NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst?   Inhaltsverzeichnis

Die Vernissagenschlampe

© Giorgio von Arb, Zürich
Abbt Projects, Zürich, 27. März 2008 Linktext
Schon als Kind wurde er von seiner Mutter an jede Vernissage mitgeschleppt. Ein grosser Künstler wurde er trotzdem nicht – oder doch? Eine Kurzgeschichte.

Von Milena Moser

Meine Mutter war das, was man landläufig eine Vernissagenschlampe nennt. Ich gebe ihr die Schuld. Als ich klein war, steckte sie mich in ihre geräumige Handtasche und nahm mich überallhin mit, zu Theaterpremieren und Vernissagen, an Konzerte, in Bars und Clubs. Jedesmal, wenn ich ein Bild von einem winzigen Hündchen in einer Starlet-Tasche sehe, denke ich: Das bin ich.

«Jane Birkin hat es genauso gemacht», sagt meine Mutter. «Zu diesem Zweck wurde ja extra der Birkin-Bag erfunden, er hat zwei praktische Griffe, und der Boden ist verstärkt. Und so gross, dass ein Baby bequem liegen kann.» Das hat sie irgendwo gelesen. Deshalb ist es wahr. Manchmal fügt sie noch hinzu: «Und sieh nur, was aus ihren Töchtern geworden ist!»

Lauter Künstlerinnen. Aus mir: Leider nichts. Ich bin auch keine Tochter. Ich bin ein Sohn.

Mein Therapeut meint, das sei schon ein Unterschied. Die Therapie ist eine Auflage des Gerichts. Ich wurde allerdings nicht wirklich verurteilt, weil ich nicht wirklich ein Verbrechen begangen habe. Trotzdem ist das, was ich getan habe, nicht richtig. Die Therapie soll mir helfen, das einzusehen. Meine Schuld. Ehrlich gesagt, fällt mir das nicht leicht. Was hab ich denn getan? Schauen Sie mich an. Ich würde immer noch in eine Damenhandtasche passen.

Ich meine das im übertragenen Sinn.

Eigentlich wollte ich Künstler werden, schon meiner Mutter zuliebe. Meine Mutter liebt Künstler. «Ich hatte ja selber Talent», sagt sie. «Aber dann habe ich geheiratet.»

Meine Mutter zieht Vernissagen allen anderen gesellschaftlichen Anlässen vor, weil sie ihr die Möglichkeit bieten, sehr viel Geld auszugeben und gleichzeitig ihren Kunstsinn unter Beweis zu stellen. Eine Aura der Kultiviertheit zu verbreiten. Etwas, das beim Modegeschäft Grieder nur schlecht geht. Vernissagen kann man jederzeit verlassen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber Theaterpremieren. Ausserdem nimmt man nicht zu, wenn man im Stehen isst.

Ich kann mich gut erinnern. An die Stimmen, den Geruch. Die Schuhe – da muss ich dem Handtaschenalter schon entwachsen gewesen sein. Als ich still am Boden kauerte, an einer Salzstange kaute, in einem Wald von Schuhen und Knöcheln und Waden, die sich ständig bewegten. Hin und her, getrieben, weiter, auf die Zehenspitzen, Küsschen! Küsschen! Und wieder zurück. Von einem Bein aufs andere treten. Ungeduldig auf den Ballen wippen, auf dem Absatz umdrehen. Verschwinden. Das alles habe ich registriert, während ich gleichzeitig versuchte, die Stimme meiner Mutter nicht zu verlieren. Zu Hause sagte sie wenig, aber an diesen Abenden blühte sie auf. Auf schwindelerregenden Plateausohlen stampfte sie durch die Galerien, die anderen Schuhe wichen ehrfürchtig vor ihren zurück. Wie kleine Fische. Dann bildeten sie einen Kreis um sie. Das alles konnte ich sehen. Und auch, dass meine Mutter glücklich war.

Ja. Sie hätte es gern gesehen, wenn ich Künstler geworden wäre. Erfolgreicher Künstler. Natürlich. Mit einem Atelier in New York, wo sie mich besuchen könnte. Und Vernissagen, zu denen nur geladene Gäste zugelassen ­wären. Wo sie dann an meinem Arm auftreten könnte: «Das Talent hat er ja von mir», würde sie sagen. «Wenn ich nicht geheiratet hätte…»

Meine Mutter war am schönsten, wenn sie sich für den Abend zurechtmachte. Das Gesicht auflegen, nannte sie es. Sie zog ihr Gesicht an wie ein Kleid, wie eine ihrer Perücken. Aus praktischen Gründen hatte sie ihren Kopf kahl­geschoren. Sie hatte Perücken für alle Lebenslagen: einen strengen Pagenkopf, verwuscheltes blondes Betthaar, eine schwarzglänzende Mähne und meine liebste: der überdimensionierte Afro. Er kam mir vor wie ein Nest. Manchmal stellte ich mir vor, sie würde mich in diesem Nest spazierentragen. Auf ihrem Kopf. Wie eine afrikanische Mutter.

