NZZ Folio 12/01 - Thema: Erinnern und vergessen   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Wal Willy will nicht frei sein

Von Herbert Cerutti

IN EINEM VERGNÜGUNGSPARK vegetiert ein glückloses Tier: Willy, der Schwertwal. Seine klagenden Rufe berühren die Seele von Jesse, einem Strassenjungen. Mit seiner Mundharmonika findet der Bub Zugang zum Tier. Und er vermag im marinen Säuger den verschütteten Lebensgeist wieder zu wecken. Als der skrupellose Aquariummanager Willy umbringen will, fliehen Jesse und seine Freunde mit dem Wal. Mit einem gewaltigen Sprung über die Hafenmauer landet Willy schliesslich bei seiner Familie, die brav im Ozean auf den verlorenen Sohn gewartet hat. «Free Willy», ein Film so richtig zum Liebhaben und Weinen.

Die Hollywoodstory wird 1993 zum Kassenschlager. Zwar gibt es den über die Mauer segelnden Koloss nur als elektronisch gesteuertes Tiermodell. Der mit Jesse im Wasserbecken spielende Wal aber ist aus Fleisch und Blut: Es ist «Keiko» (japanisch für «der Glückliche»), ein in Mexiko lebender Schwertwalbulle.

Keiko wurde 1979 als zweijähriges Jungtier in Island gefangen. 1982 kaufte Marineland in Ontario, Kanada, den Schwertwal und begann mit dem üblichen Training. Bei seinen Auftritten mit andern Schwertwalen zeigte sich Keiko jedoch eher schüchtern, weshalb man ihn 1985 für 350 000 Dollar an den Vergnügungspark Reino Aventura in Mexico City weiterverkaufte.

Das Umherschieben von Schwertwalen für happige Summen ist gang und gäbe, denn die grösste aller Delphinarten gehört zu den Lieblingen der Aquariumszene. Nicht nur sind Schwertwale gelehrig und verspielt; sie beeindrucken auch optisch mit ihrer schwarzweissen Körperzeichnung, der wie ein Schwert aufragenden Rückenfinne und einem bis zu sieben Tonnen schweren Leib.

Für Kitzel sorgen mag auch der Vulgärname «Killerwal», den Orcinus orca seit alters trägt. Während Bartenwale (etwa der Buckelwal) sich mit Krill und anderer Kleinkost begnügen, sind Zahnwale tüchtige Jäger. So holt sich der Schwertwal Robben und Pinguine, indem er Eisschollen mit der Schnauze zertrümmert oder blitzschnell seinen halben Körper auf den Strand schiebt.

Im Rudel machen sich Schwertwale selbst über riesige Bartenwale her und reissen dem Opfer Fett- und Fleischbrocken aus dem Leib. Das marine Raubtier deswegen aber als «Killer» zu verschreien, ist genauso abwegig wie die Amsel «Mörderin» zu nennen, nur weil sie Regenwürmer aus der Wiese zupft.

Keikos Leben im mexikanischen Vergnügungspark ist Quälerei. Der Schwertwal lebt in einem engen und viel zu warmen Becken. Er leidet infolge Bewegungsarmut an Muskelschwund, hat Atemprobleme und hässliche Warzen am Leib. Der Film löst eine weltweite Sympathiewelle für «Willy» aus. Und als die Medien berichten, dem Filmstar gehe es lausig, kommt die Rettungsaktion in Fahrt.

1994 wird eine «Free Willy - Keiko Foundation» gegründet; die Filmgesellschaft Warner Brothers, diverse Stiftungen sowie Hunderttausende von Kindern tragen über sieben Millionen Dollar zusammen, um Keiko ein besseres Leben zu ermöglichen. 1996 wird der Wal in ein speziell für ihn gebautes Meerwasserbecken im Oregon Coast Aquarium in Newport, USA, transferiert.

Mit dem Ziel, das Tier eines Tages wieder in die Weite des Nordatlantiks zu entlassen, beginnt jetzt ein Rehabilitationsprogramm. Keiko hat viel zu lernen, etwa wie ein Schwertwal Beute macht. Allerdings bringt er die lebenden Fische, die man im Becken schwimmen lässt, anfangs brav seinem Trainer an den Bassinrand. Nach zwei Jahren in Newport hat Keiko 900 kg zugelegt, und die Hautkrankheit ist verschwunden. Die Zeit scheint reif für den letzten Akt von «Free Keiko».

