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Kopf und Fuss
Zeig mir deine Schuhe, und ich sage dir, wer du bist… Die Psychiaterin Isolde Eckle verrät, ob dieser Spruch stimmt.
Von Claudia Schmid
«Ob ein Mann, der Adiletten mit weissen Socken trägt, ein Halbschuh ist? Ich denke, da ist etwas dran. Schuhe erklären einen Teil einer Person. Welche Schuhe Menschen wählen, auch wenn ihnen das gar nicht bewusst ist, sagt viel über sie aus. Schuhe sind das Zünglein an der Waage. Sie können entscheidend sein, um das Puzzle eines Menschen zu vervollständigen.
Mir wurde zum Beispiel ein Analytiker empfohlen. Im Vorfeld tönte er ganz sympathisch, er spiele Cello und so. Als ich ihn aber in seiner Praxis besuchte, sah ich unter seinem Tisch Lederpantoffeln stehen, also seine Hausschuhe. Das hat mich erschüttert. Ich bin der Meinung, dass Hausschuhe in einer analytischen Praxis nichts verloren haben. So wie auch ein Morgenmantel nicht ins Büro gehört. Für mich war die Sache gelaufen.
Man kann durchaus sagen, dass Schuhe nicht lügen. Besonders, wenn sie nicht einmal zu den Socken passen. Ich bin mal einer potentiellen Konkurrentin begegnet, die viel zu dicke schwarze Socken trug, die überhaupt nicht zu ihren Schuhen passten. Als ich dies gesehen habe, war mir sofort klar: Die kann mir nicht gefährlich werden. So war es dann auch.
Bei Patienten betrachte ich zuerst die ganze Person. Viele Störungen beginnen damit, dass der Mensch den Bezug zu seinem Körper verliert. Er verlegt vielleicht plötzlich den Scheitel von links nach rechts, rasiert sich die Haare ab, kämmt sich nicht mehr oder vergisst schlicht die Körperpflege. In Bezug auf Schuhe kann es vorkommen, dass Patienten zwei verschiedene Schuhe tragen. Oder immer dieselben. Das könnte ein Anzeichen dafür sein, dass sie keine Kraft mehr aufbringen, überhaupt Entscheidungen zu treffen. Wenn das der Fall ist, spielt es vielleicht für ihn auch keine Rolle mehr, mit welchen Schuhen er dem Tag entgegentritt; welche Schuhe ihn schützen. Er hat sprichwörtlich den Boden unter den Füssen verloren.
Wenn eine Patientin die ganze Zeit in Goldpantöffelchen herumläuft, dann lebt sie vielleicht in einer anderen Welt. Ich erinnere mich an den folgenden Fall einer Psychose: Eine elfengleiche Frau trug stets transparente Absatzschuhe, so eine Art Plasticsandalen. Sie sprach von einem Weltbild aus gläsernen Kugeln, die rauf- und runtersteigen und Energie verteilen. Diese Schuhe passten zu ihrem ‹In-der-Welt-Sein›. Sie waren ein Verweis auf ihr persönliches Weltmodell.
Es kommt immer mal vor, dass Patienten ohne Schuhe erscheinen. Manchmal hatten sie keine Zeit, sich welche anzuziehen. Andere haben sie in ihrer Verwirrung irgendwo verloren. Natürlich fallen mir auch die ‹Barfüsser› im Alltag auf, die bewusst ohne Schuhe durchs Leben gehen. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sie sich von der Gesellschaft distanzieren. Auch sie wollen sagen: Ich bin nicht von dieser Welt. Wenn ständiges Barfussgehen wenigstens gesund wäre, aber auf dem harten Asphalt…
Apropos Gesundheit: Ich kann nicht gerade behaupten, dass es in meiner Branche ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden gibt. Es dominieren die ‹Softie-Schuhe›, weich mit weisser Sohle, eine Art sportliche Halbschuhe. Interessanterweise haben viele Branchen in Sachen Schuhe ihren eigenen Code. Nehmen wir die Kunstbranche. Manchmal ist es vielleicht etwas angestrengt, was die Kreativen vorführen, aber wenigstens beweisen sie Mut. Ich denke da an meine Kollegin an der Hochschule der Künste, die diese hässlichen Crocs trägt. Bei ihr sind sie Teil eines Crossover-Looks. Dieser Look scheint ein wichtiges Thema bei den Kreativen zu sein. Alte Stoffturnschuhe, und dann doch mal teure Treter – alles ist möglich. Da haben die Banker weniger Möglichkeiten. Ihr Look ist mit dem Anzug klar definiert.
Bei Politikern ist eine grössere Auswahl an Schuhen möglich. Obwohl die, zumindest bei den männlichen Politikern, kein grosses Thema zu sein scheinen. Ich denke nicht, dass man bei Politikern gross auf die Schuhe achten kann, um sie richtig einzuschätzen. Oder erinnern Sie sich an die Schuhe eines Politikers, ausser an die Turnschuhe von Joschka Fischer, in denen er 1985 zum Umweltminister vereidigt wurde? Höchstens noch an die roten Bally-Sneakers von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, mit denen sie 2003 die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea überschritten hat.
Interessant sind die Schuhe der deutschen Bundeskanzlerin. Angela Merkel trägt ausschliesslich neutrale schwarze Schuhe mit einem kleinen Absatz, und zwar immer in Kombination mit schwarzen Hosen, während sie beim Blazer die Farbe jeweils wechselt. Diese Frau ist zweigeteilt: oben ein bisschen verspielt, weiblicher und bunter, unten neutral. Im grossen und ganzen wirkt sie wegen der eintönigen Schuhe eher nüchtern. So ist auch ihr Arbeitsstil.