«Afrikanische Mütter nehmen ihre Kinder auch überallhin mit», verteidigte sie sich später, als ich alt genug war, um ihr Vorwürfe zu machen.

Mein Therapeut meint, ich wollte mich an ihr rächen. Doch darüber bin ich hinweg. Ich benutze sie nur. Als Ausrede. Wofür? Ehrlich gesagt, weiss ich immer noch nicht, was ich falsch gemacht habe. Die Künstler haben sich doch nicht beklagt? Oder? Ich hätte ihre Persönlichkeitsrechte verletzt, hiess es. Aber haben Künstler überhaupt welche? Und wenn ja, wollen sie sie wahrnehmen?

«Ihre Mutter…»

Meine Mutter, genau. Bleiben wir bei meiner Mutter. Als kleiner Junge spielte ich zu ihren Füssen, während sie sich für den Abend präparierte. Auf ihrem Schminktisch stand ein Glas, im Aschenbecher glühte eine Zigarette. Sie hatte mehrstöckige Make-up-Koffer mit ausziehbaren Schubladen, Pinsel in allen Grössen. Schuhe auf dem Fussboden. Da horcht mein Therapeut kurz auf, aber nein. Mein Vater stürmte nicht herein, ich wurde nicht geschlagen («Mein Sohn spielt nicht mit einer Federboa! Lieber sähe ich ihn tot!»), und nein, ich habe auch keine homosexuellen Tendenzen. Leider, muss man fast sagen. Meine Mutter hätte das definitiv begrüsst.

An meinen Vater kann ich mich gar nicht erinnern. Es muss ihn aber gegeben haben. Nicht nur im biologischen Sinn. Das, was meine Mutter «unsere Kreise» nennt, das waren eigentlich seine. Das alles kam von ihm.

«Du hast keine Ahnung», sagt meine Mutter. «Du hast keine Ahnung, wie es damals war.» Mit damals meint sie die 1970er Jahre. «Es war nicht leicht für Frauen aus unseren Kreisen. Wir waren ja von der Frauenbewegung ausgeschlossen. Dabei wollten wir auch unsere BH verbrennen und Selbsterfahrungsgruppen gründen, aber das tat man in unseren Kreisen nicht. Also gingen wir zu Vernissagen. Mischten uns unter die Künstler. Schnupperten an ihrem Leben. Das war unsere Art von Befreiung.»

Näher kam meine Mutter ihrem Traum nicht. Eine Künstlerin zu sein. Ich wäre ihre nächste Chance gewesen, aber ich hatte kein Talent. Nur ein Talent habe ich: das, unsichtbar zu sein. Mich jeder Umgebung anzupassen.

Natürlich habe ich das als Kind gelernt, wie alles. Lernt man überhaupt noch etwas, wenn man kein Kind mehr ist? Ich glaube nicht. Nichts von Bedeutung jedenfalls. Ich habe gelernt, unsichtbar zu sein. Mich meiner Umgebung anzupassen. Während ich mit meiner Mutter durch die Nächte zog und sie nicht störte. Nicht daran hinderte, die einzige Freiheit auszuleben, die sie hatte. Ich lag auf Restaurant­tischen, hinter der Theke einer Bar, zwischen Theatersesseln oder auch im Hinterzimmer einer Kunstgalerie auf achtlos hingeworfenen Mänteln und rührte mich nicht.

Als ich sieben Jahre alt war, kam meine Schwester zur Welt, ein Au-pair-Mädchen aus Genf zog bei uns ein, der Ernst des Lebens begann. Ich vermisste diese Nächte mit meiner Mutter. Ihre Vorbereitungen. Ihr Parfum. Unsichtbar war ich immer noch, aber es nützte mir nichts mehr.

Es war Zufall, dass ich an diesem Abend eine ähnliche Sonnenbrille trug wie der Künstler G. Sonst gleichen wir uns nämlich überhaupt nicht, er ist zehn Zentimeter grösser als ich und färbt seine Haare platinblond. Trug ich eine Mütze? Ich weiss es nicht mehr. Ich weiss auch nicht mehr, was ich auf der Strasse machte an diesem Abend, wo ich hinwollte, als ich von weitem die erleuchtete Galerie sah, das Grüppchen von Rauchern auf dem Trottoir, und automatisch darauf zusteuerte.