Am 9.  September 1998 holt ein Kran den 9 Meter langen und 4,4 Tonnen schweren Jungen aus dem Aquarium. Eine C-17 der US Navy fliegt das Tier auf die Westmännerinseln vor der Südküste Islands. Dort wartet in der von hohen Felsen umgebenen Klettsvik-Bucht ein im Meer montiertes Laufgitter aus Kunststoffrohren und Netzwänden.

Für Keikos Betreuung ist nun Ocean Futures zuständig, eine von Jean-Michel Cousteau, dem Sohn des legendären Ozeanforschers Jacques Cousteau, geleitete Naturschutzorganisation. Ein internationales Team aus Tierärzten, Tauchern und weiteren Spezialisten soll nun mit einem monatlichen Budget von 300 000 Dollar Keiko zurück in jenes Leben bringen, aus dem er vor über zwanzig Jahren gerissen wurde. Über www.oceanfutures.com wird die Fangemeinde laufend informiert.

Um Keiko für das Leben im Ozean zu stählen, lassen ihn die Trainer schwimmen, tauchen, springen. Auch bringt man ihm den wichtigen Fokus in die Tiefe bei, denn in der Unterhaltungsbranche hatte sich das Tier vor allem auf die Welt über dem Wasser zu konzentrieren. Im März 2000 öffnet sich für Keiko die Tür zur weiten Klettsvik-Bucht, die man mit einer 260 Meter langen und 10 Meter tiefen Netzbarriere vom Ozean abgetrennt hat. Mit einem orangen Motorboot als Schrittmacher kommt Keiko so richtig in Fahrt. Forciert wird das für den Beutefang wichtige Tauchtraining. Bald schon kann Keiko eine Viertelstunde lang unten bleiben, während er früher nach drei Minuten Atem holen musste.

Noch im gleichen Sommer führt das Leitboot Keiko erstmals in den offenen Ozean. Auf einem halben Dutzend Tagesausflügen geht die Reise etliche Kilometer weit ins Meer; dank einem Minisender an der Rückenfinne weiss die Crew immer, wo ihr Schützling ist. Was man all die Jahre erreichen wollte, wird nun endlich wahr: Keiko begegnet wilden Schwertwalen.

Die grosse Hoffnung ist das Wiedersehen mit Keikos Eltern und Geschwistern, was durchaus denkbar ist, denn Schwertwale können sechzig Jahre alt werden. Wird die Familie aber den verlorenen Sohn erkennen und akzeptieren? Ist nicht schon die Sprache ein Hindernis? Denn Keiko pfeift und quietscht vermutlich in einem in den Aquarien bei den andern Delphinen aufgeschnappten Slang und kennt den familienspezifischen Dialekt seiner Kindheit nicht mehr.

Die ersten Kontakte mit den isländischen Schwertwalen verlaufen enttäuschend: Keiko bleibt beim Treffen dicht hinter dem Leitboot. Und als sich die Betreuer Richtung Klettsvik davonschleichen wollen, dreht auch Keiko augenblicklich um.

Im Sommer 2001 aber müsste es gelingen. Ocean Futures verfügt nun mit der «Gandi» über ein 30 Meter langes Schiff, mit dem man den Schützling auf mehrwöchigen Reisen begleiten kann. Mit einem Helikopter kann das Team Walfamilien aufspüren und Keiko grossräumig im Auge behalten. Schon im Mai schwimmt Keiko für kurze Zeit neben einem jungen Artgenossen. Im Juli ankert die «Gandi» an Heringslaichplätzen, wo Schwertwale besonders gerne futtern. Mal schwimmt Keiko mitten in eine Familie, mal wird er selber von Schwertwalen besucht.

Im August entfernt sich Keiko bis zu 30 Kilometer vom Begleitschiff und bleibt mehrere Tage lang weg. Ende August verlassen die wilden Schwertwale wieder Islands Gewässer. So manche Begegnung Keiko auch mit den Walen hatte - sie waren immer nur flüchtig, und es etablierte sich keine feste Bindung zu einem Familienverband. Auch braucht Keiko nach wie vor Fisch aus der Tiefkühltruhe.

Die Erfahrungen in Island scheinen jenen Kritikern recht zu geben, die meinen, man könne einen Schwertwal nach so langer Gefangenschaft unmöglich wieder zum freien Wildtier machen. Ganz abgesehen vom Argument, dass sich mit derart viel Geld doch sehr viel effizientere Naturschutzarbeit leisten liesse. Für Cousteau und seine Leute aber rechtfertigt bereits Keikos heutige Lebensqualität den enormen Aufwand. Und man will, trotz wachsenden Geldsorgen, weiterhin am Traum festhalten, Keiko eines Tages mit einer Schwertwalfamilie von dannen ziehen zu sehen.


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