NZZ Folio 06/97 - Thema: Im Herzen Afrikas   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Zwischen den Fronten

Von Herbert Cerutti

IM DREILÄNDERECK, da, wo Zaire, Rwanda und Uganda aneinandergrenzen, liegt der Virunga-Bergregenwald. Aus dem Wald erhebt sich eine Kette von sechs erloschenen Vulkanen, deren bis zu 4500 Meter hohe Gipfel fast immer in Nebel gehüllt sind. In diesem schwer zugänglichen Gelände lebt der Gorilla gorilla beringei, der Berggorilla, eine sehr selten gewordene Unterart der Gattung Gorilla. Ausser den gut 300 Tieren in den Virungawäldern gibt es 25 Kilometer weiter nördlich im Bwindi Impenetrable National Park in Uganda nochmals 300 Exemplare.

Bereits die belgischen Kolonialisten hatten den Wert der Virungawälder erkannt und sie 1925 zum ersten Nationalpark Afrikas erklärt. Heute liegen zwei Drittel des Waldgebiets im Parc National des Virungas von Zaire, ein knapper Drittel im Parc National des Volcans in Rwanda sowie ein kleiner Rest im Mgahinga National Park von Uganda. Damit steht dem Berggorilla ein letzter Lebensraum von der halben Grösse des Kantons Zürich zur Verfügung.

In der 1864 erschienenen Ausgabe von Brehms «Tierleben» steht, wie der Mensch dem Gorilla begegnete: «Die grossen grünen Augen funkeln, der Haarkamm sträubt sich, die Zähne werden gefletscht, und wütend stürmen die Tiere auf den Feind. Glücklich, wenn das Feuergewehr den Menschen obsiegen lässt, denn sonst ist er verloren.» Und bis in neuere Zeit wird kolportiert, dass diese Kreaturen Frauen überfallen und missbrauchen.

Im Jahr 1958 begann der amerikanische Zoologe George Schaller am Mikeno-Vulkan die Gorillas systematisch zu beobachten. Über Monate hinweg näherte er sich behutsam den Tieren, um schliesslich, nachdem er ihr Vertrauen gewonnen hatte, das natürliche Verhalten aus nächster Nähe beobachten zu können. Vier Jahre später gründete die amerikanische Forscherin Dian Fossey ihre legendäre Forschungsstation Karisoke auf 3000 Meter Höhe im Virunga-Regenwald, wo sie während über zwanzig Jahren fünf verschiedene Gorillafamilien studierte.

Berggorillas leben in geschlossenen Gemeinschaften von 3 bis 40 Individuen, wobei ein «Silberrücken» - ein mindestens 13 Jahre alter, voll ausgewachsener männlicher Affe mit silbrig verfärbter Rücken- und Oberschenkelbehaarung - als unbestrittener Chef die Familie führt. Er verteidigt seinen Clan vehement gegen jede Bedrohung und bietet Schutz und Geborgenheit. Der Silberrücken ist eher Patriarch denn Macho. Zwar gehört ihm das sexuelle Privileg; doch er paart sich nur dann, wenn er von brünstigen Weibchen dazu eingeladen wird. Auch steht es den Weibchen frei, die Familie zu wechseln. Dian Fossey wurde von den Tieren weitgehend in ihr Sozialleben integriert. Dabei entpuppen sich die schwarzen Biester als äusserst freundliche, einfühlsame und intelligente Wesen.

Vor zehn Jahren weilte der Basler Zoologe Jörg Hess während 12 Monaten bei den von Fossey habituierten, das heisst an Menschen gewöhnten Gorillas. Auch er erlebte die Berggorillas als Persönlichkeiten voller Überraschungen. So musste er sich gefallen lassen, dass ihn Pablo, ein kräftiges junges Männchen, wohl aus Imponiergehabe gelegentlich am Wickel packte und etliche Meter weit ins Gebüsch schleifte. Als Hess sich einmal bei einer Mutter mit ihrem Jungen aufhielt, stürmte Pablo unvermittelt von einer Anhöhe hinab und landete mit beiden Füssen im Kreuz des Zoologen. Sekunden später war Pablo wieder verschwunden - der Forscher aber lag wehklagend am Boden.

Was dann geschah, schildert Hess in seinem Buch «Familie 5»: «Zwei Minuten später erschien die bald erwachsene Maggie auf der Szene. Sie sass auf Distanz, das Kinn auf die Arme gestützt, und sah mich mit ernstem Gesicht an. Dann kam sie heran, setzte sich ganz nahe zu mir und schaute lange und reglos in meine Augen. Plötzlich strich sie mir mit einer Hand mehrmals sanft und ruhig über die Haare. Ich war überwältigt.»

Im Rahmen eines internationalen Schutzprojekts für die Berggorillas wurde gegen Ende der siebziger Jahre die Beobachtung einzelner Tierfamilien auch Touristen möglich gemacht. Ziel war die Bildung einer weltweiten Lobby zugunsten der Berggorillas. Die Einkünfte aus dem Tourismus sollten überdies der lokalen Bevölkerung zugute kommen und sie vom Sinn des Tierschutzes überzeugen. Die Rechnung schien aufzugehen. Bald schon zählte man in Ostzaire, Rwanda und Uganda gegen ein Dutzend Berggorillafamilien, die während der Saison täglich von maximal sechs Menschen für eine Stunde Besuch erhielten.