Kaum hatte ich die Galerie betreten, klickten die Blitzlichter los. Verwirrt blieb ich stehen, bis der Galerist mich in seine Arme schloss. «Danke, G. das vergess ich dir nie.» Etwas in mir zurrte sich hoch, ein innerer Reissverschluss, und ich wurde G. Den ganzen Abend lang. Bilder von diesem Anlass lassen mich grösser wirken und die Haare unter meiner Mütze platinblond erscheinen. Ich wusste nichts über G. Ob es seine Art war, zu viel teuren Cidre zu trinken und sich an den winzigen Käseküchlein sattzuessen, mit einer gewissen Kunstsammlergattin ins Hinterzimmer zu verschwinden und sich auf die achtlos hingeworfenen Mäntel zu legen. Ich tat es einfach.

Irgendwann ging ich nach Hause. Auf dem Weg dahin wurde ich wieder ich selber. Das war kein angenehmer Vorgang. Kein schöner Anblick.

Nicht, dass G. keine Probleme hatte. Am nächsten Tag stand ein wichtiger Sammler in der Galerie und kratzte alle roten Punkte wieder von den Bilderrahmen. Seine Frau stand heulend daneben. Woher ich das weiss? Es stand in der Zeitung. Einer Klatschkolumnistin entgeht nichts. Sie war es auch, die mich schliesslich enttarnt hat. Nächtelang muss sie das Internet nach Bildern dieser medienscheuen Künstler durchforstet haben, deren Rolle ich einnahm. Und denen ich überraschend ähnlich sehen konnte, wenn ich es wirklich wollte. Nicht nur, weil ich im Ankleidezimmer meiner Mutter gelernt habe, mit Farben zu arbeiten, mit Perücken, mit gutplacierten Seidentüchern. Nein, mein ganzes Wesen kann sich anpassen, mein Äusseres verändert sich, meine Züge, meine Körpersprache, einmal war ich sogar eine Frau, und niemand merkte etwas.

Es gibt Künstler, die die Öffentlichkeit scheuen, den Rummel um ihre Person. Sie möchten in Ruhe arbeiten. Nichts mit allem zu tun haben. Das ist ihr gutes Recht, könnte man argumentieren – aber was ist mit meiner Mutter? Leute wie meine Mutter sind darauf angewiesen, dass Künstler sich wie Künstler benehmen. Sie müssen daran glauben können. An das Künstlerleben. Damit sie ihr eigenes ertragen.

Und da kam ich. Ich verhielt mich so, wie es meine Mutter von einem Künstler erwarten würde. Ich warf meine Arme in die Luft. Ich küsste. Ich schmollte. Ich stand mit verschränkten Armen vor den Bildern, die ich nicht gemalt, den Installationen, die ich nicht installiert, den Akten, die ich nicht gezeichnet hatte. Manchmal sagte ich ein paar Worte. Über die Seele zum Beispiel. Die Seele meiner Kunst. Einmal sah ich meine Mutter in der Menschenmenge stehen. Ich weiss nicht, ob sie mich erkannt hat. Ihre Gesichtszüge sind gelähmt, wie es in ihren Kreisen üblich ist. Keine Regung zeichnet sich mehr ab. Ihr Haar sass leicht schief.

Ich war der Künstler, den die Leute haben wollten. Alle waren glücklich. Bis diese Klatschkolumnistin einen Scoop witterte. Und auch bekam. Doch nicht einmal sie konnte sich erklären, was ich davon hatte, jemand anderes zu sein. Einen Abend, eine Stunde lang. Jemand, den meine Mutter gern zum Sohn hätte. Ist das so schwer zu verstehen?

«Nicht wirklich», sagt mein Therapeut.

Ich bin ein klassischer Fall. Er klingt enttäuscht.

Manche Medien haben meine Auftritte vorsichtig als Performance bezeichnet. Als Protest gegen den Kunstbetrieb. Performance ist eine Kunstform. Man könnte also sagen, ich hätte mein Ziel erreicht. Beziehungsweise das meiner Mutter.
Eine weitere Auflage des Gerichts bestand darin, dass ich mich bei den Künstlern entschuldigen musste. Manche von ihnen haben mir zurückgeschrieben: Sie würden meine Dienste gerne auch in Zukunft in Anspruch nehmen. Gegen Bezahlung natürlich. Mein Therapeut verdreht die Augen. Darf er das?

Ich weiss, dass es nicht richtig ist. Aber ich kann nicht anders. Ich bin eine Vernissagenschlampe.

Was kann ich dafür?

Milena Moser ist Schriftstellerin; sie lebt in Möriken AG.

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