Um nochmals auf die Turnschuhe zurückzukommen: Die trägt man ja immer und überall. Früher hatte jede Sportart ihren ganz eigenen Sportschuh, es gab die Segel-, die Tennis-, die Basketball- oder die Federballschuhe, und die wurden nur für die jeweilige Sportart getragen. Sie waren ein Zeichen für Wohlstand. Nur wer Geld hatte, konnte den Sport ausüben – im besten Fall auf dem eigenen Sportplatz. Heute ist vor allem das Label wichtig: Mit dem Entscheid, ein bestimmtes Modell von Nike, Reebok oder Adidas zu tragen, signalisieren die Leute ihre Nähe zu einer bestimmten Szene. Das ist längst nicht nur im Bereich der Turnschuhe so.
Der Schuhmarkt ist weniger in Schuhtypen denn in Marken aufgeteilt: Je nach Marke bekennt man sich zu einem Image. Es ist ein Grundentscheid, ob man Gucci-Slipper toll oder peinlich findet. Doch grundsätzlich kann jede und jeder Gucci-Schuhe tragen. Es heisst nicht mehr: Gucci gleich reich. Obwohl sie für die einen nur ein Lächeln kosten und für andere einen halben Monatslohn. Ebenso wenig lässt sich sagen, dass sozial schwache oder ungebildete Menschen öfter billige Schuhe aus grossen Ladenketten tragen. Es kann auch im Trend liegen, einfache Stoffturnschuhe einer Billigmarke zu tragen. Man hat dann ja auch noch ein paar teure Modelle im Schrank – womit wir wieder beim Crossover-Look wären.
Mit einer Schuhmarke definiert man seinen Stil. Und mit dem Schuhtyp seine Stimmung. Zumindest ist das bei den Frauen so. Jeder Tag sieht schliesslich anders aus. Wer sich bereits in der Früh den Kaffee über die Hose kippt, verlässt das Haus eher auf flachen Schuhen, in denen man sich sicher fühlt und die nicht nach fünf Stunden zu schmerzen beginnen.
Trägt eine Frau sehr hohe, spitze Schuhe, kann man davon ausgehen, dass sie einen guten Tag hat. Dann ist sie voller Selbstvertrauen, liebt es, durch die Gegend zu stöckeln, und nimmt auch das Risiko auf sich, mal in einem Tramgleis hängen zu bleiben. Je höher und spitzer die Schuhe sind, desto mehr dürften die Männer herausgefordert sein. Weil ein hoher, spitzer, enger Schuh viel weiblicher und aufregender wirkt als etwa mädchenhafte Ballerinas. Die wirken mit ihrer runden Form und dem fehlenden Absatz unschuldig, allenfalls damenhaft. Der Absatz ist aber sehr wichtig. Die ersten Absatzschuhe sind mit dem ersten Mal Schminken oder dem ersten BH zu vergleichen – es sind die Attribute einer Frau.
Interessant ist, wie eindeutig hohe Absätze das Frauenbild vermitteln – und das, obwohl Frauen mit Turnschuhen, Ballerinas, Sandaletten unzählige Alternativen haben. Trotzdem ist der hochhackige Schuh der Inbegriff der Weiblichkeit. Ich erlebe manchmal Patienten, die ihr Geschlecht geändert haben und als oberstes Ziel den weiblichen Gang auf Stöckelschuhen üben. Schuhe sind offenbar ein wichtiges Detail auf dem Weg zur Weiblichkeit.
Ganz klar ist die Beziehung zwischen Frauen und Schuhen interessanter als jene zwischen Männern und Schuhen. Zum einen haben Männer weniger Sorten zur Auswahl, notfalls kommen sie in Turnschuhen durchs Leben. Einzelne wählen vielleicht elegante Schuhe, weil es der Dresscode verlangt, und natürlich gibt es mittlerweile auch Sandalen und Flip-Flops für Männer. Doch Männerfüsse sind nicht dazu da, gezeigt zu werden. Die erotische Bedeutung von Männerfüssen tendiert gegen null. Warum, weiss ich nicht. Vielleicht werden schöne Männerfüsse demnächst von der Werbung entdeckt.
Ganz anders Frauenfüsse. Sie sind seit Jahrhunderten das erotische Objekt par excellence. Das alte China ist das beste Beispiel dafür, da galt der Frauenfuss als Zentrum der Erotik. Je kleiner er war, desto mehr entfachte er die Leidenschaft der Männer aus dem Reich der Mitte. Die Franzosen haben gar ein eigenes Wort für den Spalt zwischen dem grossen und dem zweiten Zeh. ‹Clivage› nennen sie das. Es bedeutet wörtlich Spalt und bezeichnet auch den Spalt zwischen den Brüsten unterhalb des Décolletés. Wenn das kein intimer Ausdruck ist.»
Claudia Schmid ist Journalistin; sie lebt in Zürich.
Leserbriefe:
Zu Kopf und Fuss - NZZ-Folio Schuhe (11/07)
Sehr interesanter Beitrag von Frau Schmid. Es gibt aber mitlerweile auch Männer, die wie Frauen ein grosses Augenmerk auf ihre Schuhe richten. Es gibt auch neuerdings Schuhe, die den flachen einfallslosen Herrenschuhen Konkurenz machen (z.B. www.newtic.de). Ich habe aber auch festgestellt, dass Frauen einen super gedressten Mann nicht gerne zulassen, weil sie selbst dadurch in den Schatten geraten. Warum sollte der Mann nicht auch von der Emanzipierung der Frau profitieren, um die Mode auch für sich zu gewinnen? Sven Carsten, Panketal D
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