Naturnaher Tourismus entwickelte sich im armen Rwanda zum drittwichtigsten Devisenbringer. Auch Uganda und Zaire erwirtschafteten dank den Gorillas respektable Beträge. 1986 ergab eine Zählung der Gorillas erstmals wieder einen leichten Zuwachs, nachdem zwischen 1950 und 1985 in den Virungawäldern ein Rückgang der Population von 700 Individuen auf 250 hingenommen werden musste.

Doch dann kam der Krieg. Ab 1990 begannen Rebellentruppen aus Zaire und Uganda im Schutz der Virungawälder die grüne Grenze nach Rwanda zu überqueren. Die Forschungsstation Karisoke wurde zweimal verwüstet. Und als 1994 der Konflikt in Rwanda zum offenen Bürgerkrieg eskalierte, musste man auch für die Gorillas das Schlimmste befürchten.

Anfang 1995 suchten Wildhüter und Forscher wieder den Kontakt zu den drei habituierten Gorillafamilien der Karisoke-Region. Zur grossen Erleichterung waren alle Tiere noch wohlauf - aber die Freude darüber sollte nicht lange anhalten: Am 13. August 1995 wurde der Silberrücken Rugabo und eines seiner Weibchen im zairischen Teil des Virungaparks durch Schüsse ins Herz getötet; nur Tage später kam ein weiterer Silberrücken auf dieselbe Art ums Leben.

Die Tiere gehörten zu habituierten Gruppen, die auch Menschen mit bösen Absichten das Näherkommen erlauben. Da die Kadaver der Tiere vollständig waren, ist zu vermuten, dass die Wilderer Jungtiere fangen wollten und deshalb vorher die wehrhaften Alten erledigten. Tatsächlich tauchte kurz darauf in einem nahen Dorf ein junger Gorilla auf, und die später gefassten Wilderer gestanden, dass sie von einem mysteriösen Interessenten den Auftrag erhalten hatten, ein Jungtier zu beschaffen. Das von seinen Häschern in einem Versteck eingesperrte Kleine konnte sich jedoch befreien und flüchten.

Die Bluttat verängstigte die dezimierten Gorillafamilien. Zwar akzeptierten sie Wochen später wieder Besucher. Doch vier jüngere Tiere hatten sich davongemacht und vermutlich menschenscheuen Gorillagruppen angeschlossen. Mitte März 1995 wüteten Wilderer auch im ugandischen Bwindi-Park. Mit Speeren schlachteten sie vier Gorillas ab; auch hier fehlten nachher zwei Babys.

Solche Massaker haben sich glücklicherweise nicht wiederholt. Das Überleben der Berggorillas ist trotzdem in Frage gestellt. Denn als Folge des Bürgerkriegs liessen sich im Sommer 1994 bei Goma in Ostzaire am Rande der Virungawälder 700 000 rwandische Flüchtlinge nieder. Täglich drangen Zehntausende von ihnen ins Schutzgebiet ein und schlugen jeweils mehrere hundert Tonnen Holz. Als Ende 1996 die Vertriebenen wieder nach Rwanda zurückkehrten, waren 15 Prozent der Waldfläche abgeholzt. Und von den für die Gorillas wichtigen Bambusbeständen am Mikeno-Vulkan fehlte die Hälfte. Auch beschafften sich die Flüchtlinge im Wald mit Draht- und Nylonschlingen Wild. Etliche der jungen Gorillas verletzten sich an Schlingen oder wurden gar verstümmelt.

Mittlerweile sind die Forscher in die Virungawälder zurückgekehrt. Und es gibt wieder Gorilla-Tourismus - unter militärischem Schutz und nach der Räumung von Tausenden von Minen. Die Heimat der Berggorillas ist jedoch noch weit vom früheren Idyll entfernt. Marodierende Soldaten der früheren rwandischen Armee machen im Schutzwald mit Maschinengewehren noch immer Jagd auf alles, was sich bewegt.

Falls im Schutzgebiet nicht bald wieder die alte Ruhe einkehrt, sehen Zoologen schwarz, da Störungen im gewohnten Lebensraum Gorillafamilien zu vermehrter Wanderschaft veranlassen. Solches Umherziehen führt zwar zu Begegnungen mit andern Familien und bietet Weibchen Gelegenheit zu einem Wechsel des Clans. Doch wenn solche Überläuferinnen Jungtiere mit sich bringen, macht der neue Chef mit dem fremden Nachwuchs kurzen Prozess und bringt ihn um. Er ist nur an der Weitergabe seiner eigenen Gene interessiert.

Sollten sich derartige Tötungen von Jungtieren häufen, ist die gesamte Gorillapopulation akut gefährdet. Trotzdem gab es im letzten Jahr in den Virungawäldern auch Lichtblicke: In zwei der habituierten Gruppen kamen sieben Babys zur Welt.


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