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Warenschiebung
© Prisma / SSI
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| Einkaufswagen in Baltimore, USA, 1949. |
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Wie der rollende Korb sprechen lernte – die Geschichte des Einkaufswagens.
Von Herbert Cerutti
Im Jahre 1937 hatte Sylvan Goldman einen Geistesblitz, der das Einkaufen revolutionieren sollte. Der Besitzer einer Supermarktkette in Oklahoma City war es leid, dass seine Kundschaft wohl oder übel zur Kasse gehen musste, sobald der Einkaufskorb voll war. So entwickelte er einen Metallrahmen auf vier Rädern, wo man übereinander zwei Drahtkörbe einhängen und so den Einkauf bequem durch den Laden schieben konnte.
Der neue «shopping cart» war indes kein Renner. Die Männer weigerten sich, das «feminine» Wägelchen vor sich herzuschieben; den Frauen erschien das fahrbare Gestell einem Kinderwagen allzu ähnlich, den sie jetzt nicht auch noch beim Einkaufen haben wollten. Goldman engagierte daraufhin eine Reihe attraktiver Männer und Frauen, die in seinen Läden den Nutzen des neuen Gefährts demonstrierten. Das Eis war gebrochen, der Einkaufswagen bald schon ein Erfolg.
Im Laufe der Jahre erlebte das Shoppingvehikel etliche Verbesserungen. 1950 gab es die ersten Modelle mit einem festen Korb anstelle der einhängbaren Einzelkörbe. Der Erfinder Orla Watson löste das logistische Problem an den Sammelstellen, indem er Wagen mit einer klappbaren Rückfront konstruierte, die sich platzsparend ineinanderschieben und als rollender Wurm vom Personal verschieben liessen. Auch merkte die Branche rasch, dass die Leute mehr kaufen, wenn man ihnen grosse Wagen gibt. Für Mütter mit ihren Kindern kamen Einkaufswagen mit eingebautem Kindersitz auf den Markt. Für Behinderte schuf man Modelle, die sich an den Rollstuhl koppeln lassen.
Als letzter Schrei taucht jetzt im Supermarkt der «sprechende Einkaufswagen» auf, der Kunden über spezielle Angebote, die gerade in unmittelbarer Nähe sind, informiert. So empfiehlt die Stimme in der Gemüseabteilung die frisch eingetroffenen Spargeln, lobt bei der Tiefkühltruhe eine Pizzasorte, verführt bei den Süsswaren zu Schleckereien. Aus den USA kommt die Idee eines auf dem Einkaufswagen sitzenden Bildschirms, der über die Kundenkarte gesteuert wird: Im Display erscheinen als Einkaufshilfe eine aus dem Profil der früheren Einkäufe generierte persönliche Artikelliste und Vorschläge für neue Varianten von bisher gekauften Produkten.
Die Einkaufswagen machen den Supermärkten aber nicht nur Freude. Allein in den USA werden pro Jahr für 800 Millionen Dollar Einkaufswagen gestohlen. Die meisten werden von Kunden geklaut, die zu Fuss einkaufen gehen und die Ware mit dem Einkaufswagen nach Hause fahren. Nicht selten landet der entwendete Wagen später in einem Fluss oder einem Gebüsch. Um dem kostspieligen Missbrauch zu begegnen, werden heute spezielle Sicherheitssysteme erprobt. Eine Variante löst akustischen Alarm aus, sobald der Einkaufswagen das Geschäftsgelände verlässt. Noch raffinierter sind funkgesteuerte Blockierungssysteme: An den Grundstücksgrenzen der Supermärkte sind im Boden elektrische Drähte verlegt, die ein Funksignal aussenden. Sobald der Einkaufswagen über die rot markierte Linie fährt, blockiert der Sender automatisch eines der Räder.
Damit die Einkaufswagen wieder an den Sammelplatz zurückkommen, ist die Sperrkette erfunden worden. Der Kunde kann sich nur einen Wagen nehmen, wenn er beim Sammelplatz die mit dem Nachbarwagen verbundene Kette mit einer Münze oder einem Chip löst. Und er bekommt sein Pfand erst wieder zurück, wenn die Kette an einem andern Einkaufswagen eingerastet ist. In den USA hat die Kundschaft die Sperrkette (und damit den Gang zurück zur Sammelstelle) nicht akzeptiert, nach wie vor sammeln Heerscharen von Angestellten die auf den riesigen Parkplätzen verstreuten Einkaufswagen ein und schieben sie als ratternde Schlangen zurück zu den Eingängen.
Dass der Einkaufswagen auch zum gesundheitlichen Problem werden kann, zeigt eine unlängst in einer Fachzeitschrift amerikanischer Kinderärzte publizierte Studie. Allein im Jahre 2005 sind in den USA 20 700 Kinder unter fünf Jahren wegen Unfällen mit Einkaufswagen notfallmässig ins Spital eingeliefert worden. 79 Prozent der Verletzungen betrafen den Kopf oder den Hals. Die meisten Unfälle passierten, weil die Kinder aus dem Wagen fielen oder weil der Wagen umkippte.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist in Wolfhausen.
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