.


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