NZZ Folio 08/07 - Thema: 13-jährig   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Der üble Geruch macht den Duft

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Ein gutes Urteilsvermögen ist oft nicht mehr als die kluge Anwendung von Vorurteilen. André Gide hat das Paket, das das Manuskript von «A la recherche du temps perdu» enthielt, nie geöffnet und begründete seine herablassende Ablehnung mit der Bedeutungslosigkeit von Prousts frühen Werken. Als ich zum ersten Mal auf Etat Libre d’Orange stiess, ging ich aufgrund meiner Erfahrung ­davon aus, dass dieser Nischenparfumhersteller alle Kennzeichen klassisch snobistischer Beutelschneiderei aufweist: grosse Namen, hoher Ton, lausiges Parfum. Aber da ich Co-Autor eines Parfumführers bin, bekam er eine Chance.

Zugegeben, das Marketing trägt ziemlich dick auf: Die Parfums heissen Putain des Palaces (Palasthure), Nombril Immense (Der ungeheure Nabel), Don’t get me wrong baby I don’t swallow (Lass dir gesagt sein, Baby, dass ich nicht schlucke), usw. Ihre Website strotzt vor abgedroschener Erotik, und ihr Motto lautet: Le parfum est mort, vive le parfum.

Bei dieser quasidadaistischen Aufmachung hätte ich darauf gewettet, dass die Parfums entweder entsetzlich oder entsetzlich langweilig sind. Aber ich hatte zwei Faktoren ausser Acht gelassen. Erstens: Begabte Parfumeure, besonders jüngere, arbeiten schon seit einiger Zeit für Nischenmarken, weil es dort mehr Spass macht. Zweitens und mindestens ebenso wichtig: Gute Art Directors, die es müde sind, sich für Britney Spears’ neuntes Parfum abzurackern, gründen eigene Firmen. Wir haben jetzt also beides: neue Strawinskis und neue Diaghilews, die die Branche aufmischen.

Etat Libre d’Orange, eine kleine, schlanke Firma, schickte mir zwölf winzige Musterphiolen, die es geradezu darauf anlegen, dass man nichts riechen kann, jede mit einem ebenso winzigen handgeschriebenen Etikett. Nachdem ich die Beschriftung entziffert und die Phiolen verflucht hatte, schnupperte ich missmutig daran. Gibt es eine grössere Freude als widerlegten Pessimismus? Mit zwei Ausnahmen haben alle diese Düfte ein sehr hohes Niveau; die besten sind das Werk zweier junger Parfumeure von Givaudan, Antoine Lie und Antoine Maisondieu.

Das Meisterwerk ist meiner Ansicht nach Lies «Sécrétions Magnifiques», das auf der Website zur Erläuterung mit der Pennälerzeichnung eines ejakulierenden Penis illustriert wird. Lie hat etwas Revolutionäres gewagt: Er hat als Hauptnote eines exquisiten Dufts ein Nitril verwendet. Er hat die laute Note von brackigem Hafenwasser in ein elegantes Floral eingebettet und damit zum Fliegen gebracht. Die Liste wirklich übler Gerüche, die aus guten noch bessere Düfte machen, ist nicht sehr lang: Sie umfasst Indol und Skatol, beides natürliche Aromen, die in Blumen und Kot vorkommen. Jetzt gibt es deren drei. Parfum wird nicht mehr sein, was es bis anhin gewesen ist.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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