NZZ Folio 05/06 - Thema: Fussball-WM   Inhaltsverzeichnis

João Ubaldo Ribeiro: Brasilien wird Weltmeister


Wie soll ich erklären, mein Gott, warum ich glaube, dass Brasilien Weltmeister wird? Es gibt eine einfache Antwort, die auch jeder Nichtbrasilianer, ausgenommen natürlich die Argentinier, geben kann: Wir haben die besten Spieler, praktisch auf allen Positionen. Wir haben talentierte Spieler im Überfluss, so manche Aufstellung ist deswegen umstritten - wahrscheinlich sogar alle. Dies macht uns, ausser selbstverständlich in Argentinien, zum grossen Favoriten der Wettbüros und in den Prognosen der Experten.

Dies allerdings, meinen viele, gibt wiederum Anlass zu Zweifeln an unserem Ehrgeiz. Favorit zu sein, kann zu übermässiger Selbstsicherheit führen oder gar zu Mitleid mit dem Gegner. Nicht wiedergutzumachende nationale Tragödien schweben als Schreckgespenst über uns, wie die, als wir als klare Favoriten zu Hause nicht mehr als ein Unentschieden gebraucht hätten, zu Beginn des Spiels in Führung gingen und am Ende die Weltmeisterschaft 1950 gegen Uruguay verloren.

Auch muss erwähnt werden, dass einige Brasilianer - nicht viele, aber genug - nicht daran glauben oder nicht einmal möchten, dass Brasilien Weltmeister wird. Ein Ausländer brauchte wohl ein Semester, bis er all die Nuancen begreifen kann, die dieses komplizierte Problem für ein Volk hat, für das Fussball eine der deutlichsten Ausprägungen seines Nationalgefühls ist. Es gibt Leute, die möchten nicht, dass Brasilien gewinnt, um so die Unfähigkeit unseres Präsidenten zu beweisen. Eine Verknüpfung, die für Europäer vielleicht nicht nachvollziehbar ist, doch in Brasilien versteht sie jeder. Dann gibt es Leute, die den Trainer nicht mögen. Kurz, es gibt eine ganze Palette von Querverbindungen, die diese Frage zu einem ungeheuer komplexen Problem werden lassen. Nicht vergessen sollte man die obskure Halbwelt derjenigen, die behaupten, nicht an einen Sieg zu glauben, in Wirklichkeit aber doch daran glauben, es nur nicht zugeben, weil sie denken, es bringe Unglück, daran zu glauben.

Und nicht zuletzt gibt es die Legion derjenigen Brasilianer, die mit unkonventionellen Mitteln zum Erfolg unserer Nationalmannschaft beitragen. Mein Vater beispielsweise trug damals, als wir Weltmeisterschaften noch am Radio verfolgten, bei jedem Spiel dieselbe Kleidung, trank immer denselben Whisky, die Flasche und der Eimer mit dem Eis mussten stets exakt an derselben Stelle stehen. Wenn die Nationalhymne ertönte, stand er stramm und jedes Mal, wenn unsere Mannschaft in die Offensive ging, zwang er mich, die Toilettenspülung zu betätigen. Denn einmal, 1958, hatte Brasilien im ersten Spiel gegen Österreich ein Tor geschossen, als ich gerade zufällig auf der Toilette gespült hatte. Seitdem war er der Meinung, wir hätten damit entscheidend zum Sieg beigetragen - nicht nur 1958, sondern auch 1962.

Und so geben Millionen von Brasilianern das her, was sie für unabdingbar halten, damit wir den Pokal holen. Und wenn wir ihn nicht holen, dann nur deshalb, weil irgendwer seine Pflicht nicht erfüllt hat.

João Ubaldo Ribeiro ist Schriftsteller; er lebt in Rio de Janeiro. Zuletzt ist von ihm auf deutsch «Das Lächeln der Eidechse» (Suhrkamp 2001) erschienen.


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